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14. April 2001
Karsamstag 23
Uhr |
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Begrüßung
Karner:
Liebe Krähwinkler und
Krähwinklerinnen, der Herr von Nestroy dürfte Ihnen ja weidlichst bekannt sein:
durch seine ordinären Dialektstücke und als Teilzeithäfenbruder, wenn ihn
halt wieder einmal die Zensur erwischt hat - weil ihm nichts heilig ist, diesem
gottlosen Spötter. Er scheint ja eine besondere Lust zu haben, sich an den
heiligen Personen wie seiner apostolischen Majestät, unserm geliebten Kaiser;
und an seinen Ministern, ja sogar an der heiligen Dreifaltigkeit zu vergreifen.
Aber was er jetzt, bei
seiner letzten Premiere, getan hat, das bringt selbst das Fass engelsgleicher
Geduld zum Überlaufen:
O Lästerung aller Lästerungen - er hat sich an uns Protestanten vergriffen; an den evangelischen Christen, die allen Verfolgungen zum Trotz und gerade wegen ihrer geringen Zahl immer Salz und Licht Österreichs gewesen sind. In einem Couplet, das an die blutigen Zeiten der Gegenreformation erinnert, spottet er:
Als „evangelisch“
entsprossen,
Erziehung
genossen,
theologisches Wissen
auch nicht zu vermissen.
Die Bildung beweist es,
des Herzens und Geistes.
Und Erfolge im Leben
intentieren sie eben.
Dazu ein ehrliches,
anständiges Betrag‘n –
das alls denkt man
sich drunter,
wenn man „evangelisch“ hört sag‘n.
Doch‘s gibt viel‘,
die sehn net ein,
warum sie „sichtbar
evangelisch“ solln sein:
sie sind keine frommen
Tanten - nur Geheimprotestanten.
Am Karfreitag und z‘
Weihnachten, da tauchen sie auf,
und geben gern noch
“Ein feste Burg“ drauf.
Und wenn sie was
zahlen solln, dann treten sie aus.
Und hören sie von „Kirche“
tun sie drehn sich und winden –
um immer a neue Ausred‘
zu finden.
Und doch wird auch „evangelisch“
genannt diese Sort‘:
Ja, hat denn die
Sprach da ka anderes Wort ?
Ja,
hat denn die Sprach da ka anderes Wort ?
Liebe
Krähwinkler,
liebe Krähwinklerinnen,
zugegeben - wir Evangelischen in Österreich können uns nicht mit den großen Kirchen vergleichen. Aber wir haben alles, was die anderen haben:
Wir haben sogar 3
Kircherln; und 2 Synoderln und 1 Generalsynoderl; und viele Pfarrgemeinderln;
und ein Diasporatscherl; und ein Kirchenbeitragerl und hie und da ein kleines
Defiziterl; und ein Religionsunterrichterl;
und ein Ökumenerl; und ein Perikoperl mit einem alten Testamenterl; und ein
Auferstehungerl und ein Osternachterl...
Herzlich willkommen in
der Dorotheergasse !
Gebet
Bünker:
Einen gutmütigen Teufel und einen teuflischen
Teufel.
Teuxel, Teuxel!
Zwei Teufel streiten. Beelzebub und
Satanas.
Sagt der eine: Die Menschen sind schlecht!
meint der andre: Die Menschen sind gut.
Teuxel, Teuxel!
Je nachdem, wie mans
sieht.
Ja, Satanas hat
Recht.
Die Menschen sind
schlecht.
Niederträchtig.
Gemein.
Selbstsüchtig.
Verlogen.
Schleimig.
Korrupt.
Feig.
Ausnützerisch.
Egoistisch.
Die Menschen sind gut:
Hochachtend
Aufrichtig
Ehrlich
Tapfer
Selbstlos
Verantwortungsvoll
Treu
Teuxel, Teuxel!
Ja, Satanas hat
Recht.
Die Menschen sind schlecht.
Ängstlich.
Raunzend.
Jammernd
Starr
Bösartig
Hasserfüllt
Verachtungsvoll
Unberührbar und kalt.
Jeder Blick in die Zeitung
und in den Spiegel zeigt
es.
Die Menschen sind gut.
Mutig.
Hoffnungsstark
Bewegend
Gutdenkend
Liebevoll
Respektvoll
Berührend und ergriffen.
Jeder Blick in die Zeitung
und in den Spiegel zeigt
es.
