10.
April 2009
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Von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme: „Eli, Eli, lema sabachtani!, das heisst: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Als einige von denen, die dort standen, das hörten, sagten sie: „Der ruft nach Elija.“ Und sogleich lief einer von ihnen hin und nahm einen Schwamm, tränkte ihn mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die anderen aber sagten: „Lass doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihn rettet.“ Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme und verschied. Und siehe da: Der Vorhang im Tempel riss entzwei von oben bis unten, und die Erde bebte, und die Felsen barsten. Matthäus 27,45-51
Liebe Gemeinde!
Das letzte, was Jesus auf
dieser Welt gehört haben soll, war ihr Lachen. Im Moment seines Sterbens haben
die Menschen gelacht. Das letzte, was Jesus gesehen hat, waren fröhlich und
erheiterte Menschen, die sich gut unterhalten haben und zusehen wollten, was
beim Tod dieses „selbstherrlichen und großgoscherten Mannes Jesus aus Nazareth“,
wie sie ihn beschimpft haben, passiert. Reinhard
Fendrich in seiner Ode an die Schadenfreude. Damals wie heute. Ja, auch am Karfreitag haben die Menschen gelacht. Aber es war ein hässliches Karfreitagsgelächter, eben kein befreites Osterlachen. Zu Ostern ist es allen klar geworden: „Dem Sohn Gottes ist ja nicht wirklich was geschehen. Schauen wir hin: Jesus lebt, ist auferstanden. Gott hat uns nur ein wenig Angst machen wollen. Puh.“ Darüber kann man fröhlich und heiter morgen Nacht und am Ostersonntag und Ostermontag und das ganze weitere Jahr erleichtert auflachen. Nur Karfreitagsgelächter gibt es halt auch. Es ist die andere grässliche Seite unseres Lachens und unserer Heiterkeit. „Rette dich doch, wenn du kannst! Steig herab vom Kreuz!“, sagen sie. „Den Tempel will er einreißen und in Rekordzeit von drei Tagen wieder aufbauen. Ein Pfuscher, ein Gschichteldrucker, ein Aufschneider muss das sein. Ans Kreuz mit ihm!“, spotten sie. „Wo ist deine Armee, du König der Juden! Du König Israels!“ „Auf Gott hat er vertraut. Na, wo ist er denn dein Gott? Hat wohl gerade frei?“ Ein kleiner Auszug aus einer wohl langen Liste an Beschimpfungen und Spottreden. Der Tod von Jesus wird mit einem kurzen Satz beschrieben: „Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme und verschied.“ Mehr gibt es da nicht zu berichten. Ein Schrei, der uns auch heute in den Ohren schmerzt. Aber der Spott und der Hohn und das Gelächter, das die Leute vorm Kreuz schüttelt, dem widmen die Evangeliumsberichte ausführlichen Raum. Es zeigt halt leider, wie wir auch reagieren. Wenn wir mit dem Leiden und dem Elend und der Not von anderen konfrontiert sind, flüchten wir uns gerne ins Lachen. Das ins Lächerliche Ziehen ist ein beliebter Breitenvolkssport. Das Anbatzen und Vernadern, das Lächerlichmachen und Auslachen lernen wir im Kindergarten: „Ätschi! Bätschi!“ und im Fernsehen und im Theater und in Büchern und Videos und in unseren Familien. Unsere Gesellschaft hat den Zynismus und den bösen Bruder Sarkasmus zur großen Blüte getrieben. Es ist hipp und in und fesch und cool. Alle wollen witzig sein, nur wenige sind es wirklich. Für Vieles gilt: Nicht lustig! Es gibt sie die ernsten, todernsten Sachen. Das ist nicht lustig! Da hört sich der Spaß wirklich auf! Das ist eine ernste Angelegenheit! Und trotzdem lachen sich manche krumm und schief. Wenn einer mit den Beinen stampft und ihm das Heulen kommen könnte, wohl noch mehr. „Jetzt hört doch auf zu lachen!