08. Februar 2009
 

Martin Friedrich*
 

 

Lesung: Römer 9, 18-24

Also zeigt Gott sein Erbarmen, wem er will, und verhärtet, wen er will. Du wirst mir nun sagen: Was beschwert er sich dann noch? Wer kann sich denn seinem Ratschluss widersetzen? O Mensch, wer bist du eigentlich, dass du mit Gott zu rechten wagst? Wird etwa das Werk zum Meister sagen: Warum hast du mich so gemacht? Hat denn der Töpfer nicht Macht über den Ton? Kann er nicht aus demselben Stoff das eine Gefäß zu einem Gefäß der Ehre, das andere aber zu einem Gefäß der Schande machen? Wie aber, wenn Gott seinen Zorn zeigen und seine Macht kundtun wollte und deshalb die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bereitgestellt sind, mit viel Geduld ertragen hätte, um den Reichtum seiner Herrlichkeit sichtbar zu machen an den Gefäßen seines Erbarmens, die er zuvor für die Herrlichkeit bestimmt hat,…

 

Sechster der Kanones der Synode von Dordrecht

Dass aber zurzeit einige mit dem Glauben beschenkt werden, andere nicht, das geht aus Gottes ewigen Ratschluss hervor, denn alle seine Werke weiß Gott von Ewigkeit (Apg. 15, 18; Eph. 1, 11). Nach diesem Ratschluss erweicht er die Herzen der Auserwählten gnädiglich, mögen sie noch so hart sein, und führt sie zum Glauben, die Nichtauserwählten aber überlässt er nach gerechtem Urteile ihrer Bosheit und Verhärtung. Und hier offenbart sich uns ganz vorzüglich die tiefe, zugleich barmherzige und gerechte Unterscheidung gleich verderbter Menschen oder jener Ratschluss der Erwählung und Verwerfung, im Worte Gottes geoffenbart. Wie diesen Verderbte, Unreine und Wankelmütige zu ihrem eigenen Untergang verdrehen, so gewährt er frommen und gottesfürchtigen Seelen einen unaussprechlichen Trost.

 

Predigttext:

Und der Mensch erkannte Eva, seine Frau, und sie wurde schwanger und gebar Kain, und sie sprach: Ich habe einen Sohn bekommen mit Hilfe des HERRN. Und sie gebar wieder, Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt, und Kain wurde Ackerbauer. Nach geraumer Zeit aber brachte Kain dem HERRN von den Früchten des Ackers ein Opfer dar. Und auch Abel brachte ein Opfer dar von den Erstlingen seiner Schafe und von ihrem Fett. Und der HERR sah auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer sah er nicht. Da wurde Kain sehr zornig, und sein Blick senkte sich. Der HERR aber sprach zu Kain: Warum bist du zornig, und warum ist dein Blick gesenkt? Ist es nicht so: Wenn du gut handelst, kannst du frei aufblicken. Wenn du aber nicht gut handelst, lauert die Sünde an der Tür, und nach dir steht ihre Begier, du aber sollst Herr werden über sie. Darauf redete Kain mit seinem Bruder Abel. Und als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich Weiß es nicht. Bin ich denn der Hüter meines Bruders? Er aber sprach: Was hast du getan! Horch, das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden. Und nun - verflucht bist du, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen. Wenn du den Ackerboden bebaust, soll er dir fortan keinen Ertrag mehr geben. Rastlos und heimatlos sollst du auf Erden sein. Da sprach Kain zum HERRN: Meine Strafe ist zu groß, als dass ich sie tragen könnte. Sieh, du hast mich heute vom Ackerboden vertrieben, und vor dir muss ich mich verbergen. Rastlos und heimatlos muss ich sein auf Erden, und jeder, der mich trifft, kann mich erschlagen. Der HERR aber sprach zu ihm: Fürwahr, wer immer Kain erschlägt, soll siebenfach der Rache verfallen. Und der HERR versah Kain mit einem Zeichen, damit ihn nicht erschlage, wer auf ihn träfe. So ging Kain weg vom HERRN, und er ließ sich nieder im Lande Nod, östlich von Eden. 1.Mose 4,1-16

 

Kain und Abel, liebe Gemeinde, das ist eine Geschichte, die auch in Zeiten rapide abnehmender Bibelkenntnis noch sehr vielen ein Begriff ist, auch solchen, die weder die Bibel lesen noch Gottesdienste besuchen. Zumindest in ihrem Kern kennt man sie noch, nämlich dass Kain seinen Bruder Abel erschlug. Eine Geschichte von archaischer Gewalt, und zugleich eine zeitlose Geschichte, zu der wir die Parallelen in unserer Zeit, in allen Zeiten ohne weiteres finden können. Mord und Totschlag füllen täglich unsere Zeitungen. So könnte man die Erzählung resignierend auf den Schluss bringen: So geht es nun mal zu in der Welt, so waren die Menschen von Anfang an und so werden sie wohl in Ewigkeit bleiben.