Da voll Niedertracht?
Dort voll Großmut?
Teuxel, Teuxel!
und das andere Ostern?
Macht Ostern den
Unterschied?
Das Auferstehn aus der Niedertracht,
so dass selbst jeder zweite Teufel –
immerhin 50 % ! –
zähneknirschend
erkennt:
und dann auch bekennt:
Jesus ist auferstanden.
Amen
1.
Bünker:
Osternacht mit Johann Nepomuk Nestroy. Wir erlauben uns, ihn als österlichen Lehrmeister zu bemühen. In vier kleinen Schritten, die jeweils ein Motiv aus den Ostergeschichten der Evangelien aufnehmen. Wie Menschen eben unterschiedlich auf die Auferstehungsbotschaft reagiert haben. Und interessant ist, dass es zu diesen verschiedenen Reaktionen Couplets des berühmten Johann Nepomuk geben wird und Evangelientexte, die beiden unterstützen sich gegenseitig. Diese Couplets sind aus streng geheimen, bisher unbekannten Archiven entnommen, erst jüngst entdeckt und von uns beiden in mühevoller Arbeit entziffert worden. Dazu gehört auch, das war bisher unbekannt, dass Nestroy, der begnadete Parodist, auch zu einem uns bekannten Kirchenlied einen Text verfaßt hat, es hat die Nummer 114 im Gesangbuch „Wohl auf mein Herz die Nacht ist hin“ ein Osterlied. Der Text liegt Ihnen vor, eine Überraschung, wenn man will, eine literaturwissenschaftliche und liturgiegeschichtliche Sensation. Nestroy und die Evangelien gegen das, was man die Weisheit der Welt nennt, das Alltagswissen. Es spiegelt sich in den verschiedenen Ostererfahrungen.
Der erste
Spruch der Weltweisheit, der erste Spruch dieses Alltagswissens heißt auf gut
wienerisch: „Hätt‘ i nur die Papp’n g’halten.“ Die Evangelienstelle
dazu Markus 16 / 1 – 9.
Und als der
Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala und die Maria des Jakobus und
Salome Balsam, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sehr früh am ersten Tag der
Woche kamen sie zur Gruft, als die Sonne aufgegangen war. Und sie sagten
zueinander: Wer wird uns den Stein von der Tür der Gruft wegwälzen? Und wie
sie aufblickten, sahen sie, dass der Stein fortgewälzt war. Er war nämlich
sehr groß. Und sie gingen in die Gruft hinein und sahen einen Jüngling zur
Rechten sitzen, bekleidet mit einem langen weißen Gewand; und sie erschraken.
Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den
Gekreuzigten; er ist auferweckt worden, er ist nicht hier; siehe da den Ort, wo
sie ihn hingelegt haben. Aber geht hin, sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er
geht euch voran nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt
hat. Und sie gingen hinaus und flohen von der Gruft, denn Zittern und Entsetzen
hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.
Das Schweigen der Frauen, der Schluss des Markusevangeliums ein großes Rätsel. Was ist da geschehen, kann ein Evangelium so aufhören? Sie sagten niemandem etwas, phantasielose Exegeten haben gemeint, da ist vielleicht ein Blatt verloren gegangen beim Abschreiben, man weiß ja, wie das zugegangen ist, schon damals war die Bürokratie nachlässig. Dass jemand zu einem Kopisten gesagt hat: „Schau da hast du das Markusevangelium“ und der hat sich gedacht, „Na, das hört aber komisch auf, macht nix, es wird schon niemandem auffallen.“ Doch es fällt auf, es fehlt etwas. „Sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.“ Stellt euch vor, es wäre so Wirklichkeit geworden, niemand hätte jemandem von Ostern erzählt. Was wäre dann? Die Jünger wären in Jerusalem ein paar Tage geblieben und dann wahrscheinlich vernünftigerweise heimgekehrt. Ich stell mir vor, Petrus wieder zurück ins Fischerboot, Maria wieder zurück nach Magdala, wo sie vermutlich mit der Herstellung von Sardinendosen beschäftigt war, und sonst wäre weiter nichts geschehen. Und jetzt müsste ich lange aufzählen, was alles fehlen würde, wenn es Ostern nicht geben würde. Alles Gute natürlich aber auch alles Schlechte dürfte ich euch nicht verschweigen, weil ich brauche ein Gleichgewicht aus dieser Form von Selbstbestätigung, dem Guten und aus dieser bestimmten Art protestantischer Selbstzerfleischung, das heißt dann das protestantische Prinzip. Man kann es auch nennen das Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Selbsthass, das heißt dann auf gut deutsch: Simul iustus et peccator.
