15. November 2009
 

Marise Boon


Von törichten und klugen Frauen
 

 

Liebe Gemeinde,

Ich weiß, es gibt bei den Reformierten keine Perikopenordnung. Ich weiß, es gibt auch kein Kirchenjahr, wobei in bestimmten Jahreszeiten bestimmte Texten gelesen werden. Trotzdem ist meine Wahl des Predigttextes von der Jahreszeit beeinflusst worden. Es war richtig Herbst in der vergangene Woche. Auf einmal fingen die Blätter an, runter zu fallen. Es hat geregnet und geweht. Dann kommen bei mir von selber Gedanken über das Ende. Das Ende des Jahres, das Ende eines Lebens, der Vergänglichkeit von allem, was lebt. Ich weiß, wir sollten keinen Naturglauben haben, aber bestimmte Gedanken passen nun einmal gut bei einem bestimmten Wetter.

 

Außerdem gab es am 11. November das Martinifest, das Lichterfest, und obwohl auch das bestimmt nicht reformiert ist, habe ich mit meinem Sohn und seiner Kindergartengruppe einen Umgang mit Laternen gemacht und Lieder dazu gesungen. Und ich erinnere mich mit Freude daran, wie ich das als Kind auch gemacht habe. Für Kinder sind solche Feste große Ereignisse.

 

Also: persönlich war ich inspiriert von Themen wie Licht und Finsternis, das Ende und die Vergänglichkeit der Dinge und darum habe ich eine Geschichte gewählt, die von diesen Themen spricht. Ich lese aus dem Matthäusevangelium Kapitel 25, die Verse 1-13.

 

Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und hinausgingen, den Bräutigam zu empfangen.

Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug.

Die törichten nahmen wohl ihre Lampen, nahmen aber kein Öl mit.

Die klugen aber nahmen außer ihren Lampen auch Öl in ihren Gefäßen mit.

Als nun der Bräutigam ausblieb, wurden sie alle müde und schliefen ein.

Mitten in der Nacht aber erhob sich ein Geschrei: Der Bräutigam ist da! Geht hinaus, ihn zu empfangen!

Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen bereit.

Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Lampen sind am Erlöschen.

Da antworteten die klugen: Nein, es würde niemals für uns und euch reichen. Geht lieber zu den Händlern und kauft selber Öl!

Doch während sie unterwegs waren, um es zu kaufen, kam der Bräutigam, und die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal; und die Tür wurde verschlossen.

Später kamen auch die andern Jungfrauen und sagten: Herr, Herr, mach uns auf!

Er aber entgegnete: Amen, ich sage euch, ich kenne euch nicht!

Seid also wachsam! Denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde.

Matth. 5,1-13

 

Dieses Gleichnis Jesu ist eine beliebte Kindergeschichte, obwohl sie eigentlich ziemlich beunruhigend ist.

 

Zehn Mädchen sind eingeladen, bei einer Hochzeitsfeier mitzumachen und, wahrscheinlich in der Nähe vom Haus der Braut, den Bräutigam zu empfangen und ihn mit Lampen zum Fest zu begleiten. Alle schlafen ein, weil das warten so lange dauert.

Es sind fünf kluge Mädchen da, die sich gut vorbereitet haben und zusätzliches Öl mitgenommen haben, falls sie lange warten müssen. Die fünf anderen Mädchen, die nur nicht so gut nachgedacht haben, werden töricht genannt. Sie bekommen kein Öl von ihren Freundinnen, müssen noch schnell einkaufen gehen, kommen daher zu spät beim Hochzeitsfest und kommen nicht mehr hinein. Der Bräutigam ist sehr unfreundlich: ich kenne euch nicht!, sagt er.

 

Es ist eine beunruhigende Geschichte. Wir könnten fragen wieso diese Mädchen so unfreundlich behandelt werden. Wieso sie kein Öl von ihren Freundinnen bekommen.

