Palmsonntag 8. April 2001 - Peter Karner

Es waren aber zu der Zeit etliche dabei, die verkündeten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihrem Opfer vermischt hatte. Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meinet ihr, dass diese Galiläer mehr als alle andern Galiläer Sünder gewesen sind, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen. Oder meinet ihr, dass die achtzehn, auf welche der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, seien schuldiger gewesen als alle anderen Menschen, die zu Jerusalem wohnen? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

Lukas 13, 1-5

 

Liebe Gemeinde,

dieser Text erzählt von einem Unglück bei einem technischen Bauwerk, nämlich dem Einsturz des Turms am Teich von Siloah, anders gesagt dem Endpunkt der Jerusalemer Wasserleitung. Der Turm war plötzlich eingestürzt - wir haben keinen Grund zu meinen, dass die Baumeister damals schlechter gewesen seien, bekanntlich ist auch unsere Reichsbrücke eingestürzt, ohne jemandem vorher was zu sagen.

Man wusste von diesem Bauwerk eigentlich hauptsächlich aus der Bibel, bis man 1880 eine Widmungstafel ausgegraben hat, die genau auf dieses Bauwerk Bezug nimmt, und auf dieser Tafel steht: Das ist die Geschichte des Durchstiegs. Als noch die Arbeiter ihre Hacken schwangen, jeder zu seinem Gefährten hin, und als noch 1,45 Meter zu durchbohren war, hörte man die Stimme eines Mannes, der den anderen zurief - denn da war ein Spalt auf der rechten Seite - und am Tag des Durchbruchs begegneten sich die Arbeiter, Mann gegen Mann, Hacke gegen Hacke, und das Wasser floss von der Quelle zum Teich, 540 Meter weit, und 45 Meter war die Dicke des Felsens über den Köpfen der Arbeiter. Also, sie haben einen Durchbruch gemacht von beiden Seiten, haben sich getroffen, und aus dem Anlass - jetzt wissen wir, woher die Gemeinde Wien das hat, dass sie überall irgendwelche Tafeln macht, die hat's schon damals gegeben, und in der Monarchie hat's besonders viele Tafeln gegeben, man kann heute noch lesen, auf einem Haus in Hütteldorf steht: "In diesem Haus pflegte seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Max Franz seine Jagdausflüge zu beginnen. Die dankbare Gemeinde Hütteldorf." Also solche Tafeln sind üblich und wir sind froh, dass es sie gibt, weil man dann weiß, es handelt sich wirklich um historisch belegte Ereignisse.

Dieser Turm ist eingestürzt, und achtzehn Menschen sind dabei getötet worden. Und Jesus wird in ein Streitgespräch verwickelt mit den Pharisäern, und sie nehmen dieses Unglück des Turmeinsturzes zum Anlass, ihm Fragen zu stellen und vor allem ihn religiös zu provozieren. Sie sagen: Wenn es den guten und gerechten Gott gibt, wieso kann dann all das Böse in der Welt geschehen? Eine Frage, die offensichtlich noch nicht beantwortet ist, und sie wird immer noch gestellt. Si deus bonus, unde malum? Wenn Gott gut ist, woher das Böse? Wieso lässt Gott das zu?

Und die Pharisäer hängen ihre Frage noch an einem zweiten grausliche Ereignis auf: Dass Pontius Pilatus unter den Festpilgern ein Blutbad angerichtet hat, und das Ganze wird dann zynisch so formuliert: Er hat das Blut dieser Festpilger mit dem Blut ihrer Opfertiere vermischt. Das erreicht fast die Höhe gegenwärtiger Berichterstattung. Auch da Vorbilder. Die Pharisäer erzählen das Jesus aber nicht so nebenbei, etwa im Sinn von "HamSie scho gehört, was da passiert ist", wie sich halt Leute, die schon geübte Unglückskonsumenten sind, das gegenseitig erzählen, sondern sie erzählen es ihm mit dem Hinterton "Na! Jetzt sagenS was! Jetzt erklär, jetzt interpretier, jetzt gib doch die Antwort des Glaubens! Wie ist das zu verstehen? Warum passiert das gerade diesen und nicht anderen?"