Was würde es alles nicht geben, ich höre gleich mit dem Schluss auf, es würde z.B. in dieser Form Peter Karner nicht geben. Apropos Peter Karner, es ist in diesen geheimen Archiven ein Couplet von Nestroy gefunden worden, er hat dann den Refrain aus der „Verhängnisvollen Faschingsnacht“ verwendet, der Refrain heißt: „Es ist alles nicht wahr.“ Interessant, daß er dieses Couplet nicht für Ostern verwendet hat. Also wir gehen grundsätzlich davon aus, daß Nestroy nicht ein Anhänger der radikalen Aufklärung war, aber zumindest was Peter Karner betrifft, findet sich hier eine interessante Strophe:
Ein
Christenmensch denkt, daß er reformiert sei:
die
liturgischen Farb‘n sind ihm ganz einerlei!
Hört er
Calvin und Zwingli, ja dann kennt er sich aus,
wohingegen
der Luther ist ihm eher ein Graus‘.
Doch nach
einem Mal Karner wird ihm plötzlich klar:
„Es is
alles net wahr‘! Es is alles net wahr!
Also Ostern
und die Osternacht braucht, dass jemand davon erzählt, dass es nicht für sich
behalten wird. Einer der ersten, die das getan haben, war der Überlieferung nach
Paulus in Athen. Dafür ist er ausgelacht worden, vielleicht wie so manche
anderen Apostel und Apostelinnen auch. Man hat Paulus gut humanistisch zugerufen:
„Si tacuisses, philosophus mansisses“ oder auf gut nestroyisch: „Hätt‘ i
nur die Papp’n g’halten.“ Manchmal auch mit einem schmückenden Jössas
davor: Jössas, hätt‘ i nur die Papp’n g’halten, was aber nichts mit
Ostern zu tun hat.
Der, der
kein Risiko eingeht, quasi, wenn wir uns versuchen vorzustellen, der
nestroyische Berater der Frauen, die niemandem etwas erzählen zuerst, ist der
Herr Tatelhuber aus der schon zitierten „Verhängnisvollen Faschingsnacht“
von 1839, die Coupletmelodie haben wir gehört:
Bei Jesus
ein Jünger sein, wär gar nicht schlecht.
Geheilt
wurden Kranke, der Wein wurd‘ gezecht.
Aber jetzt
soll’n wir alle von Ostern derzähl’n?
Was
G’scheits kann sich da wirklich niemand vorstell’n!
Durch mich
soll gepredigt werdn die ganze G’schicht?
Soll ich
das riskier’n? Nein justament nicht!
Soll ich
das riskier’n? Nein justament nicht!
Muß
partout nicht hinaus und spazier’n zu eim Grab.
weil Jesus
ist morgen sicher auch noch dort drinn.
Am End ist
das Grab leer und man findt‘ ihn nicht.
Soll ich
das riskier’n? Nein justament nicht!
Soll ich
das riskier’n? Nein justament nicht!
Deswegen
deckt man das Grab auch mit große Stein zua.
Wer
aufersteht, könnte aufständisch auch sein,
und gleich
mischt sich Polizei und Zensur ein.
So schnell
wird’s politisch, wanns’d red‘st von der G’schicht!
Soll ich
das riskier’n? Nein justament nicht!
Soll ich
das riskier’n? Nein justament nicht!
Also mit
Markus 16 / 1 – 9 und trotz der Ängstlichkeit des Herrn Tatelhuber, Ostern
ist riskant, weil das Auferstehen riskant ist und wer davon redet, und wer es
lebt, geht ein ganz schönes Risiko ein: ausg’lacht werden, verjagt werden, für
dumm gehalten werden, ist noch die kleinste Kleinigkeit. Es sind halt nicht
viele, die sich ihren Aberglauben durch die Auferstehung rauben lassen.
2.
