25. Oktober 2009
 

Martin Friedrich*
 

„Die Vielfalt der Gaben und die Einheit der Kirche“

 

 

Liebe Gemeinde, Dietrich Bonhoeffer begann als ganz junger Theologe 1928  in Barcelona einen Vortrag  mit folgenden Worten:

»Es gibt ein Wort, das bei dem Katholiken, der es hört, alle Gefühle der Liebe und der Seligkeit entzündet, das in ihm alle Tiefen des religiösen Empfindens von Schauer und Schrecken des Gerichtes bis zur Süßigkeit der Gottesnähe aufwühlt, ...; Gefühle, wie sie einen überkommen, wenn man nach langer Zeit einmal wieder sein Elternhaus, seine Kinderheimat betritt. Und es gibt ein Wort, das bei den Evangelischen den Klang von etwas unendlich Banalem hat, etwas mehr oder weniger Gleichgültigem und Überflüssigem, das einem das Herz nicht höher schlagen lässt, mit dem sich so oft Gefühle der Langeweile verbinden, das aber zum mindesten unseren religiösen Gefühlen keine Flügel verleiht.“

Es ist Ihnen sicher schon klar geworden, von welchem Wort hier die Rede ist. Von der Kirche, die bei uns Evangelischen eine so geringe Beachtung findet, obwohl – denn darauf zielt Bonhoeffer – wir doch auch zu ihr ein Verhältnis gewinnen sollten. Und dabei kann uns kaum einer besser helfen als Calvin. Ihm war die Kirche alles andere als gleichgültig oder langweilig. Aber er hat sie ganz anders gesehen und empfunden, als es die katholischen Brüder und Schwestern tun. Worum es in der Kirche geht, das hat er recht häufig mit Hilfe des Bibeltextes erklärt, den auch ich jetzt zur Grundlage für die Predigt nehmen will, nämlich dem 4. Kapitel des Epheserbriefes. Ich lese nur Ausschnitte, die Verse 1-7 und 11-13.

 

Als Gefangener im Herrn bitte ich euch nun: Führt euer Leben, wie es der Berufung, die an euch ergangen ist, angemessen ist,

in aller Demut und Sanftmut und in Geduld. Ertragt einander in Liebe,

bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!

Ein Leib und ein Geist ist es doch, weil ihr ja auch berufen wurdet zu einer Hoffnung, der Hoffnung, die ihr eurer Berufung verdankt: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,

ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Jedem Einzelnen von uns aber ist die Gnade gegeben nach dem Maß, mit dem Christus zu geben pflegt.

Und er selbst hat die einen als Apostel eingesetzt, die anderen als Propheten, andere als Verkündiger des Evangeliums und wieder andere als Hirten und Lehrer,

um die Heiligen auszurüsten für die Ausübung ihres Dienstes. So wird der Leib Christi aufgebaut,

bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen und zum vollkommenen Menschen heranwachsen und die volle Reife in der Fülle Christi erlangen. Epheser 4,1-7.11-13

 

Das Thema der Kirche ist natürlich fast unausschöpflich, und auch Calvins Gedanken dazu sind sehr reichhaltig. Doch der Abschnitt aus der Bibel sollte uns dazu helfen, einige zentrale Punkte hervorzuheben. Es geht mir heute nur um drei: Um die Einheit der Kirche, um ihre Struktur und um ihren Zweck.

Zum ersten: Die beliebte Aufteilung, wonach für die Katholiken die Einheit der Kirche wichtig ist und für die Protestanten die Vielfalt der Kirchen, die funktioniert nicht. Sicher, wir haben A.B. und H.B, haben Lutheraner, Reformierte, Unierte, Metho­disten, Baptisten und wie sie alle heißen mögen. Wir gehen auch davon aus, dass es eine Einheit nur in einer versöhnten Verschiedenheit der Kirchen geben kann. Doch diese Pluralität von Kirchen kann nie das letzte Wort haben. Die Einheit des Geistes – und das ist ja die Einheit der Kirche – die ist zu wahren, weil die Kirche eine sein muss.