Sie wissen alle, da gibt es eine traditionelle theologische Antwort drauf, die gegeben wird vom Buch Hiob bis zum Präsidenten Bush. Und auch Israel hat jahrhundertelang diese Antwort gepflegt, nämlich: Gott ist auf jeden Fall gerecht, zweitens: Gott wird schon seine Gründe haben, wenn er etwas Schreckliches zulässt, drittens: bei Gott gibt es keinen Irrtum, viertens: Wenn Menschen Unrecht leiden, so ist das nur scheinbar Unrecht, und schließlich: Gott kennt die verborgenen Fehler und die verborgene Schuld und bestraft sie an nur scheinbar Unschuldigen.

Diese theologische Antwort insistiert also darauf, dass Gott immer gerecht ist und den Menschen kein Unrecht tut, und die das Unglück trifft, haben eben Schuld auf sich geladen und werden bestraft. So argumentieren die Freunde Hiobs, als er alles verloren hat und krank ist - es ist fast eine Art theologisches Massakrieren, was diese Krankenbesucher machen. Er wehrt sich dagegen, er sagt, was redet ihr da für einen Blödsinn zusammen, ich bin mir keiner Schuld bewusst. Darauf sagen sie, ja, das mag sein, aber irgendeine Schuld wirst du wohl auf dich geladen haben, denn sonst würde es dir jetzt nicht so schlecht gehen.

Sie spüren und ahnen, was für Konsequenzen so eine Anschauung hat. Da wird nämlich dann der Mensch in Not, der kranke Mensch nicht mehr der Hilfsbedürftige, sondern eigentlich der bestrafte Sünder, und das, so meinen wir wohl zu Recht, hat mit christlichem Glauben nichts zu tun.

Die Pharisäer haben so argumentiert, und auch Thornton Wilder in seinem berühmten theologischen Experimentroman "Die Brücke von St. Louis Rey". Da wird erzählt, dass an einem Sommertag 1714 die schönste Hängebrücke in Peru reißt, und fünf Menschen, die gerade auf der Brücke waren, verunglücken tödlich. Und ein Franziskanerpater, der gerade dabei war, die Brücke zu betreten, und rechtzeitig zurück ist, den lässt das nicht los, und er nimmt dieses Unglück zum Anlass, die unerforschlichen Wege Gottes zu rechtfertigen. Und er versucht mit umfangreichen kriminologischen Recherchen zu beweisen, dass es kein Zufall ist, dass gerade die fünf auf der Brücke waren und abgestürzt sind. Also, er meint, Theologie könnte eine exakte kriminologische Wissenschaft sein, und Gott hätte das alles in einem perfekten Laboratorium ausgeheckt.

Seine Bemühungen scheitern. Er kann es nicht beweisen, und dann kriegt auch noch die Inquisition Wind davon, und er wird eingesperrt. Und nach wie vor fragt jeder Mensch, den Unglück trifft: Warum gerade ich? Was hab ich denn getan? Welche Schuld hab ich denn auf mich geladen? Und jeder, der je ein Erlebnis dieser Art hatte, weiß ganz genau, dass ihm niemand hilft, der ihm jetzt mit Erklärungen kommt, geschweige denn mit solchen wie damals die Pharisäer.

Nur, die Pharisäer haben ja von Jesus nicht erwartet, dass er ihnen die traditionelle theologische Antwort gibt, sondern sie wollten von ihm etwas Ketzerisches hören, denn es war ja eine Falle - sie wollten ihn mit dieser Frage verlocken, dass er etwas sagt, womit sie ihn dann anklagen können. Und eigentlich - möchte ich hinzufügen - wärs ja auch schön, wenn man provokante Fragen an einen Christen oder eine Christin stellt und grundsätzlich eine ketzerische Antwort erwartet und nicht eine so nach dem Schema F.

Und diese Antwort bekommen sie dann auch von ihm. Nur, ich möchte zuvor noch eine andere Frage stellen: Warum fragen sie ihn das überhaupt? Wenn jemand das fragt, der aus Leid und Verzweiflung diese Frage stellt, ist das verständlich, wenn jemand aus Hoffnung auf Hilfe und Rettung so fragt, ist es verständlich. Aber sie haben es wohl getan, um den christlichen Glauben als etwas Absurdes hinzustellen - no, sag doch, was ist jetzt mit deinem gütigen Gott? Vielleicht ist er in Wirklichkeit doch nur ein sadistisches Gfrast, dem die Menschen völlig wurscht sind und egal sind, ob sie leiden oder Hunger haben oder verzweifelt sind.

