06.
September 2009
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Da kam ein Gesetzeslehrer und
wollte Jesus auf die Probe stellen; er fragte ihn: »Lehrer, was muss ich tun, um
das ewige Leben zu bekommen?«
Wie barmherzig kann ein Mensch sein? Liebe Gemeinde, Dieses Gleichnis Jesu war für mich lange Zeit das christliche Beispiel schlechthin. Wie kann ein Mensch christlich leben? So, wie es hier beschrieben ist. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Es ist so einfach. Ein Mensch, der sich Christ nennt, darf nicht die Augen schließen für den Not eines Menschen, wie der Priester und der Levit das getan haben. Einen Menschen leiden sehen, und dann vorüber gehen – wie kann ein Mensch so etwas machen? Dieses Gleichnis ist so klar, wir alle wissen was zu tun. Vorüber gehen oder handeln, das ist die Wahl, die wir haben. Wollen wir gut sein oder schlecht? Es ist so einfach, dass es unbegreiflich ist, dass es überhaupt Leute gibt wie der Priester oder der Levit. Jedesmal aber, wenn ich einem Menschen in Not nicht helfe, kommt der Zweifel ob es alles wirklich so leicht ist, wie ich immer gedacht habe. Und das ist ziemlich oft, muss ich gestehen. So viele Menschen fragen um Hilfe. Sie sind nicht zu ignorieren: die Bettler, die Verkäufer von Straßenzeitungen, die Sozialfälle, wie das im Jargon so schön heißt. Ich kann nicht jedem helfen, sagt mein Gehirn; es ist auch gar nicht gut, jedem Geld zu geben, sagt mein Kopf, du hältst nur ungerechte Umstände in Stand. Doch das Gewissen protestiert – sind diese Menschen nicht meine Nächsten? Was tue ich um meinen Nächsten zu helfen? Manchmal tue ich etwas, oft auch nichts. Ich suche meine Lieblingsaugustinverkäuferin aus, weil ich sie oft treffe und einfach nicht vorbei gehen kann. Und natürlich um mein Gewissen zu beruhigen: siehe, ich mache doch etwas! Aber an so viele andere gehe ich vorüber. Ich suche einige gute Zwecke aus: daran will ich Geld geben. Aber auch damit beruhige ich mein Gewissen, und so vielen anderen wichtigen Instanzen gebe ich kein Geld. Ich schaue weg, und sage: ich kann nicht alles machen – und gehe vorüber. Bettler auf der Straße gebe ich nie Geld. Dafür habe ich gute Gründe: es gibt für diese Leute andere Möglichkeiten – vielleicht sind es Banden und sind sie kriminell – und ich habe gelernt nie meinen Geldbeutel zu ziehen: das ist zu riskant. Ich bin schon öfters bestohlen worden. Aber immer wieder, wenn ich vorüber gehe, höre ich die inzwischen sehr unangenehme Geschichte vom Priester und vom Leviten, die, genau wie ich, vorüber gingen. Darum die Frage: wie barmherzig kann ein Mensch sein? Es ist einfach so, dass wir nicht jedem Menschen in Not helfen können. Und ich habe jetzt nur noch von Menschen gesprochen, die um Hilfe fragen. Und noch gar nicht von Menschen, die keine Hilfe fragen, sie aber sicher brauchen.
