9. Jänner 2005
 

Harald Kluge
 

„Spenden und Böller“

 

 

Jesus kam sechs Tage vor dem Passa nach Betanien, wo Lazarus war, den Jesus von den Toten auferweckt hatte. Dort bereiteten sie ihm ein Mahl, und Marta trug auf; Lazarus war einer von denen, die mit ihm zu Tische lagen. Da nahm Maria ein Pfund echten kostbaren Nardenöls und salbte Jesus die Füße und trocknete seine Füße mit ihrem Haar. Das Haus wurde erfüllt vom Duft des Öls. Judas Iskariot aber, einer seiner Jünger, der ihn verraten sollte, sagte: Warum hat man dieses Öl nicht für 300 Denar verkauft und Armen zugute kommen lassen? Dies sagte er aber nicht, weil ihm die Armen am Herzen lagen, sondern weil er ein Dieb war und die Kasse hatte und die Einnahmen beiseite schaffte. Nun sprach Jesus: Lass sie, damit sie es bewahre für den Tag meines Begräbnisses. Denn die Armen habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.

        Johannes 12,1-8

 

Liebe Gemeinde!

Jesus überrascht seine Jünger und uns immer aufs Neue. Er zieht mit ihnen Richtung Jerusalem, zum Passafest, obwohl bekannt sein dürfte, dass man ihn dort bereits sucht. Und sie machen Halt in einem Haus im Städtchen Betanien und treffen dort auf gute Freunde Lazarus, Maria und Marta. Alle waren in großer Festtagslaune, denn Jesus hatte vor einiger Zeit Lazarus von den Toten auferweckt. Es ist noch knapp eine Woche bis zum Passafest, man ist unter Freunden und liegt gemeinsam zu Tisch, wie es damals üblich war. Köstliche Speisen werden von der guten Marta aufgewartet und es gibt hervorragenden Wein. Als Krönung des Festes kommt Maria mit einem Krug voll Nardenöl und salbt mit ihm die Füße von Jesus. Mit ihrem langen Haar streicht sie die Füße wieder trocken. Im ganzen Haus duftet es köstlich nach Essen und herrlichem Nardenöl. Die ganze Gesellschaft ist in lockerer, guter Stimmung. Es wird getrunken, gesungen, geschwatzt und gelacht. Ein Moment der völligen Gelassenheit und Unbeschwertheit, wie sie ihn vielleicht an Heiligabend oder zu Silvester erleben durften.

„Warum hat man dieses Öl nicht für 300 Denar verkauft und Armen zugute kommen lassen?“ Schluss mit lustig und Ende der Party. Das war’s. Denn wenn einer der Gäste anfängt zu nörgeln und die unbequemen Fragen erst einmal anfangen, dann ist es vorbei. Alles war perfekt für diesen einen Moment. Und dann gibt es doch immer wieder auf jeder Feier einen Partykiller. Einen, der die Stimmung ruiniert. „Der Wein ist doch viel zu teuer. Den leistet sich doch keiner, der noch bei Verstand ist.“ „Die bunten Lichter da am Baum kosten doch jede Menge Strom. Da hätte man gut und gern drei Familien pro Tag verköstigen können.“ „Und wir haben das früher auch nicht gehabt.“

Gehört Judas mit seinem Einwand „Brot statt Öl“ vielleicht in die Kategorie jener Gäste, die sich nur nicht zu benehmen wissen? Die Musik ist ihnen zu laut und der Wein ist ihnen zu kalt. Das Schnitzel ist ihnen zu fett und das Sitzkissen ihnen zu schmutzig. Natürlich hat man als Gastgeber eine Menge Geld für Essen und Getränke ausgegeben. Aber man hat es gern getan und möchte keine Strafpredigt dafür bekommen.

