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2. September 2001 - Johannes Langhoff |
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In den Tagen der Weizenernte ging Ruben einmal aufs
Feld und fand dort Liebesäpfel und brachte sie zu Lea, seiner Mutter.
Da sagte Rahel zu Lea: "Gib mir von den Liebesäpfeln deines Sohnes!"
Sie antwortete ihr: "Ist es dir nicht genug, dass du mir meinen Mann
genommen hast? Nun willst du auch noch die Liebesäpfel meines Sohnes haben!"
Da erwiderte Rahel: "Nun, so mag er diese Nacht bei dir liegen, zum Entgelt
für die Liebesäpfel deines Sohnes!"
Als nun Jakob am Abend vom Feld kam, ging Lea hinaus und sagte:
"Zu mir musst du kommen, denn ich habe dich ausgehandelt gegen die
Liebesäpfel meines Sohnes!", und er schlief mit ihr in dieser nacht.
Und Gott erhörte Lea, und sie ward schwanger. Und sie gebar Jakob den fünften
Sohn.
Und Lea sprach: "Gott hat es mir gelohnt, dass ich meinem Mann eine Magd gegeben
habe", und sie nannte ihn Issaschar.
Dann ward Lea noch einmal schwanger, und sie gebar dem Jakob den sechsten Sohn.
Und Lea sprach: "Gott hat mir eine schöne Gabe gegeben. Nun endlich wird
mich mein Mann ertragen und bei mir wohnen, denn ich habe ihm sechs Söhne geboren."
Und sie nannte ihn
Sebulon.
Danach gebar sie noch eine Tochter und nannte sie Dina.
Gen 30, 14-21

Shalom of Safed, Lea mit ihren Söhnen*
Liebe Gemeinde,
was ist schon an ihr dran? Reden wir nicht drüber! Wenn sie nicht die Konkurrenz für die hingebungsvolle Liebe ihrer Schwester und der Kontrast der schönen und liebreizenden Rahel wäre, dann wäre sie längst vergessen: Lea, die patscherte und so schiache. - Oh nein! Würde nicht die semitische Version des Romeo und Julia-Sujets als die tragische Liebesgeschichte von Jakob und Rahel erzählt, die anscheinend nicht recht zusammenkommen konnten, dann wäre Rahel längst vergessen - ein Grab am Wege. Die Verehrung gehörte und gehört Lea im Grab der Stammeltern bei Hebron, neben Jakob und zusammen mit Isaak und Rebekka, Abraham und Sarah. Sie, die Mutter Judas, die Hauptfrau Israels, von ihr stammend die meisten und bedeutendsten Stämme des auserwählten Volkes.
Es ist schon was dran an Lea, dass es sich lohnt über sie zu reden. Es lohnt sich, über die zu reden, die am Rand stehen, in den Hintergrund gedrängt werden, im Schatten der Stars und Helden stehen. Es lohnt sich über Lea zu reden, denn offensichtlich ist es sie, die Zurückgesetzte, die von Gott reichlich belohnt und entschädigt wird. Gern übersehen. Der Blick auf die Leute im Rampenlicht, Prominenz und Idole, ihre Erfolge und ihren Glanz versperrt den Blick für die eigenen Erfolge und Fähigkeiten. Der Neid auf das, was ein Anderer hat und darstellt, zerfrisst die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, mit dem, was ich selbst geschafft und erreicht habe, was mir vergönnt und geschenkt ist. "Die alberne Anekdote", wie Calvin die Geschichte um die Liebesäpfel, die zum Zankapfel werden, nennt und in der der Konflikt der beiden Schwestern seinen charakteristischen Höhepunkt findet, ist die dramatische Banalität allgemein menschlichen Lebens. Wie das Leben so spielt. Ironie des Schicksals. Die herzzerreißende Liebe zu Jakob und Rahel bleibt fruchtlos. Die ungeliebte Frau macht Jakob reich und verschafft ihm eine große Familie. Rahel erkauft sich die aphrodisierenden Früchte für den Preis, dass der zu betörenden Mann eine Nacht bei der Schwester schlafen darf. So hatte Jakob um ein Linsengericht seinem Bruder das Erstgeburtrecht abgekauft. Diesmal aber steht Gott auf der anderen Seite und Lea bekommt ohne Zaubermittel weiterhin ein um das andere Kind, bis irgendwann auch Rahel zu einem Kind kommt und bereits an der Geburt des zweiten Kindes stirbt.
Die Sympathien gegenüber den beiden Frauen schwanken. Mal ist die Eine zu bedauern und verdient sich die Andere Häme. Das andere Mal genau umgekehrt. Beide in einen Gebärwettkampf verwickelt, in den auch noch die Mägde mit eingespannt werden. Rahel, die geliebte Schönheit ohne Kinderglück. Lea, schon erschöpft von den vielen Geburten, die ungeliebte Hässliche. Calvin übersetzt in dem Vers ein Kapitel vorher, wo etwas über die äußere Erscheinung der Lea steht, drastisch "sie hatte ein blödes Gesicht". In den meisten deutschsprachigen Übersetzungen wird der hebräische Ausdruck wiedergegeben: Lea hatte "matte Augen". Lea, die Unscheinbare, Trübe, womöglich Trübsinnige. Gegenüber der feurigen, strahlenden Rahel, die mit ihren Augen gefangen nimmt, die die Ansehnlichere war. Im Gegenüber mag das so erscheinen. Im Blick des Jakob muss es so gewesen sein. Rahle fesselt seinen Blick, während er Lea nicht eines Blickes würdigt, in seiner Verblendung und Blindheit nicht einmal merkt, dass er das Hochzeitsbett mit der Falschen teilt. Liebe macht blind und Liebe lässt das hässliche Entlein zum wunderschönen Schwan werden. Das ist keine bloße Illusion. Ein Mensch, der geliebt wird, wird schön, sogar für andere sichtbar, wird freundlicher und umgänglicher. Ein ungeliebter Mensch dagegen wird hässlich und unleidlich. Die "matten" Augen der Lea lassen sich auch übersetzen als Augen, die sanft sind, zart, schmeichelnd, verzärtelt, schwach und furchtsam. Lea, die Verletzliche, die Offenherzige, nicht Dominante, die nicht jede Szene beherrscht wie ihre Schwester, kaum dass sie in Erscheinung tritt. Lea, das Mauerblümchen, das erst aufblüht, wenn die Sonne den Schatten der Mauer verdrängt.
