6. November 2005
Abendgottesdienst
 

Katharina Liebert/Raimund Liebert
 

"Von Wundern, Walen und anderen Geschichten"
 

 

Jesaja 40, 31:
Aber die, die auf den Herrn harren, die ihm vertrauen, kriegen immer neue Kraft, dass ihnen Flügel wachsen wie dem Adler, Flügel, mit denen sie auffahren. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und werden nicht matt.

„Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Wenigstens manchmal sich erheben können von aller Erdenschwere, durchstarten, abheben, zurücklassen, was uns am Boden der Tatsachen, am Teppich bleiben lässt. Hinauf zur Weite des azurblauen Himmels; fliegen, segeln, gleiten, den Überblick haben, die Froschperspektive verlassen, alles aus neuer Sicht wahrnehmen, sich zum Gleitflug fallen lassen in den Wind oder näher hinauf zur wärmenden Sonne, weg von den Bindungen der Schwerkraft. Die müden langsamen Beine nicht mehr brauchen, sich aufschwingen in leise, lichte, unbegrenzte Höhen.“
[aus: Wiener Predigten Nr. 20, S. 39]

Liebe Gemeinde,

Nein, das war nicht alles Jesaja im Original. Da hat Erwin Liebert die Geschichte vom Adler weitererzählt, neu erzählt. Geschichten erzählen, das hat immer auch etwas mit Emotion zu tun. Das steht vielleicht am Anfang aller Geschichten, ein tiefes Mitteilungsbedürfnis und – im Idealfall – ein tiefes Zuhör-Bedürfnis.
Hören wir als Einstieg ein paar solche kleinen Geschichten.

Auf meine Frage, warum er eigentlich Theologie studiert hat, hat er mir einmal geantwortet, dass daran eigentlich sein Religionslehrer schuld war, der Geschichten aus der Bibel so spannend erzählen konnte, dass er neugierig geworden ist und unbedingt noch mehr erfahren wollte.

Genau so soll eine Geschichte erzählt werden: Man soll darin schwelgen können, sich darauf einlassen und in ihr aufgehen, sie weiterfühlen und weiter denken.
Eine Geschichte kann einen schlucken wie der Walfisch den Jona, dann sitzt man da im Bauch der Geschichte und staunt. Staunt wie man da hineingekommen ist, wie sehr man sich darin gefangen hat und ist auch gleichzeitig wahnsinnig neugierig, wie es wohl weitergeht.

Ich kann mich auch noch an ein paar Erzählungen über seine Arbeit mit den Konfirmanden erinnern, die ihm glaube ich besonders viel Spaß gemacht hat. Einen Assistenten, der schon seit Jahren immer dabei war, hat er des öfteren erwähnt. Den Schuphi. Dass „Schuphi“ einfach nur die Abkürzung für Philipp Schuster war, war mir weder bewusst noch irgendwie wichtig, aber der Name hat mir gefallen. Und zwar so sehr, dass ich - sehr zum Amüsement meines Vaters – angefangen habe davon zu sprechen, dass ich späte einmal „ein Schuphi“, gemeint war einfach ein Konfirmanden-Assistent, werden möchte.

Im Bauch der Geschichte sitzen wie im der Jona im Bauch des Fisches – hören wir da noch einmal einen Text:

„Für mich ist jetzt wichtig an Jona, dass er zunächst einmal in die andere Richtung davonrennt, als er Gottes Auftrag erhält und dann nicht umkehrt, sondern „umgekehrt wird“. Und besonders wichtig ist mir der Fisch und was in dessen Bauch alles passiert. Der Fisch als archetypisches Symbol für Tiefe, Finsternis, Angst – und doch auch eine völlig unerwartete Geborgenheit, schützende Kraft und Wärme. Seltsam: Im Bauch des Fisches, als also eigentlich noch alles offen ist, singt Jona einen langen, ergreifenden Psalm, in dem er für seine Rettung dankt.“
[aus: Wiener Predigten Nr. 26, S. 13]

So weit eine sehr persönliche Sicht, quasi ein Nach-Fühlen einer Geschichte mit persönlicher Auslegung. Aus dem Walfisch-Bauch kommen wir da noch nicht hinaus, aber offenbar hat das ja eine eigene Qualität – das Gschichterl für sich.

Achten Sie einmal auf Interviews mit Alexander Wurz nach einem Formel-1-Rennen. Es ist ein kein „Die Kurvn war da schon eher hart“, sondern tendiert häufig zu: „Ja, ich erinnere mich noch genau, wie mir mein Vater damals mein allererstes rotes Fahrrad gekauft hat...“ Angeblich hat Herr Wurz senior seinem Sohn klar gemacht, dass die Leut lieber Gschichtln hören wollen. Das macht nämlich sympathisch.