Kranke, einsame, alte, junge, suchende, hoffnungslose, verwirrte, überforderte Menschen. So viele Menschen brauchen Hilfe. Was will dann Jesus mit seinem Gleichnis? Uns ein ständig schlechtes Gewissen besorgen? Manchmal wird gesagt, dass es die moderne Welt ist, dass es früher, etwa im Zeit Jesu, viel leichter war um anderen zu helfen. Das glaube ich nicht. Damals gab es weit mehr Armen und Kranken als es heute, jedenfalls in Österreich, gibt. Und auch damals konnte ein Mensch nicht jedermann helfen. Sogar Jesus nicht. Auch Jesus hat nicht immer und ständig allen Menschen in Not geholfen. Das war und ist unmöglich. Er kann das also gar nicht gemeint haben, als er dieses Gleichnis erzählte. Was hat er dann gemeint? Er gab Antwort auf eine Frage: wer ist mein Nächster? Wen soll ich lieben? Das sind doch, hoffentlich, nicht alle Menschen, impliziert diese Frage. Es ist genau unsere Frage. Das ist doch unmöglich? Der Gedanke allein macht schon missmutig. Jesus aber stellt die Frage umgekehrt. Wenn du in Not gerätst, wer ist dann für dich dein Nächster? Der Antwort ist ganz konkret. Derjenige der mir hilft, der ist mein Nächster. Die Frage ist also nicht: wer ist mein Nächster? Die Frage ist: für wen könnte ich ein Nächster sein? Und dann wird alles anders. Wie barmherzig kann ein Mensch sein? Ich denke, wir müssen dieses Gleichnis gar nicht moralisch lesen. Ich denke, wir können unser schlechtes Gewissen ruhig vergessen. Der Kern des Gleichnisses ist nämlich gar nicht: hilf jedermann, sonst bist du kein guter Mensch. Der Samaritaner hat nicht jedermann geholfen. Er hat einem Menschen geholfen, der zufällig auf seinen Weg kam. Er bekam Mitleid, und er hatte die Möglichkeit ihm zu helfen. Er gab Nothilfe und brachte ihn zu einem Ort, wo er weitere Hilfe bekommen konnte. Er tat also, was für ihn möglich war, ging aber auch weiter. Er kümmerte sich um einen Menschen, ließ ihn aber auch wieder gehen. So ist die Realität. Wir können nicht jedermann helfen, und das brauchen wir auch gar nicht tun. Wir können aber ein Nächster sein, ein Nächster werden, für bestimmte Menschen. Manchmal passiert so etwas, wie in diesem Beispiel: wir sind zufälligerweise irgendwo und auf einmal sehen wir, dass ein Kind ins Wasser liegt. Ohne nachzudenken springen wir ins Wasser herein und retten das Kind. Das war keine Entscheidung. Es ist einfach so passiert. Ein normaler Mensch wird so zum Helden. Weil er oder sie gerade am richtigen Moment das richtige gemacht hat. Und oft ist der Held selber am meisten erstaunt über was er/sie soeben gemacht hat. Solche Geschichten lesen wir in den Zeitungen. Das Wort Held stimmt aber gar nicht: dieser Mensch ist kein Held, sondern Nächster geworden, ohne sich etwas zu überlegen.
Etwas unauffälliger, aber häufiger, geschieht es auch: manchmal begegnen wir einem anderen Menschen. Wir reden mit einander, und irgendwie weiß man auf einmal genau das richtige zu sagen, zu tun. Der andere ist sehr geholfen, und wir selber sind total erstaunt von was gerade passiert ist. Habe ich das gesagt? Ich hätte niemals gedacht, ich würde so etwas sagen, oder: ich hätte niemals gedacht, es würde so eine Auswirkung haben. Eine zufällige Begegnung zwischen zwei Fremden hat sich verwandelt: Wir sind Nächsten geworden. Das erste habe ich nie mitgemacht, das zweite schon öfters. Und jedesmal ist das eine wunderbare Erfahrung. Es stärkt meinen Glauben, dass Gott irgendwie im tagtäglichen Leben anwesend ist. Dass wir, oft ohne es zu wissen, Gottes Hände sind. Und es ist gut, darauf vertrauen zu können, dass wir am richtigen Moment wissen werden, was zu tun. So kommen Menschen manchmal zusammen und werden einander zu Nächsten. Und nochmals: das sind keine Entscheidungen, das ist auch kein moralisches ‚sollen‘, es ist nur tun was schon vorhanden ist. Und so müssen wir umdenken, so wie das immer wieder notwendig ist, im Glauben. Wir brauchen nicht zu denken: wen sollte ich lieben? Wem sollte ich helfen? Und ein schlechtes Gewissen haben wenn wir nicht helfen. Das ist nicht gut, damit helfen wir niemandem. Was wir brauchen, sind offene Augen und offene Ohren. Für wen könnte ich ein Nächster werden? Wer ist mein Nächster? Und wir brauchen das Vertrauen zu haben, dass wir wissen, wann dieses Moment da ist. Dass Gott uns darin führt und stützt. Ich erzähle das alles nicht umsonst gerade heute Morgen, in meinem ersten Gottesdienst als Pfarrerin in der Reformierte Stadtkirche. Auch wir, nämlich, Gemeinde und Pfarrerin, sind uns eigentlich rein zufällig begegnet. Ich war auf der Suche nach einer Gemeinde, ab September. Diese Gemeinde brauchte einen Pfarrer, ab September. Das hat geklappt, ich bin jetzt hier, wir kennen uns aber noch kaum. Ich hoffe, unsere Begegnung in diesem Jahr wird auch so eine Erfahrung werden, wie ich besprochen habe. Ich hoffe, in einem Jahr sagen wir: es war gut, einander getroffen zu haben. Wir haben für einander tatsächlich etwas bedeuten können. Wir haben einander weiter bringen können. Wir sind Nächsten geworden. Ich freue mich auf das kommende Jahr.
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