25. Mai 2003

(Konfirmation)

Johannes Langhoff

 

 

In Morpheus Armen

 

 

 

Jakob machte sich auf den Weg von Beerscheba nach Haran. Er kam an einen Platz und übernachtete dort, weil die Sonne gerade untergegangen war. Hinter seinen Kopf legte er einen der großen Steine, die dort umherlagen. Während er schlief, sah er im Traum eine breite Treppe, die von der Erde bis zum Himmel reichte. Engel stiegen auf ihr zum Himmel hinauf, andere kamen zur Erde herunter. Der HERR selbst stand ganz dicht bei Jakob und sagte zu ihm: »Ich bin Jahwe, der Gott deiner Vorfahren Abraham und Isaak. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Sie werden so unzählbar sein wie der Staub auf der Erde und sich nach allen Seiten ausbreiten, nach West und Ost, nach Nord und Süd. Am Verhalten zu dir und deinen Nachkommen wird sich für alle Menschen Glück und Segen entscheiden. Ich werde dir beistehen. Ich beschütze dich, wo du auch hingehst, und bringe dich wieder in dieses Land zurück. Ich lasse dich nicht im Stich und tue alles, was ich dir versprochen habe.«

Jakob erwachte aus dem Schlaf und rief: »Wahrhaftig, der HERR ist an diesem Ort, und ich wußte es nicht!« Er war ganz erschrocken und sagte: »Man muß sich dieser Stätte in Ehrfurcht nähern. Hier ist wirklich das Haus Gottes, das Tor des Himmels!«

Gen 28,10-17

 

Liebe Gemeinde!

Eine junge attraktive Frau tritt in die Szene. Gott. Trinity heißt sie, die Dreieinigkeit. Sie ist auf der Suche nach ihm. Neo, der Neue. Ihm steht eine besondere Aufgabe bevor. Er soll die Menschheit erlösen. Er weiß noch nichts davon. Er ahnt nicht einmal, daß sich die Menschheit in einem heillosen Zustand befindet. Wie alle hält er die Welt für gut so wie sie ist. Er kennt keine andere Welt und weiß deshalb nicht, was ihm fehlt im vorfindlichen Leben.

Trinity findet Neo und entführt ihn auf abenteuerlichen Wegen in Morpheus Arme. Morpheus, der Herr der Träume klärt ihn auf. Neo wird in die Traumwelt versetzt und findet dort die Realität. Das kann er nicht glauben. Das, was er bisher wie alle anderen als Wirklichkeit erfahren und gelebt hat, ist eine Scheinwelt, eine Computeranimation, die Matrix. Im Traum erkennt er, daß das menschliche Leben außerhalb der Matrix liegt. Neo muß sich entscheiden zwischen der offensichtlichen Wirklichkeit und der ihm offenbarten Wahrheit. Er ist auserwählt. Er soll von der Matrix befreien, soll die Menschheit erlösen. Will er das? Kann er das? Wird er es schaffen trotz eines Verräters in den eigenen Reihen?

Stoff genug für rasante Szenen, tolle Action und wahnsinnige Filmbilder. Wunder auf DVD und großer, lauter Kinoleinwand. Nach dem riesigen Erfolg des Erlöserepos aus der Computerwelt holt uns derzeit die wiederaufgeladene Matrix ein und steuert noch heuer auf die totale Wendung, die Revolution zu.

Man muß schon selbst gerne an seinem PC spielen und in die Illusionen des Bildschirms und seines Eigenlebens eintauchen, um von der Idee des Matrixfilmes gebannt und im tiefsten Inneren getroffen zu werden.

Ich gehöre zu denen, die den Computer gerade mal als bessere Schreibmaschine mit besonderen Qualitäten zur Gestaltung und Speicherung von Texten benutzen. Die Kinder und Jugendlichen können aber im wahrsten Sinne des Wortes mit den Computern spielen, Programme manipulieren oder sich von ihnen manipulieren lassen, interaktiv vernetzen, mit Partnern hinter anderen Bildschirmen kommunizieren und strategische Schlachten schlagen. Während des störenden und zeitraubenden Schulunterrichts läßt sich weitermachen mit Rollenspielkarten. Für sie, die den Tag in wechselnden Ebnen verbringen, ist die Botschaft von der Matrix ein Schock, eine Horrorvorstellung.

