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24. Mai 2001 - Johannes Langhoff |
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Konfirmation
Der Herr blickt vom Himmel herab auf die Menschen. Er will sehen, ob es da welche gibt, die Verstand haben und nach ihm fragen.
Psalm 14, 2
Liebe Gemeinde,
sie fragen ja. Sie haben noch so viele Fragen. Es fällt bei ihnen nicht mehr so auf wie bei den Kleinen. Die können nerven mit ihrer Fragerei. Jede Antwort gebiert mindestens eine neue Frage. Die kleinen Frageungeheuer sind wie der Drache im Märchen, dem die Köpfe nachwachsen, dem nur ganz Mutige und Beherzte gewachsen sind. - "Jetzt gib doch endlich einmal Ruh!" "Das erkläre ich dir ein ander Mal." "Dafür bist du noch zu klein." "Das verstehst du noch nicht."
Und irgendwann fragen sie nicht mehr. Die Fragen haben nicht aufgehört. Sie holen sich die Antworten woanders her. Wir stehen verdutzt da: "Woher kennst du denn so was?" "Was ist das bloß für ein Ausdruck?" "Wie redest du? Das hast du bei uns nicht gelernt." - Die Zeiten, den Umgang der Kinder zu kontrollieren, sind vorbei, wenn es sie überhaupt wirklich gab. Politiker wollen die begreiflichen Wünsche der Kinder und Jugendlichen auf unbegrenzte Ausgangszeiten zum Gesetz erheben und Eltern die letzte Stütze entziehen. Den Internetzugang haben wir selbst installieren lassen. Da gibt es überhaupt keine Grenze mehr und Filterprogramme scheitern am unerschöpflichen Spieltrieb unserer kleinen häuslichen Genies.
Jetzt gibt es keine offenen Fragen mehr. Alles wird beantwortet. Sie können alles erfahren, auch, was sie gar nicht wissen wollen, sogar, was sie nicht verarbeiten und verkraften, geschweige denn beherrschen können. Die Fragen unserer Kinder sind uns entzogen, obwohl sie immer noch unendlich viele haben. Das ist tragisch. da gibt es nämlich einige, die das Internet nicht beantworten kann, obwohl man dort auf jede Frage eine Antwort findet.
"Stimmt denn das?" "Was glaubst du?" "Wie würdet ihr das machen?" Fragen, die nur Vertrauenspersonen beantworten können, Menschen, zu denen man aufschaut, Vorbilder, an denen man sich orientiert. Wir sind noch gefragt, bevor andere Idole und Götzen uns ersetzen wollen. Wir sind gefragt, obwohl wir selbst so viele eigene Fragen haben. Die Fragen der Heranwachsenden überfordern uns. Die Werte, in denen wir erzogen wurden, sind überholt. Die eigenen Erfahrungen, die wir gemacht haben, wo wir uns selbst ausprobiert haben, wollen wir unsere Kinder nicht wiederholen lassen.
Also bleibt am Ende doch nur Gott, letzte Instanz, letzte Autorität, Erklärungsmuster für alles Unerklärliche. - Nein, nein, das ist zu intim. Die Fragen sind viel zu persönlich. Darüber lässt sich nicht unbefangen reden. Mit dem Kleinstkind haben wir darüber nicht geredet. Es konnte noch nichts verstehen. Als es begann, verständig zu werden, konnten wir nicht darüber reden, weil es so viele Fragen gestellt hat. Als es selbstständig denken konnte und wollte, haben wir nicht mehr über Gott reden können, weil wir keine Worte mehr fanden. Die frage nach Gott ist wie die Frage der Sexualität. Sie betrifft jede und jeden und ist ein wesentlicher Teil des Lebens, ausgelebt oder verdrängt, zeitweilig gebraucht und schlecht gepflegt oder selbstbewusst damit umgegangen und offenherzig gebraucht. Allein, mit den eigenen Kindern darüber reden ist genierlich. Got, was, wo, wie? - Da steht uns unser eigener Schulunterricht im Weg, das populäre Weltbild, das unsere Kinder noch immer erlernen müssen:
Glauben oder Wissen. Gott oder Natur. Schöpfung oder Entwicklung, Kreationismus oder Evolutionismus. Der fatale Streit des 19. Jahrhunderts, ausgelöst durch armselige Geister, die ihren fraglosen Glauben nicht durch Denken gefährden wollen. Naturwissenschaftler, die Entdeckungen zu Naturgesetzen erklären mussten. Der Darwinismus erstarrt zu einem mechanischen Weltbild in Konfrontation mit einem Fundamentalbiblizismus, der sich am Absurden und Widersinnigen hochputscht. Da ist für Gott kein Platz. Da war für Gott nie Platz. Umso mehr hat der Vulgärdarwinismus und der Konsummaterialismus in seiner mechanistischen Denkungsart die Hirne vergiftet. Beziehungen kranken daran, dass das Glück nicht pausenlos ist. Behinderungen werden zur Frage nach dem Lebensrecht. Tod und Krankheit werden ausgegrenzt und das Sterben programmiert. Ansprüche an Lebensstandards, wie das Kind für das ältliche Paar auf der Karriereleiter, sind jeden Preis wert. Die Forschung, der Gesetzgeber muss alles ermöglichen. Alles ist machbar, für den der Geld hat. Wer nicht genug hat, ist ein Versager, ist draußen. Die Coachingbranche boomt. Du musst dich aufstylen und gut verkaufen. Hunger dich auf Figur und ansonsten bleibt dir der Chirurg, der alles kann. Was die Evolution in Jahrmillionen nicht perfektioniert hat, kriegen wir in den Griff, die wahren Schöpfer.