Und wenn etwas aufgewartet wird, wie Nardenöl, also bitte, das ist echter Luxus, und wer sich da beschwert, dem kann man wohl kaum noch helfen. Die Narde, aus deren Wurzeln man bereits damals jenes berühmte und kostbare Öl gewonnen hat, wächst im Himalaya zwischen 2000 und 3000 Metern Höhe. Vor gut 2.000 Jahren war es wohl auch kein leichtes Unterfangen an diese Pflanze zu kommen. Die Narde ist ein ganz zartes, stark duftendes Kraut. Als warm, erdig und aromatisch klassifizieren sie Aromatherapeuten. Und bekannt war und ist ihre ausgleichende Wirkung auf alle Organe, besonders auf das Herz und auf die Haut. Sie hat einen besonders beruhigenden Effekt, ähnlich wie Baldrian, und hilft bei Schlafstörungen, Unruhe, Nervosität und emotionalen Blockaden. Dieses Öl zählt zu den Luxusartikeln jener Zeit, so wie etwa Gold, Weihrauch und Myrre auch. Jesus umwehte  von Zeit zu Zeit eben auch ein Hauch von Luxus. Heutzutage bekommen sie Nardenöl, etwa 5 ml für 4,10 EUR, im Esoterikshop oder in ihrer Apotheke. Damals war es so wertvoll wie flüssiges Gold und nur bei Spezialhändlern zu beziehen. Dreihundert Denare soll das Öl gekostet haben. Soviel wie das Jahresgehalt eines Arbeiters im Weingewerbe, ein Gehalt, mit dem eine Familie für ein Jahr ihr Auslangen finden hätte können. Das Nardenöl, dass Maria bringt, hat dazu noch ein Gütesiegel. Ein Pfund echtes, unvermischtes, naturbelassenes Nardenöl. Kein Wunder, dass sich dieser Duft und die Rede davon im Haus und bis zu den Nachbarn ausbreitet. Dass die Zurschaustellung von Luxus seit jeher aber Aufsehen und Neid erregen, wissen wir nicht erst seit den Opernballübertragungen im Fernsehen. Da melden sich flink die kritischen Stimmen. Und diesmal kommt die kritische Stimme gar aus den eigenen Reihen der Jünger.

Im Evangelium nach Johannes ist Judas der Spielverderber, der nicht mit ansehen kann, wie diese dumme Frau glaubt, Jesus durch Luxus beeindrucken zu können. Bei Matthäus sind es gleich einige der Jünger und bei Markus sind es einige der anwesenden Gäste, die beginnen, sich unwohl zu fühlen und fragen: „Warum hat man das Öl nicht verscherbelt und dafür Essen und Kleidung eingekauft, dass man an die Armen verteilen hätte können?“ Eine sehr berechtigte Frage, so scheint es. „Wozu soll das Verschütten dieses teuren Parfüms gut gewesen sein?“ So können natürlich nur Männer reden, die keine Ahnung von den wertvollen Dingen haben, die das Leben erst so richtig schön machen. Uns Männern bleibt es ein Rätsel, was Frauen an Schmuck, Parfüms und italienischen Schuhen finden. Frauen wundern sich hingegen über den Hang vieler Männer, ein oder zwei Jahresgehälter für einen fahrbaren Untersatz auszugeben, der sie von Punkt A zu Punkt B bringt.

Judas wundert sich nur noch. Als einer der engen Freunde von Jesus hatte er ständig die Botschaft vom anbrechenden Gottesreich gehört. Es sei die heilige Pflicht eines Juden, den Armen, den Bedrängten und Unterdrückten zu helfen, wo man kann. Und nun gibt sich Jesus als einer, der Verschwendung gutheißt. Vielleicht hat Jesus nicht mitbekommen, wie wertvoll dieses Öl in Wirklichkeit ist und welcher Schatz da über ihn ausgegossen wird. Möglicherweise war ihm der Duft von diesem Öl unbekannt. Oder Jesus hatte an Biss und Radikalität verloren. Für Judas zeigt sich hier Jesus als einer, der immer Nächstenliebe predigt aber nun in Eigenliebe schwelgt. Sein Einwand klingt gar nicht so abwegig. Aber der Verfasser des Johannesevangeliums unterstellt dem Judas einen noch viel verwerflicheren Zug. Judas sei ein Dieb, denn er hat die Kasse der Jüngergemeinschaft verwaltet und sich, so heißt es, schon einige Male darin persönlich bedient. Als Grundtenor schwingt hier die Ansicht mit, dass die Verwaltung von Geld prinzipiell den Charakter verdirbt. Denn man beginnt nur noch in Zahlen und Geld zu denken, ohne die Beweggründe der Mitmenschen mit einzuberechnen.

