20
. Mai 2007

Peter Karner
 zu seinem 70. Geburtstag

Das verheißene Land vor mir
 

Und der Herr redete mit Mose und sprach: „Steig auf den Berg Nebo und schau dir das verheißene Land an. Denn du sollst dieses Land vor dir sehen, aber du wirst nicht hineinkommen.“ 5. Mose 32/48-49

Wenn man älter geworden ist, wenn man bereits in Pension ist, wird man dauern gefagt: Wie geht’s Ihnen denn? Es ist richtig auffällig. „Gut“, sage ich. „Wirklich?“ drauf ein Hallodri der Nächstenliebe. Könnte es sein, dass es Leute gibt, die sich ärgern, wenn es mir gut geht? Noch entwaffnender ein ehemaliger Schüler! Ganz sachlich fragt er einen Kollegen: „Sagen S´amal, lebt der alte Karner noch?“

Ich habe mir für meinen 70. Geburtstag einen Text ausgewählt, in dem ich mich wiederfinde. Vielleicht wird´s meinen Altersgenossen ähnlich gehen?

Es ist eigentlich eine traurige und wehmütige Geschichte, die ich Ihnen da aus der Bibel vorgelesen habe. Gott gibt seinem Propheten den letzten Auftrag: „Steig hinauf den Berg Nebo – er ist ungefähr doppelt so hoch wie der Kahlenberg – steig hinauf auf diesen Berg und schau dir das Land an. Schau es dir gut an, wie fruchtbar und schön und verlockend es vor dir liegt und dann stirb.“ Was für eine Aufforderung. Schau es dir gut an, genieß diesen Anblick, du sollst das Land sehen, aber du sollst nicht hineinkommen. Was muss in diesem Augenblick in Mose vorgegangen sein? Zorn, letzte Frustration, Enttäuschung? Das Lebensziel so vor sich, nein, nicht irgendeine Vorstellung, eine Phantasie im Inneren der Seele, sondern ein Blick hinunter vom Berg und zu sehen: Das gibt es wirklich. Wie oft rennt man denn irgendeinem Ziel nach und weiss nicht einmal, ob es das wirklich gibt. Er hat es gesehen.

Es gibt so eine Art Klischee, kurz vorm Tod, da würde einem das ganze Leben wie ein Film ablaufen. War´s bei Mose auch so? Es war ein spannendes Leben. Erst einige ganz wilde Geschichten um seine Jugend, dann wächst er im ägyptischen Königshaus auf. Und das war doch schon was. Also ein ägyptischer Prinz, das war auch ein Leben wie in einem gelobten Land. Und dann erwacht bei ihm das politische und soziale Gewissen und naiv – wie allen jungen Leuten, die meinen, „man muss doch nur..“, erschlägt er einen Sklaventreiber, den er dabei beobachtet, wie er gemein und brutal jüdische Sklaven beim Pyramidenbau behandelt. Und dann flieht er, und dann heiratet er ein erstes Mal und führt ein idyllisches Hirtenleben. Und eines Tages hört er die Stimme aus dem brennenden Dornbusch. Und nun geht´s los, das große Ereignis seines Lebens: Die ägyptischen Plagen, der Zug durchs Rote Meer, Sinai, die 10 Gebote und das Murren des Volkes.

Ich weiß nicht, ob man sich das immer so genau überlegt, wenn man diese Geschichte liest. Da hat ein Mann alles eingesetzt, um das zu erfüllen, was ihm sein Gott sagt. „Führ sie heraus aus der Sklaverei, es ist menschen-, es ist gottesunwürdig so zu leben.“ Und er führt sie in wunderbarer Weise aus dieser Sklaverei heraus und was machen sie, sie danken nicht einmal. Ja, wienerisch gesagt, sie matschkern. Der Komfort in der Wüste ist ihnen zu wenig. Das ägyptische Gulasch geht ihnen ab. Den israelischen Damen gehen auch noch die erotischen Qualitäten der ägyptischen Männer ab. Kaum sind sie befreit, beginnt die Nostalgie nach den kleinen Bequemlichkeiten in der Diktatur. Auch ein Lehrstück. Der Tanz ums goldene Stierkalb folgt und an das Umherirren in der Wüste. Und dann endlich das Ziel und das Gefühl, allen Verwirrungen zum Trotz: jetzt hab´ ich´s geschafft, jetzt seh´ ich´s vor mir. Und dann: „Finde dich ab, erst dein Nachfolger Josua wird das gelobte Land betreten.“

Ich habe mich schon gefragt, warum mich diese Geschichte so in ihren Bann zieht. Steckt in ihr eine tiefe, göttliche Weisheit? Ein Lernprozess: Ein Ziel zu haben, alles zu seiner Erreichung zu tun, die Rolle anzunehmen, selbst ein Stück Weg zu sein und dann andere den Weg weitergehen zu lassen. Ich glaube, das ist nicht Müdigkeit, das ist auch nicht eine Alterserscheinung, sondern es ist eine Form von höchstem Realismus und bietet wahrscheinlich eine ungeheure Entlastung vom Stress totaler Erfüllung. Und zwar eine Entlastung für jede Generation, für jede Altersstufe und für jede Zeit.

