19. April 2009
 

Harald Kluge

Flucht in die Arbeit
 

 

Später zeigte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tiberias. Und er zeigte sich so: Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Natanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren beisammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen! Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen ins Boot und fingen nichts in jener Nacht. Als es aber schon gegen Morgen ging, trat Jesus ans Ufer; die Jünger wussten aber nicht, dass es Jesus war. Da sagte Jesus zu ihnen: Kinder, ihr habt wohl keinen Fisch zum Essen? Sie antworteten ihm: Nein.

Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet einen guten Fang machen. Da warfen sie es aus, und vor lauter Fischen vermochten sie es nicht mehr einzuziehen. Da sagte jener Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr. Als nun Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, legte er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser.

Die anderen Jünger aber kamen mit dem Boot - sie waren nämlich nicht weit vom Ufer entfernt, nur etwa zweihundert Ellen - und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie nun an Land kamen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf liegen und Brot. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.

Da stieg Simon Petrus aus dem Wasser und zog das Netz an Land, voll von großen Fischen, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, riss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: Kommt und esst! Keiner von den Jüngern aber wagte ihn auszuforschen: Wer bist du? Sie wussten ja, dass es der Herr war. Jesus kam und nahm das Brot und gab es ihnen, und ebenso den Fisch. Das war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern zeigte, seit er von den Toten auferweckt worden war. Johannes 21,1-14

 

Liebe Gemeinde!

Die Männer flüchten sich in ihre Arbeit. Typisch. Wenn Männer in der Krise sind, gehen sie zum Beispiel fischen. Für Simon und für Thomas und Natanael und die Söhne des Zebedäus war es so als würden sie ins Büro gehen, noch ein paar Akten durchsehen und Memos diktieren. Sie wollten nach Ostern wieder in ihren gewohnten Alltag zurückkehren. Zurück an den See Genezareth und ihr Leben als Fischer einstweilen wieder aufnehmen. Als Simon zu seinen Kollegen sagt: „Ich gehe dann mal fischen!“ Da meint er nicht: „Ich will mich beim Angeln entspannen. In Ruhe meine Angelrute mit Köder auswerfen und meine Gedanken ordnen.“ Für Simon und die anderen sechs war es ihr Broterwerb. Sie waren mit ihren Familien, den Ehefrauen und Kindern und Eltern und Tanten und Onkeln darauf angewiesen, dass sie was fangen.

Der Mensch muss was essen und es bringt ja doch nichts, sich über die vergossene Milch, sprich das Geschehene in Jerusalem – das Kreuz und das leere Grab - weiter den Kopf zu zerbrechen. Es war aus und vorbei mit dem schönen Traum vom Gottessohn, der unsere Welt erlöst. Nach dem ganzen schrecklichen und verwirrenden Geschehnissen in Jerusalem – der umjubelte Einzug in die Stadt wirkte schon nur mehr wie ein Traum. Die Siegesgewissheit und alle Erfolgsgefühle beim letzten gemeinsamen Mahl mit Jesus waren verpufft. Die bösen Vorahnungen wurden grausliche Realität als man Jesus im Garten Getsemani verhaftet hatte, als sie ihn ausgepeitscht, verhört und abgeurteilt hatten. Mit der Kreuzigung auf Golgatha schien alles verloren. Ja, als sie das Grab leer aufgefunden hatten und Jesus ihnen auch noch zweimal erschienen war, da waren die Jünger dann restlos verwirrt. Jesus als Auferstandener sprach in Rätseln – noch unverständlicher als er es als Lebendiger getan hatte: „Thomas. Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig, die nicht mehr sehen und glauben.“ A ja? Wer sollte ihnen diese Botschaft abkaufen? Es war völlig unklar, wie es weitergehen sollte. Sie wussten nicht mehr, was sollten sie tun. Also taten sie das, was sie gelernt hatten und mit dem sie ihre Familien und sich selbst ernähren konnten. Sie gingen fischen.

