17. Mai 2007
 

Harald Kluge
 

„ernten, was wir säen“

Konfirmation

 

Brüder und Schwestern, auch wenn jemand unter euch in Sünde fällt, müsst ihr zeigen, dass der Geist Gottes euch leitet. Bringt einen solchen Menschen mit Nachsicht wieder auf den rechten Weg. Passt aber auf, dass ihr dabei nicht selbst zu Fall kommt! Helft einander, eure Lasten zu tragen. So erfüllt ihr das Gesetz, das Christus uns gibt. Wer sich dagegen einbildet, besser zu sein als andere, und es doch gar nicht ist, betrügt sich selbst. Jeder und jede von euch sollen das eigene Tun überprüfen, ob es vor Gott bestehen kann. Ob sie etwas an sich zu rühmen haben, das lesen sie dann an sich selber ab und nicht an anderen, über die sie sich erheben.

Jeder wird genug an dem zu tragen haben, was er selbst vor Gott verantworten muss. Wer im christlichen Glauben unterwiesen wird, soll dafür seinem Lehrer von allem etwas abgeben, was zum Leben nötig ist.

Macht euch nichts vor! Gott lässt keinen Spott mit sich treiben. Jeder Mensch wird ernten, was er gesät hat. Wer auf den Boden der menschlichen Selbstsucht sät, wird von ihr den Tod ernten. Wer auf den Boden von Gottes Geist sät, wird von ihm unvergängliches Leben ernten. Wir wollen nicht müde werden zu tun, was gut und recht ist. Denn wenn die Zeit da ist, werden wir auch die Ernte einbringen; wir dürfen nur nicht aufgeben. Solange wir also noch Zeit haben, wollen wir allen Menschen Gutes tun, besonders denen, die mit uns durch den Glauben verbunden sind.“

                        Galater 6,1-10

Liebe Konfis und liebe Gemeinde!

Alle fragen. Jeder will es wissen. Warum geht es uns so … schlecht?

„Niemand kann`s dir sagen.

Keiner kennt die Antwort auf alle deine Fragen.

Du musst nur verstehen – wir ernten, was wir säen!“

 

„Wenn wir so weitermachen, wie bisher, kommen wir in Teufels Küche!“, so spricht der Klimaexperte. Hat er Recht? Oder schätzen sie, liebe Gemeinde, unsere Zukunftsperspektiven optimistischer ein? Im Internet darf ich wetten: Neben all den Lockangeboten rund um Hund und Fußball schlagen seit kurzem besonders die Wetten auf den Weltuntergang mit blühenden Gewinnzahlen zu Buche.

Wetten auf den Untergang. Und es ist eines der zwei Themen, die unseren Blätter- und Medienwald beherrschen. Beide K-Faktoren haben mit Kindern und Jugendlichen zu tun. Es geht ums Komasaufen und die Klimakatastrophe. Über nichts lässt sich derzeit trefflicher räsonieren. Ein neunjähriger Bub schafft es in den Zeitungen auf die Seite Eins als der jüngste Komasäufer Österreichs – schon wollen meine Schüler mit mir wetten, dass es nicht lange dauern wird, bis jemand diesen Rekord wird einstellen wollen. Der junge Komatrinker muss seinen Platz dabei gegen eine andere Meldung verteidigen. Denn wieder einmal wurde der Countdown für unseren blauen Planeten eingeläutet. Nur noch 8 Jahre, so wollen uns Expertenberichte versichern und verunsichern uns wohl eher damit … Es sollen nur 8 Jahre sein, in denen sich das Schicksal unserer geliebten Erde entscheiden wird. Dabei haben wir so sehr Acht gegeben – auf die Erde und auf unsere Kinder.

Im UNO-Klimabericht wird festgehalten: „Wir haben bis 2015 Zeit.“ UNO versteht da keinen Spaß und wer will der UNO widersprechen. 2015 bin ich erst 44 Jahre alt und ihr, liebe Konfis, seid so zwischen 22 bis 24 Jahre jung. Nun diesen Satz: „Wir müssen jetzt handeln!“, das hab ich schon vor 20 Jahren in der Schule gehört und auch die angedrohten Schreckensszenarien klingen wie aus meiner guten alten Schulzeit. Die modernen apokalyptischen Reiter: Dürre, Epidemien, Überschwemmungen und Flüchtlingsströme. „Der Zusammenbruch der Biosphäre sei nicht mehr aufzuhalten, wenn wir nicht sofort …“ Dieser Gedanke begleitet mich, seit ich denken kann. Ich will es auch gar nicht herunterspielen, habe vier Semester Biologie studiert, um die  Biosphäre, die Tiere und die Menschen zu retten. Aber mit der Zeit hat sich bei mir die Frage aufgedrängt: Kann, wer Angst sät, jemals Hoffnung ernten? Und kann wer in Angst lebt, hoffnungsvoll handeln?

