1. Oktober 2006
 

Harald Kluge/Monika Karvansky/Ross Robson

Zur Wiedereröffnung der Reformierten Stadtkirche

 

Teil Eins: Harald Kluge

 

Liebe Gemeinde!

Es gibt keinen besseren Termin zur Wiedereröffnung als den ersten Oktober. Wenn es um Bauten und Restaurierungen geht, sollte man bei Nehemia und Esra im Alten Testament nachschlagen. Denn etwa zur selben Zeit des Jahres wie heute muss es gewesen sein, als vor rund 2.500 Jahren der Statthalter von Jerusalem Nehemia und der Priester und Schriftgelehrte Esra zum damals anwesenden Volk folgendes gesagt haben:

„Dieser Tag ist dem HERRN, eurem Gott, heilig! Seid nicht traurig und weint nicht!“ Und sie sagten zum Volk: „Geht hin, esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet dem Anteile, für den nichts zubereitet ist! Denn der Tag ist unserm Herrn heilig. Und seid nicht bekümmert, denn die Freude am HERRN, sie ist euer Schutz!“

aus Nehemia 8

Liebe Gemeinde

Man kann nur seinen Hut vor Nehemia und Esra ziehen. Sie kannten ihre Pappenheimer und die Gewohnheiten der Menschen nur zu gut. Sie beschreiben die Rückkehr der Vertriebenen und Verschleppten Israeliten aus dem Exil in Babylonien, die beschwerliche Wiederansiedelung und den schwierigen und entbehrungsreichen Wiederaufbau. Auch sie, liebe Gemeindeglieder, sind aus dem „Exil“ zurückgekehrt. Manche haben im Sommer sonntags Obdach bei unseren lutherischen Nachbarn gesucht, andere haben sich nach Wien West oder Wien Süd begeben, um nicht auf den Gottesdienst verzichten zu müssen. Und wie schon Nehemia wussten wir, was es für das Gelingen von großen Bautätigkeiten braucht. Nur mit der Finanzierung durch noble und großzügige Spenderinnen, mit cleveren und engagierten Architekten, mit eifrigen Bauarbeiterinnen und Bauarbeitern vor Ort war all das Geplante überhaupt möglich. Bestimmt lag es auch damals schon an der heute so propagierten Mitarbeitermotivation. Und diese haben bereits um 445 vor Christus auch Nehemia und Esra beherrscht. So führen sie namentlich alle Männer, Frauen und selbst Kinder in langen Listen auf, die beim großen Bau mitgewirkt haben. Wer wo welchen Balken eingezogen und welchen Riegel an welches Tor montiert hat, kann man auch heute noch nachlesen. Selbstverständlich werden auch die Spender namentlich erwähnt und geehrt. Nehemia und Esra hat man als Bauleiter und Bauherren damals aber auch gleichermaßen mit Dreck beworfen. Zum einen sind es die Spötter, die mit Gift und Galle ständig an irgendeinem Detail zu meckern und zu matschkern haben, die ihnen das Leben schwer machen. Da sehen die Farben unappetitlich und die Steinfliesen am Boden nackert aus. Das Licht flackert doch irgendwie und selbst die Bänke knarren noch. Was haben die eigentlich mit all dem Geld gemacht? Schaut jetzt auch nicht viel anders aus. Und wozu brauchen sie bitte diese Boxen oder diese Balustraden? Auch Nehemia hat es nicht allen recht machen können. Und er war wohl so klug, es gar nicht erst zu versuchen.

Am Ende der großen Bauphase in Jerusalem feierten sie dann, wie es sein soll, ein „Fest“. Als Erntefest ist es neben Pessach und Schawuot für die Juden auch heute noch „das Fest“ schlechthin. Bis heute steht es am Anfang des „Laubhüttenfestes“. Parallel feiern wir für gewöhnlich zu dieser Zeit unser Erntedankfest. Es ist die perfekte Zeit für den ersten Gottesdienst nach Beendigung von Baumaßnahmen. Bereits zur Regentschaft von König Salomo hat man an diesen Tagen die Einweihung des Tempels in Jerusalem gefeiert. Der Tempel, von dem Salomo gesagt hat: „Ich habe ein fürstliches Haus für Gott gebaut, eine Wohnstätte für ewige Zeiten.“ (1 Könige 8,13) Ewig hat der Tempel in Jerusalem nicht gestanden und auch unsere Kirche wird nur eine begrenzte Zeit lang stehen, auch wenn sie die erste als evangelisch erbaute Kirche in Österreich ist. Und wenn es ums große Feiern geht, wenn wir wie heute in der Kirche zusammen kommen, um Gottes Wort zu hören und um Gott zu danken, dann können wir ganz auf die Worte von Esra und Nehemia vertrauen, die zu ihrem Volk sagen: „Geht hin, esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet dem Anteile, für den nichts zubereitet ist! Denn der Tag ist unserm Herrn heilig. Und seid nicht bekümmert, denn die Freude am HERRN, sie ist euer Schutz!“