Aber vor dem Suchen nach Parallelen bin ich immer darauf aus, die biblische Geschichte selbst genau wahrzunehmen. Was wissen denn wir Kirchgänger, die wir natürlich diese Geschichte kennen, wirklich noch von den Einzelheiten? Wohl gerade noch den Grund für Kains Bluttat, nämlich dass Gott das Opfer seines Bruders gnädig annahm, das seinige dagegen nicht. Aber damit hört auch zumeist schon das genaue Wissen auf. Und das ist schade. Denn bei der Geschichte von Kain und Abel kommt es sehr auf die Einzelheiten der Erzählung an. Und es kommt auch auf das an, was nicht erzählt, sondern schlicht vorausgesetzt wird.

Eine entscheidende Frage ist doch: Warum hat denn Gott das Opfer des Abel gnädig angesehen und das des Kain nicht? In der Bibel findet sich eigentlich keine klare Antwort. Im Kindergottesdienst wird es manchmal so erzählt, als sei Kain von vornherein böse und bringe seine Opfer nur, weil es sich so gehöre, ohne die rechte Gesinnung. Aber davon steht hier nichts. Es gibt nur den einen Hinweis, dass Kain Früchte des Feldes als Opfer brachte, Abel dagegen Erstlinge seiner Schafherde. Aber das ist ganz natürlich, denn beide haben verschiedene Berufe, beide können nur das opfern, was sie mit ihrer Hände Arbeit gewinnen. Und die Arbeit ist bei Kain vermutlich die mühsamere, die bei gleicher Anstrengung doch nur weniger Ertrag bringt. Lässt sich daraus die ungleiche Behandlung der Opfer erklären? Ist Gott nur am unterschiedlichen Marktwert von Hammelfleisch und Gemüse interessiert? Oder ist seine Entscheidung doch eine der reinen Willkür? Lässt sich für uns Menschen gar kein Grund erkennen, warum der eine Gnade findet und der andere nicht?

Das Problem, bei dem wir hier sind, ist das der Vorherbestimmung, der Prädestination. Wir feiern in diesem Jahr den 500. Geburtstag Calvins und haben bei diesem Gründervater der reformierten Kirche noch viel Wichtiges und Aktuelles zu entdecken. Aber wir haben uns auch mit dem auseinander zu setzen, was uns fremd und schwierig erscheint. Und dazu gehört in erster Linie sicher seine Lehre von einer doppelten Prädestination, also einem Ratschluss Gottes, nach dem er die einen zum Heil erwählt hat, die anderen dagegen der ewigen Verdammnis preisgegeben hat. Wir haben es eben in der ziemlich rigorosen Formulierung der Dordrechter Synode gehört. Calvin hat meist nur von der Erwählung zum Heil gesprochen, in seinem Katechismus und dem von ihm verfassten Hugenottenbekenntnis finden wir nicht ausdrücklich die doppelte Prädestination. Aber da, wo er ausführlicher formuliert, da hat auch er ganz explizit unterstrichen: Ja, nicht nur die Gnade und Rechtfertigung geht auf einen Entschluss Gottes zurück, sondern auch die Verdammnis.

Heutigen Menschen ist diese theologische Lehre normalerweise anstößig und geradezu widerwärtig. Ist nicht die Gnade und Barmherzigkeit damit in Frage gestellt, dass ihr auch eine Unbarmherzigkeit entspricht? Ist nicht Gott ungerecht, wenn er ohne Ansehen der Person unterschiedlich urteilt? Ist er nicht letztlich dann auch verantwortlich für das Böse?

Johannes Calvin, liebe Gemeinde, hat sich mit diesen Fragen auseinander gesetzt. Trotzdem muss ich sie jetzt erst mal so stehen lassen. Vielleicht ergibt sich in diesem Calvinjahr noch einmal eine Gelegenheit, eine von seinen biblischen Belegstellen auszulegen, z.B. den eben gelesenen Abschnitt aus dem Römerbrief, und auf die Frage der doppelten Prädestination zurückzukommen. Ich will mich jetzt aber lieber wieder der biblischen Geschichte von Kain und Abel zuwenden.