Wenn mir immer die Angst vor der Zukunft an die Wand gemalt wird – in möglichst düsteren Farben und schiachen Formen – tue ich mir schwer, die Hoffnung auf eine schöne und bessere Welt zu entwickeln. Wenn ich immer Angst vor dem Tod vermittelt bekomm, werde ich auch kaum die Hoffnung auf die Auferstehung verinnerlichen können. Und wenn schon Kindern die Angst vorm Schwarzen Mann in einem lustigen Spiel anerzogen wird, so braucht es einiges an Weiterentwicklung, um irgendwann einmal eine vorurteilsfreie Begegnungen zu ermöglichen. Wie schön wäre es, wenn die Ansage: „Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann?“, mit der Antwort: „Niemand!“ enden würde. Und nicht blöd weiter gesprochen: „Und wenn er kommt, laufen wir …“ eh schon wissen. Es ist wohl zum Davonlaufen. Und ohne viel Gegenwehr hat sich die Angst auch zur größten Epidemie unter der Menschheit entwickelt. Nichts verursacht mehr Unsicherheit und Hysterie, als der vermeintliche Kontrollverlust. Heute muss kaum ein Jugendlicher mehr ein Märchen durchstehen und ausziehen, um das Fürchten zu lernen. Das Gruseln und Grauen lässt sich bequem von daheim aus oder in der Schule erleben. Es gibt kaum noch angstfreie Zonen, so genannte Leos, an denen man sich wirklich so ganz sicher fühlen darf. Hier kann mir nichts passieren.

Ich weiß schon. Angst kann Leben retten und seit der Steinzeit schützt sie uns vor unnötigen Gefahren. Aber unsere Zeit und Kultur ist so voll gestopft mit Ängsten, wie noch nie. Und Angst ist ein Bombengeschäft. Das Angst produzierende Gewerbe hat eine depressive Propagandamaschinerie unerahnten Ausmaßes in Gang gebracht. Von Allergie und Artensterben bis hin zu Waldsterben und Weltbankrott. Unser Angstalphabet haben wir gelernt. Und die lieben Kleinen verlassen das Sonnendeck des Lebens, den geschützten Bereich der heilen Familie in immer jüngeren Jahren. Früher hat man mit Märchen den Kleinen beim Einschlafen ein klein wenig Angst gemacht, heute erleben sie den Alltagsstress pur, wenn Mami und Papi kaum mehr Zeit neben der Arbeit haben. Schon in der ersten und zweiten Klasse erleben Kinder, was ihnen die Arbeitswelt dereinst an Leistungsdruck und Stressmanagement abverlangen wird.

„Wir ernten was wir säen.“ Panikattacken, Essstörungen, Selbstverletzungen und Verstümmelungen und eine Auslieferung an die Vielfalt der Genusssucht – Fernsehen, Rauchen, Saufen & Suchtgift. Familien und Schulen und Gesellschaften sind dabei wie kommunizierende Gefäße. Die Ängste übertragen sich wie in einem großen Pool und der Umgang mit Sorgen und Problemen, den die Älteren entwickelt haben, wird meist kopiert.

Entweder flüchten wir uns in Dauerskeptizismus: Es kann nur noch Schlimmer werden. Oder man schließt sich der überwältigenden Mehrheit der Berufszyniker an, die aber auch nicht wirklich eine Antwort haben, damit aber viel Geld und Aufmerksamkeit erlangen, weil sie eigentlich nur unsere Fragen aber halt ein bisserl lustig stellen.

Nur auch sie sind der Einstellung der 5 Ehs unterworfen:

Es ändert sich eh nie was.

Man kann halt eh nichts machen.

Früher war eh alles besser.

Es wird eh übel enden und ich kriege eh keine Pension mehr.

Und Schuld daran haben eh die Politiker, Wirtschaftsbosse u.s.w.

Am Ende des Tages steht dann meist das Wegspülen aller Sorgen, Ängste und Probleme. Dass sich hier die Jüngsten immer früher anschließen und Saufen und Rauchen immer jünger und extremer wird, zeigt wie cool, sprich, abgekühlt und wurschtig, ohne großer Anteilnahme füreinander, unsere Gesellschaft geworden ist. Auch wenn wir beim Empfang mit unseren Jugendlichen am Sonntag vermitteln wollen: Ohne Alkohol kann man auch feiern. Einige wollen nicht verstehen, dass es immer auch ums Vorbild geht.