Im 19. und 20. Jahrhundert hat diese sogenannte Theodizee-Frage - wenn Gott gerecht ist, woher dann das Böse - zu den Hauptnahrungsmitteln des Atheismus gezählt. Taktieren mit dem Leid der Menschen, und die Christen waren um nix besser. Es hat viele Kirchen gegeben, die gemeint haben, es ist gut, dass es traurige Menschen gibt, dass es Menschen in Not gibt, die fallen dann sozusagen wie die reifen Zwetschken der Kirche in den Schoß. Und die anderen haben gemeint, es ist schön, dass es Leid gibt, denn damit kann man jederzeit beweisen, dass es diesen gütigen Gott überhaupt nicht geben kann.

Und wie antwortet jetzt Jesus? Er antwortet eigentlich mit einer Gegenfrage. Er sagt: Glaubt ihr, dass diese Galiläern, die dort ermordet worden sind, dass nur die Sünder waren und alle anderen Galiläer bessere Menschen gewesen sind oder glaubt ihr, dass diese achtzehn, die da beim Einsturz des Turms getötet worden sind,  glaubt ihr wirklich, dass das schlechtere Menschen gewesen sind als alle anderen in Jerusalem? - Und dann sagt er was ganz Seltsames. Nein, ich sage euch, wenn ihr euch nicht bekehrt, dann geht ihr genau so zu Grunde.

Das heißt, Jesus verwirft diese naiven Unterscheidungen zwischen Menschen: gerecht und ungerecht, unschuldig und schuldig, glücklich und unglücklich, grad net erwischt vom Unglück und davon gekommen - und erlaubt daraus keine Rückschlüsse. Seine Antwort ist streng und hilfreich, kritisch und tröstlich, als wollte damit er sagen: Wenn das Unglück die Schuldigen trifft, dann hätte es eigentlich dich treffen müssen. Oder glaubst du denn wirklich, du bist ein besonderer Mensch, ein besserer Mensch als die Leute, die dort vom Turm erschlagen worden sind? Selbstkritisch in die eigene Tradition hinein müssen wir wohl sagen, dass das eine Absage an den Vulgär-Calvinismus ist, der immer gerne die Gleichung gesehen hat: Wer gut, wer tüchtig, wer anständig, wer fleißig ist, dem geht es auch gut. Wenn es ihm nicht gut geht, dann schaut es eben anders aus, und ein Großteil des amerikanischen Sozialsystems geht auf diese calvinistische Wurzel zurück, dass man eben gemeint hat: Es wird schon seinen Grund haben! - Und bitte, das haben wir doch in Wien auch, wenns jemandem schlecht geht, da sagt man, der soll halt arbeiten, das ist wahrscheinlich ein Faulpelz, der tut nix, jeder ist seines Glückes Schmied... Demgegenüber sagt Jesus sein Nein. Also kein Vergeltungsglaube, sondern provokant antwortet er: Wenn du nicht umdenkst, wird es dich genau so erwischen.

Oder anders gesagt: Wer unberührt vom menschlichen Leid eine theologische Rätselfrage stellt, bekommt von Jesus eine aggressiv theologische Antwort. Das ist die Situation im neuen Testament.

Zwingli, unser Reformator, hat das aufgenommen und  seinen Zeitgenossen auf seine Weise gesagt: Im Jahr 1522, in seiner Göttlichen Vermahnung an die Eidgenossen zu Schwyz. Er sagt hier: Stell dir vor, da kommen fremde Soldaten mit Gewalt in dein Land, verwüsten deine Wiesen, Äcker und Weingärten, treiben deine Rinder weg, erschlagen deine Söhne, die die schützen wollen, vergewaltigen und schänden deine Töchter, stoßen deine Frau mit Fußtritten weg; stell dir vor, wie sie dann Haus und Hof in Brand stecken, da wirst du meinen: Wenn sich jetzt nicht der Himmel auftut und Feuer regnen lässt und das Erdreich sich nicht öffnet und solche Bösewichte verschluckt, dann wirst du meinen, es gäbe keinen Gott. Und er setzt fort: Aber wenn du das Gleiche anderen antust, dann nennst du das: Kriegsrecht.

So hat es er in seiner Zeit gesagt, und verfremdet könnte ich heute sagen: Stell dir vor, du musst deine Heimat verlassen, weil du deine Kinder nicht mehr ernähren kannst, weil du nicht mehr genug zum Leben hast, weil du keine Arbeit findest, wenn das alles geschehen kann, dann kann es keinen gütigen Gott geben. - Wenn das aber einem anderen passiert, dann nennst du ihn einen Wirtschaftsflüchtling.

