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18. Jänner 2004 Konfirmandinnen und Konfirmanden
Herr, du Gott der Rache, du Gott der Rache, erscheine! (Ps. 94,1)
Und der Herr redete mit Mose und sprach: Liebe Gemeinde! Gott will Rache! Gott will nicht hinnehmen, vergeben und vergessen! Rache ist mehr als Gerechtigkeit. Was hinzukommt, sind starke negative Gefühle - der Gott der Liebe als Gott der Enttäuschung und Wut. Rache gibt es, also muss Rache auch sein. Wenn Rache sein muss, ist sie dann auch gerecht? Gott hat einem Menschen aufgetragen Rache zu üben. Die Art und Weise blieb Mose überlassen. Er hat sich für Krieg entschieden. Was uns interessiert, ist, was es bedeutet, wenn Menschen Rache üben.
Jeder von uns wollte sich schon einmal rächen. Bei den meisten ist es nicht nur beim Wollen geblieben, sie haben ihre Rache in die Tat umgesetzt. Einige von ihnen vielleicht nur im Kopf, aber das Gefühl danach ist das Gleiche: Genugtuung. Hilflos ist man ihm ausgeliefert, dem Lehrer, dem man es nie recht machen kann und der immer auf einem herumhackt, egal, was man tut. Und dann bemüht er sich auch noch, einen vor der ganzen Klasse bloßzustellen. Das ist einfach nicht fair. In einer solchen Situation ist es doch völlig normal und verständlich, dass man sich zur Wehr setzen will. Oder der Mitschüler, der es ja soo komisch findet, einem das Federpennal zu verstecken. Man kann sich doch nicht ewig so weiter ärgern lassen und dieses Verhalten einfach tolerieren! Oder dass ich sauer bin, wenn ich mich von einem Freund dazu habe anstiften lassen aus der Tasche des Lehrers die Schularbeitsangaben zu stehlen, und, nachdem ich erwischt worden bin, ganz alleine schuld bin, auch wenn es gar nicht meine Idee war. Meine negativen Gefühle sind dann wohl verständlich. Rache ist süß...
„Ich sehe dich genau, mein Schatz. Du sitzt da unten neben deinem neuen Freund und hörst nicht einmal der Predigt zu. Es wird dir noch so leid tun. Meine Rache wird fürchterlich sein. Er hat nichts, was ich nicht auch gehabt habe. Ich habe noch viel mehr, ich habe Gefühle, ich habe ein Herz. Gerade jetzt spüre ich das wieder einmal ganz deutlich. Ich spring dir an die Gurgel, ich schwör’s dir. Ich weiß zwar noch nicht wie, aber eines weiß ich: Es muss sofort geschehen, sonst passiert was. Mich verlässt du nicht so einfach.“ „Beruhigen wir uns wieder. Wenn du Rache nehmen willst, dann überleg dir einen genauen Plan. Es gibt zwei Arten von Rache: die heiße und die kalte. Im Gegensatz zu dir bevorzuge ich die kalte Rache. Wohlüberlegte Vorbereitung von langer Hand hat noch keinem geschadet. Aus dem Moment heraus handeln vergibt viele Möglichkeiten. Wozu hat dir Gott Verstand gegeben? Kühl bleiben, und du wirst die für deine Situation maßgeschneiderte Rache finden.“ „Heiße Rache, kalte Rache – gut muss sie sein. Mir fehlt immer noch eine konkrete Idee. Ein Mord wäre wahrscheinlich am einfachsten: Aber hinterher würde sie nicht mehr spüren, dass ich gerade Rache an ihr genommen habe. Ich könnte ihr natürlich auch den Sessel wegziehen, wenn sie sich gerade setzen will. Aber bei Kirchenbänken ist das etwas schwierig. Wie übt man Rache, verdammt?“ „Beruhigen wir uns wieder. Warum gleich einen Mord verüben oder sogar einen Sessel unterm Hintern wegziehen? Man muss das Problem bei der Wurzel packen und Gleiches mit Gleichem vergelten. Aug um Aug, Zahn um Zahn. Du bist eifersüchtig – sie muss eifersüchtig werden. Du suchst dir ein Mädchen, das nach außen hin wirklich perfekt ist. Alles Andere ist für unsere Zwecke jetzt nicht wichtig. Irgendwie musst du sie dazu bringen, dass sie sich unsterblich in dich verliebt. Wie du das machst, ist deine Sache. Und sie muss natürlich allem und jedem jederzeit zeigen, wie sehr sie in dich verliebt ist. Dann spazierst du mit ihr immer vor der Nase deiner Ex herum. Vergiss nicht, dass du selber auch äußerst glücklich aussehen musst. Vertrau mir! Deiner Ex wird das einen Stich versetzen, den sie nicht so bald vergisst. Immer Gleiches mit Gleichem heimzahlen, dann kann man weder über- noch untertreiben. Das ist die objektiv perfekteste Rache.“
