22. Februar 2009
 

Harald Kluge

„Wer die Wahrheit nicht ertragen kann …“

 

Und Jesus begann seine Jünger zu lehren: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten und den Hohen Priestern und den Schriftgelehrten verworfen und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.

Und Jesus sprach das ganz offen aus. Da nahm ihn Petrus beiseite und fing an, ihm Vorwürfe zu machen.

Er aber wandte sich um, blickte auf seine Jünger und fuhr Petrus an: Fort mit dir, Satan, hinter mich! Denn nicht Göttliches, sondern Menschliches hast du im Sinn.

Und er rief das Volk samt seinen Jüngern herbei und sagte zu ihnen: Wenn einer mir auf meinem Weg folgen will, verleugne er sich und nehme sein Kreuz auf sich, und so folge er mir. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, wird es retten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und dabei Schaden zu nehmen an seinem Leben? Was hätte ein Mensch denn zu geben als Gegenwert für sein Leben?

Wer sich meiner und meiner Worte schämt in diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird auch der Menschensohn sich schämen, wenn er kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. Markus 8,31-38

 

Liebe Gemeinde!

Sind sie es auch schon leid? Diese andauernde Schwarzmalerei, die landauf und landab betrieben wird. Ich würde gerne verkünden: Hören wir doch auf, ständig von einer drohenden Krise zu reden! Denn sonst könnte sie schlussendlich noch – gemäß einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung – über uns hereinbrechen. Machen wir Schluss mit dem Gerede von bevorstehenden Leiden und Entbehrungen. Malen wir den Teufel nicht an die Wand. Ja, vielleicht sollten wir anfangen, die bereits gemalten Teufel an unseren Wänden mit einer hübschen Blümchentapete zu überkleben.

Die Krise kommt noch früh genug. Jeden von uns wird sie erwischen. So wie jede Lebenskrise, die Geburt müssen wir erst einmal unbeschadet überstehen, die Babyjahre sind frustrierend, wenn man sich nicht einmal selbst auf den Bauch oder auf den Rücken drehen kann, die Pubertät ist ein existentieller Freiheitskampf, in der Midlifecrisis und in den Wechseljahren wirbelt es die Hormone und das ganze Leben durcheinander und der Pensionsschock holt die meisten auch noch ein.

Das ganze Leben steckt voller Krisen.

Wir verlieren geliebte Menschen, müssen uns viel zu viel mit ungeliebten herumschlagen, sehen unseren Arbeitsplatz in Gefahr, oder die Partnerschaft vor dem Ende und Aus. Die Krisen kommen noch früh genug. Also lasst uns singen, tanzen und fröhlich sein. Und wenn man gerade auf einer Supersiegerstraße mit großen Erfolgen und Gewinnen unterwegs ist, dann möchte man bitte erst recht nicht von Krisen faseln.

Die Gruppe mit und um Jesus haben auch von einer bevorstehenden Krise geredet. Und sie waren damit enorm erfolgreich, selbst aus heutiger Sicht. Jesus und seine Anhängerschar waren durch das Land gezogen und ihre Popularität war groß und wurde immer größer. Jesus war bekannt wie Johannes der Täufer zu seiner besten Zeit. Er war Synonym für vollbrachte Wunderheilungen. Besessene, Kranke, Aussätzige, Behinderte, Taubstumme, Blinde konnten sich bei ihm und Gott für ihre Heilung bedanken. Von Freiheit und Liebe und Hoffnung hat er gesprochen. Und die Menschen wollten ihm  glauben. Er hat klargestellt, dass der Sabbat für den Menschen da sein soll und Gott nicht verlangt, dass wir uns sklavisch an Gesetze halten. Seine Predigten gingen den Männern und Frauen und Kindern zu Herzen. Selbst der König Herodes hatte von ihm gehört und wollte mehr über ihn wissen. Auf wundersame Weise hatte Jesus bei seinen Predigtveranstaltungen tausende Menschen gespeist. Zumindest hat er sie dazu gebracht, miteinander zu teilen. Seine Anhängerschar und seine Verehrung nehmen ständig zu. Auf einem Höhepunkt seines Wirkens, stellt er die Frage: „Für wen halten mich die Leute?“

Und Petrus bekennt unumwunden: Du bist der Messias!