Diesen Mechanismus spießt Jesus sozusagen auf und wendet sich dagegen. Und seine Antwort wirkt auf die Pharisäer aller Zeiten provokant. Dir geht es nicht besser, weil du besser bist als die anderen, und Jesus stellt auf die neugierige Frage, wieso ist das so, als Antwort ein Mahnwort an die, die's noch nicht erwischt hat, an die, die davon gekommen sind. Sie sollen umdenken.

Wenn wir hier eine Inventur machen: Viele Menschen sind davon gekommen nach dem ersten Weltkrieg, nach dem zweiten, nach vielen anderen Kriegen, nach der Nazizeit überhaupt - was versprechen wir nicht alles unserem Gott, wenn es uns schlecht geht. Hol mich einmal noch heraus, dann will ich - und dann kommt eine Latte von Versprechungen, so als könnten wir unseren Gott kaufen oder beeinflussen. Was versprechen wir nicht alles, solang wir auf Rettung hoffen. Und dann - dann geschieht die Rettung, und dann ist alles vorbei und alles vergessen.

Jesus meint hier: Wenn du gut davon gekommen bist, wenn es dich nicht erwischt hat, dann hast du die einmalige Chance, es zu ändern und Unglück und Leid und Krieg und Katastrophen zu verhindern. Jesus anerkennt das Deutungsbedürfnis, das wir zweifellos haben, aber er mutet uns zu, dann theologisch weiter zu denken. Und er hat dabei eine sehr menschliche Zielvorstellung.

Es gibt eine berühmte Geschichte im Neuen Testament, wo die Jünger eines Tages zu ihm einen blind geborenen jungen Mann bringen. Und die Jünger, ganz in der alten Theologie befasst, fragen ihn: Wer hat gesündigt, dieser Mann oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde? Sie können sich das nicht anders vorstellen, als dass Schuld dahinter ist. Und Jesus gibt die unglaublich moderne Antwort drauf und sagt: Weder er noch seine Eltern haben etwas getan, sondern an ihm sollen jetzt die Werke Gottes offenbar werden.

Und dann rührt er so mit Spucke einen Gatsch an aus dem Sand, streicht ihm das über die Augen, und sagt: Geh zum Teich Siloah - wo der Turm eingestürzt ist, ja - geh zum Teich Siloah und wasch dich, "und er wurde wieder sehend".

Das ist gut jesuanisch. Nicht: Finde dich ab. Es ist auch nicht christlich zu sagen, nimm dein Leid auf dich und Gott wird dir schon die Kraft geben, es auszuhalten. Das steht nirgendwo im Neuen Testament, das mag vielleicht die Ideologie der Krankenhausseelsorge sein, aber nicht die des Neuen Testamentes. Sondern das Neue Testament sagt: Helfen, helfen, heilen, Wunder tun und nicht einem Menschen zuzumuten: Lerne es, deinem Leid etwas Positives abzugewinnen. Das mag herkommen wo es will, aber christlich ist es nicht.

Unglück verhindern, Leid abschaffen - es ist eine Linie von dem Einsturz des Turms am Teich von Siloah bis hin zu den schwierigen technischen Bauten unserer Zeit, und die Leute, die heute hingehen und gegen das Atomkraftwerk Témelin protestieren, liegen wohl auf dieser Linie Jesu Christi. "Denkt um." - Und viele reformierte Menschen in unserer Tradition haben sich dafür verantwortlich empfunden, nicht Strategien zu erfinden, wie man Leid ertragen kann, sondern wie man Leid abschaffen kann, wie man Unglück abschaffen kann, und wie man helfen kann.

Und wenn man schon theologisch fragt, dann könnte jemand auch einmal selbstkritisch fragen: Wie kann es einen gerechten Gott geben, wenn es so jemandem wie mir so gut geht? So könnte Glück, Wohlstand und Wohlbefinden zu einer ganz provokanten und bedrängenden Frage werden, was die Gerechtigkeit Gottes betrifft. Und dann, wenn ich das begriffen habe, dann kann ich meinem Gott danken, dass er gütig und liebevoll zu mir gewesen ist, obwohl ich eigentlich ihm dafür nichts oder nur sehr wenig geboten habe.