18. November 2009
 

Marise Boon
 


 

Predigt beim ökumenischen "Blickwinkel" in der Lutherischen Stadtkirche

 

Liebe Gemeinde,

Von der Gnade, sich ändern zu können.

Ich bin 39 Jahre alt, verheiratet, Mutter von einem 4jährigen Sohn. Ich habe mein Leben fest im Griff. Ich arbeite mit Freude, ich lebe mit Freude, ich bin selbständig und frei, mein Leben so zu gestalten, wie ich das selber gerne habe. Zum Glück bin ich nicht mehr, sag, 16 Jahre alt. Das war für mich ein furchtbares Alter. Ich war unsicher, ich hatte keine Ahnung wie ich mein Leben als Erwachsene gestalten wollte, ich sah nur Begrenzungen und Unmöglichkeiten. Was bin ich froh, dass ich nicht mehr die pubertierende junge Frau bin. Was bin ich froh, dass ich mich geändert habe.

Außer, dass es diese bestimmten Momente gibt. Dass ich mich genauso fühle, wie damals. Dass ich unsicher bin und frustriert. Dass ich mir bewusst in Erinnerung bringen muss, dass ich erwachsen bin. ‚Weißt du noch? Du hast dich geändert... oder?’

 

Von der Gnade, sich ändern zu können.

Der Großvater, als er noch jung war, hatte nur eine Arbeitsmöglichkeit. Bauer werden, so wie seine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern das auch gemacht hatten. Dass er weg wollte, das Dorf verlassen, studieren, reisen, die Welt kennenlernen, wurde nie ernst genommen. Dafür haben wir kein Geld, sagten die Eltern. Also, er wurde Bauer. Aber sein Sohn, später, der sollte die Möglichkeit haben, zu tun, was er selber nicht tun konnte. Er sparte Geld, um seinen Sohn studieren zu lassen. Dass sein Sohn das allerdings gar nicht wollte, dass er es nur machte, weil er Angst hatte, seinen Vater zu enttäuschen, dass er heimlich nur im Dorf bleiben wollte und die Tochter der Nachbarn heiraten, das sah der Vater nicht. Und die Kinder des Sohnes mussten lernen zu leben mit einem Vater, der frustriert war, ängstlich, perfektionistisch und widerspenstig zugleich. Die Generationen haben ihren Frust, ihre Angst ihren Kindern weitergegeben. Und jede Generation muss sich beschäftigen mit den Fehlern der Eltern.

 

Von der Gnade, sich ändern zu können.

Heute ist Buß- und Bettag. Jedenfalls: in Deutschland. In Deutschland war dieser Tag: der letzte Mittwoch vor Ewigkeitssonntag, jahrelang ein allgemeiner freier Tag. Seit den neunziger Jahren ist er als gesetzlicher freier Tag abgeschafft worden – in Bayern wird er doch immer noch gefeiert. Es ist ein Tag der Einkehr in sich selbst, ein Tag um bewusst Gott um Vergebung zu bitten, für alles, was schief gelaufen ist in einem Leben.

 

In Österreich ist dieser Tag nicht bekannt – allerdings feiern viele Kirchen etwas Ähnliches. Die Römisch Katholischen feiern Allerheiligen und Allerseelen und denken nach über das eigene Leben und das Leben der bereits Verstorbenen. Die Lutherischen kennen den Ewigkeitssonntag, den letzten Sonntag vor Advent, und gedenken an diesem Sonntag der Verstorbenen, und das beinhaltet immer auch Einkehr in sich selbst. Bei den Reformierten gibt es kein offizielles Kirchenjahr, manche Gemeinden feiern Ewigkeitssonntag, andere nicht. Allerdings betonen auch sie immer wieder, dass es wichtig ist, über Schuld und Gnade nachzudenken. Jeden Sonntag spielt das im Gottesdienst eine wichtige Rolle.

 

Von der Gnade, sich ändern zu können.

Können wir uns ändern? Freilich, wir lernen, wir wechseln unsere Arbeit, wir gründen eine Familie, manchmal bekehren wir uns radikal – sind dann aber gleich so radikal bekehrt wie wir vorher radikal sündig waren. Die Umstände ändern sich zwar – aber wir selber? Wenn wir über unser Leben nachdenken, müssen wir dann nicht oft gestehen, dass wir es zwar versucht haben, uns zu ändern, dass es uns aber nie gelungen ist, uns selbst loszuwerden?

 

Nein, wir können uns selbst nicht loswerden und wir tragen immer unsere Vergangenheit mit uns. Das heißt aber nicht, dass es unser Schicksal ist, dass wir von unserer Vergangenheit bestimmt werden. Wir können uns tatsächlich ändern.

 

Höre, was Jesus uns erzählt

Jesus erzählte aber das folgende Gleichnis: Es hatte einer in seinem Weinberg einen Feigenbaum stehen. Und er kam und suchte Frucht an ihm und fand keine.

