5.
Mai 2005
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Als Jesus weiterging, liefen ihm zwei Blinde nach und schrieen: "Du Sohn Davids! Hilf uns doch!" Sie folgten ihm bis in das Haus, in dem er wohnte. Jesus fragte sie: "Glaubt ihr denn, dass ich euch helfen kann?" "Ja, Herr!" antworteten sie. Da berührte er ihre Augen und sagte: "Was ihr mir zutraut, das soll sich erfüllen." Sofort konnten sie sehen. Jesus aber befahl ihnen: "Niemand darf von eurer Heilung erfahren." Trotzdem gingen sie in die Stadt und erzählten es überall. Als die beiden gegangen waren, brachte man einen Stummen zu ihm, der von einem bösen Geist beherrscht wurde. Jesus trieb diesen Dämon aus, und sofort konnte der Mann reden. Darüber staunten die Leute sehr und riefen: "So etwas haben wir noch nie gesehen!" Matthäus 9,27-34
Liebe Gemeinde! Liebe Konfis! Ja, wir, die Mitarbeiter und ich, haben uns ehrlich bemüht, euch in diesen 7 Monaten wirklich ernst zu nehmen. Und deshalb gab es in diesem Konfikurs keine „katholischen Kurzfilmvorführungen“. Wir haben es auch unterlassen, euch wie Kinder in der Schule zu unterrichten. Und wir haben euch nicht ständig zum Beten oder zum Predigen auf die Kanzel abkommandiert. Außer es war euer eigener Wille. Eure geäußerten Bedenken auf die Frage: „Was wollt ihr nicht in diesem Kurs erleben?“ zu Beginn des Konfijahrgangs im Oktober 2004 konnten wir somit zu 100 % aus dem Weg räumen. Und wir haben uns Mühe gegeben, alle Punkte zu erfüllen, die ihr an Erwartungen an uns angemeldet habt: Ihr wolltet wegfahren – Wir sind immerhin bis ins verschneite Annaberg und ins abgelegene Weikersdorf gekommen und haben uns auch auf den Weg in den sonnigen Süden gemacht, in die reformierte Gemeinde am Wielandplatz im 10. Bezirk. Neben dieser Reiselust hat es euch auch gejuckt, einen Gottesdienst vorzubereiten und ihn dann auch zu halten – Im Jänner war es so weit und ihr habt wohl manche Besucher in Angst und Schrecken versetzt. Auch ins Kino haben wir es geschafft. Die „Fetten Jahre“ sind wirklich schon vorbei, so wie der Klassenkampf und alle gesellschaftlich relevanten Revolutionen wohl auch. Ob ihr Spaß bei all dem gehabt habt, und die gewünschten Erfahrungen in Bezug auf euren Glauben machen konntet, kann ich von hier oben nicht feststellen. Gut, ich gebe ja zu, es hätte besser sein können. Aber es konnte auch nur ein guter Anfang sein. Wir haben keinen Blinden wieder sehend gemacht und keinen Stummen zur Sprache verholfen. Unsere Rolle als Leitungsteam war wohl eher die, selbst mit euch wie Blinde und Stumme, durch die Gegend zu streifen, immer bereit etwas zu erleben und nachzuhacken. Spannend war etwa, sich die nicht alltägliche Gottesbegegnung in Wien vorzustellen. Was würdet ihr Gott denn heute für eine Frage stellen, wenn ihr ihm plötzlich in der U-Bahn gegenüber sitzt? Wie würden sie, liebe Gemeinde, ihn denn ansprechen? Würden sie sich überhaupt trauen, ihn anzureden? „Entschuldigung. Sie sind doch Gott, oder nicht?“ Welche Anrede wäre denn da passend? „Ach, du mein lieber Gott!“ „Oh, Gott, oh, Gott!“ Vielleicht warten sie auch lieber, ganz in die U-Bahnzeitung versunken, darauf, dass Gott doch bitte bei der nächsten Station Taubstummengasse aussteigt. Danke. In der Konfistunde im Oktober habt ihr, liebe Konfis, dem Fahrgast Gott ganz klassische Fragen gestellt, die jeden Philosophen und jede Philosophin, und wohl auch Florian und Jakob, ein Leben lang beschäftigen können: „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ „Wieso ist die Welt so kaputt und geht immer mehr zu Grunde?“ „Wie groß ist das Universum und der ganze Rest?“ „Gibt es andere Götter und hat es Sinn, sie anzurufen?