Der Schein ist nicht das Sein. Wir leben nicht wirklich, zumindest nicht in der Wirklichkeit, sondern in einer Scheinwelt, die uns beschäftigt und verführt, in der wir zufrieden sind, weil wir es anders nicht kennen. Alles ist nur Ablenkung, um uns von der Erkenntnis fernzuhalten.

Das würde einiges erklären. Das wäre eine geniale Entschuldigung. „Ätsch, das war ja bloß zur Unterhaltung. Wir führen nur noch saubere Kriege mit lasergesteuerten, absolut sicheren Waffen. Nun hab dich nicht so. Die kreischenden Weiber in den Fernsehnachrichten sind nichts als Feindpropaganda. Woher willst du wissen, ob die Bilder echt sind?“ - „Das war doch bloß ein Computerfehler, daß dir die Notstandshilfe gestrichen und die Delogierung gleich angeordnet wurde. Kriegst eh dein Geld und kannst alles wieder anliefern lassen, wenn du deine Schulden von der Überziehung abgezahlt hast. Nein, das ist nicht unsere Schuld. Dafür stehen wir nicht ein. Das war eine Computerpanne.“

Die Realität ist eine Fälschung. Das scheint nur so. „Das siehst du falsch!“ Und sie reden uns alles ein, daß wir am Ende auch noch dankbar sind, wenn überteuerte Abfangjäger sinnlos unseren Luftraum verpesten - von wegen Laserwaffen - und wir dafür auf die wohlverdienten Pensionsbezüge verzichten. Vielleicht bin ich genausowenig real und muß mir keine Gedanken machen, wenn ich von der Überwachungskamera erwischt werde oder an der Kreuzung geblitz. Wer sagt mir, daß die Bilder echt sind? Ich bin nicht schuld. Ich bin überhaupt nicht verantwortlich, für gar nichts. Das ist alles nur die falsche Programmplatte im großen Spiel. Wozu einen Erlöser und Befreiung? Es lebt sich gut in dieser Welt. Sei einfach, was du bist, und kümmere dich nicht weiter darum.

Es ist bemerkenswert, daß der große Erfolg der Matrixfilme gerade auf der anderen Botschaft beruht, nämlich der Idee auszubrechen. „Wir wollen anders sein. Wir sind mit der Welt, in die wir hineingeboren worden sind nicht zufrieden. Wir wollen nicht so werden wie ihr. Wir wollen ein anderes Leben. In eurer Welt ist sowieso kein Platz für uns. Wo sollen wir Arbeit finden, wenn ihr bis 80 arbeitet? Wieviel Geld können wir für den Eigenbedarf verdienen, wenn wir gleich mehrere Pensionisten finanzieren müssen? Euer Lebensprogramm ist falsch. Wir brauchen ein neues.“ Neo muß her!

Der glaubt es nicht. Er traut sich den Befreiungsschlag nicht zu. Er mißtraut seiner Erkenntnis und seinen Fähigkeiten. Stimmt denn das? Gibt es tatsächlich eine verborgene Wahrheit hinter der Wirklichkeit? Kann Glaube Berge versetzen?

Wenn sie nicht sowieso schon alle die Matrixfilme verschlingen würden, müßte ich es zum Pflichtprogramm des Konfirmandenunterrichtes bestimmen, sich das anzuschauen und sie alle in Morpheus Arme scheuchen.

Ich habe vorhin eine kleine Szene aus dem Alten Testament gelesen. Jakob in Morpheus Armen. Jakob, der mit seinem vorbestimmten Lebensweg nicht zufrieden ist und sich der Tradition und seinem Vater widersetzt. Jakob, der seinen Bruder Esau ausbotet und letztlich durch geschicktes Schauspiel vor dem Vater das für den Bruder bestimmte Erbe erschleicht. Jakob, den die Mutter antreibt, sich nicht mit einem anscheinend unabwendbaren Schicksal abzufinden, sondern dieses selbst in die Hand zu nehmen und aufzubegehren. Jakob, von der Mutter in die Fremde geschickt, auf zu neuen Wegen. Dieser Jakob landet zuerst in Morpheus Armen. Er träumt. Ein Alptraum. Der Himmel steht offen und Gott redet auf ihn ein. Mit dem hat er bisher nicht gerechnet. Dann hätte er womöglich nicht so viel an seinem Schicksal selbst herumbasteln müssen. Und jetzt ist er da, mischt sich in sein Leben ein.

