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21. Jänner 2001 -
liebe.macht.sex |
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Konfirmandinnen und Konfirmanden
Und es begab sich danach: Absalom, der Sohn Davids, hatte eine schöne Schwester, die Thamar hieß; und Amnon, der Sohn Davids, gewann sie lieb. Und Amnon grämte sich, so dass er fast krank wurde, um seiner Schwester Thamar willen; denn sie war eine Jungfrau, und es schien Amnon unmöglich zu sein, ihr etwas anzutun. Amnon aber hatte einen Freund, der hieß Jonadab, ein Sohn von Davids Bruder Schima, und dieser Jonadab war ein sehr erfahrener Mann. Der sprach zu ihm: Warum wirst du so mager von Tag zu Tag, du Königssohn? Willst du mir's nicht sagen? Da sprach Amnon zu ihm: Ich habe Thamar, die Schwester meines Bruders Absalom, lieb gewonnen. Jonadab sprach zu ihm: Lege dich auf dein Bett und stelle dich krank. Wenn dann dein Vater kommt, dich zu besuchen, so sprich zu ihm: Lass doch meine Schwester Thamar kommen, damit sie mir Krankenkost gebe und vor meinen Augen das Essen bereite, dass ich zusehe und von ihrer Hand nehme und esse. So legte sich Amnon hin und stellte sich krank. Als nun der König kam, ihn zu besuchen, sprach Amnon zum König: Lass doch meine Schwester Thamar kommen, dass sie vor meinen Augen einen Kuchen oder zwei mache und ich von ihrer Hand nehme und esse. Da sandte David zu Thamar ins Haus und ließ ihr sagen: Geh hin ins Haus deines Bruders Amnon und mache ihm eine Krankenspeise. Thamar ging hin in das Haus ihres Bruders Amnon; er aber lag zu Bett. Und sie nahm den Teig und knete ihn und bereitete ihn vor seinen Augen und backte die Kuchen. Und sie nahm die Pfanne und schüttete sie vor ihm aus; aber er weigerte sich zu essen. Und Amnon sprach: Lasst jedermann von mir hinausgehen. Und es ging jedermann von ihm hinaus. Da sprach Amnon zu Thamar: Bringe die Krankenspeise in die Kammer, damit ich von deiner Hand nehme und esse. Da nahm Thamar die Kuchen, die sie gemacht hatte, und brachte sie zu Amnon, ihrem Bruder, in die Kammer. Und als sie diese zu ihm brachte, damit er esse, ergriff er Thamar und sprach zu ihr: Komm, meine Schwester, lege dich zu mir! Sie aber sprach zu ihm: Nicht doch, mein Bruder, schände mich nicht; denn so tut man nicht in Israel. Tu nicht solch eine Schandtat! Wo soll ich mit meiner Schande hin? Und du wirst in Israel sein wie ein Ruchloser. Rede aber mit dem König, der wird mich dir nicht versagen. Aber er wollte nicht auf sie hören und ergriff sie und überwältigte sie und wohnte ihr bei. Und Amnon wurde ihrer überdrüssig; so dass sein Widerwille größer war als vorher seine Liebe. Und Amnon sprach zu ihr: Auf, geh deiner Wege! Sie aber sprach zu ihm: Dass du mich von dir stößt, dies Unrecht ist größer als das andere, das du an mir getan hast...
2 Samuel 13
Predigttext 1. SIMON
LIEBE.
MACHT.SEX.
Es mag Sie Wunder nehmen, liebe Gemeinde, dass wir
mit diesem Thema auf Sie zukommen, schließlich sollen wir uns ja heute
vorstellen. Vermutlich sollten wir also frisiert und in adretten Kleidern
herumstehen und etwas möglichst Blumiges über den lieben Herrn Jesus sagen.
Den Teufel werden wir. Heute reden wir einmal
Tacheles, denn dies ist die Reformierte Stadtkirche und damit der geeignete
Platz, um auch als Fünfzehnjähriger die Themen anzusprechen, die einen
interessieren. Das wäre für heute also: die Liebe, die Macht und der Sex.
