10. Juni 2007

Thomas Hennefeld

Brücken bauen
Reformierter Gemeindetag 2007

 

Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Zwietracht.(Entzweiung) Lk.12,51 

Bei Sonntagsreden von Politikern, aber auch bei großen ökumenischen Versammlungen können wir Phrasen hören, wie etwa: „Lasst uns das Gemeinsame über das Trennende stellen“, und nicht selten ist damit gemeint:  Unangenehmes unter den Teppich kehren, Harmonie und Eintracht vortäuschen.

„Wir sind alle gut miteinander, wohnen als Brüder und Schwestern zusammen und haben uns alle so lieb.“.

Das ist nicht Evangelium, hat nichts mit der biblischer Botschaft zu tun.

Jesus spricht über Frieden und Versöhnung, aber auf eine ganz andere Art.

Versöhnung im Sinn Jesu ist etwas grundsätzlich anderes als die Mentalität: „Samma wieder gut. Schwamm drüber.“

Das Evangelium enthält keine harmlose, einschläfernde Botschaft, ganz im Gegenteil. An solchen Texten, wie jenem über die Zwietracht, kann uns die ganze Brisanz der Verkündigung Jesu bewusst werden.

Solche Worte wecken uns aus einem Schlaf der falschen Sicherheit.

Wenn Jesus von der Zwietracht spricht, dann ruft er nicht dazu auf, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen oder Intrigen zu spinnen, sondern dann sagt er: „Seht genau hin, merkt ihr nicht, was vor sich geht? Glaubt ihr denn wirklich, ihr könnt so schizophren leben wie bisher, Gott dienen und dem Mammon?

Natürlich verkündigt Jesus den Frieden. Natürlich ist dieser Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, vom Anfang an begründet und angelegt, aber es ist ein Friede, der allumfassend ist, der niemanden ausschließt, der immer auch Gerechtigkeit meint. Treffender ist der hebräische Begriff „Shalom“.

Das bedeutet nämlich: soziale und ökonomische Gerechtigkeit, Gemeinschaft, in der einer auf den anderen Rücksicht nimmt und einer die Last des anderen trägt. Das ist nicht ein jenseitiges Gut, das wir in der Zukunft erlangen, sondern das ist etwas ganz Konkretes: Wohnung, Nahrung, Gesundheit, Lebensqualität, . . . .

Wie oft treten in der Bibel falsche Propheten auf, die von Frieden und Eintracht, sprechen, wenn Gott mit der Schärfe des Schwertes den Spreu vom Weizen trennen will.

Laufen nicht auch wir Gefahr vom Frieden zu faseln in einer Welt, die von Krieg und Hunger geplagt ist, und wo wir als Mitteleuropäer das Glück haben, das uns apokalyptische Zustände noch nicht erreicht haben? Wir können es uns noch leisten über Klimawandel zu diskutieren, während in anderen Teilen der Welt die Folgen schon sichtbar sind.

Mit dem Wort Jesu über die Entzweiung, bei Matthäus verstärkt durch den Begriff „Schwert“, ist alle romantische Jesusverklärung weggewischt. Damit sind die Jünger und Apostel angesprochen, die sich keine Illusionen machen sollen, dass diese Geschichte hier auf der Erde gut ausgehen könnte.

Die Botschaft Jesu ist nicht vereinbar mit damaligen Sitten und Traditionen.

Das Volk Gottes wird sich wieder sammeln, aber auf ganz neuen Grundlagen: nicht mehr auf der Basis von Blutsverwandtschaft, sozialen Gewohnheiten. Was Jesus verkündigt, dass ist nicht die Einebnung aller Unterschiede, die große Nivellierung, sondern die Aufhebung von Grenzen. Ethnische und familiäre Bindungen treten in den Hintergrund. Diese neuen Werte müssen auf Widerstand stoßen, ja entzweien die Familien fast zwangsläufig, aber sie bringen eine Klarheit, wie sie in Gleichnissen immer wieder zum Ausdruck kommt: die guten und schlechten Früchte, die Axt am Baum, der Zöllner und Pharisäer. Und so ist der Bruch, die Entzweiung mit der eigenen kultischen, patriotischen, ja auch persönlichen Vergangenheit die Voraussetzung für ein Leben in neuer Gemeinschaft. Die Jünger sind sich dieser neuen revolutionären Wirklichkeit bewusst. Es wäre naiv zu glauben, dass dieser Aufruf nicht Widerstand hervorrufen würde.

