08.
März 2009
|
|
Alle Zöllner und Sünder suchten seine Nähe, um ihm zuzuhören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten: Der nimmt Sünder auf und isst mit ihnen. Liebe Gemeinde! Sie haben es bemerkt. Die Zöllner und Sünder kommen, um Jesus zuzuhören. Hier in Lukas 15,1-2 geht es um Leute und Berufe mit schlechtem Image und angeknackstem Selbstwertgefühl inklusive. Denn Zöllner und Sünder hatten einen üblen Ruf im Volk. Und wer sich mit ihnen zusammengesetzt hat – so wie Jesus es mehrmals getan hat – der hat den „üblen Geruch“ angenommen und geriet ebenfalls in Verruf. Unbeliebte Berufe Die „Zöllner“ galten zu Zeit Jesu in Israel als Kollaborateure der römischen Besatzungsmacht, als Verräter und Geldhaie, die keine Rücksicht auf die Krisen nahmen, in denen Menschen und ihre Familien steckten. Zöllner hatten nur Zahlen und Münzen im Kopf, waren die nüchternen, eiskalten Rechner und Vollstrecker des Wirtschaftssystems. Zu den „Sündern“ zählten die Gauner und Betrüger, die Trunkenbolde und Gewalttäter ebenso, wie die unehrenhaften Berufsgruppen, wie Hirten, Eselstreiber, Hausierer, Wanderarbeiter, Metzger, Bader und Gerber. Man warf alles in einen Topf. Wer keine feste Anstellung hatte, wer womöglich noch aus dem Ausland kam und eine andere Hautfarbe hatte, war schon gleich einmal verdächtig. Wanderarbeiter hatten etwa abends die Ortschaften zu verlassen, weil man Angst hatte, dass sie lange Finger bekommen könnten und sich an Hab und Gut und an den Ehefrauen und Töchtern vergreifen. Es galt als unfein, unschicklich, und machte unrein, sich mit diesem Lumpenpack an einen Tisch zu legen. Die öffentliche Meinung hatte nichts Gutes über sie zu sagen. Und auch heute haben manche Berufsgruppen mit ihrem Image zu kämpfen. Sie wissen, welche ich meine: Banker und Broker werden habgierige Gewinnsucht unterstellt. Lehrer und Richter sollen mehr arbeiten und sich unterstehen zu streiken. ORF-Mitarbeiter und Manager und Politiker können ihre ach zu hohen Gehälter und Zulagen aus der Zeitung erfahren. Die Neidgesellschaft hat in Österreich Hochbetrieb. Und nicht nur in der Zeitung. Auch die geistlichen Berufsgruppen, Pfarrer, Priester, Bischöfe und Papst werden derzeit keine Beliebtheitspreise einheimsen. Ich persönlich kann mich mit der Klientel der Zöllner gut identifizieren, denn meine bisher ausgeübten Berufe zählen auch nicht gerade zu den ehrenwertesten. Mit 15 Jahren als Mitarbeiter in einer Bank wurde ich von den Kunden wegen der schlechten Aktienkurse beschimpft. Als Postler musste ich mehrere Sommer lang vor Hunden und übelgelaunten Hundebesitzern fliehen. Meine kurze Tätigkeit in der Werbebranche hat mich den gnadenlosen Konkurrenzkampf hinter den Kulissen und die Unbeliebtheit dieser Berufsgruppe gelehrt. Während meiner Tätigkeit als Bauingenieur war gerade die ganze Baubranche durch den Bauskandal in Wien in Verruf geraten. Und während des zum großen Teil selbstfinanzierten Studiums galt ich soundso als einer von den „Obezahrern“ der Gesellschaft, die sich ein schönes Leben auf Staatskosten machen und feiern statt zu studieren. Als Lehrer darf ich mich heute als „fauler Sack“ und Minderleister bezeichnen lassen. Und einem evangelischen Pfarrer geben die Leute in manchen katholischen Gemeinden nicht einmal am Friedhof die Hand, vom Grüßen ganz zu scheigen. Als Chefredakteur des Reformierten Kirchenblattes bekommt man auch nicht gerade nur Gutes zu hören. Und als Gewerkschaftler für die reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer ist man eben im Ruf oder Verruf eines Gewerkschafters. Alles zusammen war jeder meiner gewählten Berufe im Allgemeinen mit eher schlechten Imagewerten versehen. Einzig meine Tätigkeit als Behindertenbetreuer steht heute auch noch hoch im gesellschaftlichen Ansehen, ist aber extrem unterbezahlt. Jesus sind solche Vorbehalte der Gesellschaft gegenüber Berufen und Menschen herzlich egal und er zeigt, was es heißt, keine Berührungsängste zu kennen. Er ist bei seinen Begegnungen völlig vorurteilsfrei. Es geht ihm um den Menschen, um jeden Einzelnen. Und er erklärt uns das mit folgender Parabel. Er erzählte ihnen das folgende Gleichnis: Wer von euch, der hundert Schafe hat und eines von ihnen verliert, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es findet, nimmt er es voller Freude auf seine Schultern und geht nach Hause, ruft die Freunde und die Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein verlorenes Schaf gefunden. Ich sage euch: So wird man sich auch im Himmel mehr freuen über einen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keiner Umkehr bedürfen. Lukas 15,1-7
