04
. März 2007

Peter Karner

Die Reformation des Jakobus
 

Als sie aber stillschwiegen, begann Jakobus: „Ihr Brüder, hört mich an! Petrus hat erzählt, wie Gott zum ersten Mal darauf Bedacht genommen hat, aus Heiden ein Volk für seinen Namen zu gewinnen. Deswegen urteile ich meinerseits, man solle denen, die sich aus den Heiden zu Gott bekehren, keine Schwierigkeiten machen.“
Apostelgeschichte 15/13-14,19
 

Liebe Gemeinde,

Hier ist von einem gewissen Jakobus die Rede. Der „Gerechte“ wird er genannt, der „Herrenbruder“, denn er war der Bruder Jesu Christi. Er war das biblische Musterbeispiel eines gläubigen und anständigen Menschen. Trotzdem hat er sich exponiert, und sein Glaube hat ihn sein Leben gekostet. Nach einer Überlieferung ließ ihn der Hohepriester Ananos – die römische Procuratorenstelle war gerade unbesetzt – Ostern 62 steinigen. Nach Hegesippos wurde er von den Tempelzinnen gestürzt und mit einer Keule erschlagen. Der spätere Märtyrer Jakobus war ein interessanter und umstrittener Mann. Die Geschichte hatte ihn zwischen Juden und Christen gestellt. So war er für die Juden ein Verräter. „Du kannst nicht Jude und Jesus-Anhänger sein!“ Die Folge war die Todesstrafe.

Und für die Christen war er der sture „Juden“christ, der „Gesetzliche“, der Starre, der Konservative. Aber er war geachtet und gefürchtet zugleich.

Sein Lebensschicksal schien vorgegeben zu sein. Jahrhunderte später steht er zwischen den christlichen Konfessionen. Für die Katholiken darf er nicht der Bruder Jesu sein. Das würde das schöne Gebäude der Mariendogmen zum Einsturz bringen. Das Dogma von der „semper virgo Maria“ verträgt keinen „Herrenbruder“. Er wird zum entfernten Verwandten degradiert. Hier hat sich die unbiblische, römisch-katholische Phantasie ausgetobt.

Für uns Protestanten ist er gut biblisch ein richtiger Bruder Jesu. Sie waren ja mindestens sieben Geschwister. Jesus ist in einer kinderreichen Familie aufgewachsen. Aber auch auf der evangelischen Seite gerät Jakobus zwischen die Fronten. Luther kann auf ihn verzichten. Der Jakobusbrief ist für ihn eine „störende“ Epistel. Was Jakobus über das Verhältnis von Glaube und Werken schreibt, steht für Luther im klaren Gegensatz zur Theologie des Paulus und ist daher abgetan.

Die reformierte Tradition und erst recht Karl Barth übernehmen von Jakobus „das Lob der guten Werke“. Die guten Werke öffnen dem Gläubigen nicht den Himmel, aber sie sind Frucht seines Glaubens und seiner Freude am Gesetz.

Also – ein interessanter Mann dieser Jakobus: anständig, tapfer, umstritten!

Über seine Kindheit und Jugend wissen wir nichts. Wir können nur vermuten, bei welchen Ereignissen er wohl dabei gewesen ist. Z.B. beim ersten Auftreten Jesu Christi in der Öffentlichkeit. Da haben ihn Maria und seine Geschwister für verrückt gehalten. Hat auch Jakobus so über seinen ältesten Bruder gedacht? Hat er damals auch geglaubt, Jesus sei übergeschnappt? Wahrscheinlich konnte Jakobus mit Jesus nicht viel anfangen. Bis Jesus gekreuzigt wurde. Erst dann muss etwas passiert sein. Nach 1. Korintherbrief 15 ist der auferstandenen Jesus dem Jakobus erschienen. War das vielleicht sein Berufungserlebnis? Jahre später, nachdem Petrus fliehen musste, ist Jakobus dann Leiter der Urgemeinde in Jerusalem geworden. Und auch durch dieses Amt steht er mitten in den theologisch-kirchenrechtlichen Auseinandersetzungen seiner Zeit. Und darum geht es. Wie ist zu verfahren, wenn ein Jude Christ wird? Ist dann alles Jüdische vorbei? Gesetz, Bräuche, Gottesdienst? Oder kann, ja muss, man einiges behalten? Ist Jesu Lehre ein „Reformiertes Judentum“ oder eine „Neue Religion“?

