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17. Juni 2007 Johannes Langhoff
Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf, und eine Frau mit Namen Martha nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester mit Namen Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füssen und hörte seinen Worten zu. Martha aber war ganz mit dem Auftischen beschäftigt. Da trat sie herzu und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich allein auftischen lässt? Sag ihr doch, sie solle mir zur Hand gehen.
Der Herr
aber antwortete ihr: Martha, Martha, du sorgst und mühst dich um vieles;
doch eines ist nötig. So hat Maria das gute Teil erwählt; das soll ihr
nicht genommen werden. Liebe Gemeinde! Das ist der Text für den ultimativen Rundumschlag feministischer Theologie, d.h. so denke ich mir das als Mann. Hier wird männlich-patriarchales, klerikalisiertes Denken und Rollenverteilen eingebremst. Jesus und die Frauen. Er gibt Martha eine Abfuhr, die die männliche Autorität anruft, um Maria an ihre Rolle und Aufgaben als Frau zu erinnern. Viele kennen die Erfahrungen von Reisen in den Osten oder in die orientalischen Länder. Man wird offenherzig und freigiebig eingeladen, an privaten Festen teilzunehmen. Das ist schon beschämend angesichts unserer weniger fremdenfreundlichen Gastfreundschaft. Aber mitunter schwer auszuhalten und ungeniert zu genießen ist, wenn man dann beobachten muss, dass das oft nur Männergelage sind, bei denen die Frauen und Kinder hinter die Kulisse verbannt werden, um von dorther alles vorzubereiten und herzurichten und ansonsten auf die Reste für den eigenen Verzehr zu warten. Martha fordert Maria in die Küche zurück. Frauensolidarität ist nicht selbstverständlich. Feministische Attitüden werden von Geschlechtsgenossinnen gern torpediert. Frauen distanzieren sich von Emanzipation und Feminismus. Männer machen darauf gern und süffisant aufmerksam. - Sie hören mich. - Mit Paulus lässt sich daraus eine kirchliche Ämternorm erheben. Frauen haben in der Gemeinde zu schweigen und ihres Amtes der Bedienung zu walten. - Könnte man so sagen, wenn es bei Jesus nicht anders ausginge. Die Evangelisten, die ja weder historische Abhandlungen noch Jesusbiographien geschrieben haben, benutzen Überlieferungen, zumeist einzelne Worte, um sie in Kurzpredigten, Anekdoten zur nachhaltigen Erinnerung und Beispielgeschichten oder –bilder zu kleiden. Dabei neigt Lukas dazu, diesen Bildern und Geschichten einen gewissen sensationellen und skandalösen Zuschnitt zu geben. Das ist wohl seine journalistische Ader, die ihn ja zum Reisereporter der frühen christlichen Mission gemacht hat. So hat er auch diese Geschichte provokant und anstößig gehalten. Die rechtschaffene Martha bekommt mit ihrem berechtigten Anliegen eine Abfuhr. Eine Belehrung noch oben drauf und eine super machohafte Missachtung ihrer eifrigen Bemühungen um das Wohl des Gastes. Wenn schon keine Männer da sind, mit denen er parlieren und palavern kann, dann müssen halt Frauen dafür herhalten, seine gescheiten Reden und sein unglaubliches Wissen zu bewundern. Was geht mich die Küche an? Lukas trägt dick auf. Er verkleinert die Geschwisterrunde auf eine Schwesternrunde. Bei Johannes erfahren wir davon, dass es drei Geschwister gewesen sein müssen. Außer Martha und Maria noch Lazarus. Also Martha, Mirjam und Eleazar, denen Jesus in besonderer und persönlicher Freundschaft verbunden gewesen sein soll. Auch Johannes benutzt die persönliche und private Nähe dieser Geschwister zu Jesus, um eine extrem provokante Geschichte zu erzählen. Nämlich der von der ersten Totenauferstehung. Lukas unterschlägt den Bruder. Hat er mit in der Gesprächsrunde gesessen, so ist er nicht das Besondere, sondern die eine Schwester, eben die eine Frau, die sich dazusetzt. Also doch ein emanzipatorisch-feministisches Signal?! Soll sein. Kann ich weitergeben. Und ich kann Paulus wieder zurück ins Boot holen, der in einem anderen Brief ausdrücklich geschlechtsspezifische Unterscheidungen in der christlichen Gemeinde ablehnt. „Da ist weder Mann noch Frau, Jude oder Grieche, Sklave oder Freier.