21. April 2004

Barbara Heyse-Schaefer

 

Politisches Nachtgebet 2004

Lauter Frauen? Lauter! Frauen

 

 

Ich schwieg wohl eine lange Zeit, war still und hielt an mich. Nun aber will ich schreien wie eine Gebärende, ich will laut rufen und schreien. Jesaja 42,14

 

Liebe Freundinnen,

die Bibel erzählt viele Geschichten von Unfruchtbarkeit, Schwangerschaft und Geburt.

Über Stöhnen und Schreien während der Geburtswehen und einer theologischen Deutung zu predigen, ist für mich ohne Paulus und den Römerbrief kaum möglich. Dennoch bevor ich daraus vorlese, ein paar Worte der Erklärung, ohne die Paulus heute schwer verständlich und für Frauen oft auch nicht erträglich ist.

Paulus lebt als Judenchrist im 1. nachchristlichen Jahrhundert unter der Herrschaft der Römer. Seine Wirklichkeit ist die antike Sklavenhaltergesellschaft: systematische Gewalt und Diskriminierung, von denen nicht nur Sklaven, sondern auch Frauen und ebenso Christen wie Paulus selber betroffen sind. Er glaubt und hofft auf neue zwischenmenschliche Beziehungen, die von Solidarität geprägt sind, wo niemand minderwertig ist. Der Glaube an die Auferstehung auch der Körper (oder noch anders ausgedrückt, der Einbruch des Reiches Gottes in diese Welt) gibt ihm die Kraft dazu, trotz gegenwärtiger Leiden. Die gesamte Schöpfung, sagt Paulus, wimmert wie eine Frau in den Geburtsschmer­zen und hofft sehnsüchtig auf Befreiung. Im Galaterbrief verwendet er das Bild von den Schmerzen der Gebährenden auch auf sich selber an. Mit dem Stöhnen der Schöpfung vereint sich unser Stöhnen und das Stöhnen der Ruach, der Geisteskraft zu einem einzigen Aufschrei (oder Gebet) um Befreiung.

 

 

Übertragung nach Römer 8,18-23a

 

18 Denn ich bin überzeugt, dass die Wehen und Schmerzen der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen, wenn wir teilhaben an der kommenden Welt. 19 Denn die Schöpfung erwartet sehnsüchtig den Tag, an dem die Söhne und Töchter Gottes sichtbar werden.

 

20 Denn alles Geschaffene ist der Vergänglichkeit ausgeliefert, weil Gott die Welt vergänglich geschaffen hat. Gott gab aber allen Geschöpfen die Hoffnung, dass sie von dieser Vergänglichkeit befreit, 21 teilhaben werden an der unvergänglichen Herrlichkeit er Kinder Gottes.

 

22 Bis jetzt stöhnt die ganze Schöpfung und liegt in Wehen, wie eine Frau bei der Geburt. 23 Wir selber, die wir die Heilige Geisteskraft als Anzahlung bekommen haben, stöhnen ebenso. Dann auch wir warten sehnsüchtig auf die volle Verwirklichung dessen, was Gott uns als seinen Kindern zugedacht hat.

 

 

Unsere Wirklichkeit ist eine andere als die des Paulus. Einerseits haben wir Teil an dem Reichtum der neoliberalen Markwirtschaft und ihren Parolen von ewig jung, schön und reich, andererseits erleben wir immer mehr Rückschritte und Rückschläge in Sachen Gleichberechtigung der Geschlechter und gerechter Verteilung der Güter zwischen Arm und Reich.

 

Die Welt der Medien, der Werbung und der aktuellen Politik will eigentlich nichts ändern, sondern Bestehendes konservieren, restaurieren oder gar Vergangenes rekonstruieren. Frauen sind dank Anti-aging-Creme immer frisch und durch das Kindergeld angeblich wieder glücklich Zuhause am Herd. Die bewährten Modelle sind doch die sichersten.

Auf der anderer Seite erleben wir frauenbewegten Frauen allzu oft, dass auf dem Weg zur Gleichberechtigung nichts weitergeht, trotz aller unserer Bemühungen.

Ø      Gleichstellungskommissionen werden nur schleppend eingeführt

Ø      Frauenministerien können auch zwischenzeitlich von Männern wahrgenommen werden.

Ø      Gezielte Frauenförderungen werden oft als nicht mehr nötig oder gar Männer diskriminierend dargestellt.

Verändert sich nun etwas in die richtige Richtung oder ist aller Kampf umsonst? Ist Gender Mainstreaming eine Verbesserung oder doch wieder eine Falle, die alle emanzipatorischen Kräfte bindet?

 

Trotz aller Unterschiede zwischen uns und Paulus kann das Bild aus dem Römerbrief auch für heute hilfreich sein.