Liebe Gemeinde! Unser Hirte gerät in eine existentielle Krise. Ein Schaf ist ihm abhanden gekommen und es fährt ihm der Schreck in die Glieder. Nun hatten Schäfer damals wie heute keinen leichten Job. Er war risikoreich und extrem hart und wenig angesehen und wohl schlecht entlohnt. Wir dürfen uns keine Idylle und Romantik à la Heidi & Geißenpeter vorstellen. Hirten waren meist Wanderarbeiter, Saisonkräfte, Fremdarbeiter und als raue Gesellen verschrien. Jesus hat mit den Erzählungen seiner Geburt im Stall, den Hirten unter den ersten Gratulanten für Maria und Josef und mit seinen Gleichnissen das Image des Hirtenberufes mächtig aufpoliert. Dass sich Bischöfe als „Hirten“ titulieren hätte zu Jesu Zeiten die Leute zum Lachen und Schenkelklopfen gebracht. Ein Hirt war ein potentieller Sünder und potentieller Verbrecher. Nun hat unser Hirt ein Schaf verloren. Oder es ist ihm weggelaufen. Oder die Herde hat es ausgestoßen. Wie auch immer. Für den Verlust hätte der gute Mann aufkommen müssen. Und billig war auch ein einzelnes Schaf zur damaligen Zeit nicht gerade. Also ist es mehr als verständlich, dass er sich auf die Suche nach dem einen Schaf macht. Denn eines ist klar: Allein hat es keine Überlebenschancen. Ein Schaf hat keine scharfen Klauen, keine gefährlichen Zähne, auch keine harten Hufe. Und seine Fluchtgeschwindigkeit ist eher begrenzt. Ein Schaf allein abseits der Herde und ohne Schutz durch Hirt und Hund stellt ein leichtes Opfer dar, einen willkommenen Imbiss für Raubtiere. Schafe sind keineswegs engelsgleiche Geschöpfe. Auch unter ihnen herrscht Konkurrenzkampf um die besseren Weideflächen und saftigen grünen Stellen. Da wird gedrängt und gestoßen, angeblökt und durchaus auch mit Kopfstößen kräftig ausgeteilt. Aber ich muss eine Lanze für die Schafe brechen. Der Prophet Ezechiel schildert in unserem Lesungstext Ezechiel 34, 17-24, wie es in einer Herde zugehen mag, die völlig unsozial, sprich unschafisch, entgegen aller Regelungen unter Schafen, sich auch gegenseitig nichts gönnt. Es herrschen in dieser Schafsherde voller Schafsköpfen Neid, Gier, Hinterhältigkeit. Aber hier schildert Ezechiel jedenfalls wie es unter Menschen zugehen mag, zu einer Boshaftigkeit und Gemeinheit, zu der sich echte Schafe nie und nimmer hinreißen lassen würden. „Was die einen, die bösen Schafe, nicht fressen, kauen und verdauen, das zertrampeln sie mit ihren Hufen, damit die Nachfolgenden nichts davon haben. Was die bösen Schafe an Wasser nicht schlabbern, das trüben sie ein und machen es ungenießbar für die anderen.“ So frech und tückisch können nur Menschen, niemals Schafe sein. Aber mit diesem Prophetentext stellt sich die Frage, ob unser einzelnes verlorenes Schaf nicht von sich aus die Flucht ergriffen hat. Vielleicht wurde es von den anderen in der Herde geschubst, abgedrängt, ausgegrenzt – mit einem Wort „gemobbt“. Dann hatte es die Schnauze voll und floh in die Wüste. Schafe mobben nicht. Es gibt noch kein Schafmobbing. Oder sie machen sich zumindest nichts daraus. Den Verdrängungswettbewerb à la „Survival of the fittest“, „Überleben kann am besten, wer den Starken markiert“, haben wir Menschen perfektioniert in unserem Berufsalltag – nicht Schafe. Obwohl wir mit Ezechiel den Spruch abändern müssten: „Überleben des Fieseren“ sollte man sagen. Denn wenn es heißt mit Hörnern stoßen, andere vertreiben, dann hat das nicht allein mit Stärke sondern vor allem mit Boshaftigkeit zu tun. Das Schaf ist ins Abseits geraten, hat sich zurückgezogen oder wurde jedenfalls „verloren“. Der Hirte und sein Hund haben nicht aufgepasst und auch kein anderes Schaf hat sich um dieses eine geschert. Es ist aus dem Blickfeld geraten, war nicht mehr bei der Herde. Panik! Ob selbst Schuld oder wegen Verletzung der Aufsichtspflicht durch den Hirten ist da völlig gleichgültig. Wichtig ist die Reaktion des Schäfers. Sofort lässt er alles liegen und die Schafe dort stehen, wo sie sind und läuft los. Vielleicht denkt er sich auch: „Ach, hätte ich bloß besser aufgepasst.