Karner:
Die zweite Lebensweisheit lautet: „Mir kann kana was vormachen.“
Dazu Johannes 20 / 11
– 18
Maria aber
stand draußen am Grab und weinte. Während sie nun weinte, beugte sie sich vor
in das Grab. Und sie sieht zwei Engel in weißen Gewändern dort sitzen, wo der
Leib Jesu gelegen war, den einen beim Kopf, den anderen bei den Füßen. Und die
sagen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie sagt zu ihnen: Sie haben meinen Herrn
weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Das sagte sie und
wandte sich nach hinten, und sie sieht Jesus da stehen, sie wusste aber nicht,
dass
es Jesus war. Jesus spricht zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Weil sie
meint, es sei der Gärtner, sagt sie zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast,
dann sag mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich will ihn holen. Jesus spricht zu
ihr: Maria! Da wendet sie sich um und sagt auf hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das
heißt Meister. Jesus spricht zu ihr: Rühr mich nicht an! Denn noch bin ich
nicht hinaufgegangen zum Vater, gehe aber zu meinen Brüdern und sagen ihnen,
ich geh hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem
Gott. Maria aus Magdala geht und berichtet den Jüngern: Ich habe den Herrn
gesehen, und dass er dies zu ihr gesagt habe.
Das
folgende Couplet ist aus: „Der Färber und sein Zwillingsbuder“
`S
lasst
d‘ Maria, um als Apostelin zu figuriern,
d‘
Auferstehung für sich selber passiern.
Erst redt
s‘ mit den Engeln, zwa weißen Gestalten;
und den Gärtner
tuats für Herrn Jesus gar halten.
Und er
wird’s schon berufen, denkt sie sich dabei:
Das, werdn
s’doch erlaubn, das is Schwärmerei.
Das, werdn
s’doch erlaubn, das is Schwärmerei.
„Mir kann
kana was vormachen!“ Das war schon immer der Wahlspruch des Gärtners Simon.
„Wer auf an Friedhof arbeit’t , der hat kane Illusionen mehr. Tot is tot –
und aus is aus!“ Und auf die schöne, große, neue Gruft von dem reichen Herrn
Arimija oder Jerimattäa, oder wie der g’heißen hat, war der Gärtner Simon
ganz besonders scharf. Er war einfach neugierig, wer da reinkommen wird. Des
wird ja wohl a „b’sondere Leich‘“ sein, hat er sich gedacht. Aber,
wie gesagt: „An Gärtner kann niemand was vormachen!“ Und natürlich hat er
g’seh’n, wen s‘ da in die Grufr g’legt hab’n, den Gotteslästerer da.
Eh scho wissen! Mit dem der große Wirbel war, die letzten paar Tag. Aber, was
ein richtiger Gärtner ist, der lasst sich durch so einen komischen Wunderrabbi
net narrisch machen. Der halt was auf sein „Gärtnerglauben“: So hat er
g’sagt: „Mit die Leut‘ is wia mit de Bleamerln. Sie werden ausgsät, dann
wachsen s‘, dann blühn s‘ wunderschön, dann werden s‘ welk und verdorren,
und dann werden s‘ ausgrissen. So hab‘ i `s glernt aber bei an anständigen
Rabbi. I waß sogar no, wo des steht, vielleicht kennen S’ es eh Psalm 19,
Vers 5 – 6. Das ist ein Gärtnerglaube, mir kann niemand was vormachen!
Verdorrt is verdorrt, da wachst ka Gras mehr. Nur wissens, die Verruckte, die da
um die Gruft herumgschlichen is, die hat sogar des Gras wachsen g’hört. I sag
ihnas, wann i der Herr Nestroy wär, hätt‘ i ihr g’sagt: „Fräulein, sie
hörn scho des Gras wachsen, in des amal beißen werden.“ Übrigens, des Kräwegerl
von aner Frau, wie die den Stein von der Gruft weggrollt hat, des is ma
schleierhaft. Und dann hat s‘ a no so g’spreizt in die Gruft einegredt, als
wann dort wer sitzen tatert und nur g’wart hätt‘ auf sie. „Sie haben
meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben,“
des hat s‘ gsagt. Aber kaum hat s‘ mi g’sehn, da wollt s‘ des mir anhängen.
Als wann i haß war auf a Exhumierung! I bin froh, wann die drin san in der
Gruft und durt bleibn. Aber bitte, sonst war S‘ sehr höflich, die Verruckte.
Sie hat immer „Meister“ zu mir gesagt. Sowas g’fallt an „Gruftpflege-Anwärter-Kandidaten.“
Nur wias anlassig hat werden wollen, da hab i g’sagt: „Hände weg, Fräulein,
rühren sie mich net an!“ Irgendwie hab i des Gfühl, sie hat mi’ mit jemand
andern verwechselt. I kann mir vorstellen, was die für an Blödsinn weitererzählt
haben wird, wie s‘ weggangen is.
