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11. Juni 2006 Johannes Langhoff "Platz für viele"
Für den Chormeister. Nach dem Kelterlied. Von den Korachitern. Ein Psalm. Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR der Heerscharen. Meine Seele sehnt sich, sie schmachtet nach den Vorhöfen JAHWES, mein Herz und mein Leib, sie rufen zum lebendigen Gott. Auch der Sperling hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest, wohin sie ihre Jungen gelegt hat, deine Altäre, JAHWE Zebaoth, mein König und mein Gott. Wohl denen, die in deinem Hause wohnen, sie werden dich immerdar loben. Sela Wohl dem Menschen, dessen Zuflucht bei dir ist, denen, die sich zur Wallfahrt rüsten. Ziehen sie durch das Bachatal, machen sie es zum Quellgrund, und in Segen hüllt es der Frühregen. Sie schreiten dahin mit wachsender Kraft, bis sie Gott schauen auf Zion. JAHWE, Gott der Heerscharen, höre mein Gebet, vernimm es, Gott Jakobs. Sela Sieh an, Gott, unseren Schild, und blicke auf das Angesicht deines Gesalbten. Denn besser ist ein Tag in deinen Vorhöfen als tausend nach meinem Gefallen, lieber an der Schwelle zum Haus meines Gottes stehen als in den Zelten des Frevels wohnen. Denn Sonne und Schild ist Gott JAHWE, Gnade und Ehre gibt der HERR; kein Glück versagt er denen, die in Vollkommenheit wandeln. HERR der Heerscharen, wohl dem Menschen, der auf dich vertraut. Psalm 84
Liebe Gemeinde! Es ist wie bei einer Übersiedlung. Beim Ausräumen kann man die dollsten Entdeckungen machen. Verlorene Sachen finden sich wieder an. Längst Vergessenes taucht wie durch Wunderhand wieder auf. Die Vergangenheit ruft sich mit den alten, angestaubten Stücken in Erinnerung. Wehmut kommt auf und Erleichterung. Es ist vorbei. Die Umzugswagen füllen sich. Dass die Wohnung so viel fassen konnte, ist schier unfassbar. Und welche Menschen, wie viel Leute hier ein- und ausgegangen sind. Wir übersiedeln mit unserer Kirche auf ein gutes Vierteljahr. Dazu müssen wir die Kirche frei räumen. Man sieht es unserer Kirche nicht gleich an, wie viele Ecken, Nischen, Nebenräume und Verstecke sie hat. Man möchte nicht glauben, was alles in unserer Kirche untergebracht ist. Schöne, alte, wertvolle Bücher. Sie lassen die Gedanken schweifen in die Jahrhunderte zu den Vätern und Müttern ihrer Anfänge. Ein vergessenes Exemplar des alten provisorischen Schweizer Gesangbuches. Das Liederbuch unserer Gemeinde über Jahrzehnte. Sein dunkles, abgegriffenes, bräunliches Rot weckt die verschollene Stimmung vergangener Zeiten. Die vertrauten Melodien, die in dem neuen, schweren und klobigen, grünen Gesangbuch nicht mehr vorkommen. Ja, die Notenberge neben der Orgel, die noch verpackt und zur Seite gestellt werden müssen. Wahnsinn, was auf dieser Orgel alles schon gespielt worden ist, was man auf dieser Orgel spielen kann. Nicht zu vergessen der Seitengang zur Stallburggasse, der auch geräumt werden muss. Ein Relikt unserer Anfänge. Toleranz, die nur ein Bethaus zuließ. Es durfte nach außen nicht als Kirche erkennbar sein. Also wurde die Kirche in eine zum Schein davor gesetzte Häuserfassade gebaut. Die Prachteingänge vom Hof aus. Im Inneren von Anfang an eine Kirche, ein reformierter Tempel. Gebaut zum Hören. 2½ Jahrhunderte hat sie den akustischen Ansprüchen genügt. Die Predigten waren zu verstehen, auch wenn sich die vorderen Reihen immer die Hälse steif gedreht haben. Aber einen reformierten Pfarrer in seinem langweileigen Schwarz muss man nicht sehen, sondern hören. An der Stelle gehört die Tante Jolesch zitiert, die gesagt haben soll. „Was ein Mann schöner ist als ein Aff’, ist ein Luxus.