9. Mai 2002 - Konfirmation

Johannes Langhoff

 

Und siehe, da trat einer zu ihm und sagte: Meister, was muss ich Gutes tun, um ewiges Leben zu erlangen?
Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich nach dem Guten? Einer ist der Gute. Willst du aber ins Leben eingehen, so halte die Gebote.
Da sagt er zu ihm: Welche? Jesus aber sprach: Das Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen,
ehre Vater und Mutter und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Da sagt der junge Mann zu ihm: Dies alles habe ich gehalten. Was fehlt mir noch?
Da sprach Jesus zu ihm: Willst du vollkommen sein, so geh, verkaufe deinen Besitz und gib ihn den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!
Als der junge Mann das Wort hörte, ging er traurig fort; denn er hatte viele Güter.

Matth. 19, 16-23

Ich weiß, wie die Geschichte weiterging. Der junge Mann wendet sich enttäuscht von Jesus ab. Wie er sich aber umdreht, entdeckt er an der gegenüberliegenden Häuserwand eine Aufschrift. Die schrillen Neonfarben der Graffiti ziehen ihn in ihren Bann und er entziffert den bizarren Spruch "Satan liebt dich".

Was für ein Unsinn! Die Verkörperung des Bösen sollte lieben? Der Herr der Unterwelt liebt mich? - Wieso nicht? Der Andere hat mich eben erst abgewiesen, mir die Tür zum Himmelreich vor der Nase zugeknallt. Und das mir, der ich alles getan habe, um gut zu sein. Selbst arme Schlucker haben es gut bei mir gehabt. Ich habe gern gegeben und viel. Mein Nächster, wo immer er mir vor die Füße lief, hat reichlich bekommen, wo er es nötig hatte. "Sollst auch nicht leben wie ein Hund." "Leben und leben lassen", mein Motto. Ich wollte immer gut sein, Gutes tun und das Gute erreichen. Sagt der mir: "Frag nicht nach dem Guten. Einer ist das Gute." Na, der bestimmt nicht. Das ist mir jetzt klar. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Satan liebt mich. Ich habe bisher in der falschen Welt gelebt.

Er geht nach Hause, er läuft, er rennt beinahe. Schnell durch die Tür. Den PC hochfahren und ab ins Internet.  Da muss eine Nachricht sein. "Die andere Seite". "Schemhamforasch". Die satanischen Seiten. Die höllischen Namen - international: Amon (ägyptisch), Beelzebub (hebräisch), Dracula (der Rumäne), Hekate (die Griechin), Kali (die Inderin), Loki (der Germane) und, und, und... ihre Geheimzeichen und Ziffern...ihre Regeln. Da ist es: die neun satanischen Grundsätze!

Mit wachsender Begeisterung liest der junge Mann, der so gern geliebt werden möchte, und darum immer gut sein wollte: 1. Satan bedeutet Sinnenfreude anstatt Abstinenz! 2. Satan bedeutet Lebenskraft anstatt Hirngespinste! - das klingt gut - 3. Satan bedeutet unverfälschte Weisheit anstatt Heuchelei! - ja, gibs ihnen - 4. Satan bedeutet Güte gegenüber denjenigen, die sie verdienen, anstatt Verschwendung von Liebe an Undankbare! - das ist es! genau das habe ich gesucht! - 5. Satan bedeutet Rache. - Mehr brauche ich nicht. Satan liebt mich. Das ist mir jetzt klar.

Die Geschichte des jungen Mannes endet in einem Desaster. Aus dem Gutmenschen wird ein gemeiner Verbrecher. Er wird unauffällig, angepasst, bis er eines Tages ausrastet und in kalter Rache um sich schießt, Amok läuft, in einen Blutrausch verfällt, den ihm niemand zugetraut hätte. Lehrer werden abgeknallt. Ein Kommunalparlament niedergemäht. Der böse Politikdemagoge niedergestreckt. Wenn mich keiner liebt, sollen sie mich alle hassen.

Die sogenannte Geschichte vom reichen Jüngling wird gemeinhin gelesen und ausgelegt als Fundamentalkritik am Reichtum und Umkehrung der gängigen Werte durch Jesus. "Die Letzten werden die Ersten sein." Und umgekehrt. "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel kommt", so wird bereits dieser Erzählung angehängt. Das gibt der Anekdote von der Begegnung Jesu mit einem eifrigen, engagierten und gutwilligen Burschen ihre moralische Instanz. Gute Werke sind gut. Aber Reiche sind dazu nicht fähig.

Das kann wohl nicht stimmen. Und wer ein bisschen Verstand hat, sollte mit derartigen Platitüden nicht die potenten Spender und Mäzene verprellen. Von den Groschen der armen Witwe, die sie großzügig in die Kollekte wirft, lässt sich keine wirksame Hilfe finanzieren. Eine Gemeinde tut nicht gut daran, ihre wohlhabenden Mitglieder ob ihres Vermögens oder Einkommens zu kritisieren und ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern sollte lieber darum werben, durch einen fairen Kirchenbeitrag und großzügige Spenden aufzufallen. Die beliebte Kritik am Geld ist ist wohl eher der blanke Neid. Die christlich gefärbte, moralisierende Verurteilung von Reichtum erscheint mir wie eine plakative Solidarisierung mit Unterprivilegierten, die sich noch dazu gut macht, um von eigenem Wohlstand und eigenen Ansprüchen abzulenken.

