20.5.2004

Johannes Langhoff

Konfirmation

 

Die besten Teile des Tieres müssen als Opfer für den HERRN verbrannt werden, nämlich alles Fett an den Eingeweiden, die beiden Nieren mit dem Nierenfett und der Fettlappen an der Leber.....................                                Leviticus 3,3-4

 

Liebe Gemeinde,

es ist ein uraltes, längst überholtes Gesetz, das ich Ihnen eben vorgelesen habe. Ein Relikt aus der Zeit als Religion durch Opferkult gestaltet wurde. Es gibt ein wenig Einblick in eine Lebenskultur, in der Religiosität noch handgreiflich war. Die sinnliche Wahrnehmung der Gottesnähe war nicht auf Bilder, Symbole und Worte beschränkt. Gott war ein Teil des alltäglichen Daseins und ein Begleiter des Lebensvollzuges. Meine Existenz, mein Hab und Gut wurden verstanden als Gottes Eigentum, das er an mich ausgeliehen oder mir geschenkt hat. Deshalb war man Gott auch jederzeit seinen Dank und Anteil schuldig, musste ihm quasi regelmäßig die Zinsen zahlen. Niemand zahlt gerne Zinsen. Doch war das die auffälligste Erinnerung, dass ich eigentlich mit geborgtem Gut lebte und nicht über das Leben, nicht einmal mein eigenes, unbeschränkt und ohne jede Rücksicht verfügen kann.

Heute wird der Gedanke so ausgedrückt: „Die Welt gehört uns nicht. Wir haben sie nur von unseren Kindern geborgt.“ Ein sinnverdrehender Satz, der stutzig machen will und das Bewusstsein verantwortlichen Umgangs mit der Natur schärfen will. Aber da es nichts kostet, jedenfalls die Kosten nicht direkt anfallen, sondern die Schäden erst viel später bemerkbar werden und dann vielleicht auch noch andere und nicht den Verursacher treffen, ist die Anregung wirkungslos. Das Kult­opfer hat mich an die Grundlage meiner eigenen Existenz erinnert und sie mir deutlich demonstriert. Es war mein Opfer. Ich musste es erbringen. Nicht wie heute, wo die Opfer auf andere abgewälzt werden und außerhalb des Kultraumes anfallen. Wir finden sie dann wieder in den Zeitungsmeldungen als Opfer von Unfällen, Katastrophen, Kriegen, Terror und anderer versteckter und offener Gewalt.

Da war der alte Kult mit seinen pflanzlichen und tierischen Ersatzopfern sehr viel humaner. Heute regen sich Tierschützer schon auf, wenn Muslime oder Juden auf bestimmte Praktiken bei der Opfertierschlachtung bestehen oder ihr Fleisch nicht aus den Schlacht- und Tiertötungsfabriken beziehen, wohin der zivilisierte Mensch die leidigen Begleitumstände der Lebensmittelproduktion verbannt hat. Menschen haben keine vergleichbar starke Lobby wie Tierschutzbünde, Greenpeace und dergleichen.

Opferkult machte sinnfällig, dass Gott mit meinem Leben zu tun hat. Das wurde zusätzlich durch die Art der Opferpraktiken verstärkt. Opfer wurden gemeinsam konsumiert. Das Opfermahl, der Opfergottesdienst war ein Gemeinschaftsessen der Opfernden mit der Familie, Freunden und Bedürftigen, denen abgegeben werden musste, und schließlich mit Gott selbst. Der bekam seinen Anteil ab. Gott aß mit. Gott war in der Tischgemeinschaft anwesend. Auf dem Altar wurde verbrannt, was allein Gott zukam. Gott kriegt seinen Teil ab. Er kriegt sein Fett ab.

Die zitierte  Opfervorschrift aus der Thora taucht mehrfach in den Kultgesetzen auf. Sie gilt praktisch für alle Schlachtopferarten. Jedes Mal gilt: das Fett gehört Gott. Spätestens jetzt müssten auch Sie alle merken, dass die überholten Opfervorschriften außerordentlich moderne Züge tragen und wider Erwarten durchaus nicht veraltet erscheinen.