Aber, so
wie Sie da ausschauen, Sie glauben, scheints a, daß damals irgendwas Bsonders
passiert is. Aber mir kann kana was
vormachen. I bin schließlich ein Zeitzeuge, denn i war dabei.
„I glaub nur, was i siech.“
Thomas aber, einer von den Zwölfen, der auch Zwilling
genannt wurde, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten ihm
nun: „Wir haben den Herrn gesehen.“ Er aber sagte zu ihnen: „Wenn ich
nicht an seinen Händen das Mal der Nägel sehe und lege meine Finger in das
Mal der Nägel und lege meine Hand in seine Seite, werde ich es nicht glauben.“
Und nach acht Tagen waren seine Jünger wiederum drinnen und Thomas mit ihnen.
Jesus kam, als die Türen verschlossen waren, trat in die Mitte und sprach: „Friede
sei mit euch.“ Dann sagte er zu Thomas: „Reiche deinen Finger hierher und
siehe meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie mir in die Seite, und
sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“ Thomas antwortete und sprach zu ihm:
„Mein Herr und mein Gott.“ Jesus sagte zu ihm: „Weil du mich gesehen hast,
hast du geglaubt, selig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben.“
„Einen
Jux will er sich machen“ 1842, Nestroy spielt selbst den Weinberl und singt,
was wir eben gehört haben:
Es ist
schlecht, wenn man z’spät kummt, weil man was versäumt,
und nicht
immer bekommst noch a Chance eingeräumt.
Hast a Pech
g’habt, so hört es der Thomas auch glei’,
warum warst
im Wirtshaus und nicht da dabei!
Der Thomas
sagt: Pech gibt’s mit Jesus g’wiss kans,
ihr
wird‘s es schon sehn, i sag euch nur ans:
Ich glaub
erst, wenn ich seine Wundmale seh.
Das is a
verruckte Idee, a verruckte Idee, a verruckte Idee.
Was soll
man heut‘ glaub‘n, es ist reichlich schwer.
Weil die
eine sagt das, etwas anderes der.
Herr
Berger, nennt das eine Zwangshäresie,
und
weil‘s nur mit Zwang geht: Zufrieden bist nie!
Doch
Glauben heißt erstmal: So frei kann ich sein,
egal, ob
was passt in mein Weltbild hinein.
Weil was
Ostern bedeutet, das weiß einer eh:
Das is a
verruckte Idee, a verruckte Idee, a verruckte Idee.
Nestroy,
der sich vor nichts so sehr fürchtete, wie vor dem Lebendig-begraben- Werden,
soll unser Lehrer im Osterglauben sein. „Nicht einmal die Ärzte“ sagt er
einmal, „nicht einmal die Ärzte, die einen ja schließlich umbringen, wissen
nachher sicher, ob man tot ist.“ Ostern als ein Ärgernis und eine Torheit,
eine alte Tradition, die ganze Weltordnung kommt durcheinander, wenn man sich
nicht einmal mehr auf’s Grab verlassen kann. Und wie steht’s mit der
Vernunft? „Es gibt ein Fleckerl in mein Hirn“ Nestroy wieder „wohin noch
nie eine Vernunft gekommen ist.“ Ist dieses Fleckerl vielleicht das Oster- und
Auferstehungszentrum, in unbekannten Hirnregionen bei uns allen? Genützt nur
selten.
Vor wenigen
Jahren wurde, wie wir alle wissen, von amerikanischen Wissenschaftlern
bewiesen, dass das Turiner Leichentuch echt ist. Und wenn amerikanische
Wissenschaftler etwas sagen, dann ... Ein Triumph für alle, die nur das glauben
was sie sehen. Und, glauben jetzt deswegen mehr, besser, tiefer? Ist es eine tröstlichere
Botschaft geworden? Steht’s in den Lehrbüchern der Physik? Nein, es bleibt
dabei, Ostern geht dieser Welt gegen den Strich. Es is a verruckte Idee. Und es
bringt auch nix, wenn man’s erklären will, jemandem, der nur glaubt, was er
siecht. So jemand ist immun gegen Ostern, denn es gibt eine Vernünftigkeit, die
ist grundimmun gegen alles, was mit Ostern zu tun hat. Diese Vernünftigkeit
geht gerne Hand in Hand mit bürgerlichem Wohlverhalten, mit Sparsamkeit, mit
Nulldefiziten, mit einem lange vorausgeplanten und gebuchten Urlaub, mit allen
Versicherungen und mit einer durch und durch gesunden Lebensweise. Aber es sind
und bleiben halt nur wenige, die sich ihren Aberglauben von der Auferstehung
rauben lassen.