Ja, die Frage ist noch heißer geworden, als Heiden Christen geworden sind. Geht das so einfach? Oder müssen sie auch etwas von der jüdischen Tradition annehmen? Das nachreformatorische Erziehungskonzept hat hier seltsame Einfälle gehabt. Etwa, dass es sinnvoll sei, die Kinder bzw. Jugendlichen zuerst zu gebildeten Heiden, dann zu Juden und schließlich zu Christen zu erziehen. Moderner gefragt: Ist es nicht sinnvoll, zuerst katholisch und dann evangelisch zu werden? Oder gar nach einem historischen Vorbild: Zuerst katholisch, dann lutherisch und schließlich reformiert? Oder sollte ein Konfessionsloser wirklich gleich reformiert werden können?

Ein eigenes „Apostel-Konzil“ wurde 45 nach Christus nach Jerusalem einberufen. Jetzt musste entschieden werden: Ist die Beschneidung und das jüdische Kultgesetz weiter zu praktizieren oder nicht? Ist vielleicht durch Christus wirklich alles „neu“ geworden und das „Alte“ vergangen? Dieses Konzil ist gut ausgegangen und hat die große Öffnung gebracht. Und ausgerechnet der konservative Jakobus hat den einschlägigen Antrag gestellt. Jakobus, jetzt der liberale, aufgeschlossene und reformfreudige? Sein Hauptargument: Wir dürfen die Heiden, die Christen werden wollen, weder beunruhigen noch belasten.

Die Beschneidung und das Kultgesetz fallen – Jakobus stellt nur einige Minimalforderungen: Der Verzicht auf das „Götzenopferfleisch“, keine Blutschande und koscheres Essen. Das war eigentlich vernünftig und zumutbar. Ja, wir Heutigen haben eine ganze Menge Gründe, nach der Herkunft des Fleisches zu fragen. Nur das Sakramentale Essen im Sinn der Interkommunion ist den Katholiken immer noch verbunden. Das ist allerdings ein römisch-katholisches Justament, das sich längst zum Skandal ausgewachsen hat. Man denke doch daran, was erst vor kurzer Zeit in Gallneukirchen passiert ist. (Freches Extempore des Predigers kam dann zur Erläuterung!)

Jakobus hat aber auch noch etwas Grundsätzlicheres geklärt. Einer Religion, einer Glaubensgemeinschaft anzugehören, bedeutet auch unverzichtbare Regeln zu beachten. Also ein reglementiertes Tun und Lassen. Wer diese konfessionstypischen Regeln befolgt, ist ein „braver“ Jude, ein „braver“ Christ, Katholik, Lutheraner, Reformierter, sogar ein „braver“ Konfessionsloser. (Definition: Ein „O.r.B.ler“ ist ein gläubiger Mensch, der keinen Kirchenbeitrag zahlen muss.)

Seit Jakobus könnte es also den braven Christen geben, der weiß, was er tun soll und was er nicht tun darf. Die Realität sieht viel heftiger aus.

