16. Jänner 2005

Konfirmandinnen und Konfirmanden

 

 

„Wer hat schon Angst?“
 

Jesus sagte zu den Jüngern: Stellt euch vor, einer von euch hat einen Freund. Mitten in der Nacht geht er zu ihm, klopft an die Tür und bittet ihn: Leihe mir doch bitte drei Brote. Ich habe unerwartet Besuch bekommen und nichts im Haus, was ich ihm anbieten könnte. Vielleicht würde der Freund dann antworten: Stör mich nicht! Ich habe die Tür schon abgeschlossen und liege im Bett. Außerdem könnten die Kinder von dem Lärm wach werden. Ich kann jetzt nicht aufstehen und dir etwas geben.

Das sage ich euch: Wenn er schon nicht aufstehen und dem Mann etwas geben will, weil er sein Freund ist, so wird er schließlich doch aus seinem Bett steigen und ihm alles Nötige geben, weil der andere ihm einfach keine Ruhe lässt.

Darum sage ich euch: Bittet, und es wird euch gegeben. Sucht, und ihr werdet finden. Klopft an, dann wird euch die Tür geöffnet. Denn wer bittet, der wird bekommen. Wer sucht, der findet. Und wer anklopft, dem wird geöffnet.   AMEN

                                                                                     Lukas 11,5-10

 

Liebe Gemeinde,

das Thema unseres Gottesdienstes lautet „Angst“ und Sie können jetzt berechtigt fragen, was denn der Bibeltext, den Sie gerade gehört haben mit Angst zu tun hat. Das Alte Testament würde ja geradezu von Texten die mit Angst zu tun haben wimmeln. Da werden Leute aus dem Paradies vertrieben, da werden Plagen über das Land geschickt und unzählige Menschen auf brutalste Weise ermordet. Was hat also der Text aus dem Lukasevangelium mit Angst zu tun. Um das zu erklären müssen wir ein wenig ausholen.

Nehmen wir erst einmal einen „Angstklassiker“ aus dem Alten Testament. Beschäftigen wir uns näher mit der Geschichte von Daniel in der Löwengrube, die wir in der Lesung gehört haben. Die Löwengrube – das ist schon etwas was Angst macht. Ein eiskalter Schauer setzt sich hartnäckig im Nacken fest wenn man an eine Grube voller Löwen denkt, die hungrig sind, die sich jede Sekunde auf mich stürzen können. Man sitzt in der Falle – es gibt keinen Ausweg. Wer hätte da nicht Angst?

Wir haben uns überlegt dass viele Dinge die uns Angst machen, wie eine Löwengrube sind. Unsere eigene, ganz persönliche Löwengruppe. Da gehören große Angstmacher dazu, wie Naturkatastrophen, Zerstörung der Umwelt, Kriege.  Wir sehen was passiert, aber wir haben das Gefühl, dass wir daran nichts ändern können. Wir sitzen in der Falle. Wir stellen uns dann die Frage nach der Zukunft. Macht es denn überhaupt Sinn in dieser Welt zu leben, wenn sie ohnedies kaputt gemacht wird. Wie wird unsere Zukunft sein? Haben wir überhaupt die Möglichkeit unsere Träume zu verwirklichen, das zu tun, was wir tun wollen? Wird sich die Welt um uns herum so verändern dass wir gezwungen sind unsere Visionen, unsere Pläne aufzugeben?

Diese Frage nach unserer Zukunft ist unsere Löwengrube. Werden wir heil rauskommen oder wird uns ein Löwe schnappen? Werden wir den Beruf bekommen den wir uns wünschen? Werden wir eine Familie haben? Werden wir den Anforderungen die wir an uns stellen oder die an uns gestellt werden jemals gerecht werden?

Wir suchen Antworten auf diese Fragen, nur sind diese so schwer zu finden, dass einfach mit einem lächelnden „ja, das wird schon alles gut gehen“ geantwortet wird. Eine typische Antwort übrigens, die wir bekommen wenn wir jemandem sagen, dass wir vor etwas Angst haben. Aber wir sind draufgekommen dass das nicht wirklich hilft. Wir fühlen uns zwar einen Moment lang sicher, doch einen kurzen Augenblick später sind die Löwen wieder da.  Also suchen wir andere Antworten.

Wie hat sich denn eigentlich Daniel gefühlt so umringt von diesen Löwen? Lesen wir die Geschichte im Danielbuch Kapitel 6 noch einmal springt eins ins Auge. Dieser Daniel hatte einfach keine Angst. Stellen wir uns die Szene genauer vor – mit einem Lächeln auf den Lippen geht Daniel in die Löwengrube. Er ist siegessicher, und er fürchtet sich nicht. Zumindest lässt sich kein Hinweis in der Geschichte darauf finden.