Es ist nur ein kleiner Schritt zum Gschichtldrucker. Ich habe im vergangenen Wiener Wahlkampf immer wieder äußerst lebendige Schilderungen per Post gekriegt. Die Straßen unserer Stadt verwahrlosen, immer mehr Gesindel treibt sich herum. Ganze Straßenzüge kommen herunter, weil sich doch tatsächlich... Ausländer in leer stehende Geschäfte einmieten und dort auch so komische Dinge wie... Kebab verkaufen. Eine wahrhaft mitreißende Geschichte.

Leider kann Erwin Liebert keinen Brief mehr an HC Strache schreiben, aber er hat einem anderen Politiker geschrieben, Israels König Salomo.

„Ich will dir zu Gute halten, dass deine flinken Hofschreiber wohl ein bisschen zu dick aufgetragen haben. Weißt du, auch wenn’s dir nicht recht ist, unsere Fachleute für die Geschichte Israels sehen deinen Prunk um Einiges nüchterner: Sämtliche Ausgrabungsergebnisse deine Zeit betreffend sind recht dürftig. Die von dir erbauten und rühmend erwähnten Städte gleichen selbst nach altorientalischen Maßstäben eher Dörfern. Ihre Häuser waren klein und ziemlich bescheiden, ebenso die gefundenen Kunstgegenstände. Für deine Handelstätigkeit, deine Importe, findet sich leider kein historischer Beweis, ebensowenig für die sagenhaften Kupferminen. Sei nicht böse, König Salomo, aber den objektiven Vergleich mit den anderen nicht-israelitischen Kulturen deiner Zeit hältst du nicht aus. Was dich besonders schmerzen wird: Nicht in einem einzigen ägyptischen, mesopotamischen oder phönizischem Dokument wird dein Name ein einziges Mal auch nur erwähnt. Nur aus der Bibel erfahren wir, dass du überhaupt gelebt hast. „Ja aber der Tempel, der Tempel des Herrn, den ich erbaut habe...“, wendest du vielleicht ein. Nun, ich will es dir ersparen detailliert über das weitere Schicksal dieses Bauwerks und über die Kritik, die es in deinem eigenen Volk auch erfahren hat, zu berichten. Ich bin auch nicht so respektlos wie jener Bibelforscher, der schreibt, der Tempel sei in seinem Umfang nicht über jenen einer heutigen Dorfkirche hinausgegangen, und der alte Orient habe jedenfalls Bauwerke von ganz anderer Größe besessen. Ich stelle nur fest, dass du aus einem ursprünglichen Wanderheiligtum, der Bundeslade, ein exklusives, fixes, städtisches Heiligtum, unmittelbar verbunden mit dem Königspalast, gemacht hast.“
[aus: Wiener Predigten Nr. 18, S. 44]

Tja, da hat uns Salomo ganz schön einen Bären aufgebunden, mit seinen Angebereien. Ein bisschen enttäuscht sind wir schon, zu gerne hätten wir die Pracht seines Reichs geglaubt. So schön haben wir uns den Tempel vorgestellt und für so groß haben wir seine Macht gehalten.

Und jetzt? Jetzt holt uns die Realität ein, reißt uns aus dieser Bewunderung heraus in ein böses Erwachen. Die Geschichte spuckt uns aus wie der Walfisch den Jonas. „Und der Herr gebot dem Fisch und spie Jona aus an Land.“ Jona hat dann immerhin den Auftrag von Gott bekommen, nach Ninive zu gehen und zu predigen, aber besonders gut ist es ihm dabei auch nicht ergangen. Die Angst vor dem bösen Erwachen ist groß. Es ist nicht schön Dinge leichtfertig zu glauben und dann als der Dumme dazustehen. Da lieber gleich von Anfang an Licht in die Sache bringen.

Aber man lernt ja schließlich aus solchen Enttäuschungen. Man wird misstrauischer und beginnt die Dinge zu hinterfragen. Stimmt die Geschichte wirklich so? Kann es sich tatsächlich so zugetragen haben? Aus Angst vor einem bösen Erwachen lässt man sich erst gar nicht mehr auf die Geschichte ein.

