16. August 2009
 

Marise Boon*
 

 


Deshalb sandte der HERR den Propheten Natan zu David. Natan ging zum König und sagte:
»Ich muss dir einen Rechtsfall vortragen: Zwei Männer lebten in derselben Stadt. Der eine war reich, der andere arm.
Der Reiche besaß eine große Zahl von Schafen und Rindern.
Der Arme hatte nichts außer einem einzigen kleinen Lämmchen. Er hatte es gekauft und zog es zusammen mit seinen Kindern bei sich auf. Es aß von seinem Brot, trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß. Er hielt es wie eine Tochter.
Eines Tages bekam der reiche Mann Besuch. Er wollte keines von seinen eigenen Schafen oder Rindern für seinen Gast hergeben. Darum nahm er dem Armen das Lamm weg und setzte es seinem Gast vor.«
David brach in heftigen Zorn aus und rief: »So gewiss der HERR lebt: Der Mann, der das getan hat, muss sterben!
Und das Lamm muss er vierfach ersetzen - als Strafe dafür, dass er diese Untat begangen und kein Mitleid gehabt hat!«
»Du bist der Mann!« sagte Natan zu David. »Und so spricht der HERR, der Gott Israels:
'Ich habe dich zum König über Israel gesalbt* und dich vor den Nachstellungen Sauls gerettet.
Ich habe dir den ganzen Besitz deines Herrn gegeben, habe seine Frauen in deinen Schoß gelegt und dich zum König über Juda und Israel gemacht. Und wenn das noch zu wenig war, hätte ich dir noch dies und das geben können.
Warum hast du meine Gebote missachtet und getan, was mir missfällt? Du hast den Hetiter* Urija auf dem Gewissen, durch das Schwert der Ammoniter hast du ihn umbringen lassen, und dann hast du dir seine Frau genommen.
Genauso wird nun das Schwert sich in aller Zukunft in deiner Familie Opfer suchen, weil du mich missachtet und die Frau des Hetiters zu deiner Frau gemacht hast.'«
Und auch das sagte Natan noch: »So spricht der HERR: 'Aus deiner eigenen Familie lasse ich Unglück über dich kommen. Du wirst mit ansehen müssen, wie ich dir deine Frauen wegnehme und sie einem anderen gebe, der am helllichten Tag mit ihnen schlafen wird.
David sagte zu Natan: »Ich bekenne mich schuldig vor dem HERRN!«
Natan erwiderte: »Auch wenn der HERR über deine Schuld hinwegsieht und du nicht sterben musst -
der Sohn, den dir Batseba geboren hat, muss sterben, weil du mit deiner Untat den HERRN verhöhnt hast!«
Dann ging Natan nach Hause.
Der HERR aber ließ das Kind, das Urijas Frau geboren hatte, schwer krank werden.
David flehte Gott an, es am Leben zu lassen. Er rührte kein Essen an und legte sich nachts zum Schlafen auf den nackten Boden.
Die vertrautesten unter seinen Hofleuten gingen zu ihm und wollten ihn aufheben und ins Bett bringen, aber er ließ es nicht zu und aß auch nicht mit ihnen.
18 Nach einer Woche starb das Kind. Keiner von Davids Dienern wagte ihm zu sagen, daß es tot war. »Schon als das Kind noch lebte, wollte er sich nicht trösten lassen«, sagten sie zueinander. »Wenn er nun erfährt, daß es gestorben ist, wird es für uns gefährlich!«
Als David merkte, dass seine Diener miteinander flüsterten, wurde ihm klar, was geschehen war. »Ist das Kind tot?« fragte er.
»Ja«, antworteten sie.
Da stand David vom Boden auf, wusch und salbte sich und zog frische Kleider an. Dann ging er ins Heiligtum und warf sich vor dem HERRN nieder. Wieder in seinen Palast zurückgekehrt, ließ er sich etwas zu essen bringen.
Seine Leute fragen ihn: »Wie sollen wir das verstehen? Als das Kind noch lebte, hast du geweint und gefastet, und nun, wo es gestorben ist, stehst du auf und isst!«
Doch David sagte: »Solange das Kind noch lebte, habe ich gefastet und geweint, weil ich dachte: Vielleicht hat der HERR doch noch Erbarmen mit mir und lässt es am Leben.
Aber nun ist es tot; was soll ich mich da noch kasteien? Ich kann es ja doch nicht wieder zum Leben erwecken. Ich folge ihm einmal nach - aber zu mir kommt es nicht mehr zurück.«
Dann ging David zu Batseba, seiner Frau, und tröstete sie. Er schlief mit ihr, und sie bekam wieder einen Sohn. David gab ihm den Namen Salomo. Der HERR wandte dem Kind seine Liebe zu.
Das ließ er David durch den Propheten Natan mitteilen. Der gab ihm den Namen Jedidja, weil der HERR es so gesagt hatte.
2.Samuel 12,1-11
.13-25