Jawohl, der Sex, der
Geschlechtsverkehr – das ist nämlich nicht nur was für Erwachsene. Manchmal hat
man zwar den Eindruck, wenn verschämt darüber getuschelt wird, aber wir haben
mit diesem Thema eine ganze Menge zu tun. Nicht nur theoretisch, das können Sie
uns glauben. Wir haben sogar Anspruch darauf, Sex ist ein Menschenrecht unserer
Zeit, auch wenn es vielleicht noch nicht in der UNO-Charta steht. Vater Staat
sieht das relativ gelassen, wenn es in heterosexuellem Rahmen bleibt. Das Alter,
ab dem Geschlechtsverkehr vom Gesetzgeber erlaubt ist, sind 14 Jahre – damit
sind wir ja schon seit einer ganzen Weile Zielgruppe. Wieso wird das nicht
wahrgenommen?
In unserer Altesgruppe ist all das vorhanden, was
die Erwachsenenwelt uns vorlebt: glückliche Beziehungen, Liebe auf den ersten
Blick, Promiskuität bis zum Letzten, Sex ohne Liebe, Liebe ohne Sex, Beziehungen
mit großem Altersunterschied, Bigamie, one night stands und natürlich gebrochene
Herzen, wenn dann Schluss ist. Jugendliche nehmen auch Beziehungen locker und
gehen die ganze Sache forsch an. Manch einer verlässt den Partner, weil die
Beziehung zu eng wird, weil Forderungen und Ansprüche gestellt werden. Die
Machtpositionen sind oft ebenso klar ausgeprägt, einer hat die Hosen an und der
andere gibt nach. Tu dies nicht, tu das nicht: das hört ein Jugendlicher nicht
nur von seinen Eltern, sondern auch von seiner Partnerin oder seinem Partner.
Beziehungskrisen sind parallel zu überstehen mit Schularbeiten und Prüfungen.
Was uns die Eltern an Moralpredigten halten, ist
längst veraltet. In den Schulen gehen Pornohefte ab der dritten Klasse um, das
Märchen von den Bienen und den Blumen ist verschwunden. Wir leben in einer Welt,
die nicht nur im Internet nach nacktem Fleisch verlangt. Die harmloseste Website
ansurfen, ein Klick weiter und hopp, da sind wir schon im Treff der willigen
Singles. Man kann es vor uns nicht verborgen halten, und auch totschweigen wird
nichts nützen. Akzeptiert unseren Umgang mit Sex, Macht und Liebe, schließlich
habt ihr die Welt doch mitgestaltet. Wir wachsen in dieser Welt auf und werden
die Vorteile bis zum letzten auskosten – die Nachteile bekommen wir ohnedies zu
schmecken. Ihr habt kein Vorrecht auf Sex, Macht und Liebe – schließlich sind
wir damit erfahrener als es euch lieb ist.
PREDIGTTEXT
2. RÉKA
DEFINITION LIEBE, wie wir es persönlich sehen.
Die Liebe als sanftes Bindeglied zwischen Macht und
Sex zu sehen, ist angesichts einiger Geschichten aus der Bibel naiv. Wenn der
Bruder erregt vor der Tür der Schwester steht und Einlass begehrt, oder der
Prinz eine Verwandte vergewaltigt – da bleibt einem die Spucke weg. Denn von der
Liebe ist in vielen Geschichten nicht einmal im Ansatz die Rede. Aber vielleicht
haben wir es einfach nur überlesen? An einigen Beispielen und deren negativem
Vorbild definiert kann man vom Grundsatz ausgehen: Liebe zwingt nicht.
Vergewaltigung oder auch wesentlich harmlosere Machtausübung hat in einer
Liebesbeziehung nichts verloren. Wenn die Liebe nicht zwingt, dann kann es vor
allem beim Sex keine Kompromisse geben.
Wenn beide wollen, kein Problem, will aber ein
Partner nicht, dann muß man zurückstecken. Hier Druck auszuüben bringt das
Gefüge des Vertrauens ins Wanken und kann der Beziehung nicht gut tun. Denn
Liebe ist Vertrauen, der Wunsch nach Heirat, richtig verknallt sein oder ganz
einfach: nicht definierbar. Und sie hat einen festen Platz in unserem Denken.
Nicht nur, weil die Liebe die Pflicht des Christen seinem Nächsten gegenüber ist
– wir haben auch noch richtig romantische Vorstellungen, die man uns vielleicht
nicht zutraut. Auf der anderen Seite sind wir nicht weltfremd romantisch, schon
gar nicht beim Thema Sex. Wir wissen, wie der Hase läuft.