Gründe, bekümmert zu sein, gibt es gewiss genug. Ob man heute den Wahltag nimmt, der als Höhepunkt von niedergriffigen Auseinandersetzungen gelten kann. Ob man an jene Orte denkt, an denen Menschen verhungern und verdursten müssen, weil wir noch immer nicht gelernt haben, solchen Entwicklungen zuvorzukommen. Ob wir an die Momente denkt, wo Gewalt und Konflikte ständig neu aufbrechen, sei es im fernen Irak oder auch zu Hause in der Familie. Uns allen gilt der Zuspruch: „Seid nicht traurig und weint nicht! Dieser Tag ist dem Herrn heilig!“ Nicht weil wir alles verdrängen und ausgelassen feiern wollen. Es gilt viel eher die Ohnmacht aufzugeben und aus voller Kraft und mit viel Kreativität zu handeln. Eine Denksportaufgabe für sie alle wäre demgemäß, die Aufforderung Nehemias: „Geht hin, esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet dem Anteile, für den nichts zubereitet ist!“ Bevor wir dieser Anweisung mit fettem Gulasch und süßen Wein nachkommen werden, müsste unter uns eben auch geklärt sein, wie wir denen, die nichts zubereiten konnten und die auch wieder einmal einen Grund zum Feiern haben wollen, etwas zukommen lassen können. Wenn wir die Verschönerung und Neugestaltung unseres Kirchenraumes, und des Gemeindesaals und der Toilettenanlagen feierlich begießen, müssen wir andere an dieser Freude teilhaben lassen. Nicht aus schlechtem Gewissen heraus, sondern weil es seit Jahrtausenden bereits selbstverständlich hätte sein sollen. Denn die Freude am Herrn sollte unser aller Schutz sein.

AMEN

Teil Zwei: Monika Karvansky

„Und die Fremden, die sich dem HERRN zugewandt haben, ihm zu dienen und seinen Namen zu lieben, damit sie seine Knechte seien, alle, die den Sabbat halten, daß sie ihn nicht entheiligen, und die an meinem Bund festhalten, die will ich zu meinem heiligen Berge bringen und will sie erfreuen in meinem Bethaus, und ihre Brandopfer und Schlachtopfer sollen mir wohlgefällig sein auf meinem Altar; denn mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker. Gott der HERR, der die Versprengten Israels sammelt, spricht: Ich will noch mehr zu der Zahl derer, die versammelt sind, sammeln.“

Jesaja 56, 6-8

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus!

Mit dem 56. Kapitel des Buches des Propheten Jesaja – Tritojesaja – beginnt das Buch eines namentlich nicht bekannten Propheten nach der Gefangenschaft. Zu Beginn des Buches dieses Propheten können wir als Titel des 56. Teiles über eine wunderbare Verheißung, eine Hoffnung wiederspiegelnden Titel lesen, welcher lautet: Die Gnade gilt auch für Fremde! Im Titel des ersten Kapitels dieses Buches mit unbekanntem Namen, verkündet Tritojesaja Gottes Heilplan: Gottes Gnade gilt nicht nur dem jüdischen, dem auserwählten Volk, sondern auch den Fremden.

Wir könnten uns die Frage stellen: Wer sind wohl diese Fremden? Welche Schwester, welcher Bruder antwortete wohl in Gedanken darauf: Wir sind diese Fremden, denen Gottes Gnade auch zuteil wird. Hören wir nun Gottes Wort, welches uns Antwort auf diese Frage gibt! Unser Prophet charakterisiert sie folgendermaßen: Auch jene Fremde besitzen bereits Gottes Gnade, die sich dem Herrn anschließen, die ihm dienen, die Gottes Namen lieben, die den Sabbat des Herrn nicht verletzen und die an seinem Bündnis festhalten. Wenn wir dies untersuchen und unser religiöses Verhalten all diesen von Tritojesaja aufgestellten Kriterien entspricht, können wir glaubhaft darauf antworten: Ja, auch uns ist Gottes Gnade zuteil. JA, auch wir schließen uns dem Herrn an, weil Jesus Christus deshalb gestorben ist. JA, auch wir lieben Gottes Namen, weil wir durch Jesus Christus jene göttliche Liebe kennengelernt haben, mit welcher wir unsere egoistischen, heuchlerischen menschlichen Eigenschaften ablegen und im Namen Gottes mit Liebe in die Welt schreiten, so wie uns unsere Liebe an den Herrn bindet. JA, auch wir dienen dem Herrn, so wie uns Jesus Christus gelehrt hat zu dienen. JA, auch wir halten den Ruhetag des Herrn ein und kommen in die Kirche des Herrn, um in der Gemeinschaft des Körpers Christi den Namen des dreifaltigen Heiligen Gottes anzubeten. Wenn unsere Antwort auf all dies ein ehrliches Ja ist, dann können wir mit Gewissheit behaupten, dass wir jene Fremden, jene erlösten Fremden sind, denen Gott durch den Propheten versprochen hat, dass auch Fremden Gottes Gnade zuteil wird.