“ „Hat es überhaupt einen Sinn, dich, Gott, anzurufen?“ Das hat uns im November 90 Minuten lang in der Kirche hier beschäftigt. „Verändert Beten die Dinge?“ Um diese diffizile Frage zu lösen, sind wir sehr analytisch und experimentell vorgegangen. Es wurden interessante Gebetsstationen arrangiert. Wo meinen sie, liebe Gemeinde, haben sich schlussendlich die meisten Jugendlichen zusammengefunden? Wo ist es hier im Raum am gemütlichsten? Sie werden es kaum glauben, hinten links auf der Empore sind die gemütlichsten Plätze, hinter der letzten Bankreihe. So ließe sich der Streifzug durch dieses Jahr Konfikurs weiterführen und es gab wirklich viele überraschende Erlebnisse. Die Diskussion zum Thema: „Weihnachten – wozu brauch i des?“ mit Weihnachtsfanatikern und Weihnachtsgegnern, mit einem Vertreter der Wirtschafts- und Handelskammer, einer Maronibraterin und einem Hyperfrommen war kurz gesagt, reif für den ORF. Und das meine ich nicht, weil die Qualität der Fernsehdiskussionen so zu wünschen lassen. Wo wir euch wohl ein wenig die Augen öffnen konnten war mit der „Reformierten PISA-Studie“ in unserem Keller. Während sich das Publikum oben im Hof und Gemeindesaal am Henriettenmarkt ergötzte, rauchten in den tiefen Gewölben der Kirche die Köpfe der Konfis über einigen sehr speziellen Fragen zu unserer reformierten Spezies hier in Wien. Zwei von drei PISA-Gruppen haben sich durch das Fragengewirr gekämpft und sind schließlich mit ein wenig Schläue auf die erforderliche Punktezahl gekommen. Es gibt also Grund zur Hoffnung. Wenn Menschen erstmals in dieses Haus und diese Gemeinde kommen, können sie sich schon wie in einem Dschungel vorkommen. Zwar gibt es keine wilden Tiere, außer ein paar süßen Katzen, aber es wirken hier ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, etwa ein Küster, eine Kirchenbeitragsreferentin und viele andere mit. Da verliert man schon einmal den Überblick. Dazu gibt es dann die witzigsten Vermutungen, was diese Leute so den lieben langen Tag überhaupt machen. Hier ein wenig Basisinfos zu unserer Gemeinde zu liefern, und der Frage nachzugehen, was geschieht eigentlich, wenn die Kirchentüren versperrt sind, so von Montag bis Samstag, war uns vom Team her besonders wichtig. Und wenn sie, liebe Erwachsene, einmal wissen wollen, was mit ihren Kirchenbeiträgen passiert, fragen sie die Konfirmandinnen und Konfirmanden. Wir haben sie gut informiert. Auch was die offiziellen Stimmen betrifft, seid ihr, liebe Konfis, unterrichtet worden. Über die Gemeindevertretung, das Parlament der Gemeinde, und das Presbyterium, den Vorstand, kann euch niemand etwas vormachen. Und ihr habt euch auch wacker in einer eilends einberufenen Konfi-Gemeindevertretungssitzung geschlagen, als aus einer Erbschaft plötzlich Geld zur Verfügung stand, und als es um essentielle Fragen der Veranlagung und des verantwortbaren Ausgebens gegangen ist. Ihr wärt tolle Gemeindevertreter, auch wenn ihr aus unserem Hof keinen Spielplatz machen wollt und der sechsköpfigen Flüchtlingsfamilie aus Bangaldesch dann doch nur ein Substandardwohnangebot verschafft habt. Eines worüber ich sehr erfreut und erstaunt war, was aber das Konzept für die ersten Stunden heftig durcheinander gewirbelt hat, war die Sache, dass ihr, obwohl gegenseitig völlig unbekannt, euch schnell gefunden habt. Ihr hättet keine Kennenlernspielereien gebraucht, weil ihr in wenigen Stunden schon bestens aufeinander eingespielt ward. Und beim gemeinsamen Abendmahl, angelehnt an das letzte Abendmahl Jesu, war die Stimmung so gut, dass es euch selbst schon fast peinlich war. So lustig soll es doch beim Abendmahl nicht zugehen, so