Es ist unserer Ansicht nach völlig legitim, wenn die
Kirche zu Themen der Sexualität eindeutig Stellung bezieht: so beweist sie
moralische Kompetenz. Mag auch mancher darauf pfeifen, was ihm die Pfarrer
erzählen, als Glaubensgemeinschaft ist das klare Wort unsere Leitlinie. Wir
erwarten uns von unserer Kirche beispielsweise, dass das Thema Abtreibung
behandelt wird. In der Grauzone zwischen entstehendem Leben und gleichzeitig
steigender Existenzangst kann die Kirche hilfreich sein, wenn sie beispielsweise
eine Abtreibung bis zum vierten Schwangerschaftsmonat für vertretbar hält.
Gutheißen hat niemand gesagt – das wäre bereits eine zu starke Einmischung,
ebenso wie das Verteufeln einer Notlösung, die auf der jeweiligen
Lebenssituation fußt. Welche Stellung Homosexuelle in der Gesellschaft haben und
wie unsere Kirche die Situation sieht – von Problematik kann ja hier keine Rede
sein. Zu weit muß sich niemand hinauslehnen, doch ein Aufruf zu Akzeptanz anders
Fühlender ist hier Pflicht. Wo die Kirche keine Probleme sieht, soll sie
versuchen, die Mißverständnisse und Vorurteile aufzuklären, die noch manchen den
Blick verstellen. Und bei aller Freiheitsliebe haben wir als Heranwachsende
nichts dagegen, wenn die Kirche uns mit auf den Weg gibt, was sie von Sex ohne
Liebe hält. Wo ausschließlich der Trieb regiert, ist die Liebe wohl nicht mehr
gefragt.
Die
Liebe, die sich am Charakter entzündet und nicht
am knackigen Arsch. Ein Gefühl, dessen gesamte Fülle erst im Laufe der Zeit klar
wird. Denn was ist die Liebe? Liebe ist, wenn ich mich zurücklehnen kann ohne
umzufallen, und festgehalten werde, ohne gefangen zu sein. Das ist das ganze
Geheimnis.
PREDIGTTEXT 3.
WIR SIND NICHT SO SCHWEINISCH, WIE IHR DENKT.
Auf der einen Seite schweigen sich viele Eltern aus,
wenn es um das Thema Sexualität geht. “Die Liebe wird von selbst kommen, und die
beste Aufklärung ist immer noch die Schule.” Sex als Tabu-Thema in vielen
Familien, das trotzdem oder gerade deshalb immer präsent ist in der Gedankenwelt
eines Jugendlichen. Doch die offizielle Linie ist: werde erst mal erwachsen,
dann wirst Du auch in diese Dinge hineinwachsen.
Auf der anderen Seite empört man sich dann, wenn
Heranwachsende mit Miniröcken und greller Schminke oder überdrehtem Machogehabe
daherkommen. “Da braucht sich keiner wundern, wieso es so viele Vergewaltigungen
gibt.” Solche Aussagen gehören zu den heftigeren. “Bist ja selber schuld, was
ziehst Dich denn so an?” Uns wird verwehrt, in ständigem Probieren unsere neue
Rolle zu finden, die wir im Umgang mit dem anderen Geschlecht spielen. Gehen wir
nach den Rollenmustern, dann schminkt man sich eben und setzt auf hohe
Stöckelschuhe. Die Burschen beginnen möglichst bald ein Cowboy zu sein und
lehnen wie Clint Eastwood an der Ecke, die Zigarette im Mundwinkel. Mindestens
so glaubwürdig wie ihr Vater versichern sie uns dann, dass sie “totale
Schwierigkeiten haben, mit dem Rauchen aufzuhören”. Ach ja, der Sittenverfall
der Jugend. O tempora o mores, das ist alles vor Tausenden von Jahren schon
geschrieben worden. Und doch haben die wachsenden Generationen nur versucht,
ihren Platz zu finden. Darauf haben wir ein Recht.
Wir lernen viel durch die ersten Flirts, Beziehungen
und was sonst noch so dazugehört. Was eine Beziehung killt, wie man sich an
jemanden heranmacht, wie man jemanden los wird. Natürlich wird in unserem Alter
viel gespielt. Wie weit kann ich gehen, ohne mich zu sehr an jemanden zu binden?
Natürlich gibt es viele Beziehungen, die den ersten Monat nicht überstehen.