Obwohl wirklich fasziniert und verblüfft war ich von einem Handyhersteller, der seinen – auch jungen - Kunden einen Cocktailmixer gratis zum Download bereitstellt. Das ist bei mir in den Klassen der große Renner unter den Jugendlichen und schon in der Dritten tauschen sie sich darüber aus, welcher Alkomix jetzt gerade der letzte Renner ist. Gruselig. Schuld an all den unheilvollen Entwicklungen unserer Jugend soll die Angst haben. Angst macht mich krank und andere reich. Angst macht hysterisch und andere euphorisch. Angst macht mich klein und andere groß. Angst macht mich ohnmächtig und andere mächtig.

In einer Szene im Alten Testament wird beschrieben, wie Mose mit dem Volk Israels bei der Flucht vor den ägyptischen Soldaten und Streitwagen durchs Meer ziehen. Links und rechts türmen sich gewaltige Wassermauern auf und drohen jederzeit über die Israeliten hereinzubrechen und sie fort zu spülen. Mose und wohl noch mehr sein Bruder Aaron mussten wohl einiges an Motivationskunst einsetzen und ihre Leute unter dieser drohenden Gefahr vorwärts treiben „Wir schaffen es!“

Es ist die Hoffnung, die Menschen durch die schlimmsten Gefahren führen kann. Hoffnung macht gesund. Hoffnung befreit und macht groß. Und Hoffnung gibt Macht und Möglichkeiten zur Veränderung. Das haben wir auch ein wenig im Konfikurs versucht. Etwa haben wir die Begegnung mit Gott in der U-Bahn geprobt. Quasi für den Ernstfall, wenn uns Gott begegnet. Und wir mussten feststellen, wir wären erst einmal sprachlos. Sprachlos im positiven Sinne macht es mich auch immer wieder, wenn wie heuer es 32 Jugendliche und ein Erwachsener, von denen sich die meisten vorher nie gesehen haben, schaffen über mehrere Monate hindurch eine interessante und spannende gemeinsame Reise in die Fragen des Lebens und Glaubens zu unternehmen. Das kann doch Hoffnung für die gesamte Menschheit machen. Um beim Bild des Sämanns zu bleiben. Wer Hoffnung sät, kann anfangen die Angst wie Unkraut heraus zu reißen. Die Ängste, die wuchern, gedeihen und uns anfangen die Luft zum Atmen zu nehmen, können mit den Samenkörnern aus dem Sack voller Hoffnung – bildlich gesprochen – bekämpft werden. Ich bin da jetzt wohl ein wenig illusorisch aber meine auch nicht, da genügten leere Floskeln wie: „AWG. Alles wird gut!“ oder „Es wird schon wieder!“ Es sind starke Sprüche, die man ausstreuen kann wie etwa: „Wir ernten, was wir säen!“

Die Ernährungsberaterin würde sagen: „Du wirst, was du isst!“ Der Familien-Coach rät Eltern: „Was sie tun können, damit ihre Kinder nicht zur Flasche greifen.“ Und der Figur-Coach spricht salopp: „Schön, fitt statt fett!“ und meint es läge nur an der Selbstdisziplin. Für den Coach in Fragen der Religion und des Glaubens würde das heißen: Nur wenn von Hoffnung und Glauben die Rede ist, können sich andere ein Bild davon machen.

Der Gott Jesu strapaziert wohl unsere Denkkategorien, aber Gott ist kein Sadist. Gott hält uns immer diesen Spielraum der Hoffnung offen. Mit der Geburt wird uns gewissermaßen die Fähigkeit zur Hoffnung eingepflanzt. Auch wenn die ganze Schöpfung stöhnt und viele von uns auch immer wieder innerlich aufstöhnen, so warten wir doch alle sehnsüchtig auf eben das andere Leben. „Wir sind gerettet, aber noch ist alles Hoffnung!“, meint der Apostel Paulus. Und auch wenn man nie weiß, ob das, was man tut, auf felsigen Boden, im Dornendickicht, mitten am Weg oder auf Bio-Erde fällt. Wir alle sind Sämänner und Säfrauen, die Saat auswerfen und hoffen, das was wächst, blüht und gedeiht. Euer Lieblingsspruch aus den Lebensmottos zum Sinn des Lebens war neben dem am Sonntag genannten: „Ein Freund ist das beste, was du haben kannst und das Beste, was du sein kannst!“ „Ein Freund ist jemand, der deine Vergangenheit versteht, an deine Zukunft glaubt und dich so akzeptiert, wie du bist!“ Ihr habt es verstanden und vorgezeigt. Ihr habt einander geholfen die Lasten zu tragen. Kaum einer hat sich eingebildet, etwas Besseres zu sein als die anderen.

Frei nach Galater 6: „Wir wollen nicht müde werden zu tun, was gut und recht ist. Denn wenn die Zeit da ist, werden wir auch die Ernte einbringen; wir dürfen nur nicht aufgeben. Solange wir also noch Zeit haben, wollen wir allen Menschen Gutes tun.“ Damit sich bewahrheiten kann: Wir ernten, was wir säen.

AMEN

  

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