13. Juli 2008

Johannes Langhoff

"Utopien 2"

 

Und Jesus verließ den Tempel und ging weiter. Und seine Jünger traten zu ihm, um ihm die Bauten des Tempels zu zeigen. Er aber sagte zu ihnen: Nicht wahr, das alles seht ihr? Amen, ich sage euch: Hier wird kein Stein auf dem andern bleiben, jeder wird herausgebrochen.

Als er nun auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sagten, als sie unter sich waren: Sag uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen für dein Kommen und für das Ende dieser Welt? Und Jesus antwortete ihnen: Gebt acht, dass niemand euch in die Irre führt! Denn viele werden kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Messias, und sie werden viele in die Irre führen. Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören: Seht zu, dass ihr euch nicht erschrecken lasst! Denn das muss geschehen, aber das Ende ist es noch nicht. Denn erheben wird sich Volk gegen Volk und Reich gegen Reich, und Hungersnöte und Erdbeben wird es geben da und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen…

Seht, ich habe es euch vorausgesagt. Wenn sie also zu euch sagen: Da, in der Wüste ist er, so geht nicht hin! Da, in den Gemächern ist er, so glaubt es nicht! Denn wie der Blitz im Osten zuckt und bis in den Westen leuchtet, so wird das Kommen des Menschensohnes sein. Wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier.

Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Tage
wird sich die Sonne verfinstern,
und der Mond wird seinen Schein nicht mehr geben,
und die Sterne werden vom Himmel fallen,
und die Mächte des Himmels werden erschüttert werden.

Und dann wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen, und dann werden alle Stämme auf der Erde klagen, und sie werden den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen  sehen mit großer Macht und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel aussenden mit lautem Posaunenschall, und sie werden seine Erwählten zusammenführen von den vier Winden her, von einem Ende des Himmels zum anderen.

Vom Feigenbaum aber lernt das Gleichnis: Sobald sein Zweig saftig geworden ist und Blätter treibt, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. So auch ihr: Wenn ihr dies alles seht, dann wisst ihr, dass er nahe ist und vor der Tür steht. Amen, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.

Jenen Tag aber und jene Stunde kennt niemand, die Engel im Himmel nicht, der Sohn nicht, nur der Vater.

Matth. 24,1-8.25-36

 

Liebe Gemeinde!

Er könnte es gesagt haben. Denkbar ist es, dass Jesus im Geist seiner Zeit ein paar Sager über die Endzeit, das Gericht und die neue Welt von sich gegeben hat. Die Ankündigung des nahe bevorstehenden Königreiches der Himmel ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine Kernaussage des Jesus aus Nazareth und macht sein Auftreten verständlich. Die Bereitschaft und Aufforderung, alles hinter sich zu lassen und sich ganz auf das nahe Ziel vorzubereiten, kein Opfer dafür zu scheuen, ohne Rücksicht auf familiäre Bindungen und Verpflichtungen, auch nicht das eigene Leben zu schonen, lassen erwarten, dass der Nazarener öfter über die Endzeit geredet hat. Matthäus könnte dafür einige Sprüche und Texte zusammengestellt haben. Er verleiht den Worten auch eine starke Autorität. Denn ein zweites Mal lässt er Jesus einen Berg besteigen, um zu reden. Eine Bundesszene wie die des Mose auf dem Sinaï.

Es könnte aber auch sein, dass es sich bei diesen Kapiteln des Matthäusevangeliums um eine Sammlung von Endzeittexten der frühen christlichen Gemeinde handelt. Erste Erfahrungen mit Verfolgung und Verfälschung, eigenmächtigen Neugründungen und Abspaltungen können wie ein Katalog von Warnungen Jesus als gewissermaßen letzte Worte überliefert sein. Johannes tut das in seinem Evangelium ausdrücklich, dass er Jesus mit langen Reden zum Abschied seinen Jüngern, der christlichen Gemeinde, Hinweise und Regeln mit auf den Weg gibt.

Im Grunde genommen ist es egal, ob es sich um authentische, nachweislich historische Worte Jesu handelt oder Worte der jungen christlichen Gemeinde, die im Geiste Christi sich ihrer Situation stellt. Also uns kann das ziemlich egal sein.

Manchen ist das ganz und gar nicht gleichgültig. Im Gegenteil hängt für einige alles daran. Die Glaubwürdigkeit der Bibel hängt daran, ob sie die getreue Wiedergabe des offenbarten Wortes Gottes ist, diktiert durch den Heiligen Geist. Dann können das nur Worte Jesu sein, wenn sie dort als seine Worte aufgeschrieben stehen. Dann stehen dort Worte des Gottessohnes über den Weltuntergang, der ja wohl die göttlichen Pläne kennen sollte. Dann wüssten wir Bescheid, wenn wir nur seinen Worten glaubten und sie richtig deuteten.