Bei seiner Mahnung zur Eintracht arbeitet der Epheserbrief mit dem schon älteren Bild des Leibes Christi, der nicht zerteilt werden kann. Das kommt uns katholisch vor, und tatsächlich ist schon zu Calvins Zeit das einer der beliebtesten Vorwürfe gegen die Evangelischen, sie würden die Kirche spalten und damit Christi Leib selbst zerrei­ßen. Kardinal Sadoleto hielt dies den Genfern vor und veranlasste Calvin so zu einer seiner wichtigsten Schriften. Dabei gibt er ihm zunächst völlig recht: Es gibt nur eine einzige Kirche. Aber die ist nicht durch eine einheitliche Organisation gekennzeich­net, sondern gemäß dem Epheserbrief durch den einen Glauben an den einen Herrn. Mit Calvins eigenen Worten:

Kirche ist „die Gemeinschaft der Heiligen, welche, über den ganzen Erdkreis und durch alle Zeiten zerstreut, doch durch die Lehre Christi und den einen Geist verbunden ist und an der Einheit des Glaubens und brüderlicher Eintracht festhält und sie pflegt.“

Das ist die grundlegende Lehre der Reformatoren von der Kirche, die Calvins ebenso wie die Luthers: Dass die Kirche Gemeinschaft der Heiligen ist. Im Glaubensbe­kennt­nis hatte man es zwar immer gesprochen, aber man hatte es nicht recht verstanden. Erst die Reformation brachte wieder ans Licht: Nicht Papst, Bischöfe und Priester, son­dern wir alle sind die Kirche. Wir sind es, soweit wir durch den Glauben an Chris­tus mit ihm vereint sind und damit gleichzeitig auch untereinander, wie ein einziger Leib. Aber dieser Leib besteht immer aus unterschiedlichen Gliedern. Und die sollen auch nicht – wir erinnern uns vielleicht an die entsprechenden Mahnungen aus dem 1. Korintherbrief – ihre Unterschiede aufgeben. Die Einheit und die Vielfalt gehören zusammen; sie stehen wohl gelegentlich in Spannung, doch sie sind nie zur einen Seite hin aufzulösen. Für uns heißt das – und Calvin ist nicht müde geworden, das zu betonen, dass wir der Zwietracht entgegen wirken sollen. An den englischen Erzbi­schof Cranmer schrieb Calvin: „Aber es gehört zu den Hauptübelständen unserer Zeit, dass die einzelnen Kirchen so auseinandergerissen sind, dass kaum die Zusammengehörigkeit als Menschen unter uns gilt, geschweige denn die heilige Gemeinschaft der Glieder Christi ... Was mich selbst betrifft, so würde es mir nichts ausmachen, notfalls zehn Meere deswegen zu überqueren, wenn immer mich jemand zu brauchen scheint.“

Ich muss das Thema verlassen, obwohl noch manches dazu zu sagen wäre, doch ich wollte noch zwei andere Punkte ansprechen. Calvin leitet aus dem Epheserbrief auch die Struktur der Kirche ab. Und wiederum äußert er sich so, dass manches in Frage gestellt wird, was uns Protestanten so selbstverständlich scheint. Apostel, Pro­pheten, Hirten und Lehrer hat Christus selbst eingesetzt. Für Calvin folgt daraus, dass eine gewisse Ämterstruktur zwingend zur Kirche dazu gehört. Wohl nicht in dem Sinne, dass es ein und dieselbe Struktur zu allen Zeiten und an allen Orten geben müsse. Aber so, dass ein Gegenüber von geordnetem Amt und Gemeinde konstitutiv für die Kirche ist. Wir sprechen mit Recht vom allgemeinen Priestertum aller Gläubi­gen, aber bisweilen wird das so gedeutet, als ob man gar keine ausgebildeten und berufenen Prediger mehr brauchte, weil ja doch jeder Gottes Wort auslegen kann. Calvin hätte das deutlich zurückgewiesen. Das war für ihn der Irrtum der Schwärmer, der Enthusiasten, wonach schon jeder Gottes Wort verkünden kann, der sich vom Geist dazu berufen fühlt. Nein, sagt Calvin, die Kirche kann nicht bestehen bleiben, wenn sie nicht durch die Ordnung der Ämter gestützt würde, die Gott um des Heils willen eingesetzt hat. Gewiss soll Christus allein in der Kirche regieren, aber er bedient sich dazu der quasi stellvertretenden Tätigkeit von Menschen.

