10. Mai 2009
 

Harald Kluge

unendlich dankbar, am Leben zu sein
 

 

Liebe Gemeinde!
 

„Es gibt schon viel zu viele Ausländer im Land bei uns. Und sie bekommen immer mehr Kinder und machen sich breit. Da muss man etwas dagegen tun, bevor man nicht mehr Herr oder Pharao im eigenen Hause ist.“

So fremdenfeindlich hat vor 3.500 Jahren bereits der ägyptische Pharao gedacht. Die Ägypter hatten sich Sklaven, Gastarbeiter zu Niedrigstlöhnen in ihrem Land gehalten. Und die Hebräer waren eine der größten Ausländergemeinden in Ägypten und nahmen nach dem Gefühl des weisen Pharaos seinen eigenen Landsleuten bereits die Luft zum Atmen. Mit den Gastarbeiterkindern gab es immer mehr „Probleme“. Also schafft der Pharao ein Gesetz und befiehlt den Hebammen im Land: „Alle Söhne der Hebräer sollen bei der Geburt getötet werden.“ Man muss sagen: nicht sehr fein und nicht sehr klug. Die aufmüpfigen und frecher werdenden Ausländersöhne haben seine Aufmerksamkeit gehabt, aber die Töchter hat er übersehen. Die Frauen hat er als Herrscher gewaltig unterschätzt und sie werden seinen Untergang oder genauer gesagt werden sie  mit bewirken, dass die Hebräer fliehen können. Denn für die Sklavenfamilien war es noch immer besser in die Wüste und ins Unbekannte aufzubrechen, wo sie sich mit Manna und Wachteln am Leben erhalten konnten, als weiter in Ägypten mit seiner Ausländerhetze zu bleiben.

Doch zuvor hatten die Hebammen den Befehl des Pharaos auszuführen, alle männlichen Neugeborenen der Hebräer zu töten. „Nicht mit uns“, haben sie wohl gedacht und üben sich in zivilem Ungehorsam. Sie kommen einfach zu jeder Geburt immer erst dazu, wenn der kleine Sohn bereits in Windeln gewickelt daliegt und mit großen unschuldigen Kulleraugen anfängt, die Herzen der stolzesten Frauen zu brechen. Also erlässt der Pharao ein neues Gesetz, dass auch Stunden nach der Geburt die Neugeborenen ins Wasser zu werfen seien. Wie einen Hund solle man sie ertränken. Von nun an hatten die Hebräerinnen in Ägypten Angst, einen Sohn zu bekommen. Jede Schwangerschaft wurde zur Gefahr.

 

Und ein Mann aus dem Hause Levi ging und nahm die Tochter Levis zur Frau. Und die Frau wurde schwanger und gebar einen Sohn, und sie sah, dass er schön war. Da versteckte sie ihn drei Monate lang. Länger aber konnte sie ihn nicht versteckt halten. Und sie nahm für ihn einen Korb aus Papyrus und verklebte ihn mit Asphalt und Pech. Und sie legte das Kind hinein und legte ihn ins Schilf am Ufer des Nil. Seine Schwester aber blieb in einiger Entfernung stehen, um zu erfahren, was mit ihm geschehen würde.

Da kam die Tochter des Pharao herab, um sich am Nil zu waschen, während ihre Dienerinnen am Ufer des Nil auf und ab gingen. Und sie sah den Korb mitten im Schilf und schickte ihre Sklavin hin und liess ihn holen. Und sie öffnete ihn und erblickte das Kind, und sieh, es war ein weinender Knabe. Da hatte sie Mitleid mit ihm und sagte: Das ist eines von den Kindern der Hebräer. Seine Schwester aber sagte zur Tochter des Pharao: Soll ich gehen und dir eine hebräische Amme rufen, damit sie das Kind für dich stillt? Und die Tochter des Pharao sprach zu ihr: Geh! Da ging die junge Frau und rief die Mutter des Kindes. Und die Tochter des Pharao sprach zu ihr: Nimm dieses Kind mit dir und stille es für mich, und ich werde dir deinen Lohn geben. Da nahm die Frau das Kind und stillte es.