“ Na eben, in dieser Kirche war nicht nur die fromme Andacht in Form gedämpfter Stimmung zu Hause, sondern viel Lachen und Schmunzeln, die Freude am Evangelium halt. Theater wurde gespielt. Die Kirche selbst war Teil eines Theaterstückes. Alte Gottesdienstzettel tauchen zwischen den Ritzen auf. Schau, wer damals gepredigt hat und wer da gestorben ist. Wie viele Menschen sind schon in dieser Kirche ein- und ausgegangen? Wie viele gehen immer noch ein und aus? Bevor wir sie nun auf 16 Wochen schließen, haben sich die Massen noch einmal regelrecht gedrängelt. Taufen und Trauungen sitzen sich gegenseitig im Nacken. Kaum ist die eine fertig und zieht auf den Hof und in den Gemeindesaal läuten die Glocken schon zur nächsten. Die Samstage langen nicht mehr hin. Jeder andere Wochentag muss nun schon herhalten. Dazu die Konzerte. Die Probenzeiten lassen sich nur noch diktieren, um zu verhindern, dass die Künstler, Chöre und Orchester sich nicht in die Quere und die Haare geraten. Und dann ist unsere Kirche bummvoll. Kein Ammenmärchen aus der guten alten Zeit. Weit mehr als 400 Leute drängeln sich in die Bänke und hören, wie von unserer Orgel alle Register, Klangfarben und Töne den Raum füllen. Jetzt weiß ich, dass die Trägheit, die sich gegen allzu auffällige Änderungen wehrt, mit tatkräftiger und autoritärer Unterstützung der institutionalisierten Traditionspflege, dem Bundesdenkmalamt, recht hatte, als sie den verführerischen Gedanken, bei Gelegenheit der Renovierung freies Gestühl gegen die Bänke einzutauschen, verhindert hat. Mit losen Sesseln könnten wir nie so viele Menschen in unserer Kirche unterbringen. Wenn ich so weitermache und an jedem Stück hängen bleibe, das ich da ausgrabe, dann werde ich nie fertig. Dabei muss ja auch noch organisiert werden, wo die Leute hinkommen, die immer hierher kommen. Die Mitbewohner gehören rechtzeitig informiert. Auch sie müssen sich ein Ausweichquartier organisieren. Auch sie müssen ihre Siebensachen räumen. Wir sind nicht allein. Die Reformierte Stadtkirche ist für viele ein zu Hause. Vielen fällt es nicht einmal auf, dass wir am Kirchentor auch in Fremdsprachen zu fremdsprachigen Gottesdiensten einladen. Ich weiß nicht wie lange schon in ungarischer Sprache hier gepredigt, gesungen und gebetet wird. Ich vermute bereits im 19.Jahrhundert. Jedenfalls im 20.Jahrhundert. Es war ein ungarischsprachiger Prediger in unserer Kirche, Varga Zsigmond, der um seiner deutlichen Worte von der Kanzel willen, die er im Gestapoverhör nicht widerrufen wollte, in Mauthausen zum Märtyrer wurde. Vor genau 50 Jahren dann wurde unsere Kirche zum Umschlagplatz für tausende Flüchtlinge aus Ungarn und hat seitdem immer wieder Nachzügler ungarisch sprechender Flüchtlinge, Auswanderer und Besucher gefunden. Reformierter Gottesdienst ungarischer Tradition ist eine hörbare Stimme aus der weltweiten reformierten Familie bei uns zu Haus. Der Gesang, die alten Genfer Psalmen, ungebrochenes, lebendiges Erbe reformierten Aufbruchs und reformierter Gottesdiensterneuerung. Ein Teil unserer Gemeinde, ein Angebot unserer Kirche für die vielen Ungarischstämmigen in Wien und Österreich von Gottesdiensten in heimatlicher Vertrautheit. Überhaupt, wenn man sich so umschaut. Es gibt nicht nur die paar reformierten Christen in unserem Land, die in den Dateien der 9 H.B.-Gemeinden gezählt werden. Ein paar Dutzend und einige Hundert, sogar Tausend reformierte Christen aus den fernsten Regionen der Welt, finden sich hier zusammen und finden des öfteren in unsere Kirche. Eine kleine taiwanesische Gemeinde, die große koreanische Gemeinde. Sie fallen auf, wenn sie ihre Chöre mitbringen und die Lieder der Erweckungsbewegung mit den fremden Lauten ihrer Muttersprache singen. Ein Affront für alle unsere Gemeindeglieder, die stock und steif behaupten, dass der Gesang unreformiert ist und deshalb auf das nötigste zu beschränken sei. Gottesdienstbesucher, die sich über all die vielen neuen Lieder in dem dicken, neuen Gesangbuch aufregen, bzw. darüber, dass die Prediger und Predigerinnen sie für den Gemeindegesang ansetzen. Die müssten erst einmal den Gottesdienst um 12 Uhr Mittag besuchen. High Noon. Es ist schon fast 50 Jahre her, dass in unserer Kirche die Vienna Community Church gegründet wurde. International, interkonfessionell lädt sie seitdem alle Englischsprachigen Christen ein, die sich kurz- oder längerfristig in Wien aufhalten. Die Gottesdienste sind eine bunte Mischung verschiedener Traditionen. Das Abendmahl gleichzeitig in drei Varianten. Ein Gemeindegesang wie im Opernchor. Kerzen und ein Kreuz auf dem Tisch, bunte Talare und all das, was wir so gern zur Unterscheidung von lutherischen Nachbarn und römisch-katholischer Majorität demonstrativ vermeiden. Gelebte Toleranz ursprünglicher reformierter Tradition, die auf jede Vereinheitlichung