29.
November 2009
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Freut euch im Herrn allezeit! Nochmals will ich es sagen: Freut euch! 5 Lasst alle Menschen eure Freundlichkeit spüren. Der Herr ist nahe. 6 Sorgt euch um nichts, sondern lasst in allen Lagen eure Bitten durch Gebet und Fürbitte mit Danksagung vor Gott laut werden. 7 Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus. 8 Zum Schluss, liebe Brüder und Schwestern: Was wahr ist, was achtenswert, was gerecht, was lauter, was wohlgefällig, was angesehen, wenn immer etwas taugt und Lob verdient, das bedenkt! 9 Was ihr bei mir gelernt und empfangen, gehört und gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein. Philipperbrief 4,4-8
Liebe Gemeinde,
ich sage es gleich vorweg: ich bin nicht eine Person, die sich irrsinnig freut, weil die Weihnachtszeit angefangen hat. Eigentlich mag ich die Adventszeit, die besinnliche Zeit, die uns auf das Weihnachtsfest einstimmen lässt, gar nicht. Ich habe normalerweise eine durchaus optimistische Natur und genieße das alltägliche Leben. Wenn ich aber feiern muss, weil der Kalender sagt, dass es eine Feier gibt, werde ich sofort widerspenstig.
Ich freue mich schon gar nicht, wenn ich die Einkaufsstraßen entlang gehen muss und eine gemütliche Adventsatmosphäre aufgedrängt kriege. Ich versuche der immer zu frühen Stimmung zu entgehen und bin dann jedes Jahr wieder überrascht dass es auf einmal fast Weihnachten ist. Und das ist für eine Pfarrerin nicht praktisch.
Im vorigen Jahr habe ich mit einer Gruppe von Gemeindemitgliedern den Weihnachtsgottesdienst vorbereitet, und das erste wovon wir gesprochen haben war Familienstreit. Jeder hat das erkannt: Weihnachtlicher Einkaufsstress kombiniert mit einer verpflichtenden friedlichen Familienstimmung ist eine explosive Mischung. Wir haben miteinander sehr gelacht, als wir alle Familiengeschichten erzählt haben, doch ist es auch ziemlich traurig, dass viele Weihnachtserinnerungen vor allem negativ geprägt sind.
Jedem Jahr beschäftigen die wunderbaren Gratiszeitungen und vielleicht auch die nicht gratis Zeitungen sich damit, wie man Weihnachtsstress am besten loswerden kann. Es wird dann vorgeschlagen, sich zu entspannen, sich viel Zeit für das Einkaufen zu nehmen und alles genau durchzuplanen. Die Geschäftsleute sind damit freilich ganz einverstanden: je früher man anfängt einzukaufen, umso mehr wird gekauft. Wenn ich das alles lese, will ich schon gar nicht mehr feiern.
Und dann lese ich den Philipperbrief, und Paulus sagt, ganz locker: Freut euch im Herrn. Freut euch. Und sogar: lass alle Menschen eure Freundlichkeit spüren. Es ist also nicht nur eine Verpflichtung des Kalenders, oder eine Verpflichtung der kommerziellen Gesellschaft, sondern auch noch eine Verpflichtung der Christen, sich zu freuen.
Also, ich bin ein bisschen genervt. Ich muss mich freuen. Das gehört dazu, denn es ist Dezember. Aber: Wie kann man verpflichtet werden, sich zu freuen? Das geht doch gar nicht? Ich will nicht krampfhaft lächelnd 4 lange Adventswochen lang herumgehen. Ich will mich nicht freuen!
Zurück, jetzt keine Aufregung. Es wird Zeit in mich zu gehen. Was ist es eigentlich, das so nervt? Das ist nicht nur das Kommerzielle. Damit kann ich leben, die Geschäfte müssen ja auch überleben. Dass sie Werbung machen, ist nicht das wirkliche Problem.
Es ist das Weihnachtsfest selber. Das Fest nervt mich, weil ich bei diesem Fest bestimmte Gedanken habe. Gedanken, die ich nicht selbst bedacht habe, mir aber stets vermittelt werden. Kurz und gut wird mir und allen anderen Menschen die hier wohnen immer wieder vermittelt, dass die Christen zu Weihnachten feiern, dass Jesus so 2000 Jahre her geboren ist. Das gedenken wir jedem Jahr und wir brauchen zusätzlich 4 Adventswochen um uns darauf vorzubereiten.
In sich ist das Weihnachtsfest schon eine Feier voller Widersprüche. Jedenfalls wenn wir nicht zu lange darüber nachdenken und nur hören was uns erzählt wird. Advent und Weihnachten: Wir reden vom kommenden Herrn, obwohl er schon längst gekommen ist; wir reden vom Frieden auf Erden obwohl es gar keinen Frieden gibt.
Um irgendwie doch diese Stimmung von Frieden und Glück, die es normalerweise kaum gibt, zu finden, machen wir eine Familienfeier. Wir machen es zu Hause gemütlich, trinken Punsch und backen Kekse, wir geben einander tolle Geschenke und wir kochen ausgiebig. Wir machen die Vorhänge zu, wir versuchen die Augen zu schließen für alles, was nicht friedlich ist. Friede auf Erden wird zu möglichst lange Friede zu Hause. Stress gibt es nur, weil wir nicht wissen, was wir schenken sollen, weil wir nicht wissen, was wir kochen sollen und wen wir einladen sollen, und weil wir eigentlich kein Geld haben um so zu feiern wie wir das eigentlich wünschen. Allerdings: im Dezember ist die Welt heil und rein. Alles, was nicht passt, muss ausgeschlossen werden.