“ (Gal. 3,28) Aber die Hervorhebung der neuen Rolle der Frau in der christlichen Gemeinschaft ist nicht wirklich das Thema dieser Anekdote. Das ist eine moderne Fragestellung angesichts jahrhundertealter, traditioneller Bibellesart, die es immer wieder geschafft hat, das eigene Gesellschaftsgefüge in die Bibel hinein zu projizieren, um es anschließend als fundamentale Gesellschaftsnorm wieder heraus zu zitieren. Bei Lukas ist die eigene Bedeutung der Frauen im Umfeld Jesu und für die Entstehung der christlichen Gemeinschaft deutlich erkennbar. Sie sind erste Zeugen, ich sage nicht Zeuginnen, als wären ihnen Männer zuvorgekommen. Die Frau, diese Martha, ist es bei Johannes, die als erste und einzige im Evangelium das entscheidende Messiasbekenntnis ausspricht. Obwohl dann auf ihr keine Kirche aufgebaut wird, wie bei Matthäus auf Petrus nach seinem dortigen Bekenntnis. Aber vielleicht wäre bei bleibender Bedeutung der Frauen in der christlichen Kirche auch niemals eine Papsttum entstanden. Lukas benutzt wie Johannes die persönliche Verbundenheit dieser Geschwister mit Jesus, um eine andere wichtige Botschaft zu präsentieren und anschaulich, begreifbar zu machen. Ich müsste eigentlich sagen, gleich mehrere wichtige Aspekte der evangelischen Botschaft. Da ist zu allererst die: „Nicht Du Martha hast mich zu bedienen und mir etwas zu geben, sondern ich will Dich bedienen und Dir etwas geben, nämlich mich.“ Stellen Sie sich jetzt bitte diese Szene, die Lukas konstruiert hat, nicht allzu realistisch vor. Das wäre ein chauvinistischer Auftritt gewesen, der nicht zum Ton unter Freunden gehört. Aber hören Sie die Anspielung und das Spiel des Lukas mit dem heiligsten Gesetz der israelitisch-jüdischen Kultur, dem ungeschriebenen Gesetz der Gastfreundschaft. Gott Jahwe lässt sich noch von Abraham und Sarah aufwendig bewirten, würdigt ihren Einsatz mit einer freudigen Nachricht und mit einem vertraulichen Gespräch über ein bevorstehendes Gottesurteil. Rebekka beweist ihre Erwählung durch ihr gastfreundschaftliches Verhalten. Sie erweist sich als Gottes Wahl und wird zur Stammmutter Israels, die sich der patriarchalen Anwandlung in der Erbfolge erfolgreich widersetzt. Jesus dreht dieses Gesetz um. „Ich bin der, der Euch dient.“ – Wieder ein Seitenblick auf das Johannesevangelium. Dort wird Petrus zurechtgewiesen, dass er sich gefälligst von Jesus bedienen und die Füße waschen lassen muss, wenn er überhaupt dazu gehören will. Maria hat es einfach richtig gemacht. Niemand möchte ihr das bestreiten und sie daran hindern, Jesu Dienst in Anspruch zu nehmen. Und damit bin ich bei einem weiteren Aspekt, der sich in dieser Anekdote verbirgt. Er hängt mit unserem heutigen Tun zusammen. Wir führen ein Amt wieder ein, das es schon einmal in unserer Gemeinde gegeben hat, das Amt der Diakonältesten, der Diakoniepresbyter. Das sind die ancienne-diacres der discipline ecclésiastique, der Kirchenordnung Calvins. Wir propagieren es eifrig und lehren es jeden neuen Konfirmandenjahrgang, dass sich die H.B.-Kirche durch das vierfache Amt nach Calvin auszeichnet. Aber in den letzten Jahrzehnten gab es dafür Erklärungsbedarf. Pfarrer und Pfarrerin unübersehbar. Presbyter nach jeder Gemeindevertretungswahl im Rampenlicht. Lehrer, die Prof. Lüthi in Erinnerung gerufen hat mit dem Platznehmen auf den Prebyterstühlen hier vorn. Aber Diakone? Das war nurmehr eine Berufsgruppe, heute Sozialarbeiter, und in unserer Gemeinde zuletzt ein Armenvater. In der Gemeindeordnung vom Ende des 19.Jahrhunderts waren noch ausdrücklich 3 Presbyter mit der Diakonie in der Gemeinde betraut. Das wollen wir heute versuchen wiederherzustellen. Aber wie? Ist das noch zeitgemäß? Heißt ecclesia reformata et semper reformanda, dass wir zurückschauen sollen? Vielleicht sind die anderweitigen Erfahrungen und die sonstigen Praktiken, Diakonie zu professionalisieren und in diakonische Werke der Kirche zu delegieren eh das Beste unter den heutigen Gegebenheiten. Die Geschichte von Maria und Martha im Lukasevangelium ist naheliegenderweise ein biblischer Text, der gern auf seine diakonischen Qualitäten abgefragt wird. Um nicht zu sagen, der der dienenden Rolle von Diakonissen die rechte Begründung gegeben hat. Neben Marthas selbstverständlichem, eifrigem Tischdienst eignete sich das provokante Verhalten der Maria in der Geschichte zu der