Ich habe gerade vom Gegenüber von Gemeinde und Amt gesprochen, und das betont Calvin auch tatsächlich, aber er relativiert es doch auch wieder deutlich. Ein­mal dadurch, dass das eine Amt wiederum in verschiedenen Ämtern ausgeübt wird. Es gibt eben nicht nur Priester und Laien, wie bei den Katholiken, oder Lehrende und Hörende, wie lange Zeit bei den Lutheranern, sondern es gibt für Calvin Pastoren, Älteste und Diakone, die verschiedene Aufgaben haben, aber doch gemeinsam die Kirche leiten. Ich kann hier nicht auf Details eingehen, aber es wird schon deutlich, dass die Vielfalt genauso wichtig ist wie das geordnete Zusammenwirken – wie es bei dem Bild vom Leib Christi naheliegend ist.

Noch stärker wird aber die Relativierung, wenn man sich klar macht, was die Aufga­be der Ämter ist. Calvin bezieht sich hier wieder auf den Epheserbrief: Die Ämter sind eingesetzt, um die Heiligen auszurüsten für die Ausübung ihres Dienstes. Die Heiligen – das sind ja alle, die durch Glauben und Taufe mit Christus verbunden sind. Die – Sie alle also! – tun den eigentlichen Dienst, wir anderen, ob wir hier auf der Kanzel stehen, in der Presbyterbank sitzen oder im Diakonat dienen, wir befähigen sie dazu, aber wir leisten letztlich nur einen Hilfsdienst.

Auch hierzu wäre noch manches zu sagen. Aber ich fürchte, all diese Überlegungen zu den Ämtern der Kirche, zum Verhältnis von Einheit und Vielfalt usw., die können den Eindruck des Banalen und Langweiligen nicht vertreiben. Das mag ja alles ganz einsichtig sein, aber es hilft uns noch nicht, mit dem Begriff den gleichen heiligen Schauder zu verbinden, den unsere katholischen Mitschwestern und –brüder empfinden. Wie die Kirche sein soll, da mögen wir unsere eigenen Auffassungen haben, aber warum und wozu sie überhaupt sein soll, da haben wir oft nicht so recht etwas zu sagen. Wenn letztlich doch alles auf den Glauben ankommt, durch den wir zur Kirche gehören, wäre es da nicht konsequent, wenn wir uns ganz auf den Glauben konzentrieren und die Kirche links liegen lassen?

Calvin stimmt wiederum ganz und gar nicht zu. Außerhalb der Kirche gibt es nichts als Verdammung und Tod, sagt er, im Einklang mit dem berühmten Ausspruch „Extra ecclesiam nulla salus“, außerhalb der Kirche kein Heil. Er meint das natürlich nicht so, wie die klassische katholische Lehre, dass die Kirche wie eine Anstalt sei, die allein durch Zugehörigkeit die Gnade vermittele. Und trotzdem, auch für Calvin ist der Zusammenhang von Kirche und Gnade zentral, und er führt mitten in das Verständnis des Wesens der Kirche.

Hier hat Calvin wirklich etwas Originelles beizutragen zur Lehre von der Kirche; er hebt etwas hervor, was andere Theologen meist nicht sehen, was aber unmittelbar einleuchtet, wenn man es erst einmal verstanden hat. Dabei geht er von dem Satz in unserem Abschnitt aus, der sich erst einmal am rätselhaftesten anhört: Jedem Einzelnen von uns aber ist die Gnade gegeben nach dem Maß, mit dem Christus zu geben pflegt oder, nach der Luther-Übersetzung: Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi.