So wird das uns jedenfalls vermittelt. Und weil wir alle daran scheitern, die ideale Weihnachtstimmung zu finden und die ideale Feier zu feiern, wird es zu einem Frust. Wir sind nicht anders, weil es Dezember ist. Wir haben keine ideale Familie. Wir haben vielleicht keine Freunde, die mit uns feiern wollen. Wir sind einsam, wir haben Angst dass unsere Geschenke nicht gut ankommen, und so sind viele Menschen gar nicht glücklich in dieser Zeit.
Weil es heute der erste Adventsonntag ist, schlage ich vor, dass wir überdenken, was die Bedeutung der Adventszeit und der Weihnachtszeit eigentlich immer schon war und noch ist. Ich muss das selber jedes Jahr wieder machen, weil es sonst verschwindet unter allem was uns von Advent und Weihnachten gesagt wird.
Denn: Wir feiern nicht dass vor 2000 Jahre Jesus geboren ist. Wir feiern, dass Gott uns sein Gesicht gezeigt hat in einem Menschenkind. Wir feiern dass Gott nicht nur mächtig und hoch ist, sondern sich auch klein und empfindlich machen will – weil er uns begegnen will. Unser Gott ist ein persönlicher Gott, und das feiern wir. Wir feiern nicht das süße Kind, sondern das Wunder der Kleinheit Gottes.
Und alle Licht, alle Geschenken und Essen haben grundsätzlich nichts mit diesem Wunder zu tun – es ist nur unser Versuch das Wunder zu feiern.
Wenn wir es schaffen, uns das immer zu erinnern, ist es viel leichter, alle ‚Weihnachtsstress‘ zu relativieren und uns davon nicht beeinflussen zu lassen. Wir wissen warum es wirklich geht, und das ist viel wichtiger.
Und jetzt lese ich noch einmal Paulus‘ Worte. … Paulus sagt gar nicht, dass wir krampfhaft lächelnd herumgehen sollten. Im Gegenteil. Er sagt: ihr könnt, ihr dürft leben mit innerer Freude. Denn: der Herr ist nahe. Er ist nicht nur gekommen: er kommt noch. Wir leben mit der Erwartung und mit der Hoffnung des kommenden Herrn. In diesem Licht wird alles andere relativiert.
Und wenn ihr euch Sorgen macht, bringt es bei Gott. Dankt den Herrn für seine Güte. Und: ‚der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus’. Der Friede Gottes wird uns bewahren. Das finde ich schön. Das bedeutet, dass wir beschützt werden. Das, was wir fühlen und denken wird vom Gottes Frieden beschützt. Das klingt irgendwie magisch, ist jedoch psychisch sehr wohl möglich. Ich werde versuchen, das zu erklären.
Die Realität unseres Lebens ist oft: Wir klagen; wir beschweren uns über alles, was falsch ist; wir sind grantig weil das Wetter so schlimm ist; wir sind unfreundlich zu einander weil andere nicht genau das tun, was wir wollen. Wir sind unzufrieden, wir streiten mit einander, wir denken dass andere Menschen gegen uns sind, wir sehen überall Verschwörungen. Grundsätzlich haben wir Angst oder wir misstrauen einander.
Wenn wir allerdings leben können mit innerer Freude, mit Frieden, mit Hoffnung, mit der Sicherheit dass wir Gottes Kinder sind – dann leben wir ganz anders. Wir freuen uns über das Gute, das wir haben. Wir freuen uns, andere Menschen zu begegnen, unsere Mitmenschen, die auch versuchen, ihr Leben zu gestalten und manchmal mühsam ihren Weg suchen. Wir wissen, dass wir es alleine im Leben nicht schaffen, wir helfen einander und versuchen, grundsätzlich positiv zu sein. Und wenn wir mal grantig sind oder uns beschweren wollen, denken wir zuerst darüber nach, ob es notwendig ist, ob es angemessen ist. Wir können nicht immer freundlich sein, das ist ganz klar, aber wenn wir leben mit der Realität der Hoffnung, äußern wir uns anders.
Wenn wir leben im Frieden Gottes, werden unsere Herzen und unsere Gedanken bewahrt, beschützt. Vor Destruktivität. Vor bloßem Negativismus. Vor Vorurteilen. Vor Angst.
Gottes Frieden. In erste Linie ist Gottes Frieden also keine politische Sache, sondern eine persönliche Sache. Erst wenn in uns Gottes Frieden herrscht, kann politischer Friede gefördert werden.
Gottes Friede zeigt sich in den Beziehungen zwischen Menschen. In den ‚großen’ Beziehungen: Politik, Gerechtigkeit für alle, Umweltbewusstsein. Sondern zuerst in den alltäglichen Beziehungen, in den kleinen Begegnungen der Menschen zu Hause, in der Schule, in der Kirche, in den Geschäften. Lasst alle Menschen eure Freundlichkeit spüren. Achte darauf, was gut, und recht und achtenswert ist, was taugt und Lob verdient.
Wenn wir das tun, sind wir ein gutes Beispiel für andere. Und wir tun das von selbst, wenn wir uns bewusst sind davon, dass wir einen guten Anlass haben um freundlich zu sein: Gottes Frieden und die Sicherheit, von ihm geliebt zu sein.
Friede sei mit euch! Das war in der Zeit der Bibel eine normale Begrüßung. Und eine andere normale Begrüßung war: Freut euch! Vielleicht hilft es, wenn wir das immer zu einander sagen. Ich wünsche Ihnen eine schöne Adventszeit.
Amen. |