11.
Oktober 2009
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Denn von dir kommt alles, und aus deiner Hand haben wir es dir gegeben. 1.Chronik 29,14b
Gott schenkt uns seine Welt. Liebe Gemeinde, wir haben es gesehen. (Die Kinder haben die Schöpfung nachgespielt). Die Welt, im Anfang war sie wüst und öde, finster und überall war Wasser. Nichts war da – aber Gott war anwesend. Er schuf die Erde, mit seinem Wort. Wenn Gott spricht, geschieht etwas. Er spricht ein Wort mit Macht. Wenn Sie gut zugehört (und zugeschaut) haben, haben Sie bemerkt, dass die Welt wie eine Blume ist, die sich entfaltet, sich öffnet. Immer mehr ist zu sehen, immer schöner wird sie. Und, wie bei einer Blume: fast alles ist im Keim schon vorhanden. Gott macht nicht so viele neue Sachen, indem er zu basteln anfängt. Nein, er ordnet eher. Er trennt, er macht Ordnung, er macht die Voraussetzungen, damit alles wachsen kann. Alles, was eigentlich schon vorhanden ist. Gott braucht nur noch zu sprechen, und es geschieht, so wie er es bedacht hat. Die Schöpfung, sie ist ein Wunder. Obwohl ich gerne mit Ihnen das Wunder der Schöpfung betrachten, und die Schöpfungsgeschichte genauer anschauen möchte, mache ich das heute nicht. Denn ich werde Ihnen vor allem erzählen, wie Calvin, der Reformator, von der Schöpfung gesprochen hat. Denn auch dieser Gottesdienst ist Teil der Predigtreihe über Calvin. Allerdings, bevor ich das tue, erzähle ich welche wissenschaftliche Kenntnis der Welt man zur Zeit Calvins hatte, sonst ist es schwer zu verstehen, was er alles zur Thema Schöpfung gesagt hat. Damit es nicht zu kompliziert wird, versuche ich, nur die wichtigsten Sachen zu erklären. In der christlichen Welt wurden damals wissenschaftliche Entdeckungen mit biblischer Kenntnis kombiniert. Man wusste, dass die Welt rund war, und dass es Planeten gab, die unterschiedlich weit weg waren. Die kosmologische Theorie war, dass das ganze Weltall aus Sphären aufgebaut war. Ganz oben war der Himmel. Dort befanden sich die Engel. Mit dieser Sphäre hatte Gott direkt Kontakt. Mit den anderen Sphären nur indirekt. Unter dem Himmel waren die Sphären der Planeten. Der Mond war der Planet, der am weitesten weg vom Himmel war. Und ganz unten, noch unter dem Mond, am niedrigsten Punkt des Alls, befand sich die Erde. Die Erde schwebte in der Luft, und unter der Erde war nichts. Es wurde mehr darüber nachgedacht, wie viele Sphären es gab, ob es bei den Engeln noch eine bestimmte hierarchische Ordnung gab, wie es möglich war, dass die Erde schwebte und nicht runter fiel, was und wie Gott mit der Erde verbunden war. Immer wieder gab es neue Theorien, neue Diskussionen. Calvin hatte dazu eine eigene und eigentlich überraschend moderne Meinung. Er hielt nichts davon, über Sphären und Engel zu spekulieren. Und vor allem hielt er nichts davon, aus der Schöpfungsgeschichte wissenschaftliche Fakten und Daten zu destillieren. Er sagte: die Bibel erzählt uns von der Schöpfung. Nicht als wissenschaftliche Information, sondern als Grund zum Staunen. Die ganze Schöpfung ist ein Loblied zu Ehren Gottes. In ihr sind die Spuren des Göttlichen Handelns überall zu erkennen. Gott hat alles bedacht und gemacht, und überall um uns sehen wir Gottes Vernunft und Gottes Fürsorge. Er sagte: die Welt ist ein Schauplatz der Herrlichkeit Gottes. Der Mensch sollte das erkennen und sich selber betrachten als Teil der Schöpfung: auch ich bin von Gott geschaffen worden, auch ich bin wunderbar gestaltet. Die Welt ist zwar voller Spuren des Handelns Gottes, es ist aber nicht so, dass wir Gott kennen lernen können, indem wir einfach im Wald spazieren gehen oder die Sterne bestaunen. Es gibt keine sogenannte natürliche Gotteserkenntnis, oder natürliche Theologie. Denn der Mensch sieht Gottes Spuren nicht. Weil alle Menschen Sünder sind, die Erbsünde mit sich tragen, fehlen ihnen die Augen, Gottes Spuren zu sehen, so Calvin. Übrigens, nur zur Aufklärung, das Wort ‚Sünde‘ bedeutet nicht, dass wir grundsätzlich immer falsch handeln oder moralisch schlecht sind. Das wird oft gedacht, das stimmt aber nicht. Es bedeutet, dass wir von Gott getrennt leben, uns immer wieder von Gott trennen, dass wir unser Ziel verpassen, und daher oft falsch handeln. Der Mensch ist grundsätzlich blind, nicht