Seine Jüngerschar muss euphorisch, geradezu berauscht gewesen sein, von ihrer Wirkung, den jubelnden Massen mit ihren sehnsuchtsvollen Blicken. Alle schienen begeistert, verzückt, entflammt für die eine gemeinsame Sache. Noch fünf oder sechs Jahre auf dieser Schiene und sie hätten ganz Galiläa und Judäa – vielleicht auch Samaria - bereist und wären überall mit offenen Händen und Herzen willkommen geheißen worden. Ihnen muss alles möglich erschienen sein. Niemand und nichts konnte sie stoppen. Und da kommt der Paukenschlag. Jesus nimmt seine Jünger zur Seite und sagt:

„Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten und den Hohen Priestern und den Schriftgelehrten verworfen und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“

Jesus sprach diese schweren Worte ganz offen aus. Zum ersten und nicht zum letzten Mal, spricht Jesus von seinem Tod und den zu erwartenden schrecklichen Umständen. Er wird beschimpft, verspottet, gefoltert und getötet werden. Seine Bewegung, die Christusnachfolger, seine Jünger werden keine Geschichte eines triumphalen Sieges über die römischen Besatzer und keinen Sieg über das veraltete und verknöcherte Priestersystem feiern dürfen. Sie werden keine Geschichte der Sieger schreiben. Es wird Menschen geben, die Jesus und seine Anhänger hassen, verfolgen, attackieren werden. Die offene Ankündigung seiner Leidensgeschichte, seiner persönlich größten und letzten Krise muss die Jünger in heillose Verwirrung gestürzt haben.

Hätte nicht alles so bleiben können wie bisher?

Warum sollen die Jünger mit ihrem Wunderrabbi nicht weiter durchs Land ziehen, Menschen heilen, ihnen die befreiende Botschaft des Evangeliums bringen, gemeinsam beten und singen und tanzen und bei der einen oder anderen Hochzeit als Überraschungsgäste auftauchen? Nur das böse Erwachen wäre spätestens im Garten Getsemani gekommen. Als die Wachen Jesus abführen, hätte das auch noch nichts heißen müssen. Die Verhandlung hätte nicht zum Todesurteil führen dürfen. Endgültig wären die Jünger wohl bei der Kreuzigung und bei Jesu Tod am Kreuz zusammen gebrochen. Jesus bremst die aufgekommene Euphorie und die Siegesgewissheit der Jünger und dann auch die der angereisten Bewunderer gehörig ein.

Wenn der vertraute und gut laufende Alltag mit der Ankündigung einer schwelenden Krise bedroht wird, dann zucken wir alle zusammen. Wir wollen es nicht wahrhaben oder zumindest im Moment vorerst verdrängen. Das ist leichter. Petrus nimmt Jesus zur Seite und fährt ihn an.

„Hör doch auf von einer Krise zu sprechen! Die Menschen lieben dich. Sie folgen dir überall hin. Sie wollen dein Gewand berühren, weil sie wissen, dass es sie heilen kann. Sie setzen all ihre Hoffnung in dich als ihren Erlöser. Und jetzt sprichst du davon, dass es bald ein Ende haben wird. Wir haben Erfolg und du sprichst von deinem Tod und deinem Leiden. Damit stößt du uns vor den Kopf. Du kannst ja die Wahrheit sagen, aber muss das ausgerechnet jetzt und hier sein, wenn sich so viele am Leben und an den Chancen, die du uns zeigst, freuen.“

Sie haben sich sicher gefühlt, bestätigt, waren voller Hoffnung und positivem Elan. Dem verpasst Jesus hier einen gehörigen Dämpfer. War es ein ungünstiger Zeitpunkt? Viele Menschen sind Jesus nachgerannt. Sie folgen ihm mit ihren Füßen, aber nicht mit ihren Herzen, nicht durch wahre Nachfolge. Petrus mag auch Mitleid mit Jesus bekommen haben. Wie er in Matthäus 16,22 zu Jesus sagt, als der von seinem Leiden spricht: „Das möge Gott verhüten, Herr! Niemals soll dir das geschehen!“

Wenn mir jemand sagt: „Wir werden uns wohl nicht mehr sehen.“ oder: „Ich werde wohl nicht mehr lange leben!“ „Ich will nicht mehr leben!“ Da gibt es diesen inneren Stich, wenn diese Sätze fallen. Wir protestieren ganz natürlich, aus einem inneren Impuls heraus dagegen, wenn jemand von seinem Ende und Abschied spricht. Wir protestieren gegen das Leiden und gegen den Tod. Wenn Jesus seinen Leidensweg ankündigt, dann zerstört er die Hoffnung vieler. Man hat in Jesus Hoffnungen gesetzt. Nur waren es die falschen? Sind es nicht auch heute oft die falschen? Jesus wirft die Römer nicht aus dem Land. Jesus verändert nicht glorios das religiöse System seiner Zeit. Wer an ihn als Messias und Gottes Sohn glaubt, wird nicht von Krankheiten oder Gewalt verschont bleiben. Es ist sein erster Schritt zur Trennung und zum Abschied von seinen Jüngern. „So wie heute, bin ich nicht allezeit bei euch.“ Petrus fährt Jesus an und Jesus macht ihm autoritär klar, wo sein Platz ist. „Hinter mich! Zurück in die Reihe!“

Es ist verführerisch den leichten Weg gehen zu wollen.