Nach all den Schlappen sucht und braucht man dringend ein Erfolgserlebnis. Eine Bestätigung, dass sie noch Männer und keine Memmen sind. Sieben Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs mag man meinen. Sie hassten wohl auch, was sie getan oder besser was sie unterlassen hatten, vielleicht auch, was sie geworden waren – ein verängstigter und verunsicherter Haufen. Nur kurz hatten sie versucht den Wahnsinn, der zur Hinrichtung Jesu geführt hat, zu verhindern. Die Jünger waren zu schwach, zu wenig forsch, zu verhalten, zu zögerlich gewesen. Wer waren sie auch schon? Ganz normale Fischer, die ein paar Monate mit Jesus durch die Gegend gezogen waren. Ihre Namen hatten die Leute schon vergessen, ehe sie noch Jesus vom Kreuz abgenommen hatten. Was für eine Botschaft konnten sie auch herumerzählen? Wer hätte ihnen geglaubt, dass Jesus von den Toten auferweckt mitten in ihrer Runde aufgetaucht war? Das glaubt schon heute kaum noch wer. Was die Jünger geglaubt hatten, der triumphale Sieg von Jesus, dem Gottessohn über alle Ungerechtigkeiten dieser Welt … da musste selbst Petrus wohl lächeln.

Das hatten wir echt geglaubt? Dass sich was ändert in der Welt, an den ungerechten Systemen, der Ausbeutung, Übervorteilung und Unterdrückung? Wo war denn eine Änderung zu sehen? Alles ging weiter wie zuvor. Da war es doch das Beste an den eigenen Arbeitsplatz zurückzukehren, wieder sein täglich Brot und seinen Fisch zu verdienen und all die Spinnereien von einer neuen Welt … dafür war noch genügend Zeit in der Pension.

Sie waren frustriert und das zu Recht. Zuerst setzt ihnen Jesus Flausen in den Kopf und dann geht alles schief. Also gehen sie Fischen gegen ihren Frust, Frustfischen. Sie gehen einer geregelten Tätigkeit nach und wollen dann mal in aller Ruhe schauen, wie es weitergehen kann. Sie fliehen in die Geschäftigkeit, in die Aktivität, suchen sich etwas zu tun. Wenn die Jünger in der Krise sind, müssen sie was tun. Das kann jeder Mann nachvollziehen. Wir gehen in die Werkstatt und basteln ein hübsches Stück oder waschen und putzen unseren Wagen. Wir ordnen Dinge und Angelegenheiten im Büro.

Frauen reden miteinander über ihre Ansichten und Gefühle. Maria und die anderen Frauen rund um Jesus tauschen sich aus und verarbeiten derart ihre Enttäuschungen. Die Männer, Petrus, Natanel, Thomas und die anderen grummeln und Petrus sagt lapidar: „Ich geh dann mal fischen.“ „Warte, wir kommen mit.“ Nur funktioniert das leider fast nie. Wer sich frustriert an seine Arbeit macht, dem gelingt nur selten ein großer Wurf bzw. ein fetter Fang. Das Frustfischen frustriert unsere Männertherapiegruppe noch mehr, als sie die ganze Nacht hindurch absolut nichts fangen können. Ihre Köpfe und ihre Netze und ihre Herzen waren leer bei der Abfahrt vom Steg und sie blieben leer. Die Arbeit brachte keinerlei Befriedigung – nur noch mehr Frust und Enttäuschung. Schlechte und feige Jünger und Nachfolger sind sie gewesen und jetzt auch noch miserable Fischer. Es war für sie noch nicht die Zeit nach Ostern zu den gewohnten Tätigkeiten und den bekannten Arbeitsplatz zurückzukehren. Es brachte keine Befriedigung. Sie tun und machen und strengen sich an, aber ihre Netze bleiben leer.

Das Gefühl auf der Stelle zu treten, bei allem, was man tut, irgendwie scheinbar kein Erfolgserlebnis zu verspüren, das holt uns immer wieder mal ein. Tagein und tagaus strengen wir uns an, sind für unsere Arbeit und für andere da. Wir wollen unser Bestes geben, aber fühlen uns trotz aller Geschäftigkeit ausgebrannt, leer und ohne inneren Antrieb. Es scheint zu einer Volkskrankheit bei uns in der Gesellschaft geworden zu sein. Dabei könnte man die Arbeit mit so viel Liebe und Leidenschaft, mit Elan und innerer Befriedigung erledigen. Warum geht das nicht? Manchmal dämmert es uns wie den Jüngern damals nach der Nacht, in der sie sich wieder erfolglos als Fischer versucht hatten. Sie fragten sich: Was tun wir hier überhaupt?