Doch hier wird die calvinistische Lehre von der Prädestination sofort noch fragwürdiger, wenn wir sie mit der nächsten offenen Frage in der Erzählung verbinden: Woran hat Kain eigentlich erkannt, dass Gott sein Opfer nicht gnädig angenommen hatte. Auch hierzu sagt uns die Bibel nichts, aber diesmal wohl deshalb, weil es für die Vorstellungswert des Alten Orient selbstverständlich war. In dieser Welt war das Opfern gebräuchlich, und es gab auch ein untrügliches Zeichen dafür, wann das Opfer gut angekommen war: Wenn nämlich Gott seinen Segen auf den Opfernden legte und dieser Segen sich ganz handfest auf den Erfolg, den Ertrag seiner Arbeit auswirkte. Wenn also Abels Schafherde sich vermehrte, seine Schafe immer fetter wurden und er ein wohlhabender Mann, dann war sein Opfer gnädig angenommen; und wenn Kains Felder vom Unkraut überwuchert, von Sturzregen überschwemmt oder gar von Abels Schafherde zertrampelt wurden, dann war sein Opfer nicht gnädig angenommen.

Wir kennen das ja im Grunde auch, liebe Gemeinde. So ist die Welt nun einmal. Gleicher Einsatz, gleiches Bemühen hat nicht immer die gleichen Ergebnisse zur Folge. Das ist Pech, sagen wir, oder: Das ist Schicksal. Wir sagen meist nicht: Das ist Gottes Wille. Aber müssten wir es nicht sagen, wenn doch alles nach Gottes Willen geht?

Die alten Calvinisten sagten das: Es ist Gottes Wille, wenn ich erfolgreich bin, wenn ich gut verdiene, wenn ich das erworbene Kapital wieder für neue Unternehmungen einsetze. Und sie sagten sogar noch mehr: Das ist nicht nur das Ergebnis von Gottes Segen, es ist sogar ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ich zu den Auserwählten gehöre, zu denen, die Gott zum Heil vorherbestimmt hat. Nicht Calvin hat das gesagt, auch wenn ihm wird diese Aussage oft – und völlig zu Unrecht – zugeschrieben wird. Aber die Calvinisten etwa ein, zwei Generationen nach ihm waren überzeugt: Am wirtschaftlichen Erfolg lässt sich mein Gnadenstand ablesen. Und dies spornte sie wiederum an, sich noch mehr anzustrengen, noch mehr unternehmerischen Geist zu entfalten. Die Geburt des Kapitalismus aus dem Geist des Calvinismus, eine berühmte These, die auch vieles für sich hat.

Doch uns ist, spätestens seit der Finanzkrise der letzten Monate, die Logik des Kapitalismus fragwürdig geworden. Wir glauben nicht mehr, dass Gewinnsteigerung ein Ziel an sich ist. Und wir mögen auch nicht glauben, dass Armut und Elend dem Willen Gottes entspricht, ja dass es gar ein Zeichen für eine göttliche Verurteilung ist, wenn man arbeitslos wird, wenn die vermeintlich sicheren Geldanlagen zusammenbrechen oder wenn Hurrikan Katrina und andere Naturgewalten ganze Existenzen zerstören.

Ich will die altcalvinistische Überzeugung nicht als völlig absurd abtun. Sie hat ihren Anhalt an den uralten Vorstellungen vom engen Zusammenhang zwischen Wohlstand und göttlichem Segen. Und sie hat unseren Vorgängern im Glauben Trost und Tatkraft geschenkt. Aber es ist auch richtig, dass die reformierten Kirchen von dieser Lehre Abstand genommen haben. Wir orientieren uns damit wieder an Calvin, denn der hat, wie gesagt, diese Lehre vom wirtschaftlichen Erfolg als Zeichen der Erwählung nicht vertreten. Er hat gesagt, wir können uns aus uns heraus nicht unseres Heils vergewissern, wir müssen auf Christus schauen, dann werden wir in ihm wie in einem Spiegel erkennen können, dass wir in ihm gerettet sind.