“ Ein Selbstvorwurf, den alle Eltern kennen, die ihre lieben Kinderlein mal aus einer Gefahr retten mussten. Denn auch wir Menschen gehen leicht verloren. Und sei es nur, dass man sich verläuft, verrennt in eine Idee, sich verliert in einer Besessenheit oder Abhängigkeit. Durch Alkohol, Spielsucht, Internet- oder Fernsehsucht, durch Arbeitswut & als Workoholic verliert man leicht den Boden der Realität unter den Füßen. Das ist ganz ähnlich unserem Schaf, das sich in der Wüste verläuft. Die Weite und der Horizont sind verlockend und es läuft los. Kinder machen das ja besonders gern. Wenn es unüberwindliche Probleme gibt, dann wird gleich drauflos gerannt. Wenn sich die Eltern heftig streiten, flüchten sich viele unter die Bettdecke oder zu Freunden oder rennen echt davon. Mehr als man gemeinhin annimmt. Und auch als Erwachsene ist es oft der leichtere Weg vor Problemen und Schwierigkeiten davonzulaufen. Dass sich die meisten Angelegenheiten so nicht von selber lösen – das gibt es wohl auch – wissen wir alle. Aber wir Menschen scheinen zum einen den Fluchtreflex aus unserer Steinzeit herübergerettet zu haben. Aber zum anderen scheinen wir auch oft den Wunsch dabei zu haben, dass doch bitte einer uns nachgehen möge. Kinder wünschen sich, dass Mama oder Papa sie mit tröstenden Worten zurückholen. Es braucht eben oft andere Mitmenschen, die uns wie der Hirte aus der Wüste zurückbringen können, wenn wir uns verirrt oder in eine Sache verrannt haben. Dieses: „Ich bin für dich da! Ich gebe dich nicht verloren!“, ist ein wohltuender, ein heilender Satz. Wenn sich uns mal wieder jemand wie ein Mensch nähert und uns ehrlich und aufrichtig gegenübertritt, fürsorglich, Anteil nehmend, da merken wir wie sehr wir soziale Wesen sind. Wir wollen – nicht immer – dass man uns nachläuft. Aber besser einmal zuviel nachgelaufen als einmal zu wenig. Wer sich in die Einsamkeit zurückzieht, mag seine oder mag ihre Gründe haben. Aber es ist wichtig gerade hier nachzugehen und nachzufragen. Anzubieten immer wieder zurückkommen zu können, Anlaufstelle zu sein. Ich fühle mich erst dann endgültig verloren und bin hoffnungslos wie ein wehrloses Schaf in der Wüste, wenn mich alle Freunde und die Familie und die Gesellschaft verloren gegeben haben. Dass etwa alle in der Karlsplatzpassage verloren sind, das wollen die Sozialarbeiter nicht wahrhaben, die sich täglich einbringen wollen. Der Hirte sucht sein Schaf bis er es findet. Ob das Schaf auch hätte sagen können: „Zu dem Schafshaufen bringt mich nichts zurück. Dort in die Gesellschaft, wo mir ständig die Ellbogen hineingerammt werden, wo mir mit Stolz, Neid und Gier begegnet wird, wo Verdrängungswettbewerb herrscht, wo ich nicht mitmachen will, und ich als Einzelner nichts zähle, da will ich nicht hin zurück.“ Das Schaf hat jedoch keine Wahl. Es gehört zu dieser Herde und verändert es ja auch gerade durch sein Anderssein. Für unseren Hirten gilt: Liebe Eltern und Lehrer und liebe Mitmenschen, nehmen wir uns ein Vorbild an ihm. Denn was macht er, als er sein Schaf gefunden hat? Er hätte es schimpfen mögen, ein wenig schlagen, damit es sich merkt, nicht wieder fortzulaufen. Unser Hirte bewahrt die Ruhe nach der anstrengenden Suche. Er packt es sich auf die Schultern und läuft ins Dorf und veranstaltet ein Riesenfest. Ein wenig weiser mag der Hirte und werden auch wir durch diese Geschichte geworden sein. Der Einsatz lohnt sich jedenfalls immer, sich auf die Suche zu machen und Menschen nachzugehen, gerade dann wenn man sie verloren glaubt. Oft ist Hilfe im Einzelfall nötig, ganz ohne Kosten-Nutzenrechnung. Und den Moment der Freude, wenn man etwas oder jemand Verlorenen wiederfindet, den kann man wohl nicht besser beschreiben, als es Jesus in seiner Erzählung mit der Freude, die im Himmel darüber aufkommt, macht. Über ein einzelnes verlorenes und wiedergefundenes Schaf. Amen |