Das Fett gehört Gott. Das ist geradezu ein Gesundheitsprogramm. Das könnte eine echte Entscheidungshilfe sein für diejenigen, denen das Deftige zwar besonders gut schmeckt, aber das sie überhaupt nicht vertragen. Kein Gewissenskonflikt um die kleinen und großen Sünden beim Essen. Das Fett muss weg. Das gehört Gott. Das darf ich gar nicht essen. Die moderne säkularisierte Gesellschaft braucht für die gleiche Wirkung Weight-Watchers, magere Super-Models und fernseh-interaktive Gesundheitskampagnen. Wie viel leichter müsste es sein, wenn Kirchen statt zweier jährlicher Fastenzeit, die doch nur den Heißhunger anheizen, durch derartige Fett tabuisierende Speisevorschriften zur Volksgesundheit beitragen würden. Stattdessen werden Hybridschweine gezüchtet, wird genmanipuliert und der schöpferische Geist des Menschen verbraucht, um Gott ja aus dem Spiel zu lassen. Lieber die bösen alten und primitiven Zeiten früher Religion mit ihren Opferkulten beschimpfen und verunglimpfen.

Allerdings muss ich jetzt eine kleine Richtigstellung tätigen, bevor ich mich verdächtig mache, mir die Bibel nach meinem Gutdünken zurechtzubiegen. Es muss ja langsam so wirken als würde ich ein paar moderne Gedanken in die Bibel hineinschwatzen und mich wie ein Fundamentalist auf die alten Texte stürzen und ihnen zeitlose Gültigkeit anhängen, nach dem Motto: „Die Bibel hat doch recht, immer und überall.“

Der gesundheitspolitisch sinnvolle Nebeneffekt, dass von den Opfertieren die Fetteile abgetrennt und Gott überlassen werden, ist nicht der eigentliche Sinn der Opfervorschrift. Der Sinn ist, sehr viel nahe liegender, dass Gott das beste Stück vom Mahl bekommt. Sonst wär’s ja wohl kein Opfer. Im Gegensatz zu den heutigen Verhältnissen waren in früheren Zeiten, wie manche Ältere noch erinnern werden, die Fettstücken das Beste. In Mangelzeiten sind sie halt das Nahrhafteste, Energiequelle schlechthin, die man in die Kinder hineingestopft hat, obwohl das denen meist nicht einmal gut geschmeckt hat. Aber für meine Kinder das Beste. Für meine Kinder würde ich alles opfern.

Für Gott das Beste. Das meint das Opfergesetz. Dem Gast wird das beste Stück aufgetischt. Sinnfällige Religion. Gott war zu Gast, hat an den wichtigsten, den traurigen und den schönen Ereignissen im Leben der Familie teilgenommen. Gott war gewissermaßen der Ehrengast an der Festtafel der Familie. So wie er es heute bei der Konfirmation ist, hier am Tisch zum Abendmahl und nachher an der Tafel zur Familienfeier. Ein Ehrengast soll er sein. Der wichtigste Gast ist er und kommt mit einem besonderem Geschenk. Gott gibt seinen Segen.

Lange Zeit war die Konfirmation ein Bekenntnisakt. Sie wurde verstanden als das Ja der herangewachsenen Kinder zu ihrer Taufe, die die Eltern ohne das Zutun der Säuglinge und Kleinkinder verfügt hatten. Deshalb heißt das zu meinem Leidwesen immer noch Konfirmandenunterricht und Konfirmandenprüfung. Deshalb denken manche, die Konfirmation sei ein Akt der Zulassung zum zweiten Sakrament, dem Abendmahl. Oder sie sei die Aufnahme in die vollberechtigte Mitgliedschaft der Gemeinde. Ich muss alle derartigen Erwartungen enttäuschen. Die Taufe hat bereits in alle Rechte eingesetzt und ist unwiderruflich. Also konnten die Konfirmandinnen und Konfirmanden schon zum Abendmahl, dürfen wählen seit sie 14 Jahre alt sind und werden mit 19 Jahren zum ersten Mal die Aufforderung bekommen, sich durch ihren eigenen Kirchenbeitrag, wenn sie denn schon eigenes Einkommen haben, an der Verantwortung für ihre Gemeinde zu beteiligen. Das geschieht alles unabhängig davon, dass sie konfirmiert sind oder nicht. Also wozu noch Konfirmation?

Die Konfirmation ist ein Fest für Euch - mit einem besonderen Gast. Gott lädt sich zu Euch ein und will Euch seinen Segen schenken. Nicht ihr habt etwas zu tun, sondern Gott tut etwas für Euch. Die Gemeinde will mit der Konfirmation Euch dieses Geschenk Gottes weitergeben.