 

 

Liebe Gemeinde,

Vor einiger Zeit habe ich die Ausstellung ‚Annäherungen an die Ferne‘, die heuer in der Nationalbibliothek stattfindet, besucht. Es befinden sich dort Dokumente, und vor allem auch Landkarten und Gemälde, aller neuen Welten, die im 17. und 18. Jahrhundert entdeckt worden sind. Amerika, Australien, immer mehr Länder in Afrika und Asien, alles war neu und viele Arten der Menschen, Tieren und Pflanzen wurden bestaunt.

Für eine Holländerin in der Ferne war es außerordentlich spannend, sich das alles anzuschauen, weil die Holländer wie bekannt viele Entdeckungsreisen gemacht haben.

Viele Bücher und Landkarten waren also von Holländern gemacht.

 

Das schönste Stück, das ich gesehen habe, war eine Karte einer kleinen Insel in Indonesien. Die Insel war von Holländer entdeckt worden, und angeblich haben sie den neuen Besitz unter einander verteilt. Sie machten das wie Holländer das immer noch machen: man macht einen Plan der Insel, und verteilt das in gleich große Stücke. Wie eine Torte. Dass die ganze Insel nur Sumpf war und Urwald, dass die Holländer damit nichts anfangen konnten, war angeblich egal. Das Eigentum war gerecht verteilt und aus.

 

Wie ein kleines Land groß sein kann, und wie große Männer klein sein können. Es war recht berührend.

 

Angeblich ist das etwas, das mich immer wieder berührt. Dass kleine Menschen die Möglichkeit haben, große Dinge zu tun, und dass große, wichtige und berühmte Menschen sich immer wieder ganz kindisch oder einfach benehmen können. Darum habe ich für diesen Gottesdienst die berühmte Geschichte Davids, Batsebas und Natans gewählt. Eine Geschichte voller Gewalt, Schuld und Strafe, und trotzdem eine kleine Liebesgeschichte. Wie ein König klein sein kann, und wie ein Mensch groß sein kann.

 

Ich habe nur das zweite, weniger bekannte Teil der Geschichte gelesen. Und dann habe ich noch einiges weggelassen, weil es sonst zu lange sein würde. Sie kennen wahrscheinlich den Anfang der Geschichte. Eines Tages beobachtet David seine schöne Nachbarin, beim Baden. Er lässt sie holen und vergewaltigt sie. Sie wird schwanger und nimmt das große Risiko, es dem König zu sagen. David hat ein Problem. Sogar einen König ist es nicht gestattet die Frau seines Nachbarn schwanger zu machen. Der Nachbar selber, Uria, kämpft weit weg, im Heer des Königs. David versucht zuerst, Uria nach Hause kommen und mit seiner Frau schlafen zu lassen, das misslingt aber. Dann lässt David Uria töten. Und heiratet dessen Frau.

 

Er denkt, alles sei jetzt vorbei, Problem bewältigt, und schön weiter leben. Es gibt aber auch noch Gott, und dem gefällt es alles gar nicht. Er schickt seinen Prophet, Natan, um David zu sagen dass es so nicht geht. Wir haben gerade gehört wie Natan eine Parabel erzählt, und wie David nicht ahnt, dass er selber damit gemeint wird. Er tappt in die Falle, sozusagen.

Du bist der Mann – berühmte Worte. David wird nicht sterben, seine Rolle ist noch nicht zu Ende, das Kind aber, sein Sohn, wird sterben.