4.
Karner:
Die vierte Weisheit lautet: „Nachher is ma immer gscheiter.“
Dazu lese ich Lukas 24 /
13 – 32, das ist die Ihnen alle gut bekannte Emmausgeschichte, ein Stückerl
davon: Und siehe, am selben Tag waren zwei von ihnen unterwegs zu einem Dorf
namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Und sie redeten
miteinander über all das, was vorgefallen war. Und es geschah, während sie
miteinander redeten und sich besprachen, da kam Jesus selbst dazu und ging mit
ihnen. Doch ihre Augen waren gehalten, so daß sie ihn nicht erkannten. Er aber
sprach zu ihnen: Was sind denn das für Worte, die ihr da unterwegs miteinander
wechselt? Da blieben sie mit finsterer Meine stehen. Der eine aber, mit Namen
Kleopas, antwortete ihm: Du bist wohl der anzige, der sich in Jerusalem aufhalt
und nix waß, was da passiert is?
Dieses
Couplet singt Herr Lips im „Zerissenen“.
Man red’t
mit an Mann, obwohl keiner ihn kennt,
der geht
auch nach Emmaus, was man Ostermarsch nennt.
Sein
Benehmen ist fein, er waß all’s rundumadum:
Wieso der
den Jesus kennt, man gabat was
drum.
Doch halt,
der spielt „gewöhnlicher Mensch“ ohne Gsäus,
der kennt
alle Propheten, doch das is kein Beweis.
Er setzt
sich zum Tisch, bricht a Brot, trinkt an Wein,
könnt’s
doch der HERR sein?
A Schluckerl, a Wörterl, dann verschwindet er wie nur -
sich so zu
verstell’n, also, da g’hört was dazua;
sich so zu
verstell’n, also, da g’hört wirklich was dazua.
Nachher is
ma immer g’scheiter! Das klingt wie ein Satz aus dem Stammbuch eines
erfolgreichen Opportunisten. Aber Kleopas und sein Freund auf dem Weg nach
Emmaus: Sie waren weder erfolgreich, noch waren sie Opportunisten. Sie waren nur
traurig und frustriert und ein bisserl verärgert über ihren Gesprächspartner.
Der so völlig daneben war und keine Ahnung von irgendwas gehabt hat. Und so erzählen
sie: Sie haben gehofft, dass der Prophet Jesus von Nazareth Israel erlösen würde.
Und jetzt is er scho drei Tag‘ tot und was is, nix. Für Kleopas und Co ist
jetzt „nachher“. Wo ma g‘scheiter is, sie sind jetzt desillusioniert, aber
sicher. Ja, aber nicht ganz, denn auch die Desillusionierten haben ihre Zweifel.
Einige
Frauen haben sie nämlich erschreckt, mit so G‘schichten vom leeren Grab und
Engelserscheinungen und so. „Aber Gott sei Dank“ so sagt Kleopas „waren
die Unsrigen dort und haben alles überprüft.“ Und der Prüfungsbericht:
Alles stimmt, wie es die Frauen erzählt haben, nur IHN haben die Unsrigen nicht
g’sehn. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf und den Unsrigen nimmt er’s,
wann s‘ aufwachen. Was soll da ein anständiger, frommer Opportunist machen?
Und des Blöde ist, ein Opportunist hat immer ein paar verruckte Schwärmer und
a paar unsrige Besserwisser in seinem Bekanntenkreis, die ihm auf die Nerven
geh’n. Und das ist das Fatale. Denn niemand ist so auf exakte Tatsachen
angewiesen, wie ein Opportunist. Denn nur dann kann er sich endlich entscheiden.
Oder wie der Lateiner sagt: Quidquid agis, prudenter agas, et respice finem.