Das zeigt z.B. die große Zerreißprobe, in der die römisch-katholische Kirche in den 90er-Jahren in Österreich stand. Was ist typisch römisch-katholisch, was ist also unaufgebbar? Ist es die mittelalterlich-feudale Kirchenstruktur mit dem Papst an der Spitze? Sollte nicht endlich Schluss mit dem Zwangszölibat sein? Schon Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger in Zürich, hat vorgeschlagen, im Zölibat nur eine mögliche Lebensform zu sehen. Wie steht es mit der hinterwäldlerischen Weigerung, Frauen ins Priesteramt zuzulassen? Hat die katholische Sexualmoral nicht schon genug Unglück angerichtet? Man vergesse doch nicht, dass sich das Vaticanum II. ähnlich verstanden hat, wie das Apostelkonzil anno 45 in Jerusalem!

Protestanten müssen wohl selbstkritisch feststellen, dass sie nicht unbedingt das Zentrale von ihren Mitgliedern verlangen. Was ist unaufgebbar? Was ist verzichtbar? Was ist – völlig ungerechtfertigt – längst aufgegeben worden? Ist der protestantische Mensch tapfer, hat er eine prophetische Gesinnung? Ist er bereit zu protestieren, zu demonstrieren? Warum sagt die Reformierte Kirche nicht, dass ein Antisemit bei ihr keinen Platz hat? Es klingt grotesk, wenn spießbürgerliche Protestanten abergläubische Katholiken aburteilen!

Die Rede des Jakobus vor dem Apostelkonzil in Jerusalem ist längst wieder aktuell. Das Christentum insgesamt hat einen Riesenberg an Tradition aufgehäuft. Und wieder muss Jakobus sagen, dass diese „Schätze“ die Christen beunruhigen und belasten. Die Christen drohen vor lauter „konfessionstypischen Verpflichtungen“ überhaupt nicht zum Glauben zu kommen.

Hoch Jakobus oder eine Entrümpelung von Kirche und Tradition ist überfällig.

Sinnvollerweise nenne ich unsere Probleme: die Pfarrerausbildung ist bestimmt durch das Erlernen dreier toten Sprachen, die nach dem Studium meist vergessen werden; und durch sehr viel Historisches. Doch die Pfarrerpraxis verlangt nach Fleiß, Phantasie, Liebenswürdigkeit und Mut; nach ökonomischen, juristischen und pädagogischen Kenntnissen. Altkurator Blühberger schlug seinerzeit vor, der Pfarrer sollte auch ein Handwerk erlernen. Da hat er sich eine schöne Abfuhr bei den Akademikern geholt. Aber immerhin, die Habsburger haben es von ihren Kaisern verlangt. Josef II. z.B. war gelernter Buchbinder. Presbyter und Gemeindevertreter in Wien sind Sitzungsbesucher geworden, aber den Gottesdienst – von ein paar rühmlichen Ausnahmen abgesehen – besuchen sie selten oder fast nie. Was ist eigentlich der Grund, dass die Gemeinde nicht verlangt, dass die Presbyter zusammen mit dem Pfarrer zu Beginn des Gottesdienstes in die Kirche einziehen – wie z.B. in der Gemeinde Oberwart? Wir halten viele Gottesdienste. Von wenigen Ausnahmen abgesehen werden diese Gottesdienste von 2 % der Mitglieder besucht. Wieso stimmt das niemanden nachdenklich? Wir reden immer groß von der Bibel. Wenn wir alle Texte, die bei uns noch nie gepredigt worden sind, herausreißen, bleibt ein schmales Bändchen über. Ist das jemandem bewusst? Ist die real existierende Ökumene wirklich so positiv für uns? Bis zum 2. Vatikanischen Konzil 1962 sind die evangelischen Kirchen gewachsen. Seither schrumpfen sie. Könnte es sein, dass wir in der Zeit der „Konkurrenz der Kirchen“ lebendiger waren? Jugendliche fehlen meist in der Kirche, aber „evangelisch“ war einmal eine Jugendreligion??

Und darum freue ich mich auf die „jakobinische Reformation“ unserer evangelischen Kirchen, um die Christen zu beunruhigen und zu belasten. Die Früchte des Glaubens gedeihen auf einem frisch gedüngten Beet.

zum Anfang