Wo biblische Worte wie Nächstenliebe, teilen, oder Vergebung, in dieser Geschichte sind. Wie Sie aber alle bestimmt wissen, ist das Gleichnis ein Bild. Keine wahre Geschichte.

 

Jesus sagt: Es wird mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen. Was genau wird damit gemeint? Dazu ist es erstens gut, zu wissen, was die Worte klug und töricht bedeuten. Klug sein bedeutet nicht intelligent sein. Es bedeutet nachdenklich sein, vorausschauen können, wachsam, mit offenen Augen leben.

Töricht ist genau das Gegenteil: leichtsinnig sein, nur über das jetzt nachdenken wollen, nicht um sich schauen. Klugheit ist also etwas, das wir erlernen können, sie ist für alle möglich.

 

Gottes Himmelreich, den Tag, auf den Gott alles neu machen wird, können wir mit zehn Frauen vergleichen. Gottes Himmelreich ist wie ein Hochzeitsfeier, wo gefeiert und gegessen wird. Der Bräutigam ist Christus. Und die Frauen, das sind die Christen. Wir, also, aber gemeint sind in erste Linie freilich die ersten Christen im ersten Jahrhundert.

 

Die ersten Christen haben gelebt mit der Erwartung, dass bald, sehr bald, das normale Leben enden und eine neue Welt kommen würde. Jesus selbst hat das geglaubt. Gottes Reich ist nahe! Bald wird alles enden, bald wird Gott auf der Erde kommen und richten. Mit diesem Erwartung zu leben, heißt dass die ganze Zukunft nur darauf zielt, bereit zu sein. Alles andere ist unwichtig.

 

Die ersten Christen haben daher gewartet. Das war ihr Auftrag. Warten, verkünden, und versuchen, zusammenzuhalten. Sie bildeten eine Gemeinschaft, die mit einander lebte, feierte, teilte, wachte. Sie gaben einander Mut und Hoffnung: vielleicht dauert es noch ein Bisschen, vielleicht verzögert sich der Bräutigam, aber bald ist er da!

 

Das schafft man allerdings nicht all zu lange. Schon bald gibt es Probleme. Soll ich heiraten, oder doch besser nicht? Soll ich ein Haus kaufen, oder doch besser nicht? Soll ich meine Arbeit wechseln, oder nicht? Man muss sich um die Zukunft kümmern, auch wenn man nicht glaubt dass es eine Zukunft gibt.

 

Also: eine wichtige Frage ist, wie man das macht, zu warten, und zugleich zu leben. Das ist nicht leicht. Die Frauen mit ihren Lampen schlafen alle ein. Alle zehn, ob klug oder töricht. Und wen sie aufwachen, ist es fast zu spät. Der Bräutigam kommt schon! Und dann kommt es darauf an: wie gut bist du vorbereitet?

Die klugen haben noch Öl, können ihre Lampen nachfüllen und sind fertig wann der Bräutigam kommt. Sie können kein Öl verschenken, weil dann alle Lampen zu wenig haben. Besser fünf Lampen, die brennen, als zehn Lampen, die nicht brennen. Die anderen Frauen sind töricht, unvorbereitet. Sie kommen zu spät und werden von der Feier ausgeschlossen.

 

Was sind nun die Lampen, und was ist das Öl? Wie sollen wir diese Bilder interpretieren?

Wenn wir sagen: die Frauen sind die Gläubigen, dann sind die Lampen ihr Glaube. Der Glaube eines Menschen ist sichtbar, ist wie ein Licht. Er braucht allerdings Nahrung, Öl. Wenn der Glaube eines Menschen keine Nahrung bekommt, wird er trocken, und stirbt. Eine Lampe die nicht brennt, ist ohne Wert.