Nur wie’s
ausgegangen ist, ist wichtig. Nur wie’s ausgangen is, des is des
Entscheidende. Und wenn es positiv ausgegangen ist, und wenn es einen klaren
Trend gibt, dass immer mehr Menschen diesen Ausgang für positiv halten, dann
wird der Opportunist vereinsrechtlich fiktiv: und sagt öffentlich und überzeugt:
I war scho immer dabei und vor allem, i war scho immer dafür. Man hat’s net
bemerkt, aber das is ja net meine Schuld, des liegt vielleicht an den schlechten
Sinnesorganen der andern, aber i war scho immer dabei und immer dafür. Sein
Risiko ist intellektuell posthum. Er wartet geduldig, bis er sich seine
Vergangenheit leisten kann. Das ist ganz wichtig, er wartet geduldig, bis er
sich seine Vergangenheit leisten kann.
Sehen
Sie,
und genauso sind auch die meisten von uns erzogen worden. Also wir haben ja viel
Verständnis für diese Haltung. Emmaus könnte allerdings der Punkt sein, wo
Risikofreudige und Opportunisten zusammentreffen und sowas wie Ostern feiern. Könnte
Emmaus ein Wendepunkt für die Theologie sein? Könnte mir Emmaus mein’n
Aberglaub’n raub’n? Oder wollen Sie wirklich, daß der Auferstandene einem
jeden extra erscheinen soll? An jeden extra, nur damit er glaubt, von
Stammersdorf bis Petersdorf? An jeden extra? Ja bitte, nachher is ma immer
g’scheiter! Bleibt nur die Frage: Wann ist eigentlich für Unsereins nachher?
Bevor wir
zum Abendmahl gehen, wollen wir uns besinnen. Ich habe mich vorher
sicherheitshalber bei einem lutherischen Oberkirchenrat erkundigt, ob es auch
stimmt, daß die Farbe der Osternacht weiß ist und habe zu meiner Erleichterung
erfahren, daß es stimmt. Eine Meditation zur Farbe weiß:
Ich
habe bleiche Lippen und Wangen.
Das
Weiße in meinen Augen tritt hervor.
Meine
Haare und meine Haut sind weiß.
Meine
Seele hat noch nicht ihre Gestalt gefunden
und
sehnt sich nach Farben und Wärme.
Weiß
ist die Unschuld, die Reinheit,
das
unbeschriebene Blatt;
Weiß
ist die Unbeschwertheit, Heiterkeit und Freude;
Weiß
ist die Strenge, Steifheit, der Sauberkeitszwang.
Die
„weiße Weste“ ist ein begehrtes Kleidungsstück –
aber
die Heuchler tragen sie am liebsten.
Weiße
Geschichten gibt es viele:
Von
den Gespenstern bis zur weißen Magie.
Wer
ausnahmsweise weiß ist,
ist
ein seltenes Wesen mit dem Hauch einer geheimnisvollen Welt:
der
weiße Tiger, der weiße Elefant, das Einhorn.
Ohne
Weiß gibt es keine Religion, kein Christentum.
Weiß
ist das Lichtkleid Gottes in den Psalmen.
Weiß
leuchtet Christus auf dem Berg der Verklärung,
bei
der Auferstehung, bei der Himmelfahrt.
Strahlend
weiß wird er wiederkommen auf den Wolken des Himmels.
Zu
seinen Jüngern sagt er:
Ihr
seid das Salz der Erde.
Ihr
seid das Licht der Welt.
Weiß
ist das Gewand des Täuflings.
Weiß
ist das Gewand bei der Erstkommunion,
der
Firmung und der Konfirmation.
Weiß
ist das Gewand der Braut,
um
sie vor Dämonen zu schützen.
Weiß
ist die Taube des Heiligen Geistes und der Delphin,
der
die Seele durch das Meer des Unbewußten führt.
Weiß
hat viele Nuancen:
Strahlend
und matt,
blendend
und lockend;
das
Licht des Mondes, der Sterne und der Sonne –
und
heller aus tausend Sonnen das Lichtkleid Gottes.
Heute
bin ich weiß, weil ein Licht angezündet worden ist in mir;
Weil
ich zu leuchten beginne, wenn es finster ist.
Oder
stehe ich nur im Licht eines anderen?
Heute
bin ich weiß.
Und
ich sage „Bruder“ zur Sonne und „Schwester“ zum Mond –
wie
ein gewisser Franz.
Und
ich setze mich auf einen Kometen
mit
einem riesigen Lichtschweif
und
fliege zur übrigen leuchtenden Familie in die Milchstraße.
Ich
fühle mich weiß, weil ich heute weiß bin.