Vor ein paar Tagen wollten wir für unseren Glauben an eine bessere Welt, eine Welt nach Gottes Plan unser Leben geben. Wir wären bereit gewesen für eine große göttliche Idee zu sterben. Und heute fahren wir raus aufs Wasser und fischen lustlos im Trüben. Da ruft ihnen jemand zu: „Kinder, ihr habt wohl keinen Fisch zum Essen?“ Auch Auferstandene haben anscheinend Humor. Das gibt Hoffnung für eine heitere Zeit nach der Auferweckung. Jesus ist provokant und süffisant. So mögen ihn die Jünger als Lebenden gekannt haben. Aber ein Totgeglaubter stellt doch keine spöttischen Fragen. Oder? Sie können Jesus jedenfalls nicht erkennen. „Werft das Netz doch mal zur rechten Seite aus, und ihr werdet einen guten Fang machen!“ Will sich dieser Mann am Ufer lustig machen über sie? Na ja, es konnte ja nicht schaden und so folgen sie einem Ratschlag, wenn er auch bescheuert klingt. Eine ganze Nacht waren sie unterwegs und hatten nichts gefangen. Jetzt kommt ein Mann dahergelaufen und glaubt er wüsste mehr als sie vom Fischen. Sie tun’s und im Nu war das Netz zum Bersten voll. Aber jetzt dämmert es erst einem, dem Lieblingsjünger von Jesus: „Es ist der Herr!“ Das Netz ist voll gefischt. Sie haben ein Erfolgserlebnis. Mit einem Schlag begann sich ihre Verzweiflung und ihr Ohnmacht und ihr Dämmerzustand zu lösen.

Es braucht oft nicht viel, dass wir aus einer unserer Schwächephasen herauskommen und herausgerissen werden, ganz plötzlich. Hier ist es Jesus, der Auferstandene, der als Fremder einen guten Rat gibt. In unser Schriftlesung aus dem Danielbuch (Daniel 10, 2-12.18f.) ist es ein Engel, der Daniel aus seiner tiefen verzweifelten Trauer herausreißen kann. Daniel sitzt am Ufer des Tigris, mit verlorenem Blick und trübem Gemüt. Auch er hatte alle Hoffnung verloren, nachdem die Stadt Jerusalem zerstört und sein Volk so schwer geschlagen worden war. Plötzlich begegnet ihm eine engelsgleiche Gestalt, die ihn im wahrsten Sinn des Wortes umwirft. Daniel war schon völlig erschöpft und ausgebrannt, war kreidebleich und verliert auch gleich einmal die Besinnung. Es war zuviel für ihn, wie für die Jünger von Jesus damals.

Daniel bleibt mit dem Gesicht am Boden liegen. „Doch eine Hand berührte mich und rüttelte mich wach. Der Mann sprach zu mir: Gott liebt dich, Daniel!“ Nichts kann uns mehr Lebenskraft zurückgeben als das Wissen darum: man ist geliebt. „Steh auf und achte auf meine Worte“, sagt der Fremde. „Gott hat mich zu dir geschickt. Hab keine Angst!“

Und der Engel berührte Daniel noch einmal und gab ihm dadurch Kraft. „Gott liebt dich, er meint es gut mit dir. Sei jetzt stark und mutig!“ Manchmal hilft es, wenn mir jemand so geradeheraus solche simplen Sätze zuspricht. Und auch bei Daniel kehrt die Kraft zurück und er sagt: „Mein Herr, weil du mich gestärkt hast, kann ich hören, was du mir sagen möchtest!“

Wir benötigen Zuspruch, einen Weckruf so wie Jesus seine Jünger wachruft, um wieder Hören und um wieder Hoffen zu können. Konzentriert euch jetzt einmal auf das Wesentliche. Werft euer Netz noch einmal bewusst aus, gebt noch nicht auf. Und sie werden was fangen. Dann springt Petrus gleich einmal kopfüber ins Wasser und hastet zu Jesus, während die anderen zurückrudern müssen. Und sie stärken sich alle bei Fisch und Brot. Da braucht es keine großen Worte, keine Fragen. Es reicht, dass die Jünger wach geworden sind, dass sie wie Daniel neue Kraft geschöpft haben aus ihrer Begegnung. Begegnungen und Berührungen können uns Kraft geben. In den Arm genommen zu werden oder auch sachte an der Schulter oder am Arm berührt zu werden. Die Anteilnahme anderer ist eine unserer Lebensquellen.

Wir können nicht immer alles aus uns selbst heraus lösen. Wenn jemand zu uns spricht, uns Mut macht, uns zum gemeinsamen Essen einlädt, das alles sind heilsame Momente. Aus den Frustfischern werden auch keine Frustesser sondern alles beginnt sich von selbst zu lösen durch die Einnahme einer neuen Perspektive. Jesus ruft uns vom Ufer aus zu: „Kommt her und esst mit mir.“ Alles andere kann warten und muss ab und zu warten.

Amen

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