Die Sonne in der Geschichte ist Gott, der Lea aufblühen lässt und ihre Liebe und Hingabe lohnt. Das weiß Lea, nimmt es wahr und drückt es in den Namen ihrer Kinder aus. Und doch blüht ihr Sehnen im Schatten, den die verschmähte Liebe zu Jakob auf ihr Leben wirft.
Die Geschichte der Lea ist eine Geschichte vom Geheimnis der Prädestination, von der Erwählung Gottes. Natürlich, sie ist schließlich eine Geschichte von den Anfängen des auserwählten Volkes. Eine Geschichte, die Gottes Erwählung als Gnade aufzeigt, als Zuwendung Gottes zu den Schwachen und Verachteten. Gottes Wille, der mit unserm Wollen selten konform geht. Woraus wir vorschnell auf Ungerechtigkeiten Gottes schließen und Gnade für autoritäre Willkür erklären.
Ich will die Geschichte nicht theoretisieren und theologische Maßstäbe einer Prädestinationslehre daraus ableiten. Das wäre eh bloß wieder ein überflüssiger und schädlicher Versuch, Gott ins Schema pressen zu wollen. Die Geschichte erzählt auch nicht, dass Lea am Ende triumphiert. Nein, Rahel kommt zu ihren Kindern und dabei zuerst zu dem Sohn, der einmal zum Retter seiner Familie und gleich noch ganz Ägyptens werden sollte. Das allerdings auch erst nach einem langwierigen Weg der Tiefschläge und Demütigungen, die ihn Bescheidenheit, Dankbarkeit und Gottvertrauen lehren, die bezeichnenderweise Gottesfurcht genannt werden. Ein denkbar unmoderner Begriff mit zu viel Negativimage. Und das wird der Lea nicht einmal nachgesagt. Es ist nicht Gottesfurcht, die ihr Leben bestimmt. Es ist eine Sehnsucht nach der Anerkennung und der Liebe ihres Mannes, und damit zwangsläufig Eifersucht auf ihre Schwester. Neid bestimmt Lea, der sie sogar den Reichtum ihres Lebens in ihren Kindern verkennen lässt. Die Kinder als Waffe, die der kinderlosen Schwester ins Herz schneidet und den Mann an Lea fesseln soll.
Furchtbar! Wie oft habe ich miterlebt, dass auseinanderbrechende Partnerschaften durch eine Schwangerschaft gekittet werden sollen. So gut wie immer vergeblich und zu Lasten des Ungeborenen. Wie viele Paare sind nur durch den vergeblichen Versuch eines gemeinsamen Kindes aneinandergekettet, um auseinanderzubrechen, wenn die Ärzte das Wunder auf irgendeinem Umweg nach langen Jahren bewerkstelligt haben.
Was ich nicht habe, bestimmt mein Leben. Wenn ich es habe, bricht die Selbsttäuschung über mir zusammen. Liebesäpfel - begehrenswerter Zauber, der den Mann in die Arme der Anderen führt. So war das nicht gedacht. Voll daneben. Leben am Leben vorbei. Warum hat der so viel Glück und nicht ich? Warum ist gerade sie so talentiert? Weshalb ist der so erfolgreich? Wieso geht es der so gut? Sind die besser als ich? Womit haben die das verdient? Und nicht ich? -
Jesus beschreibt das Gottesreich als die Geschichte von den anvertrauten Talenten. Der Witz daran ist, was ich aus den mir gegebenen Gaben mache. Ich kann auf andere schielen, mich mit anderen vergleichen. Ich kann Gottes Ungerechtigkeit und Willkür beklagen und mich vor ihm verstecken, ihn aus meinem Leben nehmen. Ich werde nur nichts dabei gewinnen außer Neid, Unzufriedenheit und Unmut. Wer viel hat, dem wird noch dazu gegeben. Wer glaubt, nichts zu haben, bleibt ein Habenichts.
Was ist schon an ihr dran? Es lohnte nicht, über sie zu reden? Lea, die Zurückgesetzte, von Gott begnadet und reich gemacht. - Kann ich mich ruhig selbst fragen: was ist denn schon an mir dran? Vielleicht entdecke ich dabei mehr als mir der scheele Blick auf andere und der Neid einreden wollen. Vielleicht entdecke ich den Reichtum, mit dem Gott gerade mich begabt und begnadet hat.
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* Das Bild "Lea mit ihren Söhnen"
von Shalom of Safed stammt aus der Sammlung
Charlotte Zander und wird mit deren freundlicher Genehmigung hier
veröffentlicht. Die Ausstellung Die Naive. Aufbruch ins verlorene Paradies.
200 Werke aus der Sammlung Charlotte Zander war zur Jahreswende 2001/2002
im Kunsthaus
Wien zu sehen.