Und das Kind wuchs heran, und sie brachte es der Tochter des Pharao, und es wurde ihr Sohn. Und sie nannte es Mose und sprach: Ich habe ihn ja aus dem Wasser gezogen. 2. Mose 2,1-10

 

Liebe Gemeinde!

Am Beginn seines Daseins retten 5 Frauen das Leben des kleinen Mose. Pua und Schifra waren die beherzten Hebammen, die den grausigen Befehl des Pharaos missachteten. Jochebed hieß die Mutter des Mose, die keineswegs bereit war, ihren Sohn ermorden zu lassen, Mirjam, die ältere Schwester von Mose, die auf das Baby im Papruskästchen aufpasste und die Tochter des Pharao, die Mose adoptiert und damit vor dem sicheren Tod rettet. Menschen werden immer unter Lebensgefahr geboren. Man macht es sich nicht bewusst, aber jede Geburt trägt ein Risiko. Damals war es ein höheres Risiko als heute und in unserem Land ist es ein kleineres Risiko als in manch anderen Ländern mit weniger guter medizinischer Versorgung. Von Anbeginn der Menschheit gab es unterstützende Hände von Hebammen bei der Geburt. Die erste menschliche Hebamme der Bibel hieß wie? Sie war so zwischen 20 und 35 und männlich. Adam hieß sie.

Und Hilfe brauchen die werdenden Mütter vor, während und nach der Geburt, wie ich jetzt aus eigener Erfahrung weiß. Denn in der Bibel werden keine Supermamis geschildert, und auch keine Supernannys, die nichts aber rein gar nichts aus der Ruhe bringen kann. Bei den Müttern, bei der Erziehung und in den Familien läuft  ja so ziemlich alles schief, was irgendwie schief lauf könnte.

Die Mütter der Bibel kommen so menschlich herüber, dass es schon beim Lesen schmerzt. In den seltsamsten und in anderen Umständen werden hier Mutterschaften beschrieben, direkt aus dem Leben gegriffen – nicht immer Mutterfreuden. Mutter werden kann überraschend geschehen, wie bei Maria, es kann durch Gewalt geschehen wie bei Batseba, auch Spätberufene Mütter gibt es wie Elisabeth, Mutter eines ganzen Volkes wie Ester. Und eine verwaiste Mutter steht schon am Beginn der Schöpfung  mit Eva: Während ein Sohn erschlagen und tot am Feld liegt, ist der andere auf der Flucht. Die erste Familienkonstellation bei Adam und Eva weist nicht auf eine glückliche Familie hin. Da bröselt es ordentlich und die Verzweiflung der Eltern ist groß. Es gibt in der Bibel auch sitzengelassene Mütter wie Hagar und vermeintliche Rabenmütter wie Hanna. Es gibt die erschlichene Mutterschaft bei Tamar und es gibt entführte Kinder und eine Frau aus Kanaa mit einem kranken Kind. Diese Mutter versucht alles, damit ihr Kind nicht stirbt. Mütter in der Bibel geben ihr Kind nicht leichtherzig auf. Sie kämpfen um deren Überleben.

Wie bei Mose. Seine Geburt geschah unter Lebensgefahr für Jochebed, seine Mutter, für Amran den Vater, für die Hebammen und für das Baby selbst. Mehrere Menschen sorgen für sein frühes Überleben. Ob er sich je bedankt haben wird dafür? Ob ihm jemand seine Geburtsgeschichte und die Umstände erzählt hat?

Kennen sie etwa ihre Geburtsgeschichte? Die ist bei jedem von uns einzigartig und bekommt meist zuwenig Aufmerksamkeit. Oder kennen sie den Namen der Hebamme bei ihrer Geburt?