heiter und so fröhlich, waren eure Bedenken. Aber soll das Abendmahl nicht ein Fest der freudigen Erinnerung sein? In all den Stunden mit euch hat sich gezeigt, ihr habt genügend Mut und Lust, Neues zu entdecken. Auch wenn euch nicht ganz klar war, wozu wir dies oder jenes am Anfang einer Stunde machen, habt ihr trotzdem toll mitgemacht. An die Aufforderung von Jesus, über gesehene Wunder nicht zu sprechen, würdet ihr euch wohl auch nicht halten. Nur wo kann man Wundern überhaupt noch begegnen? Auf einer Ebene bin ich persönlich immer wieder überrascht, weil es dort fast täglich zu nicht erklärbaren Phänomenen kommt und jede Akte X-Folge, schauen sie mal genau hin, auf dieser Ebene spielt. Auf der Beziehungsebene geschehen die wunderlichsten Dinge und auch im Predigttext ist neben dem Heilungswunder noch ein anderes Wunder wirksam. Da kommen zwei fremde mit Blindheit geschlagene Männer zu Jesus. Und er schickt sie nicht weg sondern sagt zu ihnen: „Was ihr mir zutraut, soll geschehen!“ Dieses Angebot steht auch heute noch. Wer sehen will, kann es sehen. Wer nicht verdrängt, seine Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließt, merkt wo die Stolpersteine und Hürden auf einen lauern. Statt Augen zu und durch – Augen auf und los. Und was ist mit den Dingen, die uns sprachlos und stumm machen? Mit grober Gehässigkeit, fahrlässiger Unfairness und menschenverachtender Gewalttätigkeit kann ich als Mensch schlecht umgehen. Das macht mich sprachlos, aber nur für eine gewisse Zeit. Wie bei Mose in der Lesung (Exodus 4,1-10) stimuliert Gott schließlich wieder Augen und Mund. Gott reißt uns die Hände aus den Taschen, wo wir sie gemütlich eingesteckt haben, um nicht zupacken zu müssen. Gott macht uns unruhig und unzufrieden. Wer an seinem Glauben zweifelt, hat einen guten Weg eingeschlagen, denn da wartet eine Auseinandersetzung mit Gott, die es braucht. Alles, womit Gott uns ausgestattet hat, einen Kopf zum Schütteln, zwei Schultern, um sie zu zucken, zwei Hände, um sie aneinander zu reiben, einen Bauch, um mich und andere zu spüren, all das hat seinen Sinn, auch wenn er mir nicht immer gleich klar ist. Manche können mit ihren Händen gut Geige spielen, andere werfen Bälle in Körbe, die einen trommeln sich die Finger und Handflächen wund, andere benutzen sie als verlängerte Augen zum Malen und zaubern lebende Bilder auf ein weißes Blatt. Die einen können durch den Klang ihrer Stimme und ihren Gesang viele bezaubern, andere wiederum benutzen die Sprache fürs analytische Denken hoch drei. Normalerweise heißt es, die Ursachen für Blindheit sind Unterernährung, Vitaminmangel und unhygienische Zustände. Millionen Menschen leiden an einer solchen Blindheit und für nur 30 € bei einem Erwachsenen und 125 € bei einem Kind kann ihnen oft das Augenlicht geschenkt werden. Unsere Blindheit resultiert meist aus der Blödheit und Stumpfsinnigkeit und daraus, dass wir die Hände nicht dort einsetzen, wo es notwendig wäre, sondern uns die Augen zuhalten, die Ohren zuhalten und den Mund versperren. So gesehen machen wir uns oft genug zum Affen, wenn wir manches einfach nicht sehen, hören oder sagen wollen. Frei nach dem Arik Brauer-Lied: „Hinter meiner, vorder meiner, links, rechts güts nix, ober meiner, unter meiner siech i nix, gspia nix, her nix und i riach nix, denk i nix und red i nix und tua i nix.“ Die drei Affen des shinto-buddhistischen Glaubens, mit ihren unterschiedlichen Handhaltungen sind weltberühmt. Sie sehen, hören und sprechen nichts Böses sondern suchen nur das Gute. Gott will unsere Augen öffnen und reinigen. Gott möchte uns die Ohren putzen, und will dass wir das Maul aufmachen. AMEN |