Werden also hier nur Brücken abgebrochen und zerstört? Wir sind doch da, um Brücken zu bauen, noch dazu tragfähige?

Brücken bauen, Hände über Gräben reichen ist etwas anderes als Gräben einfach zuschütten.

Wirkliche Begegnung und Versöhnung wird es nur dort geben, wo ich den Konflikten ins Auge sehe, wo ich sie wahrnehme.

Und wenn wir ehrlich sind und mit offenen Augen durch die Welt gehen, dann werden wir merken: Unser Dasein ist voller Konflikte. Wir finden sie in uns selbst, in unserer Zerrissenheit, zwischen einzelnen Menschen, im Zusammenleben von Völkern und Religionen, im Zusammenleben von Mensch und Natur.

Dieses Wort Jesu über die Entzweiung ist paradox, wie die ganze christliche Religion etwas Paradoxes an sich hat. Denken wir nur an die paulinische Logik: „Gott ist im Schwachen mächtig“ oder „Gott hat sich die Torheit erwählt.“

Als Christ kann ich nicht für echten Frieden eintreten, ohne auf Widerstand zu stoßen, Entzweiung zu riskieren. Aber durch diese Offenheit, durch die Schärfe des Wortes kommt es zur Klärung. Wenn ich mich nach Versöhnung sehne, muss ich mich buchstäblich mit dem Anderen, dem Fremden, dem Feind, dem Gegner auseinandersetzen, ihn kennen lernen, ihn ernst nehmen, mich in ihn hineinversetzen.

Und erst dann hat es überhaupt einen Sinn, mich daran zu machen, eine Brücke zu bauen.

Eine Brücke führt über einen Graben oder einen Fluss oder über eine andere Straße, verbindet zwei Gebiete miteinander, ohne dass sie zu einem werden. Sie bleiben, was sie sind, aber es gibt eine Verbindung, Austausch, die Möglichkeit der Begegnung, wo man sich vorher nur von weitem sehen konnte, sich vielleicht etwas zugeschrien hat, das wieder falsch verstanden werden konnte oder zu Missverständnissen führte.

Dabei ist die Brücke als Symbol nicht nur positiv besetzt. Brücken können auch einstürzen, Brücken waren berüchtigte Orte, wo man leicht überfallen werden konnte, wackelige und instabile Brücken können uns mit Angst erfüllen.

Ob der pontifx maximus, der oberste Brückenbauer wirklich die passende Bezeichnung für den Papst ist, überlasse ich Ihrem eigenen Urteilsvermögen.

Und symbolische Brücken haben Sie meistens bei sich, denn auf jeder Eurobanknote ist auf der Rückseite eine Brücke abgebildet als Ausdruck dafür, dass Europa zusammenwächst.

Wenn sich Menschen ans Brücken bauen machen, dann wollen sie nicht aus zwei Gebilden eines machen, sondern eine Verbindung herstellen und dadurch miteinander in Kontakt treten.

Bei diesem Gemeindetag haben wir das u.a. in der Begegnung mit dem Islam getan.

Ein echter Dialog ist wie eine Brücke, zwei Pfeiler an zwei verschiedenen Ufern. Jeder Pfeiler hat seine Identität, sein Umfeld, seine Heimat. Und nur wer von seiner eigenen Identität und Lehre überzeugt ist, diese auch liebt und nach außen vertritt, ist fähig mit dem anderen in einen Dialog zu treten, wird vom anderen auch lernen und eigene Meinungen gelegentlich relativieren oder auch revidieren.

Nur so kommen wir zu einem besseren Verständnis und zu mehr Einsicht. Und diese Dialoge mit anderen Menschen, Religionen und Nationen sind absolut erforderlich. Ich kann heute nicht mehr sagen: Mich interessiert das alles nicht, ich ziehe mich zurück in mein Schneckenhaus und die ganze Welt kann mich gerne haben.