„Brot statt Nardenöl!“, lautet der packende, zornige und unsinnige Slogan des Judas. Was hätte man nicht alles Gute mit diesem wertvollen Schatz tun können. Und da gießt die einfältige Frau es ihm einfach über seine Füße. Eine nüchterne Kosten-Nutzenrechnung stellt klar: Ein kurzer Moment der seelischen Entspannung und eine aufopfernde Liebesbezeugung stehen hier einer lang anhaltenden realen Armutsbekämpfung gegenüber. Sich feiern und preisen zu lassen, sündteure Geschenke anzunehmen, so hatte Judas seinen Lehrer und Meister Jesus bisher nicht erlebt. Und er ist schockiert und wohl auch wütend. Da wird immer so ein großes Gerede über die Hilfe für die Armen gemacht und dann so was. Das ist doch die Höhe.

„Brot statt Nardenöl!“ „Brot statt Böller!“ zu Silvester gehört dieser Slogan bereits zum evangelischen-asketischen Jahresritual. „Brot statt Blumen“ am Valentinstag, „Spenden statt schickes Fest“ zu Weihnachten, „Essen statt Eiern“ zu Ostern wären neue Varianten dieses Spruchs.

„Brot statt Ball“, statt Opernball, ist der letzte Slogan in dieser Reihe der Versuche, uns ein schlechtes Gewissen zu predigen. Als hätte das Eine mit dem Anderen zu tun. Der Philosoph Soren Kierkegaard brachte es auf die Formel: „Ethik und Ästhetik“. Beide lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Denn was haben der Verzicht auf die eigene Freude und die Spende für die Diakonie miteinander wirklich zu tun? Zu Weihnachten und Silvester, so schallt der Ruf alljährlich, solle man an die Armen denken, an die vielen Notleidenden in Südasien, in Afrika, in Latein- und Südamerika, in Ostasien und Osteuropa und auch hier bei uns. Man könnte zurückfragen, warum denn gerade an diesen speziellen und zeitlich befristeten Terminen, an denen Feiern angesagt sind? Wäre es womöglich angebrachter beim Autofahren an die Umwelt, beim Einkaufen an den fairen Welthandel und beim Urlaub an die Menschen zu denken, die vom Tourismus leben und ihn dringend für ihre Wirtschaft brauchen. Man denke nur an Sri Lanka und Thailand. Ein bewusster Autofahrer und kritischer Konsument, ein zivilcouragierter, weil engagierter Bürger kann im Gemeinwesen und in der Welt wohl mehr und das nachhaltig bewirken, als durch einen verordneten kurzen Moment der spendenfreudigen Betroffenheit. Wenn mir mit Bildern von Katastrophen ständig versucht wird, die Lust auf das Leben zu nehmen, fängt mein innerer Widerstand an. „Hast du mal eine Minute für die Umwelt?“ Nein! „Hast du ein Herz für Kinder?“ Nein, ich mein ja, aber leider hab ich keine Zeit. Mit Verzicht lässt sich ein bequemes Ruhekissen für unser Gewissen nähen, aber als Mensch werde ich unruhig. Wie sehr bin ich denn dann überhaupt noch Herr im eigenen Haus? 