Da sagte er zu dem Weinbauern: Seit drei Jahren komme ich nun und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. Hau ihn um! Wozu soll er auch noch den Boden aussaugen?
Der aber antwortet ihm: Herr, lass ihn noch dieses Jahr, bis ich rings um ihn umgegraben und Mist ausgelegt habe. Vielleicht bringt er in Zukunft doch Frucht; wenn aber nicht, dann lass ihn umhauen.

Lukas 13, 6-9

 

Es klingt grausam, das Gespräch: ein wertloser Baum, ohne Früchte – hauen wir ihn doch um.

Er steht nur im Weg und saugt den Boden aus. Die gute Nachricht ist: der Baum bekommt noch eine Chance. Dieser wertlose Baum wird sogar vom Weinbauern verteidigt:

Herr, lass ihn noch. Ich werde dem Baum geben was er braucht, lockere Erde, Nahrungsstoffe, dann wird er bestimmt Frucht tragen. Irgendwann, in Zukunft. Umhauen können wir ihn immer noch.

 

Wir können uns ändern, weil wir von Gott die Möglichkeit dazu bekommen. Gott gibt uns, was wir brauchen: er vergibt uns unsere Schuld, er sieht unsere Möglichkeiten und Begabungen, er fordert uns auf, Frucht zu tragen, er gibt uns, jeden Tag, eine neue Chance.

 

Wir müssen uns ‚nur‘ befreien lassen. Das ist nicht so leicht. Dazu müssen wir über uns selbst nachdenken, über unsere Unmöglichkeiten und Fehler. Darüber, was uns hemmt. Darüber, was es ist, das uns so unsicher macht. Über den Grund, warum uns unser Leben so sinnlos erscheint. Über das, was uns bedrückt und erschöpft.

Das macht kein Spaß, ist aber notwendig: Einkehr in uns selbst. Büßen und beten. Das heißt allerdings nicht, dass wir uns selbst klein machen müssen oder rufen, wie arm und sündig wir doch sind. Das heißt nicht, dass wir jeden Tag auflisten müssen, welche Fehler wir gemacht haben und was wir versäumt haben. Es heißt nur, dass wir mit liebevollem Blick uns selbst anschauen, ohne uns zu verstecken.

 

So wie Gott uns anschaut, so müssen wir uns selbst anschauen. Akzeptieren, dass wir sind so wie wir sind. Mit unseren Unmöglichkeiten und Fehlern. Erst dann, wenn wir uns selbst annehmen, so wie wir sind, wenn wir uns selbst lieben, so wie Gott uns liebt, können wir uns befreien lassen. Ja, wir haben unsere Unmöglichkeiten. Aber davon lassen wir uns nicht bestimmen. Wir lassen los, was uns beschwert und gehen weiter, mit unseren Möglichkeiten.

Wir lassen uns nicht mehr von unserer Angst bestimmen, von unserem Frust. Wir bringen stattdessen das alles zu Gott, beten um Vergebung, um Mut, um Kraft, und gehen voller Hoffnung und Vertrauen weiter.

 

Ja, wir können uns ändern, weil Gottes Gnade uns befreit. Weil Gottes Liebe in uns lebt. Weil wir jeden Tag eine neue Chance bekommen und weil wir nie als wertlos aufgegeben werden. Umhauen? Das kann man immer noch. Vielleicht bringen wir in Zukunft noch Frucht...

 

Von der Gnade, sich ändern zu können.

Wenn ich unsicher bin, mich gehemmt und begrenzt fühle, wenn ich mich fühle wie eine 16jährige, lache ich mir selbst zu. Weißt du noch, so habe ich mich früher immer gefühlt. So war ich damals, und es ist gut, dass ich das noch nicht ganz vergessen habe. Jetzt weiß ich, was zu tun ist, wenn etwas mich bedrückt. Wenn es eng wird.

Ich untersuche, was es ist, was mir Angst macht, und versuche, das Problem zu lösen. Befreit gehe ich weiter. Ich bin begnadigt.

 

Der Großvater, der studieren wollte, aber Bauer werden musste, sparte Geld um seinem Sohn das Reisen und Studieren zu ermöglichen. Der Sohn wollte eigentlich nicht, weil er spürte, dass sein Vater nur seine eigenen Erwartungen befriedigen wollte. Er machte es trotzdem, weil er seinen Vater nicht enttäuschen wollte. Viele Jahre später, als er bemerkte, wie ihn das immer noch bedrückte, sprach er mit seinem Vater darüber. Sie lernten einander zu verstehen und konnten einander vergeben. Wie befreite Menschen lebten sie weiter und die Enkelkinder lernten, sich offen auszusprechen. So wurde Freiheit an die Kinder weitergegeben, statt Angst und Frust.

 

Gottes Gnade macht es möglich. Gott befreit. ‚Harre auf den HERRN. Denn beim HERRN ist die Gnade, und bei ihm ist Erlösung in Fülle.’ (Psalm 130) Amen.

 

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