Wunder sind überhaupt ganz schwer zu glauben, zum Beispiel die Geschichte von Lazarus, der von Jesus wieder zu Leben erweckt wurde. Das ist so schwer vorzustellen, da kann doch etwas nicht stimmen – wahrscheinlich war dieser Lazarus noch gar nicht tot! Erwin Liebert dazu:

„Seit etwa zwei-, dreihundert Jahren, seit jener Epoche, die wir die „Aufklärungszeit“ nennen, ist der Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser biblischen Geschichte auch bei Christen nicht verstummt. In Bibelausgaben aus der Aufklärungszeit findet sich die Lazarusgeschichte unter der bezeichnenden Überschrift: „Jesus bewahrt vor zu frühem Begrabenwerden“. Der arme Mann sei eben nur scheintot gewesen und Jesus habe das als Einziger erkannt und entsprechend gehandelt.
Andere Kritiker jener Zeit waren noch weniger zimperlich: Sie erklärten die ganze Angelegenheit für einen frommen Betrug, eine von den Jüngern oder von Jesus selbst geschickt eingefädelte Aktion, die die Zweifler von seiner göttlichen Macht überzeugen sollte.“
[aus: Wiener Predigten Nr. 27, S. 61 f.]

Was nun? Am Anfang war das Wort, sprich: die nette Wunder-Anekdote über den Herrn Jesus und den Herrn Lazarus – ein unglaubliches Gschichterl.
Wir können eintauchen und darin baden, mit- und weiterfühlen, uns mit offenen Ohren und offenem Mund davor hinhocken. Wir haben ganz am Anfang unserer Predigt die Stelle aus Jesaja über den Adler vorgelesen und sind dann mit dem Adler noch ein Stückchen mit- und weitergeflogen.
Das ist eine intime Wegstrecke, die man mit Geschichten zurücklegen kann.

Wenn aber der Adler so wie die Hofschreiber des Königs Salomo ein Aufschneider gewesen ist, womöglich in Wahrheit nur mit gestutzten Flügeln aus seinem Horst in den Himmel hinaufgestarrt hat, dann würden wir das bitte auch gerne wissen. Wenn die Oberfläche uneben ist, kratzen wir ein bisschen daran herum, bis sie glatt wie ein Babypopo ist. Wenn wir dabei tief ins Babyfleisch schneiden und die Geschichte am Ende eine andere ist, muss das ja nicht das Schlechteste sein. Die Aufklärung hat mit ihrer Gedankenarbeit an Lazarus nur versucht, die Geschichte zu retten, indem sie sie für ihre Zeit verständlich und nachvollziehbar gemacht hat. „Jesus bewahrt vor zu frühem Begrabenwerden.“ Jesus ist so oder so ein netter Kerl, und so richtig gruselig ist ja beides, Tote zum Leben erwecken oder lebendig begraben zu werden.

Trotzdem, irgendwo bleibt das Gefühl in einer Sackgasse gelandet zu sein. Wir wollen weder naive Zuhörerinnen und Zuhörer sein noch den Geschichten ihren Sinn und Zauber nehmen. Es fehlt uns einfach noch ein wichtiger Schritt aus unserer Sackgasse: den Kanaldeckel unter unseren Füßen zu heben und in die inhaltliche Tiefe der Geschichte hinunterzuklettern. Erwin Liebert hat das bei der Lazarus-Geschichte so gelöst:

„Was am Grab des Lazarus geschieht, ist eine Vorwegnahme dessen, was wir uns für das Ende der Tage erhoffen. Mit anderen Worten: eine bildhafte Vergegenwärtigung. Das Wort Vergegenwärtigung hilft uns zu begreifen, dass das, was wir für die Zukunft erhoffen, sich schon jetzt, in der Gegenwart also, auswirkt. Genau darum geht es in dem Gespräch zwischen Jesus und Martha. Sie sagt: „Er wird auferstehen bei der Auferstehung am letzten Tag.“ Jesus widerspricht nicht, überbietet aber die Hoffnung der Martha in seiner Antwort: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Jesus gibt den Glaubenden nicht etwas, sondern sich selbst und damit – schon jetzt! – das Leben, das Leben in Fülle. Ein Leben, das schon jetzt aus der Gottferne herausgerissen ist. Ein Leben, das durch den Tod nicht mehr grundsätzlich bedroht ist, weil sein Herr der Auferstandene ist. Eine Befähigung zu einer Art von Leben, das eben nicht mehr ein „Sein zum Tode hin“ ist. Jesus ist die Verkörperung der Hoffnung, dass der Tod entmächtigt ist.“
[aus: Wiener Predigten Nr. 27, S. 66]

So weit der Blickwinkel aus der Kanalisation. Wie gehen wir um mit der Bibel, mit Geschichten oder überhaupt mit der Welt? Es ist ein scheinbar paradoxes Sowohl-als-auch. Es ist die Fähigkeit, sich sowohl vertrauensvoll fallen zu lassen als auch kritisch in die Tiefe zu gehen und einen bleibenden, einen womöglich weltumstürzenden Sinn für uns mitzunehmen.
Es ist dabei nicht wichtig, ob eine Geschichte wahr oder falsch ist, ob sich alle Details wirklich so zugetragen haben können und wie glaubhaft und realistisch sich die Sache anhört.