„Du kannst Recht haben, vielleicht aber auch nicht. Aber mir kommen da einige andere Ideen. Es könnte sie zum Beispiel jemand jeden Abend am Handy anrufen - von einer Geheimnummer - und so lange in den Hörer grunzen, bis sie auflegt. Und zum Beispiel morgen in der Früh wieder. Das Grunzen muss wirklich Furcht erregend sein. Zu Mittag wieder. Das Gleiche am Abend. Und am darauf folgenden Morgen. Dreimal am Tag, vielleicht sogar viermal, für die nächsten fünf, sechs Jahre. Ja! Dann werde ich das Gerücht in die Welt setzen, dass ihre Familie in ihrer Wohnung heimlich Schweine hält, die ansteckende Krankheiten haben, in ihrem Bett schlafen und trainiert werden, zur Musik von Modern Talking zu tanzen. Kannst du dir eine bessere Rache vorstellen?“ „Beruhigen wir uns wieder. Ich sehe schon, du willst kreativ sein. Aber dann stellt sich mir die Frage, ob man mit einem Psychoterror wirklich am besten fährt. Es gäbe ja noch andere Möglichkeiten. Darf ich daran erinnern, dass Mose, als er von Gott beauftragt wurde, Rache an den Midianitern zu nehmen, sich nicht mit Telefonterror abgegeben hat? Wenn schon Krieg, dann richtig. Wer hat noch nie Rachegelüste gehabt, den Briefkasten seines Gegners angezündet? Man müsste die Bleistifte des Opfers so oft auf den Boden werfen, bis von den Minen nur noch Brösel übrig sind. Simple, ehrliche Gewalt. Das ist nachher auch moralisch am besten zu rechtfertigen, verstehst du?“ „Du bist keine große Hilfe. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten. Wir sind in einer Kirche, aber keiner hier wird mir sagen können, ob Jesus für heiße oder für kalte Rache gewesen ist und ob er psychische oder physische Rache bevorzugt hat. Ich bin kurz davor aufzugeben. Soll sie doch mit ihrem neuen Freund machen, was sie will. Ich sage gar nichts mehr.“ „Wie kann man nur so ruhig bleiben! Eine Möglichkeit sehe ich noch: die sogenannte Robin-Hood-Variante. Du übst die Rache nicht selbst aus, sondern lässt sie von einem Dritten erledigen. Ich werde dieser Dritte sein.“ „Und welche Art der Rache wählst du...?“
Rache, immer nur Rache! Warum können wir einander nicht auch verzeihen, so wie Jesus das wollte? Wenn dir einer auf die rechte Backe schlägt, so halte ihm auch die andere hin. Das klingt ja alles ganz wunderbar christlich, aber sind wir ehrlich – wirklich menschlich und vor allem umsetzbar ist das nicht. Gott kann doch nicht allen Ernstes von uns verlangen, dass wir uns nicht wehren dürfen und alle Ungerechtigkeiten einfach so hinnehmen. So wie Jesus das gepredigt hat, würde das ja heißen, dass wir nicht nur keine Rache üben dürfen, sondern unseren Ärger hinunterschlucken und dazu auch noch lächeln sollen. So funktioniert das doch nicht! Irgendwann hat man so viel Ärger im Bauch, dass man davon ein Magengeschwür bekommt - das kanns doch nicht sein! Da ist das alttestamentarische „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ schon besser zu befolgen. Klingt ja nach einer perfekten Gerechtigkeit. Zumindest theoretisch. In der Praxis ist es mir dann doch lieber, wenn ich für den ausgeschlagenen Zahn Schmerzensgeld und für die zerbrochenen Stifte Schadenersatz bekomme. Davon habe ich wesentlich mehr, als wenn noch jemand mit Zahnlücke rumläuft oder ohne Stifte dasitzt. Blöd ist dann halt, wenn sich der andere durch die meiner Meinung nach völlig gerechtfertigte Rache wieder schlecht behandelt fühlt. Was dann nämlich passiert, ist wohl klar: er wird sich seinerseits wieder an mir rächen wollen. Und das führt zu einer Kettenreaktion von Racheakten. Auf Rache folgt Gegenrache, darauf folgt wieder Gegenrache und so weiter. Am Schluss weiß man dann vermutlich gar nicht mehr, worum es eigentlich ursprünglich gegangen ist.
Was wir durch Rache erreichen wollen, ist Gerechtigkeit. Aber die perfekte und für alle Beteiligten offensichtlich gerechte Rache gibt es anscheinend nicht. Objektive Rache ist absurd. Da müsste ich ja meine Gefühle aus dem Spiel lassen. Und gerade dazu ist Rache doch eigentlich da, dass ich mir und meinen Gefühlen Luft machen kann. Wenn ich es aber nicht schaffe, gerechte Rache zu üben, was ist dann die Alternative? Gar keine Rache? Auch das ist keine Lösung. Zu vergeben ist ja schön und gut, aber ich glaube nicht, dass ich in allen Situationen dazu in der Lage bin. Das wäre ein bisschen viel verlangt! Außerdem wo bleibt denn dann die Gerechtigkeit, wenn ich Ungerechtigkeiten einfach so hinnehme? Durch Verzeihen allein wird die Welt auch nicht besser! Rache muss sein! Und wenn ich schon nicht selber in der Lage bin, für Gerechtigkeit zu sorgen, dann soll das jemand anderer für mich machen. Jemand der sich für sein Handeln vor niemandem zu verantworten hat, außer vor sich selbst. Nur dann kann ich ruhig bleiben und werde nicht ständig überlegen, wie ich es meinem Feind heimzahlen könnte. Ich kann mich zurücklehnen und abwarten, bis diese Arbeit für mich erledigt wird. Und auch wenn das Jahre dauern sollte, bis es endlich soweit ist, weiß ich, dass ich am Ende doch noch Genugtuung bekommen werde. Herr, du Gott der Rache, du Gott der Rache, erscheine! Amen. |