Mahnung, dass der Dienst und die Bedienung immer unter dem Wort Christi stehen müssen, dass Diakonissen ihren Dienst aus der Weisung Christi tun. Deshalb waren sie auch ihm besonders verpflichtet und verbunden und - mussten ledig bleiben. Das hat sich nicht bewährt, so dass es heute fast keine Diakonissen mehr gibt. Hier hatte eine innerkirchliche Traditionsbildung sich zur Lesart über die Bibel erhoben und das Vorbild der Nonnen in die evangelische Ämterteilung hinübergezogen. Frage ich also, was die Geschichte von Jesus, Maria und Martha für unser Diakonatsverständnis austrägt. Dann muss ich erklären, dass wir nicht einen diakonischen Helferkreis gegründet haben. Wir haben keinen neuen Besuchsdienstkreis gegründet, keine Helferschar für Schwester Elisabeth, die für soziale oder pflegerische Notrufe bereitgehalten wird. Denn das geht nicht mehr. Amateure gehören nicht länger in die Pflege und Fürsorge genau so wenig wie Illegale. Obwohl es natürlich den Bedarf an billigen oder im Fall ehrenamtlicher, kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an kostenlosen Helfern ungebrochen gibt. Wir haben eine Diakonieversammlung gegründet, die sich Gedanken machen soll, Ideen anregen, Projekte entwickeln und Regeln aufstellen, wie wir der sozialen Verantwortung begegnen und unsere diakonische Herausforderung als Gemeinde Jesu Christi wahrnehmen können. D.h. erst denken und dann handeln. Tun, was zu tun ist, was getan werden kann, wo wir tatsächlich helfen können ohne die Betroffenen zu Almosenempfängern zu degradieren und unselbständig zu machen. D.h. zu lassen, was wir nicht bewerkstelligen können und was wir besser weitergeben an die, die es können. D.h. hier ist zunächst an Maria gedacht, die zuhört. Das schnelle, routinierte Tun der Martha ist nicht immer und überall richtig. Es gibt auch in der evangelischen Kirche eine latente Werkegerechtigkeit. Im Populärcalvinismus ist das eine missverstandene Prädestinationslehre, die an dem Erfolg und der Größe der sozialen Stiftungen den Grad der göttlichen Erwählung ablesen will. D.h. vereinfacht gesagt, wir sollen nicht den lieben Gott spielen und glauben, wir könnten oder wenigsten wir müssten so viel als möglich die Missstände und Missverhältnisse in seiner Schöpfung korrigieren. Jesus hat kein Spital gegründet, keine Armenasyl eingerichtet und keine Irrenanstalt aufgemacht. Damit bin ich bei dem letzten Aspekt, den ich dieser Geschichte entnehmen möchte. – Wieder mit einem Seitenblick auf das Johannesevangelium, wo eine Frau Jesus mit teuerstem Öl salbt und in die Kritik gerät. Maria wie die Frau mit dem Öl nehmen die außerordentliche Situation wahr, dass sie Jesus bei sich haben. Dahinter steht alles andere zurück. Das Tischdecken und Herrichten ist vielleicht auch nur eine Verlegenheitsgeste. Die Freude über den Besuch ertrinkt in vielen Begrüßungsdrinks. Die Spannung vor einem ernsten und wichtigen Gespräch wird mit endlosem Smalltalk besänftigt bis der Zeitpunkt verpasst ist. Die Kirchen mischen sich überall ein und müssen überall mitreden, mit auftreten bis sie zur Staffage werden und ihre Erinnerung an Jesu Wort und Auftrag ebenso wenig ernst genommen wird wie das formelhafte Gerede anderer Interessenvertreter, Parteien und Gewerkschaften. Die Glaubwürdigkeit von Pfarrern rangiert nicht zufällig weit hinter der der Feuerwehrleute. Dauerredner verlieren die Fähigkeit zuzuhören. Maria hört einfach zu. Wenn wir Jesu Nachfolge gehen wollen, müssen wir zuerst hinhören. So hat Calvin das Diakonenamt als ein Gremium aus geistlichen und weltlichen Amtsträgern angelegt. Es soll unter dem Wort Gottes ausgeübt werden in dieser Welt und für diese Welt. Wir haben es nach der Ordnung unserer Gemeinde, die das Presbyterium aus einer Gemeindeversammlung hervorgehen lässt, in eine Diakonieversammlung eingebettet. Die Schar derer, die mitdenken, anregen und hinterfragen, soll breiter sein, als die kleine Runde, die schnell handeln können muss. Das griechische Wort für das Auftischen der Martha heißt diakonein. Diakonie geht von dem Tisch aus, den Christus Jesus uns selbst bereitet hat, an dem er uns mit der Erinnerung und Versicherung seiner Hingabe stärkt und uns in seinen Dienst an unseren Nächsten sendet. Amen. |