Bei Mose war es wohl Pua oder Schifra, die als Geburtshelferinnen nicht daran denken, Neugeborene auszuliefern oder zu töten. Sie handeln mit Weisheit und Schläue, Hebammenschläue und mit viel Mut und Herz. Die Mutter Jochebed hatte wohl noch während ihrer Schwangerschaft gebetet: „Bloß keinen Jungen!“ Die Geburt eines Sohnes stürzt die Familie in die Krise. Auch heute ist es in manchen Gebieten andersrum, wo die Mütter und Väter beten: „Bloß keine Tochter!“ Und es gibt die Fälle von Schwangerschaft, wo Frauen beten: „Bloß kein Kind!“ Es gibt viele Gründe, dass Frauen Schwangerschaft verbergen oder verwünschen. Vielleicht mag der Mann kein Kind. Vielleicht ist die finanzielle, die soziale, die psychische, die berufliche Situation so, dass man glaubt, sich kein Kind leisten zu können. Wer Mutter wird, ist heute auch in Österreich einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt. In den USA sind schon fast 10% Bezieher von Lebensmittelmarken und davon die meisten Mütter mit Kindern.

Jochebed und Amram haben als Gastarbeiter, Sklaven, bereits eine Tochter Mirjam und vielleicht auch einen Sohn, Aaron. Wie hätte ein weiterer Sohn überleben können? Nach der Geburt von Mose halten es die Eltern 3 Monate geheim aber dann wird das Geschrei und Brüllen wohl verdächtig gewesen sein. Angeblich seien damals die Ägypter zur Ausforschung von Neugeborenen vor die Hütten der Hebräer gegangen und hätten dort Babys zum Schreien gebracht. Sie mussten nur warten, bis in einer Wohnung plötzlich ein Baby ins Geschrei einstimmt. Die Mutter Jochebed konnte nicht länger warten und hatte einen gefährlichen aber ausgeklügelten Plan. Ihr Name Jochebed, „Der Herr hat sich als herrlich erwiesen, in dem er mir dieses Kind geschenkt hat.“, weist auf ihr hohes Maß an Gottvertrauen und ihren Glauben an Gottes gute Fügung hin.

So setzt sie mit ihrer Tochter Mirjam den kleinen Mose in ein Papyruskästchen mit Pech verschmiert und lässt dieses Kästchen nahe am Ufer den Fluss hinunter treiben. Mirjam, die ältere Schwester sollte in einigem Abstand gut Acht geben. Die Route des Kästchens mit Mose führte nicht zufällig an jungen Frauen vom Hofe des Pharao vorbei. Und Jochebed rechnet mit der Gutherzigkeit dieser Frauen. Haben es die Eltern von Mose aus Verzweiflung oder Berechnung getan? Wohl beides. Jedenfalls haben wir hier eine der frühesten Berichte einer antiken Babyklappe, wie es sie heute bei manchen Spitälern gibt. Ausgesetzt haben Menschen ihre Babys immer schon. Aber es war ein gewaltiger Schritt für die Menschheit - größer als der Schritt am Mond oder am Mars – die Möglichkeit zu eröffnen, dass die kleinen Putzis nicht im Müll landen oder im See, sondern bei Stellen abgegeben werden können, wo sie versorgt und verpflegt werden. In vielen Kirchen haben verzweifelte Mütter und wohl auch Väter ihre Babys abgeliefert. Dass diese Idee der Babyklappe auch kuriose Blüten treiben kann, zeigt uns eine aufschlussreiche Entwicklung in Nebraska. In dem US-Bundesstaat hat man als einen der letzten in den USA die Babyklappe gesetzlich eingeführt. Nur habe man auf das Einziehen einer Altersobergrenze vergessen. Also seien seit Jänner 2009 bereits 34 Kinder zwischen 5 und 17 Jahren bei den Babyklappen deponiert worden mit dem Hinweis: Jetzt soll sich der Staat um die Kinder und Jugendlichen kümmern.