Das ist die sehr vereinfachende Denkweise, die man gemeinhin Fundamentalismus nennt und die eine gewisse Buchstabenverhaftung betreibt ohne Sinn und Verstand. Das kann man verstehen, dass manche den Verstand und die menschliche Vernunft ausschalten und auf einen direkten Draht zum Göttlichen spekulieren. Darin ist sich der aktuelle Papst in seiner Aufklärungsfeindlichkeit einig mit Evangelikalen und sogar mit islamistischen Fanatikern, die ebenso mit dem Koran verfahren. Die Angst vor dem eigenen Denken ist die Angst vor der eigenen Verantwortung, vor jeglicher Verantwortung. Die Autorität wird ausverlagert und der Gehorsam gegenüber den göttlichen Befehlen wird zur religiösen Form des Kadavergehorsams. Mit den üblichen schrecklichen Folgen. Eine selbstzufriedene und selbstgerechte Blindheit gegenüber der Men­schlichkeit. Gute Väter und Mütter, fromme Christen und eifrige Kirchgänger, die unter der Woche Menschenvernichtung, Folter und grausame Menschenversuche betreiben. Im 3. Reich, in den lateinamerikanischen Diktaturen, in Simbabwe. Lebensretter, die Bomben auf gynäkologische Kliniken schmeißen und Ärztinnen niederstechen, die Frauen in Not helfen.

Man hat es gesehen, wie sie die apokalyptischen Worte aufsaugen, in sich gären und von ihnen mitreißen lassen. Apokalypse, die Offenbarung der Endzeitereignisse, ist für sie der Fahrplan ihrer Zukunft. Sie lesen die Zahlen. Sie deuten die Zeichen. Sie rechnen mit dem Tag. Sie ziehen hinaus, weg von allem, was ihr bisheriges Leben bestimmt und begleitet hat. Sie wandern in die sibirische Wüste und Steppe, auf Berge und in Höhlen, auf karibische Inseln und in den südamerikanischen Dschungel oder in Schweizer Hochsicherheitsbunker. Dort warten sie auf den berechneten oder prophezeiten Weltuntergang und erleben garantiert die größte Katastrophe und Niederlage ihres Lebens, viele das Ende ihres Lebens. Massenselbstmord oder Massenmord. Verzweiflung und Ausweglosigkeit nach Ausbleiben des erwarteten jüngsten Tages. Sie können unmöglich in ihr früheres Leben und zu den Ihren zurückzukehren, weil sie sich radikal davon gelöst haben, alle Brücken hinter sich abgebrochen, Beziehungen zerstört, ihren Beruf und Arbeitsplatz aufgegeben und ihr Geld und ihren Besitz dreingezahlt haben.

Die Illusion des sicheren Fundamentes. Die Verblendung der verschworenen Buchstabierer. Sie verstehen den Sinn des Textes nicht. Sie verstehen nicht einmal die Sätze, die sie lesen. Sie suchen sich eben nur ihre Worte, Buchstaben, Bilder und Zahlen, die sie für ihre Muster brauchen. Sie haben nicht einmal gemerkt, dass Jesus, wenn er denn die Worte alle gesagt und so gesagt haben muss, ihnen doch nicht ein klitzekleines Bisschen von dem Termin verrät. „Jenen Tag aber und jene Stunde kennt niemand, die Engel im Himmel nicht, der Sohn nicht, nur der Vater.“ Was immer Jesus gesagt hat und getreulich überliefert worden ist, so hat er über den Zeitpunkt nichts gesagt, nichts sagen können, außer dass er sehr ungewiss ist. Da steht es und noch viele Male in den Evangelien. Das ist die drängende Botschaft Jesus von dem nahenden Königreich der Himmel, dass sein Eintritt höchst unberechenbar ist. Das ist die Utopie Jesu. Ein anderer Ort, eine andere Zeit. Noch kein Ort und nicht messbare Zeit.

Die Frage steht im Raum. Matthäus lässt sie durch die Jünger aussprechen. „Wann wird das sein?“ Aber Matthäus kann keine Antwort aufschreiben. Matthäus blättert in den alten Texten des Danielbuches und gibt für die Zeiten der Verfolgung, der Unterdrückung und des Verfalls der Ordnung Durchhalteparolen, Warnungen und Mahnungen. „Lasst euch davon nicht aus der Fassung bringen. Bleibt standhaft in eurem Glauben. Zweifelt nicht und verzweifelt nicht. Keine Panik. Das sind die Zeichen einer kaputten, untergehenden Welt. Da gibt es noch etwas anderes. Seid bereit für das Neue. Lasst euch nicht mitreißen, sondern erwartet den Anbruch der neuen Welt. Vorsicht vor den Führern, die solche Zeiten hervorbringen. Verführer und Rattenfänger, die das Blaue vom Himmel versprechen und sich eine neue Menschheit bauen.“ Alles, was Jesus zum Ende dieser kaputten Welt sagt, ist: „Passt auf, dass ihr nicht den richtigen Moment verpasst.“

Ja, Jesus verbreitet eine gewisse Endzeitstimmung. Er hat sie selbst gelebt. Er hat alles hinter sich gelassen und den Tod nicht gescheut. Er hat den Aufbruch gelebt und den Durchbruch ausgelöst.