grundsätzlich moralisch schlecht. Weil wir von Gott getrennt leben, sind wir nicht in der Lage, Gottes Spuren in der Welt, die jedoch eindeutig vorhanden sind, zu erkennen. Wir haben unsere Fähigkeiten dazu verloren. Zum Glück hat Gott uns helfen wollen: er ist in Christus zu uns gekommen, hat mit uns gelebt und ist für uns gestorben. Weil er uns erlöst hat, haben wir einen neuen Zugang zu Gott bekommen. Wir haben neue Augen bekommen, damit wir Gott erkennen können. Wir brauchen die Bibel, wir brauchen den heiligen Geist, um uns zu vermitteln, was zu sehen ist. So lernen wir, im Glauben die Welt anzuschauen und alles, was Gott gemacht hat, zu bestaunen. Also, wir können nur über die ‚Umwege‘ Bibel und Erlösung die Welt kennen lernen und verstehen. Die Schöpfungslehre ist Teil der Heilsgeschichte. Weil wir erlöst sind, erkennen wir Gott wieder in der von ihm geschaffenen Welt. Calvin warnte vor zwei Irrtümer. Der erste Irrtum ist: Naturforschung ohne Glauben. Das ist falsch, so Calvin. Wenn man Gott vergisst, kann man nie das All verstehen. Darüber denken wir heutzutage ein bisschen anders, indem die meisten von uns annehmen, Natur und Glauben sind getrennte Bereiche. Der zweite Irrtum ist für mich, für heute, interessanter: auch Gott zu suchen ohne die Welt dabei zu betrachten, also rein Gottes Sein zu suchen, ist einseitig, laut Calvin. Das bedeutet, dass Calvin das, was heute Esoterik heißt, strikt ablehnte. Die Idee, dass wir Gott nur dadurch finden können, in unser Herz zu schauen, oder uns auf das Höhere einzustimmen, ist falsch. Die Welt, die Natur, unsere Mitmenschen, sind immer miteinbezogen, wenn wir Gott suchen. Christen sollen also der Welt zugewandt sein – und das ist ein Gedanke, der sehr typisch ist für Calvin. Reformierte aller Welt verkörpern immer noch diesen Gedanke: sie sind oft sehr aktiv und praktisch tätig. Was hat nun Calvin über die biblische Schöpfungsgeschichte gesagt? Erstens, wie gesagt, dass das Ziel der Schöpfungsgeschichte Staunen und Anbetung ist, nicht eine Lektion über die Entstehung der Welt.
Zweitens ist
das die Erklärung, warum die biblische Geschichte nicht immer konform das
naturwissenschaftliche Ergebnis ist. Sie ist so aufgeschrieben, dass alle es
verstehen können, auch diejenige, die keine Wissenschaftler sind. Also, ich
zitiere Calvin: Drittens betont Calvin Gottes Fürsorge in der Schöpfung. Immer wieder sagt er: schau doch, wie gut Gott das gemacht hat und wie er uns mit Liebe und Fürsorge umgibt. Dass die Erde in der Luft schwebt und nicht runter fällt, ist nur, weil Gott dafür sorgt. Dass wir leben können, dass es nicht nur Naturkatastrophen gibt, verdanken wir Gott. Wasser ist leichter als Erde, und doch werden wir nicht von Wasser überflutet. Luft steigt auf, aber Wasser nicht. Wieso? Weil Gott das alles beherrscht und uns beschützt. Und er endet seine Verhandlungen über die Schöpfung oftmals seelsorgerlich: wir können und dürfen ruhig darauf vertrauen, dass Gott uns beschützt. Wir verstehen nicht immer alles, was passiert, aber wir wissen und glauben, dass Gott für uns sorgt. Alles ist in seinem Hand. Das Staunen über die Welt und über Gottes Fürsorge stärkt die Hoffnung und bringt Trost. Obwohl wir es nicht immer leicht haben, dürfen wir dankbar und voller Vertrauen und Hoffnung leben, als Christen in der Welt. Dazu gehört auch, dass wir einander helfen, falls das notwendig ist. Christen in der Welt schauen um sich und sehen die Not anderer Menschen. Ich habe als Predigttext den Satz gewählt: Denn von dir kommt alles, und aus deiner Hand haben wir es dir gegeben. David hat es gesagt, in einem Dankgebet an Gott. Er sagt: Die Welt gehört uns nicht – wir sind nur so glücklich, darauf leben zu dürfen. Alles was wir spenden, geben, teilen, ist nur zurückzugeben, was uns nie gehört hat. Ich denke, dieser Satz fasst alles zusammen, was wir hier gehört und gesehen haben. Wenn wir diese Grundhaltung im Leben haben, dankbar und vertrauensvoll leben können, leben wir mit der Aufmerksamkeit für das, was gebraucht wird. Und so tragen wir, jeder auf eigene Weise bei, um unsere schöne Welt zu bewahren. Amen. _______________________________________ 1] Georg Plasger, Johannes Calvins Theologie – Eine Einführung, S. 44 (ein sehr hilfreiches Buch zu diesem Thema) |