Uns ist die Gnade gegeben, das ist erst einmal klar und deutlich. Aber was heißt „nach dem Maß der Gabe Christi“? Ist das eine genauere Erklärung? Oder ist das eine Einschränkung? Ja, sagt Calvin, das ist eine Einschränkung. Und das ist gerade ein ganz wesentliches Element der göttlichen Pädagogik, dass jeder Christ Gnade erhalten hat, aber jeder nur nach einem bestimmten, genau zugeteilten Maß. Natür­lich hätte Gott es auch so einrichten können, dass jeder Christ die Fülle der Gnade bekommt, alles was er zu seiner Seligkeit braucht. Aber das hätte die Menschen voneinander isoliert. Darum hat Gott es anders eingerichtet. Ich lasse jetzt am besten wieder Calvin selbst zu Wort kommen, mit seiner Auslegung des angesprochenen Verses aus dem Epheserbrief:

„Jetzt beschreibt Paulus die Weise, wie Gott die wechselseitige Verbindung unter uns schirmt und wahrt, nämlich dadurch, daß er keinen mit einer so großen Vollkommen­heit beschenkt, daß er sich selber für sich allein und von den anderen getrennt genügen oder mit sich zufrieden sein könnte, sondern er teilt den einzelnen ein bestimmtes Maß zu, so daß sie nur durch gegenseitiges Mitteilen soviel haben, als zur Er­haltung ihrer eigenen Stellung nötig ist. … Der Hauptgedanke … ist also der, daß Gott auf keinen alles gehäuft, sondern daß vielmehr jeder ein bestimmtes Maß empfangen habe, damit jeder die anderen nötig hat und die einen, indem sie zum gemeinsamen Besten verwenden, was den einzelnen gegeben worden ist, den an­deren helfen …“ (Calvin, Auslegung …, hg. Otto Weber, Bd. 17, 1963, 158f).

Und das ist doch nun ein sehr schöner Gedanke über die Kirche. Die Kirche ist so etwas wie eine Tauschbörse, könnte man sagen. Wir tauschen dort untereinander aus, was wir zum Leben brauchen. Die eine hat vielleicht mehr Erkenntnis, der andere mehr Willenskraft, der dritte Frömmigkeit, die vierte Glaubensmut auch in schwierigen Zeiten. Zum Christenleben braucht man aber alles miteinander, und so muss man sich gegenseitig das zukommen lassen, was der eine reichlich hat und die andere zu wenig.

Deshalb ist auch für mich die als Evangelium verlesene Geschichte von der Speisung der 5000 eine der passendsten zum Thema Kirche. Ich kann mir nämlich vorstellen, dass es damals auch so gewesen ist: Anfangs schienen nur fünf Brote und zwei Fische da zu sein, aber als man sich ans Austeilen und ans Untereinander-Teilen machte, da holte schließlich jeder seinen Vorrat hervor, der eine hatte noch zwei Feigen, der nächste ein Stück Käse, das er eigentlich für den Rückweg aufheben wollte, und schließlich gab jeder etwas und jeder wurde satt.

Eine Tauschbörse – so recht will mir das Bild aber noch nicht gefallen. Denn dabei sind die einzelnen ja doch selbständig und kommen nur kurzzeitig zum Abschluss eines Vertrags zusammen. Darum kommt Calvin auch hier wieder auf das Bild vom Leib und den Gliedern zurück. In der Kirche müssen die einzelnen sich nicht extra zum Tauschen verabreden, denn sie sind im Leib Christi ja schon verbunden. Zwischen den Gliedern findet ein dauernder Austausch, eine fortlaufende Kommunika­tion statt. Die läuft nicht direkt zwischen Fuß und Niere, sondern geht über den Kopf, und der ist ja nach dem Epheserbrief Christus, der so den ganzen Leib zusammenhält. „Darum – so setzt Calvin fort - hören wir, daß vom Haupte her wie durch Kanäle dem Leibe alles zugeführt wird, was zu seiner Ernährung nötig ist“. Die Kirche ist also ein Organismus, durch den gesichert wird: Wir sind mit Christus in Verbindung und zugleich mit allen anderen Gliedern, und so können alle in wech­selseitiger Kommunikation sich gegenseitig die nötigen Gaben weitergeben. Denn keiner von uns genügt sich selbst. Wir sind die Kirche, aber wir sind auch in ihr zuhause, weil wir sie nötig haben. Sollte uns das nicht doch das Herz höher schlagen lassen?

 

AMEN

_________________
*Prof.Dr. Martin Friedrich, Studiensekretär der GEKE

zum Anfang