Wir sind wie Frauen in der Schwangerschaft. Wir fragen: ist die Zeit reif, gibt es die richtigen Bedingungen? Wie lange dauert es noch? Können wir die nötige Geburtskraft aufbringen? Wer wird uns beistehen? Oder ist alles eine Mißgeburt oder gar Totgeburt. Lohnt sich der viele Aufwand, die Schmerzen und Schwangerschaftsbeschwerden?

Das Besondere ist, dass der manchmal nicht besonders frauenfreundliche Paulus den Geburtsakt besser kennt als die meisten Männer heute und ihn als Bild für die Zukunftsorien­tierung mit durchaus leiblichen Dimensionen nimmt.

 

„Gebären ist wie ein Kampf um Leben und gegen den Tod.“

 

Die Welt kann nicht bleiben, wie sie ist. Denn das würde Restauration des Bestehenden bedeutet. „Wer will das die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht das sie bleibt“ (Erich Fried). Alleinige Restauration bedeutet Stillstand und letztlich den Tod. 

Nicht mit der Vergangenheit sollen wir uns beschäftigen und nicht zum wiederholten Male das Patriarchat analysieren.

Das Patriarchat ist zu Ende!

Noch ist das Neue nicht geboren. Noch können wir nicht sehen, wie das Kind „Selbstbestimmung, Partizipation und soziale Gerechtigkeit“ konkret aussieht. Aber es liegt an uns daran zu glauben.

Wir alle sind Geborene. In diese Welt sind wir (wie in diese Kirche) durch einen Geburtskanal gekommen. Hannah Arendt war die erste Philosophin, die über die Geburtlichkeit , die „Natalität“ nachgedacht hat: Jeder Mensch ist der Anfang von etwas gänzlich Neuem, Unvorhersehbarem. Es gehört zur menschlichen Freiheit, immer wieder neu Anfangen zu können, aber nicht als völlig bezugslose Menschen, sondern wie ein neuer Anfang, der in das Spiel der Welt geworfen wird.

Weil wir Geborene, Neuankömmlinge sind, können wir Initiative ergreifen, Anfängerinnen werden und Neues in die Welt setzen. So wie Gott angefangen hat durch die Erschaffung der Welt, können wir gottebenbildlich Anfängerinnen sein.

Wir sind in diese Welt gestellt um selber zu gebären: nicht nur Kinder, sondern auch Ideen, gerechtere Strukturen und menschlichere Beziehungen. Auch indem wir politisches Neues denken und umsetzten wiederholen wir Gottes Schöpfungsakt.

 

Für Paulus ist die Erlösung wie ein Geburtsprozess, der uns mit anderen verbindet. „Hör sehr aufmerksam auf das Seufzen und Stöhnen neben dir – auf all das Erlösung-Suchen in unserer Welt, verbinde es mit deinem eigenen Seufzen, wisse dich im Weh/in den Wehen mit andern verbunden.“

Paulus arbeitet hier eine Überlebensstrategie aus, die auf die (subversive) Kraft der Gemeinschaft setzt. Er beschreibt die Welt wie einen großen „Kreissaal“ der neuen Schöpfung. Die Weltordnung steht an einem Drehpunkt, an dem das Gemeinschaftsgefüge verändert und neu geboren wird.

 

Die Ruach, die heilige Geisteskraft ist solidarisch mit der leidenden Schöpfung und wirkt wie eine Hebamme - auch in uns drinnen. An etwas andere Stelle im Römerbrief schreibt Paulus, dass die Ruach in uns schreit.

Denn Geburten gehen nicht lautlos von sich. Nicht nur Atmen, Stöhnen und Schnauben sind zu hören, sondern lautes Seufzen und auch Schreien. Trotz modernerer Geburtsmedizin ist das Schreien bis heute bei uns verpönt.

 

Jüdinnen machen Gebärenden Mut zum Schreien.

Sie sagen: zum Kampf gehören Trompeten!

 

Deshalb lauter Frauen! Traut euch zu schreien!

Wir sind überzeugt, dass eine neue, gerechtere Welt geboren wird. Es geschieht nicht von alleine, sondern unter den Anstrengungen einer Geburt und braucht viele Geburtshelferinnen. Frauen , die sich gegenseitig unterstützen, auch beim Schreien!

Denn Schreien hilft, dass sich Schmerzen in Kraft verwandeln.

Amen

 

 

Segen:

Alle, die geboren wurden, wissen es, tief drinnen.

Am Anfang des Lebens stand die Enge

Die Angst

Keine Luft zum Leben mehr zu haben

Das Kämpfen

Aber dann plötzlich

Mit einem Schrei

Fing etwas Neues an

Wurde Erlösung

Entbindung

In die Weite einer neuen Welt..

 

Darum sei auch jetzt getrost und fürchte dich nicht:

Die Enge, die dir Angst macht

Die Atemnot und Unruhe

Das Weinen deines Körpers

Treibt dich hinaus

In eine neue Wirklichkeit

 

Dabei begleite uns die göttliche Geisteskraft, wie eine innere Hebamme.

Sie helfe uns zu gebären und dabei zu schreien.

Amen

 

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