Jochebed und Amram spekulieren auch auf die Gutherzigkeit und das Mitgefühl anderer, auf die Muttergefühle der Pharaonentöchter. Und das kleine Moselein bricht auch gleich ihr Herz. Worauf die Mirjam sofort zur Stelle ist und den Vorschlag macht, die Pharaonentochter könne das kleine Mosebaby doch von einer Hebräerin stillen und in den ersten Monaten aufziehen lassen. So gelangt Mose wieder zu seiner leiblichen Mutter, wird von ihr wohl 3 Jahre gestillt und beaufsichtigt und aufgezogen bevor er an den Hof des Pharao zu seiner Adoptivmutter kommt. Und dafür erhält die leibliche Mutter Jochebed auch noch eine Bezahlung – das erste Kindergeld der Geschichte.

Alles in dieser Geburtsgeschichte ist unvorhergesehen, ungeplant, unerwartet und einfach wunderbar. Aber es ist kein Wunder im eigentlichen Sinne. Alles, was geschieht, die Rettung des Kindes ist im Bereich des menschlich möglichen passiert. Fünf Menschen zur rechten Zeit, die sich ein Herz fassen und eingreifen führen zur glücklichen Adoption, durch die Mose leben darf. Vor allem die Pharaonentochter geht ein Risiko ein, als sie das Ausländerbaby zu sich nimmt. Und wie bei vielen Eltern, ob leiblich oder adoptiv, hat sie es nicht in der Hand, was aus dem kleinen Kerl einmal wird. Denn die erste erwähnenswerte Tat des Mose im erwachsenen Alter handelt davon, dass er einen Mann erschlägt. Und dass er, als er glaubt, man kommt ihm drauf, die Flucht ergreift und sich versteckt. Hier werden die Tochter des Pharao, seine Adoptivmutter und seine leibliche Mutter wohl unisono gedacht haben: So etwas tut unser Mose doch nicht!  Das wollte er bestimmt nicht! Eltern können oft nur schwer bis gar nicht akzeptieren oder wahrnehmen, was aus ihren Töchtern und Söhnen einmal geworden ist. Warum hat Mose diesen Mann erschlagen? Das werden sie sich gefragt haben. Mose war ein Migrantenkind der späteren Generation. Er war 2x von seinen Müttern fortgegeben worden. Er ist in zwei Sprachen, Kulturen, Religionen aufgewachsen und gehörte nirgends voll dazu. Innerlich war er wohl zerrissen. Er brauchte schließlich viele Jahre und Gottes weise Führung, bis er akzeptieren und herausfinden konnte, wer er war und wozu er lebt. Manche Kindheitsgeschichten können uns selbst im Erwachsenenalter einholen. Die Aufarbeitung der eigenen Kindheit kann mitunter sehr schmerzhaft sein.

Aber eines zeigt sich, was bleibt ist jedenfalls die Dankbarkeit. Am Anfang unseres Lebens stehen Menschen, die es ermöglichen, dass wir atmen und leben können. Bei Mose sind es fünf Frauen und ein oder zwei Männer. Seine Eltern, die Schwester, der Bruder, die Adoptivmutter und die Hebammen. Gott selbst beschreibt sich in einem Bild als Hebamme, die uns herausziehen will, so wie Mose aus dem kleinen Kästchen im Fluss herausgezogen worden ist. Er und auch wir können unendlich dankbar sein, am Leben zu sein. Denn es zeigt sich bei Geburtsgeschichten und auf unserem Lebensweg, es ist nicht immer selbstverständlich, dass wir heute hier noch sitzen und zuhören oder reden können. Leichtfertig und respektlos dürfen wir nicht über unser Leben reden. Die Ehrfurcht vor dem Dasein, die Einsicht in die Heiligkeit des Lebens sollte bei uns im Blick sein, nicht nur wenn unser Leben bedroht scheint. Dankbarkeit fürs Leben hat immer Saison.

Amen

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