Ich will dazu noch eine letzte kleine Geschichte erzählen. Wie wir noch klein waren, hat uns unser Vater vom Herrn Cipcapcek erzählt. Er müsse jetzt zum Herrn Cipcapcek gehen oder der Herr Cipcapcek habe diese und jene Ansicht zum Thema. Wir haben uns erstens den Herrn Cipcapcek richtig gut vorstellen können, haben aber zweitens nie so richtig an die Existenz des Herrn Cipcapcek geglaubt und uns unseren eigenen Reim darauf gemacht. Und drittens hatte die ganze Cipcapcekerei in den Augen unseres Vaters den tieferen Sinn: unsere Fantasie anzuregen und auszuprägen – ein bleibender Eindruck.

Wir haben uns sagen lassen, dass es die Predigten von Erwin Liebert ausgezeichnet hat, nicht für eine Theologenkonferenz geschrieben zu sein, sondern für Normalsterbliche verständlich zu bleiben. Wir wollen zum Abschluss der Predigt eine Art „Thesenpapier“ von ihm bringen, das in einer Predigt zum Thema „Bildprediger“ vorkommt. Wir glauben, dass es, für den Umgang mit Geschichten überhaupt, Gültigkeit hat.

„Die Bibel insgesamt ist jedenfalls ungeheuer bunt in ihrer Bildersprache: Da ist einmal die Natur (Sonne, Wasser, Blume, Schilfrohr, Unkraut), die Tiere (Löwe, Adler, das Krokodil, aber auch Hendl und Floh), der Bereich des Menschen (Braut und Bräutigam, Vater und Sohn, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Bauer, Hirt, Weingärtner, Kaufmann, Fischer und so fort). Wie ist mit all diesen Bildern umzugehen, wie sind sie auszulegen und auch umzulegen in unsere persönliche Wirklichkeit?

Ich denke immer mehr, es sollte ein Umgang wie mit einem Kunstwerk sein. Ich bleibe jetzt mit meinen Stichworten „im Bild“:
1. Die Vielfalt der Möglichkeiten von Kunst sehen: Von der Karikatur, über den Schinken in Öl bis zum abstrakten Gemälde ist alles drin, gerade auch in der Bibel.
2. Das Kunstwerk wird durch den Betrachter vollendet. Linien, Farben, Strukturen nachvollziehen beim betrachten; das Ganze auf sich wirken lassen; die Inspiration nachspüren und selbst zum inspirierten Betrachter werden; die innere Bewegung, die das Bild auslöst, wahrnehmen und umsetzen in Erkenntnis und Tat...
3. Kunst kann missverstanden, missdeutet werden – und vor allem: auch beim geeigneten Betrachter völlige Ratlosigkeit auslösen.
Auffallend oft wird das von den Jüngern erzählt. Sie stehen, gleich wieder ein Bildwort, „auf der Leitung“. Ob das damit zu tun haben kann, dass einem ein verstandenes Gleichnis auch ganz schön auf die Zehen treten kann, weil man sich plötzlich in einer Geschichte wieder findet, in einer Person vielleicht, die einem alles andere als sympathisch ist...? Auf der anderen Seite gibt es auch das große „Aha-Erlebnis“, das durch die gehörte Geschichte ausgelöst wird. Am deutlichsten vielleicht in der alttestamentarischen Begegnung zwischen König David und dem Propheten Nathan. David hat Ehebruch mit der Frau eines seiner treuesten Diener begangen und nach gescheiterten Vertuschungsversuchen diesen Ehemann auf hinterhältigste Weise umbringen lassen. Nathan schreit nun nicht „Skandal“, sondern er erzählt dem König eine Geschichte. Und da kommt ein reicher Mann vor, der sich gegenüber einem Armen und seinem Schaf genauso mies verhält, wie der König sich verhalten hat. David ist empört und verhängt ein Todesurteil über den Reichen. Nathan sagt: Du bist der Mann – und es fällt wie Schuppen von Davids Augen.“
[aus: Wiener Predigten Nr. 26, S. 19 f.]

Amen.

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