In der Schriftlesung aus dem Jesajabuch Kapitel 58 heißt es:Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?“

Den Verzicht auf eigene Sinnesfreuden, auf ein gutes Essen, eine schön eingerichtete Wohnung, auf Begehrlichkeiten des Alltags – diese Dinge als Lösungsangebot für die offenen Weltfragen anzubieten ist naiv. Denn die Askese richtet sich vor allem gegen eins: „gegen das unbefangene Genießen des Daseins und dessen, was es an Freuden zu bieten hat.“, so der Soziologe Max Weber. Die Askese, der bewusste und freiwillige Verzicht auf das, was man eigentlich gerne hätte, diese Askese ist kein Instrument zur Weltverbesserung. Askese ist viel eher der natürliche Feind unseres Systems der Marktwirtschaft, in dem wir ganz gut leben, denn Askese lähmt die Kaufkraft. Aber es kommt gut an, im Fernsehen und bei den Wählern, wenn man auf seinen verdienten und vielleicht notwendigen Urlaub, auf geplante und vorbereitete Feierlichkeiten verzichtet. So wird das Geldausgeben an sich zur Verschwendung, und wenn es sein muss, verzichten auch Herr und Frau Österreicher auf Spaß, Genuss und Action am Silvesterabend. Die Silvesterknallerei wird zur sündigen Geldvernichtungsaktion abklassifiziert und Gemeinden sind stolz auf ihre abgesagten Feuerwerke. 

Aber auch in Zukunft werden wir es uns hoffentlich nicht nehmen lassen, zu feiern, denn es ist ein wesentlicher Teil unseres Lebens. Damit man das Leben aushält. Je größer das Elend, dem man im Alltag auf Schritt und Tritt begegnet, desto unentbehrlicher werden Zeiten für Feste und um so stärkere Mittel sind nötig, um im Rausch von Schönheit und Genuss die angenehmen Seiten der Wirklichkeit noch spüren und entdecken zu können. Brasilien zählt mit zu den Ländern mit der bittersten Armut und feiert den berauschendsten Karneval. Dabei kann dieses Land für kurze Zeit seine Sorgen vergessen. Das festliche Ritual mit seiner Vorbereitung und Ausschmückung, seiner im besten Falle liebevollen und würdigen Ausgestaltung, trägt etwas Phantastisches und Wundervolles in sich. Ein Fest kann die Menschen entkrampfen vom täglichen Kampf im Büro, es kann auflockern für die nächste Runde mit den Kindern, es stärkt einen für die kommenden Arbeitstage, wo einen der Stress droht aufzufressen. Das festliche Beisammensein erleichtert Geschehenes anzunehmen, beschwingt die Schuhsohlen und bricht mitunter schlechte Gewohnheiten auf. Mit Feiern und Festen erobern wir wieder ein Stück vom Raum und von der Zeit, die uns durch Alltagssorgen verlorengegangen sind. So bietet sich auch jeder Sonntag an, als ein Festtag vor Gott, als eine kurze aber wichtige Unterbrechung der Arbeit, eine Möglichkeit zur Neubesinnung und Neuorientierung. Das Festefeiern und Genießen ist wohl eine Kunst und scheitert nicht selten. Die „Kunst des Müßiggangs“ will gelernt sein. So versprechen uns Sommerakademien in Griechenland und Volkshochschulkurse das Entdecken von neuer Lebensfreude auch im Umgang mit unserer freien Zeit. Derart gestärkt können wir die Probleme in unserem Umfeld angehen.

Jesus hatte einen solchen Moment der Ruhe und Entspannung wohl bitter nötig. Das Öl war nicht umsonst für ihn vergossen worden. Und Jesus hatte nicht auf die Not und Armut in der Welt vergessen. Nur diesen Augenblick wollte er ganz und voll genießen, seine müden Füße stärken lassen für den bevorstehenden schweren Gang nach Jerusalem und darüber hinaus. Nur wenn ich selbst Kraft habe, vor Stärke und Zuversicht strahle, kann ich Helfer für andere sein. Zuversicht und Hoffnung brauchen ab und an ein neues Fundament. Jesus war selbst stark und konnte es deshalb auch für andere sein. Es ist nun einmal kein Gegensatz darin zu sehen: „Brot und Böllern“, „Spenden und Feiern“.

Gott interessiert es nicht, ob wir fasten und uns kasteien. Wer Almosen gibt, soll das frohen Herzens tun und nicht viel davon Aufhebens machen, spricht Jesus an anderer Stelle. Und dem Judas hätte Gott wohl mit den Worten des Jesaja geantwortet:

„Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“

AMEN

 

zum Anfang