Warum nach Jerusalem reisen, wenn dort Gefahr droht? Machen wir es wie Jona und reisen wir in die andere Richtung. Verschieben wir die Passion und den Gang hin zum Kreuz noch ein paar Jahre. Was könnte nicht alles sein? Was wäre nicht alles möglich?

Noch hunderte Menschen von Aussatz, von Dämonen, von Blindheit, Taubheit heilen. Tote auferwecken und Menschen Mut zum Glauben an Gott, zur Umkehr machen. Was kann daran falsch sein? Und wenn es unbedingt sein muss, mit der Folter, dem Spott und der Tötung, dann bringe uns die Wahrheit schonend bei. Diplomatisch ist Jesus nun einmal nicht. Er spricht ganz offen, verschweigt nichts und verhüllt nichts. Er ist kein Mann der Schönfärberei und nennt die Dinge beim Namen. Wer offen ausspricht, wie er oder sie die Wahrheit sieht, macht sich nicht unbedingt neue Freunde. Wir leben oft ganz gut und gerne mit Lügen, kleinen und auch großen Lebenslügen. In der Schriftlesung aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 30, 8-15) wird das Bild einer Mauer herangezogen. Eine Mauer, die durch Lügen, Verdrängungen und Selbstbetrug aufgebaut ist, bekommt unweigerlich Risse und irgendwann sind diese Risse nicht mehr zu übersehen und enden in einem Zusammenbruch der Lügenfassade. Die Mauer bricht ein. Die Blase zerplatzt. Die Träume von noch mehr Erfolg, anhaltendem Glück entpuppen sich als Nebelschwaden oder gar Albträume. Unweigerlich sperren wir uns gegen prophetische Reden von der Zukunft.

„Die Seher sollen nichts sehen.

Die Propheten sollen keine Offenbarungen haben.

Sagt uns nicht, was recht ist.

Sagt uns, was uns gefällt!“

Ansonsten: „Haltet den Mund! Kusch!“

Beruhigt uns mit schönen Worten und Filmen und Unterhaltungsangeboten. Tröstet uns mit haltlosen Versprechungen und schönen Geschichten.

„Lasst uns doch unsere Illusionen!“

„Lasst uns in Ruhe mit eurem Heiligen Gott Israels!“

Damit bin ich ein Stück weit aufgewachsen. Diese Einstellung ist gut wienerisch. Die Wahrheit nicht unbedingt zu verdrehen sondern unter einem schönen Schein verbergen. Ein buntes Tuch mit vielen Ablenkungen über das wahre Leben werfen. Nicht zum Kern der Sache kommen. Kritisieren sie nie jemanden offen! Sagen sie ihre Meinung dem Gegenüber nicht direkt ins Gesicht!

Schwarzmalerei und Schönfärberei werden in den Worten Jesu eine klare Absage erteilt. Er sagt, was sein wird. Er fragt, was zu fragen bleibt. Jesus möchte aus seinen Bewunderern, von denen er eine Menge hatte, aus ihnen will er Nachfolger machen.

„Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und dabei Schaden zu nehmen an seinem Leben?“

„Was hätte ein Mensch denn zu geben als Gegenwert für sein Leben?“

Nichts und Nichts. Niemand solle sich, der sich in seine Nachfolge stellen will, einer trügerischen Selbstsicherheit hingeben. Alles wird über uns hereinbrechen können: Unerfreuliches, Schmerzhaftes und Leidvolles, und schließlich das Sterben und der Tod. Wir sollen das Leben nicht aus den Augen zu verlieren. Alles, was das Leben ausmacht, das Schöne und Gute und Wahre – wie das Lächeln eines Babys, eine idyllische Schneelandschaft, ein ehrliches und tröstendes Wort zur rechten Zeit. Das soll genauso im Blick bleiben, wie das Hässliche, Böse und Zerstörerische. Seine Lasten und sein Kreuz auf sich nehmen und mit anderen gemeinsam zu tragen, wird möglich sein.

„Wenn ihr gelassen abwartet und Gott vertraut,

dann seid ihr stark!“      

Nur das müssen wir halt auch wollen.

 

Amen

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