Der alttestamentarische Prophet zeigt mit der Verkündung des Heilplans Gottes bereits in Richtung des Neuen Testamentes des „geistigen Israel“. Die neue Gemeinde baut auf eine andere Basis auf als die alte. Dieses „geistige Israel“ führt Gott auf den Heiligen Berg, wo Tränen getrocknet werden und der Friede Jesu die Belohnung ist. Jene Stätte, in welcher gebetet wird, ist die Stätte der Freude, weil Gott seinem Volk Freude zuteil werden lassen möchte. Die Prophetie vertritt den Universalismus – Gottes Tempel in Jerusalem ist „das Gebetshaus für jedes Volk“.  Jesus Christus, unser Erlöser verkündet diese Prophetie des Jesaja, als das Gotteshaus – der Tempel von Jerusalem von jenen zur Räuberhöhle gemacht wurde, die auch die Heiden von der Kirche ausgesperrt haben. Im Evangelium des Johannes können wir die Äußerung Jesu lesen: „Ich habe auch andere Schafe, die nicht zu dieser Herde gehören: auch diese muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören…“ . So vermehrt sich die Gemeinde Gottes. Jesaja verkündet als Gottes Dolmetscher jene Verheißung, dass Gott das verstreute Israel versammeln würde. Er sammelt zu jenen, die er versammelt hat, noch welche dazu. Der Prophet sah vor seinem geistigen Auge bereits den Tag, an welchem sich viele Heiden Gott anschließen. Jesaja sagt dadurch das Neue Testament voraus, welches das Alte ablöst:

  • statt des Steintempels den „geistigen Tempel“

  • statt des wirklichen Israel das „geistige Israel“

  • statt des Alten Testamentes das Neue, in welchem die Gnade Gottes auch den Fremden zuteil wird.

Die Prophetie summiert den Zweck der Geburt und der Tätigkeit Jesu, wie wir es vom Heidelberger Katechismus wissen: Dass Gottes Sohn seit dem Bestehen der Welt vom ganzen Geschlecht der Menscheit durch seinen Heiligen Geist und sein Wort eine Gemeinde versammelt, welche er beschützt und bewahrt. In unserer Lobpreisung singen wir auch: „Jesus ist das Fundament der Kirche. Sein seelischer Tempel ist auf dem Evangelium aufgebaut. Er ist herabgestiegen vom Himmel, ihn zu rufen und zu verloben, indem er erlöst durch sein Blut die an die Erlösung Glaubenden. Er rief aus allen Völkern ein geistiges Volk heraus, welches von einem Herrn, einer Taufe und einem Glauben vereint wird. Er preist nur einen Namen, er verfolgt nur ein Ziel. Nur ein gedeckter Tisch gibt ihm neue Kraft! (392. Lobpreisung)

Gott ist auch zwischen den Mauern dieser Kirche mit seinem Heiligen Geist anwesend, wenn die Gläubigen auch „vom Ende der Welt“ kommen um zu Gott zu beten und dem Gottesdienst beizuwohnen. Und weil das Versprechen Gottes, welches er durch Jesaja verkündet, besagt, dass er noch weitere Menschen versammelt zu jenen, die er bereits versammelt hat, müssen wir jenen Befehl Jesu Christi hier in dieser Kirche in deutscher, englischer und ungarischer Sprache sehr ernst nehmen, dass sich die Steinmauern der neuen Kirche mit den Tempeln des Heiligen Geistes – mit Scharen von Gläubigen füllen solle. Jesus Christus gibt uns dabei die Aufgabe auf, in die Welt zu gehen und alle Völker zu Jüngern zu machen, damit auch diese Kirche das Haus Gottes und seines Gebetes für alle Völker werde.

