20. September 2009
 

Marise Boon
 

Feiern wie Calvin in Genf


 

Ich hasse, ich verabscheue eure Feste,
und eure Feiern kann ich nicht riechen! -

Es sei denn, ihr brächtet mir Brandopfer dar! -

Und eure Speiseopfer -

sie gefallen mir nicht!

Und das Heilsopfer von eurem Mastvieh -

ich sehe nicht hin!

Weg von mir mit dem Lärm deiner Lieder!

Und das Spiel deiner Harfen - ich höre es mir nicht an!

Möge das Recht heranrollen wie Wasser

und die Gerechtigkeit wie ein Fluss, der nicht versiegt
Amos 5,21-24

Liebe Gemeinde,

Einen Gottesdienst feiern wie Calvin in Genf einen Gottesdienst gefeiert hat, ist für mich jedenfalls sehr spannend. Der Ablauf des Gottesdienstes ist eigentlich ziemlich ähnlich wie wir ihn heutzutage feiern, obwohl es ein bisschen länger dauerte, bis die Predigt anfing. Das ist schon gut zu wissen: es stimmt nicht, dass für Calvin die Predigt so zentral war, dass alles andere nur Introduktion war. Die Österreichische reformierte Liturgie ist schlichter gestaltet als sie ursprünglich war. Calvin meinte, man brauche ein wenig mehr Zeit, bis man wirklich hören und verstehen könne, was Gott uns sage.

Wir versuchen einen Gottesdienst zu feiern, wie Calvin das gemacht hat. Freilich gelingt uns das nicht. Wir machen heute vieles falsch. Calvin würde mit diesem Gottesdienst nie einverstanden sein. Erstens: Sie sitzen alle an der falschen Stelle. Die Frauen und Kinder sollten vorne sitzen, die Männer hinten. Aber: alte Männer, die vielleicht ein bisschen weniger hören können, sollten ganz vorne sitzen. Und jene Männer, die zu viel plaudern oder schlafen, sollten auch vorne sitzen.

Wir singen auch zu viele Lieder. Zur Zeit Calvins wurden nur 2 oder 3 Lieder gesungen. Denn die Gemeinde hatte nie singen gelernt. Das Singen der Gemeinde war neu: vorher hat sie nur gesessen oder gestanden und, wenn sie ganz brav war, zugehört. Die katholische Messe wurde damals ganz vom Priester und von einem Chor gestaltet und die Sprache war Lateinisch. Die Menschen haben also nichts verstanden, konnten oder durften nicht singen, und sie haben auch keine Lieder gekannt. Darum gab es in den Genfer Kirchen einen Kantor. Er lehrte die Kindern das Singen, und die Kinder sangen während des Gottesdienstes. Der Kantor versuchte, die Gemeinde mitsingen zu lassen. Darum wurden normalerweise nur zwei oder höchstens drei Lieder gesungen. Weil niemand singen konnte und alles ohne musikalische Begleitung war, hat es nicht so schön geklungen. Wir singen viel besser und werden gut begleitet, außerdem haben Sie jetzt eine Pfarrerin, die gerne singt, darum singen wir ein bisschen mehr.

Was wir natürlich auch falsch machen ist, dass es hier keinen Pfarrer gibt, sondern eine Pfarrerin. Und Mitarbeiterinnen, Presbyterinnen. Auch damit würde Calvin nie einverstanden sein. Er hatte darüber klare Gedanken: Frauen dürfen nicht predigen oder die Sakramente bedienen.

Zum Glück hat Calvin keine Gesetze für die Ewigkeit gemacht. Er hat versucht, in Genf nach der Reformation aufs Neue anzufangen. Er hat versucht, die Gottesdienste und das christliche Leben so zu gestalten, dass es für die Menschen fruchtbar war.

Und meiner Meinung nach machen wir das immer noch. Mit Rücksicht darauf, was die Reformatoren uns vermittelt haben, aber auch mit Rücksicht darauf, was wir inzwischen alles dazu gelernt und entdeckt haben.

In Genf gab es viele, viele Gottesdienste. An den Sonntagen ungefähr 8. Jede Stunde fing in einer Kirche ein Gottesdienst an. Wer wollte, konnte alle Gottesdienste mitmachen. Wenn die Pfarrer nur eine Stunde brauchten und die Menschen rechtzeitig gehen ließen.

Auch an den Wochentagen gab es Gottesdienste. Es gab so viele Gottesdienste, denn jeder Einwohner von Genf war verpflichtet, mindestens einen Gottesdienst pro Woche zu besuchen. So konnten die Menschen erfahren, wie man glauben und leben sollte.

Denn sie hatten in ihrem ganzen Leben darüber noch nichts gelernt, weil das in der katholischen Kirche nicht vermittelt wurde. Dort wurde Lateinisch gesprochen und darüber wurde auch nicht gepredigt. Calvin wollte, dass die Menschen ausgebildet wurden in ihren Glauben, damit sie als Christen leben könnten. Dass die Einwohner von Genf nicht sofort davon begeistert waren, war eine große Enttäuschung für Calvin und seine Kollegen.

Viele Menschen gingen nicht in die Kirche, oder viel zu wenig. Und wenn sie in der Kirche waren, schliefen sie manchmal, plauderten oder hatten sogar Streit mit einander. Die Prediger versuchten, das Volk zu warnen, und predigten darum oft sehr streng. Sie sprachen die Menschen persönlich an: warum kommen Sie, Herr X, nicht öfter in die Kirche? Auch davon waren die Menschen nicht immer sehr begeistert.

