11. April 2009
Osternacht
 

Harald Kluge

„raus aus den Totenbetten“
 

 

Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme und verschied.

Und siehe da: Der Vorhang im Tempel riss entzwei von oben bis unten, und die Erde bebte, und die Felsen barsten,

Gräber öffneten sich, und viele, die Gottes Willen getan hatten und schon gestorben waren, erwachten vom Tod und verließen ihre Gräber.

Nach der Auferweckung Jesu kamen sie aus den Gräbern hervor und gingen in die heilige Stadt und erschienen dort vielen Leuten.

Als aber der Hauptmann und seine Leute, die Jesus bewachten, das Erdbeben sahen und was da geschah, fürchteten sie sich sehr und sagten: Ja, der war wirklich Gottes Sohn! Matthäus 27,50-54

 

Liebe Gemeinde!

Jesus stirbt und Gott zeigt eine heftige Reaktion. Gott zerreißt sein Gewand, der Vorhang in seinem Tempel geht entzwei, von oben bis unten. Die Welt reagiert und bebt vor Trauer. Abgründe tun sich auf und Spalten in der Erdkruste geben die Toten wieder frei. Wir erleben das Vorspiel zur Auferstehung. Ein herrlich dramatisches Vorspiel. Und da war einigen klar geworden: Sie hatten Gottes Sohn gekreuzigt und getötet. Für einen Menschen war das noch nie eine gute Idee: Gottes Sohn zu töten. Da zürnen die Götter und schicken ihre Blitze und Hagelstürme. Die Welt durfte nach Karfreitag nicht gottlos bleiben.

Viele Lebende dachten sie träumten und konnten ihren Augen nicht trauen. Viele Verstorbene wachten vom Tod auf und verließen ihre Gräber und gingen in die Stadt, heißt es. Und dann hatte der römische Hauptmann es auch geglaubt. „Der war wirklich Gottes Sohn!“ Glauben wir es auch erst, wenn wir es mit eigenen Augen sehen können? Wenn bei uns die Toten auf der Straße spazieren? Reicht es nicht, darüber zu lesen?

Es ist kein gruseliger Traum, keine düstere Nacht der lebenden Toten, kein Zombieschocker. Da werden keine Menschen verspeist oder mit unsäglichem Geheul Angst gemacht wie zu Halloween. Die Auferweckung ist kein Horrorfilm, es ist eine Liebesgeschichte. So sehr hat Gott diese Welt geliebt. So sehr liebt Gott uns Menschen, dass er seinen Sohn Jesus Christus den Menschen und dem Tod ausliefert und ihn als einen der ersten auferweckt wiederkehren lässt. Es ist eine Liebesgeschichte, kein Horrorfilm. Unser Glaube an die Auferstehung in dieser Form ist eine Spezialität des Christentums und Judentums – eine resurrectio specialis – Spezialauferstehungsglaube. Sonderangebot! Damit können wir Werbung machen. Nun gut, man glaubt in vielen Religionen an ein Weiterleben nach dem Tod. Dass mit dem Tod wirklich alles – absolut alles – aus sei, hat nur wenige Anhänger. Wenn es auch der nüchternste Gedanke zum Tod ist. Hierbei muss man nicht spekulieren. Du stirbst und damit Schluss! Aus! Basta!

Man muss über den Tod nicht spekulieren – aber man kann und wird es irgendwann. Es ist so schön und macht mitunter so viel Hoffnung. Suchen sie sich das doch einmal für ein Gespräch unter Freunden aus, dieses Thema: „He, wie glaubt ihr eigentlich, geht es nach dem Tod weiter?“ Gesprächsstoff für Abende und Nächte. Und man darf dabei wunderbar spekulieren, phantasieren und fabulieren, denn wirklich wissen können wir es alle nicht. Daran „ob?“ man weiterlebt, ob es nach dem Tod weitergeht, daran glauben viele: Reinkarnation, Seelenwanderung, Wiedergeburt und was weiß ich nicht noch alles. Hier lässt sich aus einem endlosen Potpourri an Nachtodgedanken schöpfen. Auch die Bibel schummelt sich an diesem Thema nicht vorbei. Am ausführlichsten setzt sich Paulus in seinem 1. Korintherbrief damit auseinander.

„Vielleicht werdet ihr euch fragen: Wie werden die Toten denn auferstehen? Was für einen Leib werden sie haben? Das ist doch eine törichte Frage!“ 1. Kor 15,35.36a

Eine törichte aber wohl gute Frage, die er dann eben gleich mal beantwortet. Wenn es nach seinen Vorstellungen geht, erstehen wir mit einem pneumatischen Leib wieder auf. Wir werden einen himmlischen, einen begnadeten Körper erhalten bei der Auferstehung. Den müssen wir nicht erst im Fitnessstudio oder mit Diäten und Fastenkuren formen. Unser begnadeter Körper von Gott wird einfach perfekt sein. Also annähernd so wie der heutige, den wir mit uns herumschleppen oder der uns herumschleppt.

Den Jugendlichen kann man ausrichten: Wir sind nach der Auferweckung alle Supermodels und Sportprofis – echte himmlische Supermodels. Also nicht dürr und gedopt und am Rande des physischen Zusammenbrechens, sondern flink und stark und schön und geschmeidig. Eine Augenweide. Uns fällt dann kein Fleisch von den Knochen, niemandem weltweit nicht. Ist da nicht Eitelkeit vorprogrammiert?