Natürlich gibt es viel Blödsinn, von enttäuschter Hoffnung bis zu vergessener
Verhütung ist es ein breiter Bogen. Bestimmte Grenzen werden aber nie
überschritten. Wir sind nicht die rücksichtslose Generation, als die wir oft
gelten. Zärtlichkeit, Vertrauen und Treue sind für uns wichtig. Wer zu lange mit
einem anderen Partner spielt, steht am Ende oft blöd da. Wir sammeln
Erfahrungen, jetzt, in einer Phase, in der noch nicht der volle Ernst des Lebens
auf uns lastet. Wenn wir jetzt nicht begreifen, welchen Stellenwert Sex, Macht
und Liebe haben, wann dann? Nach der ersten Scheidung, die passiert ist, weil
der Partner fremdgegangen ist? Nach der ersten Ohrfeige, weil wir nie gelernt
haben, jedem Partner mit Achtung zu begegnen? Nach dem hundertsten
one-night-stand, weil wir immer noch nach dem Märchenprinzen suchen?
Zur gelungenen Opernvorstellung gehören auch die
Proben, und was ist eine Beziehung anderes als eine Oper, bei der man sich seine
Rolle gut überlegen sollte? Damit es kein Trauerspiel wird, lasst uns probieren
und streicht den Satz “zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben” aus eurem
Wortschatz.
PREDIGTTEXT 4.
DIE MACHT DAZWISCHEN.
Vorstellungen von Liebe hat man schnell in unserem
Alter. Entweder sieht man den Freund aus Sandkistenzeiten mit anderen Augen oder
man verliebt sich in den Tanzpartner. Sex ist allgegenwärtig, in jeder Form, und
die Gesellschaft zeigt ihn als Zeitvertreib. Ein Hobby, für das man eine Menge
Erfahrung benötigt.
Zwischen diesen beiden Elementen liegt die Macht.
Erhört man den Anbeter? Läßt man die Verehrer nachhecheln? Wie leicht ist man
herumzubekommen und überhaupt, wie weit geht man?
Die ersten Beziehungen scheitern vielleicht deshalb
oft sehr schnell, weil wir über die Machtkomponente nicht ausreichend Bescheid
wissen. Jede Beziehung baut auf einem Machtgefälle auf, selbst wenn beide
Partner es ernst meinen. Im Idealfall gleicht es sich aus, sodaß sich niemand
unterlegen oder bevormundet fühlt.
Manche Übermütigen spielen freilich auch mit
Verehrern, sobald sie ihren eigenen Marktwert begriffen haben. Partner auf der
Warmhalteplatte sind nicht selten. “Ich habe zwar einen Freund, aber wenn ich
mit dem X zusammenkommen könnte...” . Wie das upgrade beim Computerprogramm, nur
manchmal kommt der Systemabsturz und nichts geht mehr. Im schlechtesten Fall
steht man dann ohne Partner da. Das Machtspielchen, wie weit andere gehen
würden, um mich zu bekommen, ist reizvoll. Wer wird nicht gerne angehimmelt?
Über die Grenze des harmlosen Flirts hinaus jedoch sollte man über die Folgen
nachdenken. Zwar verleiht das Spiel Selbstbewusstsein, aber es verletzt den
Partner enorm. Selbst in der Liebesbeziehung ist nicht alles freiwillig, man muß
Kompromisse schließen.
Die Machtfrage wird zur Überlebensfrage in manchen
Beziehungen. Ein starker Partner, der contra geben kann und sich nicht alles
gefallen läßt: das wünschen wir uns. Ja-Sager sind nicht gefragt,
Selbstbewusstsein kommt gut an. Man muß seine eigene Macht ausprobiert haben,
wie man wirkt – sonst wird man immer unter Wert geschlagen.
Liebe.Macht.Sex – und mittendrin wir als
heranwachsende Generation.
Wir werden uns langsam der Spielregeln bewußt, und
lernen die Grenzen unserer Macht kennen. Dabei geht es weit weniger klischeehaft
zu, als man denken würde. Auf dem ersten Konfirmanden-Wochenende haben wir
anonym einen Fragebogen ausgefüllt. Das Ergebnis erstaunt vielleicht sogar Sie, liebe
Gemeinde. Mit einer Ausnahme halten wir das Thema Sex für überschätzt. So
abgeklärt muß man in unserem Alter erst einmal sein!