Das Alte Testament, das noch die Kultur der Opferreligion widerspiegelt, erzählt, wie ein solches Festmahl mit Gott stattfinden konnte. Gott besucht Abraham und Sarah. Er bekommt sofort ein festliches Mahl aufgetischt und wird reich bewirtet. Er hat etwas mitgebracht, seinen Segen. Den schenkt er dem alt gewordenen, kinderlosen Paar und verspricht ihnen das ersehnte Kind. Als Abraham den hohen Gast auf seinem Weg auch noch ein Stück begleitet, geschieht etwas Unvorstellbares. Gott lässt Abraham teilnehmen an seinem Weltregiment. Gott diskutiert mit Abraham, was er mit den verruchten Städten am Toten Meer machen soll.

Das Opfermahl war ein Gemeinschaftsessen mit Gott. Sie haben, so überliefern sie uns, Gott noch sinnlich wahrgenommen, nicht lange diskutiert oder philosophiert. Wir haben keine Opferpraxis mehr. Es gibt auch keinen Grund, sie wieder einzuführen. Aber ein bisschen ist uns die Nähe Gottes abhanden gekommen, fehlt uns der vertraute Umgang mit Gott. Der Abstand zu ihm ist gewachsen. Die gängige Weltanschauung möchte sich Gott nicht mehr vorstellen und definiert sich nur nach dem äußeren Anschein, den nachmessbaren Größen. Die Religionsinstitutionen haben Gott auf Distanz gebracht, schon seit Mose. Kultpersonal wird zwischen Gott und Menschen gestellt. Verständlich, dass Leute heute gerne auf die Kirche verzichten und glauben, ihren Gott überall haben zu können, zu Hause, in der freien Natur oder sonst wo. Wenn sie es nur täten und nicht doch darauf vergessen. Der alte Kult hat jedenfalls an Gottes Anwesenheit erinnert und praktische Hilfe gegeben, Gottes Gegenwart wahrzunehmen. Gott bekam sein Fett ab.

Wenn heute Gott sein Fett abkriegt, dann heißt das etwas gänzlich anderes. Dann wird vom Leder gezogen. Am lautesten von denen, die Gott leugnen. Es gibt ihrer Überzeugung nach keinen Gott, aber er ist an allem schuld. Ihm wird alles vorgeworfen, was auf dieser Welt unerträglich ist. Ihm wird alles vorgeworfen und er dann gleich mit verworfen. Er kriegt sein Fett ab.

Auch von denen, die gutwillig sind. Das Fett der Opfergesetze bezeichnet schließlich das Beste. Sie möchten Gott das Beste geben. Und sie entscheiden, was das Beste ist. Sie bestimmen, was gut und schlecht ist. Sie sind die Gutmenschen. Schnell werden daraus religiöse Fanatiker, von denen schon viele Unheil über die Welt gebracht haben im Namen Gottes, so wie sie ihn sich gedacht haben.

Gut gemeint ist halt das Gegenteil von gut. Wie die Geschichte des alten Ehepaares erzählt, das sich im Anflug einer Lebensbeichte gegenseitig gesteht: „Ich habe dir immer die untere Seite der Semmel gegeben, weil ich sie doch am liebsten habe und für dich nur das Beste wollte.“ „Ja und ich habe dir immer die obere Seite der Semmel gegeben, obwohl ich die eigentlich immer haben wollte. Aber für dich wollte ich immer nur das Beste.“ Sie haben es nur gut gemeint, aber die ganze Zeit das Falsche getan und die Gelegenheit verpasst, sich wirklich Gutes zu tun.

Das alte Opfergesetz bestimmt, was Gott als das Beste bekommt. Er kriegt das Fett ab. Egal ob das für manchen ein Gustostück ist oder für andere entfernt gehört. Wir haben das nicht zu entscheiden, sondern nur zu folgen.

Der Opferkult ist passé. Christi Opfer hat den Opferkult beendet und aufgehoben. Gott selbst hat uns sein bestes Stück gegeben, seine Liebe und ganze Hingabe.

Wir brauchen nicht länger die archaische Sprache von Schlachtungen und Lagerfeuer­essen in freier Natur, um Gottes  Nähe zu finden. Er will das Beste von uns, unsere Liebe und Hingabe. Es sollte nicht schwer fallen, zurückzugeben, was man zuerst bekommen hat. Liebe hat die wunderbare Eigenschaft, dass sie sich nicht verbraucht, wenn man sie hergibt. Liebe wächst je mehr man von ihr verschenkt.                   Amen.

 

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