Was sollen wir mit jemanden anfangen, der keine Angst hat? Jemand, der sich, ohne mit der Wimper zu zucken einer Situation aussetzt bei der wir beim bloßen Gedanken daran schon Knieschlottern und nervöses Herzklopfen bekommen. Somit muss Daniel als Text der sich mit dem Thema Angst auseinandersetzt leider ausscheiden. Es kommt zwar ein Angstmacher darin vor, aber von einem angstlosen Menschen können wir nicht viel lernen.

Wir haben nämlich Angst. Angst vor vielen Dingen und wir haben auch kein Problem damit, es zuzugeben. Angst und der Umgang mit Angst gehört zu unserem Leben einfach dazu. Und man kann der Angst auch positive Seiten abgewinnen. Angst macht wachsam, Angst schärft unsere Sinne. Angst macht uns aufmerksam. Wir beginnen über Dinge nachzudenken, die uns Angst machen. Wir werden kritisch. Wir lassen nicht alles einfach mit uns geschehen, sondern versuchen unsere Angst zu überwinden, und etwas an der Situation, die uns Angst macht zu ändern. So kommen uns neue Ideen, neue Strategien, wir entwickeln neue Zukunftspläne oder finden neue Verbündete und Freunde.

In der Bibelstelle aus dem Lukasevangelium, die wir gewählt haben, geht es um Freundschaft. Ein Freund, der in der Nacht anklopft und um Hilfe bittet. Auch wenn der andere schon im Bett liegt und es ihm Umstände macht dem Freund zu helfen, letztendlich hilft er ihm doch. In unseren Gesprächen über Angst haben wir festgestellt, dass unsere größte Angst die Angst vor Isolation ist, die Angst alleine zu sein. Wir haben Angst davor, dass wir in unserer Klasse nicht mehr dazu gehören. Dass plötzlich keiner mehr mit uns redet, wir links liegengelassen werden. Dass niemand mehr da ist, den es interessiert wie es uns geht oder was wir denken. Wir haben auch Angst davor, keine Freunde zu finden oder dass unsere Freundschaften nicht halten. Wir haben das oft genug erlebt, wie schwer es ist Anschluss zu finden.

Da werden in verschiedenen Gruppen, egal ob das die Klasse oder andere Schauplätze sind, oft sehr eigenartige Kriterien aufgestellt. Nur wer der stärkste ist, ist anerkannt. Nur wer die schönste ist, hat Freunde. Nur wer das neueste Handy hat oder nur eine bestimmte Musikrichtung hört gehört dazu. Nur wer weiß, wo es langgeht und sich keine Schwächen anmerken lässt, der bleibt nicht allein. Also wenn das keine Löwengrube ist. Wie soll man denn bitte alle diese Kriterien erfüllen können, ohne dabei verrückt zu werden. Warum muss man ausgerechnet wie Daniel werden, um dazu zu gehören. Wir finden, dass es absolut in Ordnung ist, wenn man Schwächen hat, dass man Angst davor hat sich zu blamieren, Angst im Dunkeln alleine zu sein, Angst vor Wäldern, Angst vor dem Tod, Angst dass wir dem Leistungsdruck in der Schule nicht gerecht werden.

Doch was kann helfen wenn man diese Angst hat? Eine Antwort die wir gefunden haben ist: Ein guter Freund oder eine gute Freundin. Jemanden den ich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen kann, jemand dem ich vertrauen kann. Einen Freund oder eine Freundin, die zu mir kommt, wenn ich Angst habe, die mich in den Arm nimmt oder die einfach da ist und mit mir redet bis die Angst vorbei ist. Jemand der nicht versucht mich mit ein paar Phrasen wie „na das wird schon“ oder „geh, mach dir nicht ins Hemd“ abspeist, sondern jemand der uns mit unseren Schwächen und Ängsten ernst nimmt. Wir haben bemerkt dass oft genau diese Schwächen und diese Ängste einen anderen Menschen liebenswert oder interessant werden lassen. Fängt man mit jemanden an über seine Ängste zu sprechen – und das haben wir in der Predigtvorbereitung oft getan – dann erfährt man sehr schnell und sehr viel über den anderen. Man beginnt ein Gefühl für diesen Menschen zu entwickeln. Man weiß schon „aha – da hat er oder sie Angst, da muss ich aufpassen“ oder auch „da kann ich ihr vielleicht helfen“.