Wir hängen alle miteinander zusammen, und die Welt wird immer unübersichtlicher, die Gefahr großer Konfrontationen zwischen Völkern und Religionen wächst eher. Je mehr wir uns mit dem anderen auseinandersetzen, um so eher wird auch die Lösung von Konflikten möglich sein.

Jesus hat aufgerufen zum wahren Frieden, nicht zu einem Scheinfrieden, sondern einem, der mit Auseinandersetzung, Kampf, Leiden und Verfolgung einhergeht. Aber er hat das nicht einfach als Mensch getan, dem die Versöhnung ein besonderes Anliegen war, sondern er selbst ist die Brücke. Man könnte die Bildworte Jesu aus dem Johannesevangelium variieren, in dem man sagt: Ich bin die Brücke, wer über mich geht, der wird zum Vater kommen und den wahren Frieden erben.

Und auch daran können wir merken und spüren, wie paradox diese biblische Botschaft ist: Christus ist es, der durch seine Menschwerdung die Brücke bildet zwischen uns und Gott, der bis ans Kreuz geht, damit wir befreit in der Gemeinschaft mit unseren Mitmenschen und mit Gott leben können.

Was Menschen immer wieder aufbringt, das ist die Entgrenzung, das ist das Nichtakzeptieren von Schubladen und Kasteln, in denen wir so gerne denken. Wenn ich mich daran mache, Brücken zu bauen anstatt Mauern zu errichten, um den anderen kennenzulernen, dann wird mir das Feindseligkeit eintragen bei all denen, die Angst haben vor dem Fremden und dem Anderen, die sich ihre Vorurteile nicht zerstören lassen wollen. Und wir kennen alle die Populisten, die nichts lieber tun, als diese Angst auch noch zu schüren.

Diese Art des Populismus, der Zwietracht sät und Menschen verhetzt, ist ganz anderer Natur als jene Zwietracht, von der Jesus spricht: Denn Jesus ist gekommen, damit er das Leben in Fülle bringe, damit der Hass und die Gewalt und Ungerechtigkeit in der Welt ein Ende nehme. Jesus ist diese Brücke zu einem neuen Leben, das zu einer großen Gemeinschaft führt, ohne das alles genormt ist und alle gleich ausschauen, sondern zu einem Leben in versöhnter bunter Verschiedenheit.

Aber wenn Jesus die Brücke ist, schließt das nicht erst wieder einen anderen Glauben aus? Ich meine nicht: Denn er hat eben gerade nicht in diesen engen Kategorien gedacht, die hier uns, dort die anderen sehen, sondern Menschen, die vereint sind in dem einen Geist der Liebe, der durchaus unterschiedliche Wege zulässt.

Wir brauchen diese echten Brücken, nicht solche, die sich als Zugbrücken entpuppen und aufgezogen werden, wenn wir unsere Ruhe haben wollen, nicht starre statisch schlecht gebaute Brücken, die einstürzen, weil sie nicht die nötigen Schwingen haben und auch nicht Brücken, die so schmal sind, dass man Gefahr läuft, noch auf der Brücke in den Abgrund zu stürzen. Wir brauchen Brücken, über die man leicht hinüberkommt, die so breit sind, dass man sich auch dort begegnen kann und über die ich gerne gehe und fahre, weil ich auf das, was mich auf der anderen Seite erwartet, einfach neugierig bin.

Wir brauchen menschliche Brücken, die Engstirnigkeit und Hass zum Verschwinden bringen und merken, dass auf der anderen Seite auch Menschen wohnen mit anderen Traditionen und Kultur und vielleicht auch mit anderem Denken, aber mit ähnlichen Bedürfnissen, wie wir selber haben.

Diese Brückenbauer werden aus der eigenen Erfahrung berichten können, dass sie nicht nur umjubelt werden, sondern ganz im Gegenteil, dass ihnen nicht selten Hass und Misstrauen entgegenschlägt; das soll uns nicht entmutigen, das müssen wir in Kauf nehmen, wenn es uns erst ist mit der Versöhnung in dieser Welt.

Thomas Hennefeld ist Pfarrer der Reformierten Gemeinde Wien West (Zwinglikirche) und ab 01.09.2007 Landessuperintendent

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