Wer braucht da schon Gott. Eine Hintertür vielleicht: Mondkräfte und Sternenkonstellationen, Wiedergeburtstrauma und Geisterbeschwörung, Hexen im Hinterzimmer mit Karten und ekelerregenden Mixturen oder die Hexereien aus den Chemielaboren der Kosmetikindustrie, die Abneigungen übertönt und Unwiderstehlichkeit einhaucht. Die grenzen verschwimmen zwischen dem aufgeklärten Wissen und der ominösen Phantasterei. Da war der Streit zwischen Entwicklungstheorie und Schöpfungsglaube noch einfach. Musste ja auch. Denn beide gehen sie von dem gleichen Weltbild aus. Das biblische Weltbild ist bis heute das Grundschema der Naturwissenschaften. Die Psychologie speist sich aus biblischen Mythen und denen anderer Religionen. "Der denkende Mensch" - das ist eine jüdisch-christliche Forderung aus der Begegnung mit Gott.
Wir landen immer wieder bei Gott. Ohne ihn ist nichts. Ohne ihn wäre das Leben gleichgültig. Ohne Gott gäbe es keine Grenzen und jeder würde machen was er will. Ohne ihn kein Mitleid, keine Solidarität, keine Gerechtigkeit und keine Verantwortung. Ohne Gott hätte sich die Menschheit und die ganze übrige Schöpfung gleich ausgerottet. Ohne Gott gäbe es keine Zuneigung und Liebe, also keine Freude, keine Trauer, keine Befriedigung und keine Sehnsucht.
Wer schlau ist, fragt nach Gott. Die Antwort liegt vielleicht nicht auf der Hand. Gott ist nicht die Antwort auf meine Wissenslücken und meine Gefühlsdefizite. Die Antwort braucht vielleicht Zeit, Geduld und Bereitschaft, mehr zu erfahren als mir auf Anhieb in den Sinn kommt. Die Antwort braucht das Gespräch, den Austausch über unsere Erfahrungen und Fragen. Es ist ein fataler Irrtum zu meinen, den Glauben könne man für sich selbst leben. Eine beliebte Entschuldigung, dass man nicht so oft in die Kirche käme. Als ob ich danach gefragt hätte. "Ich lebe meinen Glauben für mich. Ich weiß alleine, was für mich gut ist. Ich habe die Gebote und gebe auch Spenden." Ein fataler Irrtum, eine einseitige Liebe, die nichts annehmen kann.
Gott schaut auf uns und wartet darauf, dass wir ihn in Anspruch nehmen. Gott will sich um uns kümmern, Gott will uns aus seinem grenzenlosen Reichtum beschenken. Gott hat nichts unversucht gelassen, um uns mit sich zu versöhnen.
Mag sein, dass wir die Sprache verloren haben, mit Gott zu reden. Mag sein, dass wir gar nicht mehr offen sind für ein Leben, das mehr beinhaltet als Pflichten und Verpflichtungen, Gewinn und Erfolg, Befriedigung und Vergnügen. Aber wollen wir uns nachsagen lassen, dass wir dumm sind? Gott schaut auf uns, um zu sehen, ob es welche gibt, die genug Verstand haben, nach ihm zu fragen.