“ Ein kleiner Auszug aus dem zynischen Panoptikum der letzten Tage. Lehrer – Schüler: In der Schule ein neuer Trend – mit dem Handy Lehrer filmen und auf Youtube ins Internet stellen. Dass hier Persönlichkeitsrechte verletzt werden und sich in Deutschland gar ein Lehrer fast das Leben genommen haben soll, weil es ihm zu peinlich gewesen ist, macht nichts. Die Schüler finden es cool. Jede Stunde ist seither auch bei uns wie versteckte Kamera oder „Verstehen sie Spaß!“. Den Schwamm voller Kleister füllen und warten bis der Lehrer zupackt, weil keiner sonst die Tafel löschen will. Dem Lehrer obszöne Sprüche an den Kopf werfen und schauen, er oder sie reagieren. Sagt man hier: „Das ist nicht lustig!“ antworten die Schüler: „Wir finden schon!“ Und nehmen sie einem Jugendlichen sein Handy weg, hat er am nächsten Tag eines mit schärferer Auflösung vom Papa geschenkt bekommen. Öffentlicher Raum: In öffentlichen Verkehrsmitteln wird jetzt auch schon geschaut, was die Fahrgäste bei gestellten Szenen machen. Da kotzt ein Jugendlicher einer Dame gegenüber auf die Hose. Wie reagiert sie? Höflich und freundlich gelassen oder flippt sie aus? Sie warten mit Handys und Kameras. Daheim: Drei Jugendlichen (11, 13, 13) ist fad und sie wollen es sich besonders lustig machen – ganz wie die Erwachsenen - und schauen, was sie so in der Speis finden. Ein guter Tropfen Wermut hat es ihnen angetan und sie trinken ihn unverdünnt ex und hopp aus. Einer fällt bewusstlos beim Eingang zu Boden und die beiden anderen wanken brabbelnd und orientierungslos durch die Wohnung. Alle drei haben eine Alkoholvergiftung. Spaßsaufen. Manche Ärzte scheinen ja wirklich geborene Zyniker zu sein und könnten blendende Kabarettprogramme liefern. Die müssten sich gar nichts selbst ausdenken und sich nicht verstellen. Gespräch in einer Ordination: A: Na, mein lieber Herr Patient, sollen wir operieren? P: Herr Doktor, ich weiß nicht. Ich kann das nicht sagen. A: Na ich frag ja nur, denn es ist ja ihr Körper. P: Herr Doktor. Ist es notwendig, die Operation zu machen? A: Ja schon, sonst würd ich ja nicht fragen. Oder!? In der Politik braucht es wohl ein Maß an Zynismus zum Überleben. Die „Krise“ müssen wir unbedingt als „Chance“ verstehen, wollen manche Minister und Politiker beruhigen. Wir dürfen keinesfalls schwarzsehen oder anfangen hier schwarz malen. Es ist nicht so schlimm, wie wir glauben. Es ist noch schlimmer. Aber das macht nichts. Liebe Bürgerin und lieber Bürger! Liebe Genossin und lieber Genosse! Hier reden derzeit beide Lager gleich. „Wenn sie durch die Krise arbeitslos werden, sollten sie es als Chance auf eine vielleicht immer schon gewünschte Veränderung in ihrem Berufsleben betrachten.“ „Falls sie ab heute nur noch kurzarbeiten, sehen sie es positiv, dass sie jetzt mehr Zeit für die Familie und ihre Hobbys haben. Suchen sie sich aber am besten billige Hobbys ohne großen Aufwand. Wenn es heißt: Mehrarbeit, dann freuen sie sich, dass sie mehr Zeit mit ihren Schülerinnen und Schülern verbringen dürfen. Und wenn sie weniger verdienen sollten, entdecken sie dabei, wie hoch ihre Problemlösungskräfte sein können, wenn sie innovative und kreative Lösungen für ihre finanziellen Engpässe finden.