Der christliche Glaube hat die Welt verändert, hat viele Menschen verändert und eine bessere Welt geschaffen. Ohne die Auswüchse und die Verwüstung zu leugnen, die unter Missbrauch des Namens Christi geschehen sind. Wir machen es uns zumeist nicht bewusst, in welch seligen Zeiten wir leben. Menschenrechte, Freiheit, Frieden und Wohlstand. Wir verwalten und verschwenden den Überfluss. Wir haben nichts mehr zu erwarten. Die Zukunft ist jetzt. Jeder Wunsch ist erfüllbar. Wir können uns alles leisten, auch das, was wir nicht brauchen können oder uns sogar schadet. Wir leiden. Der Wohlstand ist Krankheitserreger. Körper und Seele bekommen tödliche und selbstvernichtende Wohlstandskrankheiten.

In Zeiten der Unsicherheit und großer Zukunftsangst gibt es deutlich weniger Selbstmorde, Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, somit auch weniger Herzinfarkte. In Zeiten des Mangels weniger Diabetes. Dafür werden in den Zeiten einer gewissen Weltuntergangsstimmung oder –erwartung enorme Kräfte und Fähigkeiten freigesetzt, die große Umwälzungen auslösen.

Für uns eine der wichtigsten Epochen war die Reformation. Eine Epoche in Weltuntergangsstimmung. Menschen, die getrieben vom nahen Ende zum Wagnis bereit waren. Nicht zu reden von den Galionsfiguren der Reformation. Die Menge der normalen Leute, denen Theologie und Religion nicht Beruf und Berufung war, die dennoch für einen neuen, anderen Glauben alles aufs Spiel setzten. Das ist heutzutage schlechterdings nicht mehr vorstellbar.

 Ich bekomme immer mal wieder die Frage gestellt, warum wir Evangelischen und besonders wir Reformierte nicht mehr seien. Dann haben Gäste in unseren Gottesdiensten, Angehörige bei Taufen, Trauungen oder Beerdigungen oder Interessierte durch öffentliche Stellungnahmen uns als eine andere und sehr attraktive Kirche erlebt. Sie wundern sich, warum nicht mehr Menschen sich dieser unserer Kirche anschließen. Ich verrate ihnen nicht gleich, was bei uns faul ist. Ich habe mir die Frage selbst schon oft genug gestellt. Ich kann auch die Klagen über Missstände in der römischen Kirche nicht hören ohne zu fragen, warum die Unzufriedenen nicht längst evangelisch geworden sind. Ich habe beobachtet, dass das keine Glaubensfrage ist. Da ziehen sich die Leute lieber auf ihren höchst eigenen Gott und ihre innere Religion und Überzeugung zurück.

Die Kirchenzugehörigkeit ist eine Kulturfrage. Die Kirche, hier­zulande die römisch-katholische Kirche, ist eine Lebenskultur. Mancherorts sogar noch ein entscheidender gesellschaftlicher Faktor. Bis ins 19.Jahrhundert hinein war die Zugehörigkeit zu der einen oder anderen, der regional bestimmenden Kirche, die Existenzgrundlage überhaupt. Jeder andere Glaube wurde reglementiert, die Anhänger des Landes verwiesen oder ghettoisiert bzw. in den engen Grenzen einer Toleranz gehalten.

Das ist längst nicht mehr so. Auch Evangelische können Karriere machen und alle Posten besetzen. Die österreichische Kultur aber ist römisch-katholisch. Zugereiste Ausländer, die die österreichische Staatsbürgerschaft anstreben werden römisch-katholisch, obwohl sie bisher einer heimatlichen evangelischen Kirche angehörten und hier sich zwischen mehreren evangelischen Kirchen die ihre aussuchen könnten.

Weit weg von den bewegten Zeiten des 16.Jahrhunderts. Da war es den Menschen wichtig, zu welcher Kirche sie gehörten. Dafür haben sie ihr ganzes Leben eingesetzt. „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: lass fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben.“ So singt Martin Luthers protestantisches Paradelied. Als lebten sie am falschen Ort. Sie lebten in Erwartung des anderen Ortes. Sie haben daher viel eingesetzt, dass die Welt besser würde und die Lebensregeln des alten und des neuen Bundes sich auch in der Gesellschaft niederschlagen.

Jesu Utopie ist eine andere Lebenseinstellung, die die Welt nicht so nimmt und nicht so sein lässt wie sie ist. Sie vertraut darauf, dass Gott seine Schöpfung vollenden wird und seine Gerechtigkeit durchsetzt. Darum ist sie bereit für Veränderungen und achtet auf den richtigen Zeitpunkt. Jesus predigt Geduld und Bereitschaft, Aufmerksamkeit und den Blick für das Nötige, das Notwendige.

Amen.

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