Die Vision, fröhlich Altwerden zu können, alt zu sein: sterben zu gehen. Zu fragen, war das alles? Und vielleicht dazu sagen zu können: ja, das war´s. Für die mittlere Generation vom Zwang und von der Hektik, alles schaffen zu müssen, befreit zu werden. Befreit zu werden, sich dadurch kaputt zu machen, befreit zu werden vom Stress. Für die junge Generation vielleicht frei zu werden davon, eine Welt aus den Angeln heben zu müssen.

Das ist nicht ein altersbedingtes Aufflackern von Konservativität, wie man vielleicht meinen könnte, wenn man sich kritisch selbst beobachtet. Nein, es gilt schon, Protest und Revolution sind in einer Reformierten Kirche legitim und können nicht hinauskomplimentiert werden. Aber, wenn ich etwa an die Erfahrungen der 68er Revolutionäre denke, die hatten ja diese fatale Alternative: Alles oder nichts und das sofort. Günther Grass hat das sehr kritisiert und es eine Art Romantik in der Politik genannt. Es geht um den Mut zu den kleinen beharrlichen, unaufhörlichen und oft mühsamen, unattraktiven Schritten. Das was die 68er „Den Ganz durch die Institutionen“ genannt haben. No, dann geh doch, aber als einer, der in 1001er kirchlichen Sitzungen gesessen ist, sage ich nur: Man unterschätze nicht, was der Gang durch die Institutionen bedeutet. Man probier´s einmal. Und dann wird man sehen, wie vielen Menschen, die durch die Institutionen gegangen sind, schon die Luft ausgegangen ist dabei, weil es natürlich fürchterlich ist.

Und viele haben es nicht ausgehalten, und halten es auch heute nicht aus. Und daher sind aus vielen ehemaligen Revolutionären die etablierten Verwalter von heute geworden, aus bärtigen Revoluzzern sind die kleinen „beamteten Scheisser“ geworden. Und sie fühlen sich sauwohl in dem allen, was sie erreicht haben und meinen, das wäre doch so was wie ein positiv erreichtes Lebensziel.

Dahinter stand zuerst etwas Großartiges, aber es hat sich als Illusion herausgestellt: es muss rasch gehen, sofort, am besten gleich. Und wenn ich nicht alles durchsetzen kann, dann lass ich es lieber oder ich erzwinge es. Das wäre so, als wäre Mose damals vom Berg Nebo in die Tiefe gesprungen. Na, dann wär´er wohl unten gelandet, aber mit eingeschlagenem Schädel.

In dieser Geschichte steckt eigentlich ein unglaublicher Ansatz zu einer Hoffnung, nämlich, die mosaische, jesuanische, reformatorische Kraft und Lebensweisheit. Es erinnert ein bisschen an die faszinierende Haltung der Erbauer unseres Stephansdomes. Etwas beginnen, von dem man weiss, dass man seine Vollendung nicht erleben wird. Und gerade deshalb in aller Gelassenheit an großen Zielen mitarbeiten kann. Das wär es, das wäre eine Hoffnung, die nicht geraubt, die nicht zerstört werden kann.

Und ganz konkret gesagt, der Berg Nebo 2007 positiv, der globale Umdenkungsprozess hat begonnen und er kann nicht mehr aufgehalten werden. Die Umweltzerstörung, die Rüstung, der Rassismus, die Unterdrückung, der Hunger, sie haben keine Zukunft mehr, das wissen wir längst. Wir werden aber nicht eine Welt erleben, unsere Generation – ohne Umweltzerstörung, ohne Rassismus, ohne Unterdrückung. Eine Welt, wo der Pfarrer sagen wird: „Die heutige Kollekte ist für niemanden bestimmt, wir brauchen überhaupt keine Kollekte mehr, denn es gibt keine Armen mehr.“

Das werden wir wohl nicht mehr erleben, aber unsere Rolle ist wohl die des Umschwungs. Des Umschwungs im Lebensstil und auch in der Politik. Wahrscheinlich wird die jetzige Generation nicht den Weltfrieden erleben, aber es ist ihre Aufgabe, die Grundlagen zu schaffen. Wir werden wahrscheinlich nicht die saubere Umwelt erleben, aber die Voraussetzungen dafür entwickeln. Und auch nicht das Ende des Hungers und auch nicht das Ende des Rassismus. Wahrscheinlich wird unsere Generation auch nicht die vollendete Ökumene erleben, aber gerade deshalb muss sie sich weitere Auseinandersetzen mit allen unbiblischen Konkretionen, die es in den Kirchen gibt, und unaufhaltsam weitergehen. Denn christlicher Glaube ist bekanntlich eine Veränderungsreligion, auch wenn der Weg manchmal von den Krenn´s und wie sie alle heissen, gesäumt wird.

Wer den größten Atem hat, wird diese Welt ein Stück weiterbringen und kann eines Tages getrost aufhören. Die ideologischen Hektiker haben höchstens versucht, ihr die Haxen auszureißen. Wer auf dem Berg Nebo gewesen ist und ins weite Land hineingeschaut hat, kehrt theologisch erfrischt in die Mühen der Ebene zurück.

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