Amen

Teil Drei: Ross Robson
 

Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“

Johannes 4,24

Liebe Gemeinde!

Der erste Teil handelte über die Juden, die ihren Tempel in Jerusalem nach 70 langen Jahren der babylonischen Gefangenschaft wieder aufbauen mussten. Während dieser Jahre sehnten sie sich nach ihrem Tempel, weil sie glaubten, dass es der einzige Platz sei, an welchem man Gott wirklich anbeten konnte. Der zweite Teil – in ungarischer Sprache – handelte vom Tempel als Gebetsstätte, nicht nur für Juden, sondern für alle Menschen, die Gott anbeten wollen, unabhängig von ihrer Rasse, Klasse oder Kultur. Dieser dritte Teil – in englischer Sprache – führt uns jenseits des Tempels. Die Frau sagte zu Jesus: „Wir Samariter glauben, dass der richtige Ort Gott anzubeten der Berg Gerizem sei. Ihr Juden glaubt, der richtige Ort sei Jerusalem. Wer hat recht?“ „Keiner“, sagt Jesus. „Man soll Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Was meinte Jesus damit?

Erstens meinte Jesus, dass der Ort des Anbetens nicht wichtig sei. Heute, an diesem Weltgemeinschafts-Sonntag beten die Menschen in Kathedralen, in Hütten, in Kirchen und unter Bäumen, zu Hause und in Schuppen. Kein Ort ist wichtiger als der andere. Durch einen Propheten sagte Gott, sein Haus sei eine Gebetsstätte für alle Nationen. Gott versprach, er werde gegenwärtig sein, wo auch immer zwei oder drei Menschen sich versammeln um zu beten. Zweitens meinte Jesus, dass nur die Geisteshaltung zum Gebet wichtig sei. Gott anzubeten, weil es falsch ist, die Hölle zu fürchten. Gott anzubeten, weil es falsch ist zu hoffen in den Himmel zu kommen. Der richtige Weg, sich Gott gegenwärtig zu machen, beginnt als Kind, das zu den Eltern läuft um sie zu umarmen, nicht aus Angst oder um etwas zu bekommen, sondern aus simpler, reiner Liebe zu den Eltern. Gott richtig anzubeten bedeutet, aus simpler, reiner Liebe zu Gott in seine Arme zu laufen.

Wir sollen Gott im Geist anbeten. Um Gott im Geist anzubeten, ist es erforderlich, das Gebet von der Umgebung des Gebetes zu trennen. Denken wir an die Frau, die an das Kirchengebäude gebunden war. Dies gilt heute für viele Menschen. Mein Sohn hörte auf, in die Kirche zu gehen, als er aufs College ging. Warum? Er sagte: „ Ich wuchs in gotischen Kirchen auf. Das College ist zu modern, zu einfach, keine buntbemalten Fenster, nur eine elektrische Orgel.“ Er ließ zu, dass der Geist des Gebetes von der Umgebung des Gebetes beeinflusst wurde. Wir tun dasselbe. Einige von sagten: „Ich mag die lutherische Kirche lieber als die reformierte.“ Andere meinten: „Ich mag die reformierte Kirche lieber als die lutherische.“ Wie leicht es ist, in die gleiche Falle zu tappen wie mein Sohn – nämlich zuzulassen, dass die äußere Umgebung des Gebetes den Geist des Gebetes beeinflusst. Gott im Geist anzubeten heißt das Herz auszustrecken nach dem großen Herzen Gottes, welches sich bereits nach uns ausstreckt.

Wir sollen Gott in der Wahrheit anbeten. Jesus wies vielleicht bereits im Falle der Frau darauf hin, dass sie nicht ehrlich mit sich selbst sein konnte. Dies bedeutet gegebenenfalls eine nachdrückliche Aufforderung für uns, ehrlich mit uns selbst zu sein, wenn wir uns Gott nähern. Wir müssen uns von unseren Erwartungen befreien und unsere Masken ablegen. Wenn wir unsere Masken, die wir tragen um uns vor uns selbst und anderen zu verbergen, ablegen, bleiben nur zwei Möglichkeiten übrig. Entweder sind wir Sünder oder wir sind durch Gnade gerettete Sünder. Es gibt keine andere Wahl. Wenn man ein durch Gnade geretteter Sünder ist, erfordert die Annäherung an Gott Demut. Wenn man ein Sünder ist, erfordert die Annäherung an Gott Reue. Reue oder Demut. Demut oder Reue. Die wahre Anbetung erfordert beides.

AMEN

  

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