Aber es bleibt ja nun doch diese biblische Geschichte von Kain und Abel, die scheinbar gerade das unterstreicht, dass Wohlstand aus Gottes Segen folgt. Und die scheinbar sogar bestätigt, dass Gott seinen Segen willkürlich verteilt. Dass er die einen erwählt, die anderen verwirft, wie es ihm gerade gefällt. Und der damit aber doch auch zu verantworten hat, was daraus wird. Ist das nicht die Quintessenz der biblischen Erzählung: Der vorherbestimmte Brudermord?

Ich denke nicht, liebe Gemeinde, dass dies die Quintessenz ist. Gewiss, die biblische Geschichte berichtet uns nicht nur von Gewalt, sondern auch von Ungleichheit. Aber beides ist nun einmal eine Realität, es gehört zu unserer Welt, wie sie nun einmal ist. Und gewiss, die biblische Geschichte führt die ungleichen Lebensverhältnisse von Kain und Abel auf die unterschiedliche Annahme ihres Opfers, also letztlich auf Gott zurück. Aber damit folgt sie nur den Vorstellungen, die ringsum im Umfeld der Völker des Alten Orients gebräuchlich waren. Nein, das Spezifische dieser biblischen Geschichte liegt hier nicht. Das liegt in den Zügen der Erzählung, auf die ich bisher noch gar nicht eingegangen bin.

In der Erzählung von Kain und Abel begegnet uns kein Willkürgott, der einmal einen Entschluss gefällt hat und nun abwartet, was daraus wird, der wie ein Forscher durch sein Elektronenmikroskop beobachtet, wie die Versuchsanordnung sich auswirkt. Dieser Gott ist keiner, der die Menschen ihrem Schicksal überlässt, sondern einer, der ihnen nachgeht und sie auf den Weg der Besserung führen will. Und so finden wir ihn im Gespräch mit Kain. Nicht erst nach dem blutigen Mord, als er ihn zur Rede stellt und ihn bestraft, sondern vorher, als der Zorn von Kain Besitz ergreift und in ihm wächst. Warum spricht denn Gott den Kain an, warum ruft er ihn auf, die Sünde zu beherrschen statt ihr nachzugeben. Doch allein deshalb, weil es für Kain eine Chance geben soll, von seiner Tat abzulassen. Kain soll sprechen, statt seinen Zorn in sich hineinzufressen. Er tut es nicht, er bleibt verschlossen. Hätte er doch geklagt, mit Gott gehadert und ihm Vorhaltungen gemacht. Hätte er geschrien: Herr, wie lange willst du mich vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir? Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben? Schaue doch und erhöre mich, mein Gott! So wie es der Beter von Psalm 13 oder andere Psalmenbeter oder der unglückliche Hiob taten.

Vielleicht hätte Gott auf eine solche Klage des Kain des Kain gar nicht direkt geantwortet; aber vielleicht hätte ihn Abel gehört und wäre zu ihm gegangen und hätte gesagt: Lieber Kain, ich erkenne ja jetzt erst, was du für ein Unglück hast. Wir sind doch Brüder, ich will mein Glück mit dir teilen: Nimm du dir vom Ertrag meiner Schafherde erst einmal so viel, wie du brauchst; Und demnächst werde ich dafür sorgen, dass meine Schafe deine Ernte nicht mehr zerstören. Kain wäre vielleicht misstrauisch gewesen; aber dann wären sie zusammen ins Haus gegangen und hätten gefeiert und miteinander gelacht und sich gefreut. Das ist eine Geschichte von Kain und Abel, wie ich sie gern erzählen und erleben würde; und wie ich die Bibel verstehe, wäre auch dieser Ausgang möglich gewesen und bleibt möglich, für die Brüder Israel und Palästina, für die Brüder Nord- und Südkorea und wer sie alle sein mögen.

Wir sind Kinder des Kain, liebe Gemeinde. Wir leiden unter den Verhältnissen dieser Welt, aber oft genug bringt unser Zorn, unser Aufbegehren neues Unrecht, führt zu Mord und Totschlag. Aber Gott spricht uns an, er hat uns in Jesus Christus einen neuen Anfang ermöglicht, wie er dem Kain selbst noch nach dem Mord ein Weiterleben sicherte. Das Zeichen, das er trug, sollte ihn davor schützen, nun selbst zum Opfer zu werden. Denn Gott will nicht den Brudermord, sondern die Umkehr. Er braucht nicht unsere Opfer und er sucht sich keine Opfer, sondern er hat seinen Sohn als Opfer für alle gegeben, um in ihm alle zu erwählen.

AMEN

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*Prof.Dr. Martin Friedrich, Studiensekretär der GEKE

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