 

Warum ich diese Geschichte so schön finde, möchte ich Ihnen erzählen. Die große Geschichte ist gar nicht schön. Sie handelt um Vergewaltigung, um Mord, um Strafe, und um das schlechte Beispiel, das der König gemacht hat. Seine Söhne gehen weiter mit vergewaltigen und morden, und noch während Davids Lebens wird es einen großen Streit geben, wer der Nachfolger, der neue König, sein wird.

 

Aber in dieser Geschichte sehen wir Liebe, Leben, Tod, Treue, Untreue, Verrat, Trauer – also, die Sachen die immer noch zum Alltagsleben dazugehören. Und sie zeigen sich oft in ganz kleine Worten, oder Sätze. Ich erzähle Ihnen was mich wundert, was mich irgendwie berührt.

 

Das erste, das verwunderlich ist, ist dass der große König David solche schlimme Taten tut. Er, der einfache Bub, der Hirt, der auf einmal zum König gesalbt wurde, er, der Flüchtling, der weiß was es bedeutet, verfolgt und bedrängt zu werden, er ist jetzt König und vergisst angeblich alles, was er gelernt hat. Er hat jetzt die Macht, er wohnt im Königshaus und niemand kann ihm sagen was zu tun. Er kann tun was er will. Und wenn er die Frau seines Nachbarn haben will, nimmt er sie. Und wenn der Nachbar im Weg steht, muss er verschwinden. So einfach ist das. Vielleicht ist er sich gar nicht mehr bewusst davon, wie er sich benimmt. Denn, welche Leute beraten ihn? Diejenige, die sagen was er hören möchte. Wer widerspricht einem König? Das ist sehr schlecht für die Karriere.

 

Nur einer lässt sich nicht von Macht und Gewalt beeindrucken. Gott konfrontiert David mit seinem Verhalten. Ist es absichtlich, dass der Prophet Natan eine Geschichte mit einem Schaf erzählt? David muss sich an die Schafe erinnern, die er versorgen musste, als er noch jung war. Er muss sich damit ebenfalls an die Zeit erinnern, als er noch kein König war. Die Zeit, als er ein normaler Mensch war. Vielleicht ist es erst dann, dass er sich realisiert, was er gemacht hat, dass er ein Fehler gemacht hat. Und er gesteht: ich habe gegen den Herrn gesündigt.

 

Die Strafe des Herrn ist hart. Der Sohn, geboren aus der unehelichen Beziehung, wird krank und wird sterben. David versucht noch die Strafe Gottes abzuwenden: er betet, er fastet, er weint, er schläft am Boden statt in seinem Bett. Er hofft dass Gott gnädig sein wird – Gott aber greift nicht mehr ein und das Kind stirbt.
 

Schön und berührend finde ich es, wie erzählt wird, was dann passiert: Die Diener trauen sich kaum, es David zu sagen dass sein Kind tot ist. Sie befürchten dass er noch mehr trauern und fasten wird. Wenn David aber bemerkt, dass die Diener sich nicht trauen, weiß er dass sein Sohn gestorben ist. Und in Gegensatz zu allen Erwartungen, steht er auf, zieht saubere Kleidung an, und fragt etwas zum essen.

 

Er erklärt auch noch, warum er sich so verhält: er hat immer noch gehofft, das Kind würde gesund werden. Jetzt ist die Hoffnung vorbei und ja, dann bringt das Weinen nichts mehr. Das Leben geht weiter.

 

Wer selber todkranke Verwandten oder Freunde gehabt hat, weiß wahrscheinlich, wie tief menschlich und wahr es ist, was hier erzählt wird. Wenn die Geliebte noch lebt, wird alle Energie der Angehörigen benützt um nahe zu sein, zu helfen und zu stützen, zu beten und zu hoffen. Man kann nur vermuten, wie viel Aufwand das ist. Alles ist auf diese eine, sterbende Person fokussiert. Und wenn diese Person letztendlich stirbt, ändert sich die ganze Lage.

Erst dann bemerken die Verwandten wie erschöpft sie sind. Alles ist leer. Man kann nur noch aufstehen und weiter gehen. Nicht, weil man das will, sondern weil es keine andere Möglichkeit gibt.

 

In irgendeiner Bibelkommentar habe ich gelesen: es ist doch merkwürdig, dass David nicht trauert, wenn sein Sohn gestorben ist. Der Schreiber hat es nicht verstanden. Natürlich trauert David. Er hat getrauert, als sein Sohn noch lebte, und er hat getrauert, als er gestorben war. Nur hat die Art der Trauer sich geändert. David steht auf, isst, reinigt sich, geht zu seiner Frau und tröstet sie.