Wir haben heute im Gottesdienst getauft. Das ist sehr calvinistisch. Damals war es neu, dass während eines Gottesdienstes getauft wurde. Normalerweise wurde die Taufe im privaten Raum vollzogen. Calvin sagte: Nein, so sollte es nicht sein. Die Taufe ist keine Privatangelegenheit. Sie gehört öffentlich gefeiert zu werden mit der ganzen Gemeinde. Die Liturgie sah eigentlich genau so aus, wie wir es soeben gemacht haben. Wir haben nur, aus praktischen Gründen, am Anfang des Gottesdienstes getauft. Calvin taufte erst am Schluss des Gottesdienstes. Er hatte grundsätzliche Ideen über die Taufe. Er vertrat die Meinung, dass nicht nur die Eltern, sondern auch die ganze Gemeinde dafür verantwortlich war, dass das getaufte Kind christlich aufwachsen würde. Darum sollte die Taufe öffentlich stattfinden. Die Eltern mussten versprechen, dem Kind auch eine christliche Erziehung zu geben und dazu gehörte vor allem auch der Kontakt zur Gemeinde.

Auch die Tauftheologie war neu. In der katholischen Tradition war die Taufe vor allem eine persönliche Handlung. Das Kind wurde gereinigt und gehörte Gott seit der Taufe.

Nein, sagte Calvin, die Taufe sollte vor allem gefeiert werden als Gnadentat Gottes. Die Taufe ist nicht eine magische Handlung, indem Gott das Kind erst als sein Kind annimmt, wenn die Taufe stattfindet. Gott ist frei, alle Kinder anzunehmen, getauft oder nicht.

Die Taufe ist ein Zeichen, dass wir Gottes Gnade annehmen wollen. Wir feiern Gottes Gnaden und versprechen, dass wir das Kind christlich erziehen werden.

Für allen Gläubigen war die Taufe "eine Weise, den eigenen Glauben zu erwecken, zu hegen und zu bestätigen". Sie sehen dass "der Bund Gottes in den Körpern der Kinder eingeprägt ist".

Eigentlich ist der ganze Gottesdienst eine Weise, um sehr bewusst den Glauben der Gläubigen zu stärken und das Verständnis zu entwickeln.

Der Gottesdienst und eigentlich das ganze christliche Leben in Genf wurde genau durchdacht, und gesetzlich geregelt. Das hat man so gemacht, damit alles ganz klar sein würde für alle Menschen. Dafür brauchen wir Gesetze, damit wir klare Regeln haben wie wir uns miteinander und mit Gott verhalten sollen. Im Rahmen dieser Gesetze haben wir die Freiheit, unser eigenes Leben zu gestalten. So lange das funktioniert, sind die Gesetze sinnvoll.

Wie es aber oft geschieht, können an sich gute Gesetze missbraucht werden. Wenn die Gesetze Mittel werden, um andere Menschen zu unterdrücken, wenn die Gesetze lieblos und herzlos gebraucht werden, sind sie nicht mehr sinnvoll. Das war schon so im Alten Testament. Die Priester, bestimmt um Gottes Gesetze durchzuführen, handelten lieblos und suchten oft nur ihr eigenes Wohl. Dann kamen die Propheten, die laut und klar sagten: so etwas will Gott nicht! Gott hat die Gesetze nur zum Wohl der Menschen gegeben. Nicht zum Wohl der Elite. Ich hasse eure Versammlungen und eure Opfer will ich nicht mehr riechen! Die Versammlungen und Opfer waren nur Mittel, um Recht und Gerechtigkeit zu bringen. Wo sind sie geblieben? Wo ist das Herz?

So war das im alten Testament: Gottes Wille war nicht in den Gesetzen an sich, sondern im Raum, der damit geschaffen wurde. Immer wieder musste dieser Raum gesucht werden. So war das auch in der Zeit der Reformation: das alte war so weit weg vom Ursprung, dass die Reformatoren versucht haben, durch vielen Änderungen diesen Raum wiederherzustellen.

Leider, aber vielleicht verständlich, ist in der Reformation nicht alles für alle gut gemacht worden. Was in Genf gut gemeint und wichtig war, hat nicht immer gut funktioniert. Und ich denke, wenn Calvin wusste, was alles in seinen Namen passiert ist, wäre auch er erschüttert. Die sehr orthodoxe Doktrin von der doppelten Prädestination hat viele Menschen nur geängstigt, statt frei gemacht. Und in Süd Afrika ist das Apartheits-System in einer calvinistischen Tradition entstanden. Das hat Calvin so sicher nicht gemeint.

Und genau so selbstverständlich ist es immer noch so, dass wir unseren Glauben, unsere Tradition, aber auch unseren Politik, unsere Gesetze, ständig kritisch betrachten müssen. Stimmt es noch? Funktioniert es noch? Bringt das, was wir tun, immer noch Recht und Gerechtigkeit? Ist das Herz noch dabei? Es sind vielleicht große Worte, das ständige Gespräch darüber ist aber Lebensnotwendig. Denn ohne Herz, ohne Raum sind wir eine tote Kirche, eine tote Gesellschaft.

So weit meine prophetische Rolle. Calvin würde bestimmt noch eine halbe Stunde weiter predigen und vielleicht noch einige Menschen zutiefst beleidigen. Er war Priester und Prophet zugleich. Er hat Gesetze entworfen und alles genau geregelt Er hat kritisiert und beleidigt. Er hat Gottes Wort verkündigen wollen. Das war ihm das wichtigste Anliegen, dass Gottes Wort gehört und verstanden würde. Und das hat die 5 Jahrhunderte zwischen ihm und uns überlebt.

AMEN

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