Die moralische Deutung der Begegnung Jesu mit dem Gutmenschen verkehrt die Geschichte in ihr Gegenteil, denunziert die Absichten und die tatsächlichen guten Taten des eifrigen jungen Mannes und stellt ihm eine unerfüllbare Konsequenz als moralische Maximalforderung entgegen, an der er zwangsläufig scheitern und deshalb schlecht dastehen muss. Beinahe richtig ist total falsch. Das trifft die Erzählung nur beinahe und liegt doch haarscharf daneben. Ich kann mich schon gar nicht mehr beruhigen bei den Nachrichten der jüngsten Zeit. Überall Gutmenschen, die zur Gewalt greifen und Unheil anrichten, ja das Schlechte und Böse, das sie bekämpfen, in die Opfer- und Märtyrerrolle drängen, ihm die Weihe des Unschuldigen geben. Ob die Gewalttäter, die die Reaktionäre vom Heldenplatz vertreiben wollen, oder die Mörder in Holland, Frankreich und der Schweiz. Ich unterstelle den Amokläufern keinen Wechsel zum Satanismus. Gewaltvideos genügen auch nicht als Erklärung und Entschuldigung für die Bluttat von Erfurt.

Das Thema der Parabel von der Begegnung Jesu mit dem hochmotivierten jungen Mann lautet: Was ist gut? Oder/und: Wer ist gut? - Es erscheint wie ein Missverständnis, wenn Jesus auf die Frage, was der Mann Gutes tun könnte, antwortet: "Was fragst du mich nach dem Guten? Einer ist der Gute." - Er hat nicht behauptet, ein Guter sein zu wollen, sondern Gutes tun wollte er. Wirklich uneigennützig? Das ewige Leben sucht er, Ruhm und Anerkennung. Er will geliebt sein, beliebt sein, bewundert. Der übereifrige junge Mann, der zur Freiwilligen Feuerwehr geht, um Leben retten zu können. In seiner Enttäuschung mangels spektakulärer Brandeinsätze wird er zum Feuerteufel und legt selbst Brände, aus denen er die Opfer retten kann. - Und das zweite scheinbare Missverständnis Jesu: "Um vollkommen zu sein, musst du deinen Besitz aufgeben und den Armen überlassen." Als hätte der nicht in seinem Eifer für die Nächstenliebe den Armen gegeben. Die Antwort Jesu sagt: Du willst gut sein (und nicht wie du behauptest Gutes tun). Dabei stehen dir dein Besitz, dein Vermögen, deine Möglichkeiten im Weg. Du kannst es dir leisten, Gutes zu tun. Du hast das Geld dazu; du hast eine hervorragende Ausbildung, um als einflussreicher Mensch dich um die Weltverbesserung zu kümmern; du bist in eine Zeit geboren, da fast alles möglich ist und jeder dabei sein kann. Dir fehlt nichts außer der Befriedigung, der Zufriedenheit, der Zuwendung eines anderen Menschen. Du sehnst dich nach einem Menschen, der sich dir hingibt ohne Hintergedanken, ohne Kalkül. Du möchtest dich selbst an einen Menschen und in einem Menschen verlieren ohne Angst, ausgenutzt und missbraucht zu werden. Du suchst Vertrauen und Liebe. Das alles ist nicht käuflich. Nicht durch Geld,nicht durch gute Taten, schon gar nicht durch Ruhm und Ehre. Nicht einmal, wenn du alles aufgibst und davonläufst.

Satan, die biblische Gestalt der Verführung und der Anwalt der anderen Möglichkeiten, ist eine echte Versuchung. Gutsein mit ehrlichen persönlichen Ansprüchen. Sollen sie mich um meines Geldes willen lieben, um meiner Schönheit, meines Erfolges willen. Hauptsache, sie schmeicheln mir, umgarnen mich und beneiden mich. Satan liebt mich. Er hat die richtige Formel für mich. Seine Versprechungen sind real, greifbar und sofort verfügbar.

Jesus hat den Satz "Ich liebe dich. Gott liebt dich" ziemlich kompliziert verpackt, und, wie man am Ergebnis sieht, für den jugendlichen Heißsporn unverständlich. Das ist nun mal so. Die Wahrheit ist nicht vordergründig. Liebe ist nicht offensichtlich. Beides ist nicht käuflich, auch wenn mit beiden Geschäfte gemacht werden und die Liebe und die Wahrheit die beiden ältesten Gewerbe der Menschheit sind, die Hure und der Spion die ersten Berufe. Sie sind nicht zu erkeufen. Sie können nur genommen werden, wenn sie einem angeboten werden. Das konnte der junge Mann nicht. Das verstand er nicht. Es gibt für ihn nichts ohne Leistung und Gegenleistung.

Vielleicht lässt es sich heute besser verstehen, auch wenn der Zeitgeist mehr denn je dagegensteht und wenn Moralapostel die Geschichte pervertieren. Christus ist die Liebe Gottes. Seine Hingabe ist bedingungslos, außer dass wir sie annehmen. Gott allein ist der Gute. "Er liebt dich."