 

Die zentrale Frage ist, meiner Meinung nach, wie kann man so glauben, dass der Glaube lebendig bleibt, auch auf Dauer? Und schön finde ich es, was dazu gesagt wird. Es wird nicht moralisiert: ihr sollt jeden Sonntag in die Kirche gehen! Ihr sollt jeden Tag die Bibel lesen! Ihr sollt leben, wie Heiligen! Nein: zentral ist, dass man nachdenkt, wachsam ist, voraussehen kann.

 

Nach zwei Jahrtausenden können wir nicht mehr so leben, als ob Gott morgen kommen kann. Obwohl das freilich immer noch möglich ist. Wir müssen allerdings auch leben lernen mit der Abwesenheit Gottes, mit der Realität dass Gott nicht morgen zurückkommt und alles besser macht. Das heißt, dass wir anders leben müssen als die ersten Christen. Unser Auftrag ist doppelt.

 

Zum einen müssen wir uns um die Zukunft kümmern. Die Zukunft der Erde. Das heißt, dass wir verantwortungsvoll leben, und langfristig denken müssen. Wir müssen kritisch sein, achten auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Wir müssen unsere Stimme erheben wenn Unrecht geschieht. Wir müssen Christus nachfolgen.

 

Was übrigens nicht heißt, dass wir immer ‚die‘ christliche Kultur betonen müssen, als ob ein Kreuz an der Wand in Klassenzimmer automatisch zum christlichen Handeln aufruft. Besser ein wirklich gläubiger Lehrer, der seine Schüler inspirieren kann, als zehn Kreuzen an der Wand. Kritisch sein heißt auch selbstkritisch sein, und das wird schon mal vergessen.

 

Das, uns um die Zukunft kümmern, kritisch sein und Meinungen bilden, machen wir Reformierten gerne. Wir müssen aber darauf achten, dass unser Glaube nicht nur rationell und kritisch ist. Denn, es gibt noch einen zweiten Auftrag.

 

Wir müssen warten, bis Gott zurückkommt auf Erden. Das warten heißt nicht sich passiv hinsetzen und aus dem Fenster hinaus schauen ob wir schon etwas sehen. Es ist vor allem auch suchen. Aktiv warten ist suchen. Wo sehen wir etwas von Gottes Reich? Was sind die Zeichen, dass Gott nahe ist? Wir müssen wachsam sein, um uns schauen.

 

Evangelikale Christen betonen oft, dass alle negative Entwicklungen: Hunger, Krieg, Streit, Unrecht, Zeichen sind davon, dass Gottes Reich nahe ist. Das glaube ich nicht. Das ist nur Mut halten, auch wenn das Leben nicht schön ist. Nein, ich glaube, es ist eher umgekehrt.

 

Wir müssen immer suchen, ob wir positive Dinge sehen. Die sind Zeichen davon, dass Gott da ist, dass er immer noch nahe ist und bald kommen wird. Die Knospen der Bäume versprechen neues Leben. Da, wo wir Wunder sehen, da ist Gott. In der Liebe zwischen Menschen. In den unerwarteten Begegnungen, die wir manchmal haben und die uns so viel Freude bringen können. In Friedensverhandlungen, die gelingen, auch wenn es noch so kurz ist. In Menschen, die aufstehen und Unrecht positiv bekämpfen. Wunder.

 

Wenn wir nur kritisch sind werden wir allzu schnell auch zynisch. Und zynische Menschen sehen keine Wunder. Sie sehen auch keinen Gott. Sie sehen nicht, dass er kommt. Dass er schon da ist. Wenn wir Wunder sehen können, sind wir hoffnungsvolle Menschen. Und so lange wir Wunder suchen, sind wir wachsam und vorbereitet.

 

Beides ist notwendig: kritisch sein und Wunder sehen können. So bleiben unsere Lampen brennen, so bleibt unser Glaube lebendig. Wenn wir das schaffen, wenn wir alle wie kluge Frauen sind, sind wir wachsam, vorbereitet, auch wenn Gottes Reich morgen plötzlich kommt.

 

Amen.

 

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