Ein gutes Beispiel dafür ist eine unserer Konfirmandinnen. Sie hat uns erzählt, dass sie panische Angst vor dem Wald hat. Niemand hat sie ausgelacht oder es lächerlich gefunden. Und dann haben wir einen Spaziergang gemeinsam gemacht – und siehe da – sie hat es geschafft durch einen Wald durch zu gehen. Weil Menschen um sie herum waren die sie gerne haben und denen sie vertrauen kann. Weil Menschen bei ihr waren die sie und ihre Angst ernst genommen haben.

Auch der Freund in der Bibelstelle nimmt seinen Freund ernst. Zuerst versucht er noch Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Wie gut kennen wir das nicht alle? Die beste Freundin die mitten in der Nacht anruft, weil sie Liebeskummer hat. Der beste Freund, der unangemeldet vorbeikommt weil er dringend etwas braucht. Natürlich denkt man oft im ersten Moment an seine Bequemlichkeit. „Hat das nicht Zeit bis morgen? Oder „Du ich bin hundsmüde, können wir das nicht ein anderes mal besprechen?“ Aber wenn unser Freund oder unsere Freundin eindringlich bittet, dann werden wir ihr zuhören, ihm helfen. Genau wie in unserer Bibelstelle. Auch der Freund bekommt das Brot, um das er bittet. Wir haben festgestellt dass ein guter Freund oder eine gute Freundin Gold wert sind, wenn es um die Überwindung von Angst geht. Es hilft uns, dass jemand für uns da ist. Es hilft uns, dass jemand uns auch weil wir oder gerade weil wir Ängste und Schwächen haben gerne hat. Genauso ist es für uns schön, für unsere Freunde da sein zu können. Zu sehen, dass nicht lauter Daniels durch die Welt laufen, sondern dass andere Menschen genauso wie wir Angst haben.

„Bittet, und es wird euch gegeben. Sucht, und ihr werdet finden. Klopft an, dann wird euch die Tür geöffnet.“

Ein gutes Beispiel für diese Tür war unser Konfirmandenweekend: Viele von uns hatten davor Angst. Wir haben niemanden gekannt und wussten nicht ob es nicht furchtbar langweilig wird. Wir haben nicht gewusst, ob wir in dieser Gruppe Anschluss oder Freunde finden werden. Und dann haben wir festgestellt dass doch alles gar nicht so schlimm wurde, wie wir es uns ausgemalt hatten, dass wir uns alle mögen, dass es Spaß macht miteinander zu arbeiten, zu plaudern und zu lachen. Keiner hat sich als Außenseiter Gefühl, und es hat geholfen über unsere Ängste zu sprechen, und vor allem auf sie zuzugehen. In dieser Konfirmandengruppe haben wir Leute gefunden, mit denen wir auch über ernste Dinge sprechen können, und die sich gegenseitig geholfen haben. Natürlich waren nicht alle Ängste gleich wie weggeblasen, aber wir hatten die vielleicht einmalige Chance die erste Tür zu öffnen, und den ersten Schritt in Richtung Angst zu tun. Es heißt doch: „Der beste Weg mit Angst fertig zu werden ist sich ihr zu stellen.“

Natürlich das ist jetzt leicht gesagt, und wir haben ja schon festgestellt, dass Angst auch durchaus positive Aspekte hat. Sie mahnt uns zur Vorsicht, sie zügelt uns, und doch ist der Spalt nur sehr klein zwischen Angst mit positiven, und Angst mit negativen Auswirkungen. Oft nimmt die Angst zu schnell überhand, und mit Hilfe des Vorstellungsvermögens macht man aus einer Mücke einen Elefanten. Und jeder Mensch kann sich einmal zur Seite Nehmen und sich sagen: Hier geht es mir mit meiner Angst zu weit. Hier möchte ich einen Strich machen, denn hier nimmt die Angst ein für mich persönlich unerträgliches Maß an.

Wahrscheinlich geht das nicht von heute auf morgen, aber wir haben gemerkt, dass es allein schon hilft mit einem oder auch mehreren Freunden oder verständnisvollen Leuten darüber zu reden. Wir haben festgestellt, dass das gemeinsame Weekend eine gute Therapie war. Wir sind freier, wir fühlen uns locker und fröhlich. Wir haben erfahren, dass es Sinn macht offen aufeinander zuzugehen.

Eine Tür ist für uns aufgegangen und wir haben entdeckt dass es eine Leiter gibt, die aus der Löwengrube hinausführt.

AMEN

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