“ Wir gewinnen durch die Krise eben auch etwas. Nötig wäre ein wenig mehr Hausverstand, um die Aussagen der Führungskräfte besser einzuordnen. Es wirkt ganz besonders zynisch auf mich, wenn man für „Banken in Not“ locker Milliarden Euro und Dollar vom Staat aus an Sicherheit geben kann, aber für „Menschen in Not und Armut“, etwa die 250.000 Kinder und Jugendliche, die immer zahlreicheren Obdachlosen Jugendlichen in Österreich nur Diskussionen und Programme „in Aussicht“ stellt. Ein Krisenbekämpfungsprogramm für unser Wirtschaftssystem erhält in kürzester Zeit Milliarden. Für ein Armutsbekämpfungsprogramm müssen zuvor noch mehr Studien angefertigt werden, bevor man handeln kann und will. Realzynismus pur! Natur-Katastrophen: Auch in Krisensituationen, die von der Natur verursacht werden – wo kein Mensch oder Manager seine Finger im Spiel hat, soweit man bis jetzt weiß -, auch bei Naturkatastrophen können gewiefte Politiker etwas Positives herausdestillieren. In Italien gab es Erdbeben und der Politiker mit dem größten Dauerlächeln und dem besten Teint in Europa - denn außerhalb Europa ist Obama sein Vorbild für gebräunte Haut – besucht die Notquartiere für die Opfer der Erdbeben. Zwanzig Zeltstädte wurden für die Menschen errichtet, deren Häuser zerstört und deren Hab und Gut und deren Existenz völlig vernichtet worden sind. 17.000 bis 27.000 Obdachlosen richtet ihr Premier aus: „Ihnen mangelt es an nichts, es gibt medizinische Versorgung und Medikamente, es gibt warmes Essen, und es gibt ein Dach für die Nacht. Das Ganze ist natürlich absolut provisorisch, aber man muss das nehmen wie ein Camping-Wochenende.“ Und er setzt nach: „Und machen sie doch mal Auszeit und fahren sie an die schönen Strände, die wir in Italien haben.“ Vielleicht entdeckt es ja die italienische Tourismusbranche für sich: „Campingurlaub im Notlager. Hier sind sie ganz nahe am Geschehen.“ Ein paar Nachbeben kann es ja noch geben. Die Welt – unsere reiche und satte Welt – badet im Zynismus, wir halten uns die Bäuche vor Lachen, weil man da die Dinge nicht an sich ranlassen will. Die Menschen vorm Kreuz lachen wohl auch, weil sie große Hoffnungen gehabt haben. Sie hatten gedacht dieser Jesus sei möglicherweise ihr Erlöser. Und dann hängen sie ihn auf. Da schlägt die Sympathie, die Liebe in Hass um. Ihr Gelächter kommt aus ihrer Enttäuschung heraus. Das geht dann ganz schnell, wenn einer viel verspricht und augenscheinlich nichts halten kann. Sehen wir etwa mal, wie es mit dem Slogan „Für eine atomwaffenfreie Welt“ weitergeht. Ich wünsche diesem Projekt jedenfalls viel Glück. Glauben kann ich daran noch nicht – denn den Slogan und die Idee hab ich noch nie, auch von keinem Friedensaktivisten in den 80ern gehört. Es mag auch Schadenfreude, insbesondere bei den Soldaten und den Vorbeigehenden gewesen sein. Sie lachen über Jesus am Kreuz. Die Soldaten verneigen sich vor dem vermeintlichen König, setzen ihm eine Dornenkrone auf und geben ihm einen Purpurmantel. Sie erniedrigen ihn und treiben ihren Spott. Die Passanten in der Szene schütteln den Kopf und gehen schnell vorbei. Die Voyeure, die Gaffer, das Publikum, die Schaulustigen wollen sehen, was geschieht. Nur ein Mann, ein Einzelner reicht Jesus einen Essigschwamm. Wollte er das Leiden lindern oder den Todesschmerz verlängern? An Karfreitag zeigt sich, wie wir damit umgehen gelernt haben – oder eben nicht gelernt haben, wenn wir jemanden leiden sehen oder davon hören oder lesen. Es zeigt sich, dass Mitgefühl und Mitleid, wie sie Jesus nicht erfahren hat dürfen, die Voraussetzung zur Mitfreude sind. Ohne, dass ich mich mit anderen im Leiden verbunden fühlen kann, bleibt es mir auch verborgen, mich mit ihnen zu freuen. Es gibt kein Osterlachen ohne Karfreitagsleiden und Karfreitagsweinen und ohne unser Eingeständnis vom Gelächter zu Karfreitag, das leider auch mit dazu gehört. Es war eben: Nicht lustig! Wahrlich nicht! Aber manche haben trotzdem gelacht. Amen |