allergisch reagiert. Die Toleranz und Gastfreundschaft wird mitunter nur dann strapaziert, wenn wir einmal versuchen etwas mehr Zeit für unsere Veranstaltungen und Gottesdienste zu gewinnen und um Verschiebung der Anfangszeiten der Vienna Community Church bitten. Dann stoßen wir auf Granit. Das geht nicht. Auch bei gutem, beim besten willen nicht. Denn die Termine der VCC sind quer über den Globus etabliert und in den Reisekalender der Besucher aus Indien, Brasilien, Nigeria oder Nordamerika fixiert. Da kommt jede Meldung über eine Verschiebung zu spät oder überhaupt nicht an. Mit dem Photo der Reformierten Stadtkirche von der Plankengasse aus wirbt nicht nur die Sri Lanka Airline für Wien. Die Reformierte Stadtkirche ist durch die Vienna Community Church weltweit mehr bekannt als wir, die gastgebende Gemeinde. Es gibt viel Platz in unserer Kirche. Erst beim Ausräumen fällt auf, wie viel und wie viele in dieser Kirche seinen und ihren Ort des Gottesdienstes und der Gemeinschaft haben. Die Reformierte Stadtkirche ist eine Pilgerstätte. Für die Gäste und Besucher der Vienna Community Church. Ebenso für die Gottesdienste und Programme des Ungarischen Seelsorgedienstes, der die Kontakte zu den ungarischsprachigen Nachbarn pflegt. Unsere Gottesdienste um 10 Uhr, die Touristen und Besucher mit mehr oder weniger guten Deutschkenntnissen anlocken, wo sie während ihres Wienaufenthaltes einen reformierten Gottesdienst suchen. Manche suchen in dem römisch-katholisch dominierten und überfrachteten Land auch einfach nur einen evangelischen Gottesdienst. Da sind sie in der Dorotheergasse zunächst ziemlich verwirrt. Gleich zwei evangelische Kirchen. Und was heißt da A.B. und H.B.? Lutherisch – Reformiert? Das ist keine Antwort. Die Schweizer wissen nicht mehr, dass sie reformiert sind. Die Ungarn übersetzen „Reformatus“ mit Evangelisch, obwohl „Evangelicus“ im Ungarischen für Lutherisch steht. Die Deutschen glauben, nur „Evangelisch“ zu kennen, oder halten sich alle für uniert. Am Liebsten sind mir die Schwaben. Sie fühlen sich bei uns sofort heimisch, obwohl sie nun wirklich eine lutherische Kirche sind. Doch den Gottesdienst in der Lutherischen Stadtkirche mögen sie nicht. Der ist ihnen zu katholisch. So verwirrend kann das sein. So bunt ist es. Und so ein reicher Schatz ist es, dass wir das auf derart engem Raum, Tür an Tür, nebeneinander anbieten können. Und so wird es auch kein Problem sein, in den nächsten Wochen gemeinsame Gottesdienste als Gäste in der Lutherischen Stadtkirche zu feiern. Einen Sonntag in lutherischer Tradition, den anderen Sonntag nach unserer Ordnung und Gewohnheit. Es wird so lange nicht dauern. Aber vielleicht lange genug, dass wieder Sehnsucht entsteht und die Leute in Florisdorf und Döbling, in Deutsch Wagram und Orth an der Donau, in Traiskirchen, Vorderweißenbach und sogar Salzburg fragen, wann man denn endlich wieder in die Reformierte Stadtkirche zum Gottesdienst kann. - Am 1. Oktober! Bis dahin singen Sie ruhig mit dem Chormeister: Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR der Heerscharen. Meine Seele sehnt sich, sie schmachtet nach den Vorhöfen JAHWES, mein Herz und mein Leib, sie rufen zum lebendigen Gott. Auch der Sperling hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest, wohin sie ihre Jungen gelegt hat, deine Altäre, JAHWE Zebaoth, mein König und mein Gott. Wohl denen, die in deinem Hause wohnen, sie werden dich immerdar loben. Sela Wohl dem Menschen, dessen Zuflucht bei dir ist, denen, die sich zur Wallfahrt rüsten. Ziehen sie durch das Bachatal, machen sie es zum Quellgrund, und in Segen hüllt es der Frühregen. Sie schreiten dahin mit wachsender Kraft, bis sie Gott schauen auf Zion. JAHWE, Gott der Heerscharen, höre mein Gebet, vernimm es, Gott Jakobs. Sela Sieh an, Gott, unseren Schild, und blicke auf das Angesicht deines Gesalbten. Denn besser ist ein Tag in deinen Vorhöfen als tausend nach meinem Gefallen, lieber an der Schwelle zum Haus meines Gottes stehen als in den Zelten des Frevels wohnen. Denn Sonne und Schild ist Gott JAHWE, Gnade und Ehre gibt der HERR; kein Glück versagt er denen, die in Vollkommenheit wandeln. HERR der Heerscharen, wohl dem Menschen, der auf dich vertraut. Amen. |