Als Jakob aufwacht gesteht er sich verwundert und ehrlich ein: „Das ist jetzt aber eine Überraschung. Gott ist wirklich da.“ - Jakob akzeptiert und läßt es auf einen Versuch ankommen. Jakob versucht es mit Gott.

Die Geschichte erzählt, daß Jakob außerordentliche Erfolge hat. Es gelingt ihm nicht alles auf Anhieb. Er findet in seinem Onkel einen raffinierten Mitspieler, der ihn mehrfach ausbotet. Er fürchtet auf dem Höhepunkt seines erfolgreichen Alleingangs um den letzten Sieg. Er setzt alles ein, er spielt mit vollem Risiko. Er kämpft mit Gott und zwingt Gott auf seine Seite. Jakob gewinnt. Er hat mit Gott gerechnet. Er hat sich auf das Unglaubliche eingelassen. Das war nicht immer leicht. Aber Gott hat ihn ja auch nicht sich selbst überlassen. Der sich ihm im Traum offenbarte hat sich um ihn gekümmert und sein Versprechen eingehalten.

Es muß nicht unbedingt das Kino sein. In der Bibel stehen die Geschichten auch schon und haben Generationen von Menschen angesprochen. Propheten haben gesprochen, weil sie Visionen hatten und träumten. Jede Predigt hat das eine Thema: Gott will dir etwas sagen. Gott überläßt dich nicht dir selbst und einer Welt mit ihren unseligen Lebensregeln.

Anpassen! Mitmachen! Mit dem Strom schwimmen! Fleißig lernen! Den Mund nicht aufmachen! Augen zu und durch! Mit den Wölfen heulen! Achte auf das, was du sagst, und das, was du anziehst! Behalte deine Meinung für dich oder heb’ sie dir für den Heurigen und das Beisel auf!

Man kann sehr zufrieden sein in dieser Welt, wenn man auf der richtigen Seite geboren ist und rechtzeitig lernt, sich stromlinienförmig durchs Leben zu schlagen. Es genügt, wenn man glaubt, die Menschheit habe alles im Griff, die Wissenschaft kann alles aufklären, Gott ist ein überflüssiger Gedanke für Unsichere und Unwissende, eine Erziehungshilfe für wenig folgsame Kinder. Man darf dann bloß nicht genauer hinschauen. Man darf dann nicht hinhören, wenn einer Ungerechtigkeit anprangert oder eine ihr Leid und ihren Kummer nicht für zu Hause aufhebt.

Blauäugikeit ist Selbstschutz. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Ich kann’s eh nicht ändern. - Wer sonst?

Trinity reißt Neo aus seiner heilen Welt der Ahnungslosigkeit. Morpheus klärt ihn auf und aus Neo wird der Erlöser, der Messias. Jakobs Erfolgsweg wird immer wieder von Gott gekreuzt, begleitet und zum Ziel geführt. Die Bibel benennt den Erlöser, den Christus Jesus. Er ist keine filmische Kunstfigur, die mich letztendlich wehmütig zurückläßt in ihrer eigenen Scheinwelt und in meiner realen Welt hoffnungslos und unzufrieden macht. Die Bibel und das gepredigte Wort Gottes geben zu erkennen, was hinter der offensichtlichen Wirklichkeit steht, daß es eine reale Aussicht auf eine bessere Welt gibt, wo Genügsamkeit, Gerechtigkeit und Frieden nicht bloß Traum und Phantasie sind.

Ich darf etwas aus dem neuen Matrixfilm verraten. Darin entdecken sie eine letzte menschliche Insel, die als Fluchtburg einen Neuanfang verspricht. Diese Insel heißt Zion. Davon habe ich schon bei den Propheten Jesaja und Micha gelesen:

Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg. (Jes 2,2-4)                           Amen.

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