 

Er war ganz alleine, die ganze Zeit. Es war seine Schuld, seine Straf, seine Streit. Es waren seine Handlungen, die das alles ausgelöst haben. Jetzt ist die Streit vorbei, er hat verloren. Und er realisiert sich dass er nicht alleine ist. Sein Sohn hat auch eine Mutter. Und erst jetzt wird die Frau Urias zu Batseba, Davids Frau.

 

Das meine ich buchstäblich. In der Geschichte hat Batseba keinen Namen. Die ganze Zeit heißt sie nur Urias Frau. Auch wenn Uria schon ermordet worden ist. Auch wenn sie Davids Frau ist. Immer noch heißt sie Urias Frau. Erst wenn das Kind gestorben ist, erst wenn David aufsteht und zu ihr geht, erst wenn sie wirklich zusammen sind und zusammen trauern und weinen und einander trösten, erst dann bekommt sie ihren Namen: Batseba, die Frau Davids.

 

Ich find es so schön, was ganz subtil gesagt wird: diese Frau wird erst jetzt zu einer Person, wenn sie von einem anderen gesehen wird, wenn ihr Not erkannt wird. Ihr Leid ist schrecklich: sie ist vergewaltigt worden, ihr Mann ist ermordet worden, das Kind das sie bekommt erkrankt und stirbt. Jetzt aber wird David zum Ehemann, er sieht sie und er tröstet sie. Aus dieser Beziehung zwischen David und Batseba, seine Frau, wird Salomo geboren, der später König sein wird.

 

Das ist der Grund warum ich diese Geschichte eine kleine Liebesgeschichte genannt habe. Die Liebe, die Beziehung zwischen den beiden Personen, wächst erst als sie viel Leid überstehen müssen. In diesem Leid finden sie einander. Zum Glück. Und ich denke, nicht nur Batseba wird hier zu einer Person, sondern auch David. Der König ist wieder Mensch geworden. Er hat gelernt dass auch ein König nicht ungestraft und unbeobachtet handeln kann. Sein Handeln hat Folgen. Mehr als er übersehen kann.

 

Wo ist eigentlich Gott geblieben? Hat er nur gestraft? Hat er nur die Grenzen gezeigt, hat er nur das Kind sterben lassen? Nein. Die neue Beziehung zwischen David und seine Frau Batseba wird von Gott gesegnet. Batseba gebärt einen Sohn, Salomo. Und der Herr liebt ihn.

Gott geht weiterhin mit David. Und mit Batseba. Er ist dabei, bei dieser kleinen Liebesgeschichte. Obwohl Davids Leben nicht einfacher sein wird.

 

Noch eine Sache will ich besprechen. Die Frage die Sie sich jetzt vielleicht stellen: predigt diese Pfarrerin tatsächlich einen Gott, der straft indem er Kinder sterben lässt, und der segnet, indem er Kinder geboren werden lässt? Antwort ist eindeutig: nein. Ich glaube nicht dass Gott so handelt. Der Erzähler dieser Geschichte aber, glaubt das sicher. Die Geschichte entspricht der Erfahrung, dass Menschen sich von Gott gestraft fühlen, wenn ihr Kind stirbt. Und dass Menschen sich von Gott gesegnet fühlen, wenn sie ein Kind bekommen. Und diese Erfahrung gibt es immer noch.

 

Das ist aber nicht das wichtigste, das der Erzähler uns vermitteln will. Er sagt: man kann nicht ungestraft handeln. Unser Handeln hat Folgen, auch wenn wir es nicht sofort bemerken.

Er gibt Grenzen, Gott stellt die Grenzen. Ein König, der denkt, er habe unbegrenzte Macht, irrt sich. Gott hat die Macht. Ein König, der weiß dass auch er nur Mensch ist, dass auch er sündigt, hat recht. Nur so ein König kann ein guter König sein. Ein Mensch, der liebt, der trauert, der aufmerksam ist und andere Menschen sieht. Ein Mensch wie andere Menschen.

So ein Mensch geht mit Gott. Wie ein kleiner Mensch groß sein kann.

 
AMEN

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*ab September 2009 Karenzvertretung von Harald Kluge

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