Die Menschen damals in Jerusalem haben einen Vorgeschmack darauf bekommen. Sie haben Tote auf den Straßen herumgehen sehen und – nach allen Berichten, die wir kennen und was man aus dem Text bei Matthäus herauslesen kann – gerieten die Menschen nicht in Panik. Es kam sicher nicht häufig vor, dass Totgeglaubte plötzlich umherwandeln. Es gehörte sicher nicht zum üblichen Stadtbild in Jerusalem, sonst hätten andere darüber geschrieben. Es ist natürlich möglich, dass all das nur ein schöner Traum gewesen sei. Dass die Toten aus ihrem Todesschlaf geweckt worden und aus ihren Gräbern rausgeholt worden seien und durch die Gassen marschiert seien – vielleicht haben das manche nur geträumt?

Alles nur ein Traum – aber was für ein wunderbarer Traum! Wir laufen im Leben ja gut und gern und mit großer Anstrengung unseren Träumen nach. Manche mögen sich als Schäume entpuppen. Na und!? Den Pfarrer Karl Barth hat eine Dame einmal gefragt: „Sagen Sie werde ich bei der Auferstehung meine Lieben wieder sehen?“ Barth darauf trocken: „Machen Sie sich darauf gefasst, nicht nur Ihre Lieben!“

Ich freu mich auf das Wiedersehen und die Begegnung mit den Menschen, deren Tod mir nahe gegangen ist. Ich freu mich auf ein Wiedersehen mit Robin, meinem damals in der Volksschule besten Freund, der mit 8 Jahren an einem Blutgerinnsel im Gehirn gestorben ist. Eines Tages war er nicht mehr in der Klasse. Ich freu mich auf ein Wiedersehen mit Florian, dem Freund, der mich 8 Jahre AHS durchbegleitet hat – als einziger zweiter evangelischer Schüler – und der beschlossen hat, mit 20 sei es ein guter Zeitpunkt für seinen Abtritt von dieser Weltbühne. Ich freu mich aufs Wiedersehen mit meinen Opas und Omas, den Onkeln und Tanten. Und ich möchte all jene, deren Trauerfeier ich mit ihren Hinterbliebenen mit gestaltet habe, einmal näher kennen lernen.

Beim großen Auferstehungszeremonial Gottes wird es unendlich viel Zeit geben. Und wenn es schon heute das Spannendste im Leben ist, Menschen kennen zu lernen, dann muss es nach der Auferweckung unendlich interessant sein. Und wenn es heute meist heißt: Wir hätten für unsere Beziehungen so wenig Zeit. Sie wissen, der Job und die Familie und auch sonst hat man halt oft was zu tun … nach der Auferweckung haben wir vor allem eines: Viel Zeit ganz ohne Stress und ohne auf die Uhr schauen zu müssen – wie lang hab ich jetzt schon mit ihnen geredet. Ich muss ja eigentlich weiter.

Was bleibt uns von der sonderbaren Geschichte rund um den Tod und die Auferstehung Jesu? Was uns bleibt ist der wichtige Hinweis, dass Gott uns aus den Gräbern herausholt. Natürlich wird das zunehmend schwieriger für Gott. Weil heute können sie ihre Asche zu einem Diamanten pressen lassen – den Omadiamant kann die Enkelin an einer Platinkette  neckisch im Dekolletee tragen. Sie können sich in einem Todeshain mitten im Wald oder auf See verstreuen lassen. Gott hat bestimmt keine Probleme all unsere Teile zusammen zu suchen.

Das Vorspiel zur Auferstehung können wir dort erfahren und beobachten, wo wir vielleicht in einer Situation sind, aus der wir partout nicht rauskommen wollen oder können. In Situationen, wo wir wie Mumien tot daliegen weder ein noch aus wissen – dann küsst uns Gott wie ein Märchenprinz oder für uns Männer wie eine Märchenprinzessin wach.

Der göttliche Weckruf lautet: Raus aus den Betten!

Raus aus den Frustbetten, aus den Betten, wo uns die Angst reingetrieben hat, wo wir uns die Decke über den Kopf gezogen haben, weil wir manches nicht wahrhaben wollen. Raus aus den Krankenbetten, aus den Intensivstationsbetten, aus den Hospizbetten und raus aus den Totenbetten! Einmal wird es soweit sein – für jeden von uns. Das gibt es an Veränderungen in unserem Leben, wenn wir an die Auferstehung glauben. Totgeglaubte leben wieder. Nur muss man die gemischten Gefühle berücksichtigen. Nicht alle sind mit dem Gedanken an die Auferstehung glücklich.

Eine Dame bat einen Pfarrerkollegen einmal vor einer Beerdigung: „Bitte, Herr Pfarrer, sagen sie beim Begräbnis von meinem Mann nix über die Auferstehung. (Warum nicht?) Weil das machat den Kindern Angst, wenn der zurückkommt.“

Die auferweckten Toten haben schon in Jerusalem niemandem Angst gemacht. Sie haben nicht dort fortgesetzt, wo sie aufgehört hatten – sonst wäre für viele die Auferstehung zu einem alten Leben eher ein schlechter Witz. Nach der Auferstehung wird alles anders sein. Himmlisch – göttlich - wunderbar. Wie? Darüber kann man reden. Ob? Das ist, denke ich, geklärt.

Darum sag ihnen: Hört die Botschaft des Herrn! Ich, der Herr, öffne eure Gräber und hole euch heraus, denn ihr seid mein Volk. Wenn ich euch wieder lebendig mache, werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich erfülle euch mit meinem Geist, schenke euch noch einmal das Leben und lasse euch wieder in eurem Land wohnen. Ihr werdet sehen, dass ich meine Versprechen halte. Mein Wort gilt!"

Sein Wort gilt. Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!

Amen

zum Anfang