07.
Juni 2009
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Den ersten Bericht einer christlichen Wahlveranstaltung finden wir in der Apostelgeschichte im 1. Kapitel: In diesen Tagen stand Petrus im Kreis der Brüder auf - es waren etwa hundertzwanzig Personen versammelt - und sprach: „Brüder! Das Schriftwort musste in Erfüllung gehen, das der heilige Geist einst durch den Mund Davids gesagt hat über Judas, der zum Anführer derer geworden ist, die Jesus verhafteten, da er ja zu uns gehörte und am gleichen Dienst teilhatte. Dieser kaufte von dem Lohn für seine Untat ein Grundstück; dort stürzte er, riss sich den Leib auf, und alle seine Eingeweide quollen heraus. Und das wurde allen Bewohnern Jerusalems bekannt; von daher heißt jenes Grundstück in der Sprache der Einheimischen Hakeldama, das heißt ‹Blutacker›. Es steht nämlich geschrieben im Buch der Psalmen: Sein Gehöft bleibe leer, und niemand wohne dort, und: Sein Amt erhalte ein anderer. Es muss also einer von den Männern, die uns begleitet haben die ganze Zeit, da Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, vom Tag der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, da er von uns weg in den Himmel aufgenommen wurde, mit uns Zeugnis von seiner Auferstehung ablegen - einer von diesen hier.“ Da stellten sie zwei auf, Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Und sie beteten: „Du, Herr, der du die Herzen aller kennst, zeige uns, welchen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst zu übernehmen, das Apostelamt, von dem sich Judas abgewandt hat, um dorthin zu gehen, wo sein Platz ist.“ Und sie zogen das Los, und das Los fiel auf Matthias. Und er wurde zu den elf Aposteln hinzu gewählt. Apostelgeschichte 1, 15-26 Liebe Gemeinde! Wenn Christen Wahlkampf betreiben, kann es durchaus auch heftig zur Sache gehen – wie wir hier hören. Wahlkampfzeit ist die Zeit der „Abrechnung“ und des gegenseitigen Anpatzens. Beleidigungen, Diffamierungen und Halb- bis Unwahrheiten haben ihren freien Lauf. Je näher die Wahl kommt, desto härter die Aussagen – und als nüchterner Beobachter muss man sagen, desto geistloser und untergriffiger und wohl verzweifelter die Attacken auf die Gegner. Es gilt am Kontrahenten, am Mitbewerber um ein Amt oder am Vorgänger kein gutes Haar zu lassen. Denn wer sich um ein Amt bemüht, will wie ein strahlender Held zur Rettung aller einreiten, wenn er oder sie die Wahl einmal gewonnen haben. Als Jesus in den Himmel aufgefahren war, versammelten sich etwa 120 der emsigsten Christusanhänger in Jerusalem. Noch war der Heilige Geist nicht herabgekommen. Pfingsten lag noch vor ihnen. Diese 120 Brüder, gleich wie Wahlmänner, finden sich zu einer wichtigen Nachwahl zusammen. Im obersten und ehrenwertesten Gremium, das die Christusnachfolger bis dato kannten – im Kreis der 12 Jünger – war eine Stelle frei. Der Platz des Judas unter den 12 engsten Jesusvertrauten war verwaist und leer. Und wer die Geschichte und das Schicksal des Judas als dem Archetyp des gemeinen Verräters kennt, muss sich schon fragen: „Warum hat man diesen unheilvollen Platz in der Runde der 12 nicht einfach leer gelassen?“ Judas - ein Mann, der seine Freunde, seinen Meister und die Sache verrät, wenn nur der Preis stimmt – hat ein böses Ende genommen. Im Evangelium nach Matthäus erhängt er sich mit einem Strick an einem Baum. In der Apostelgeschichte soll Judas hingegen so unglücklich gestürzt sein, dass sein Leib aufreißt und seine Geweide herausquillen. „Recht gschicht ihm!“, haben sich die Leser durch die Jahrhunderte wohl gedacht. Den Bösen hat sein gerechtes Urteil ereilt. Judas mag als Jesusjünger auch viel Gutes für die gemeinsame Sache getan und gewirkt haben, aber das zählt für die Christen nicht mehr. Am Schluss überdeckt seine Schandtat alles andere. Auch das ist ein Wesenszug, der bei Wahlen häufig begegnet. Der Vorgänger auf dieser Stelle wird erst einmal so richtig schlecht und nieder gemacht. Dann hat es der Nachfolger immer einfacher. „Sein Amt erhalte ein anderer!“ Einhundertzwanzig Wahlmänner unter dem Vorsitz des Petrus führen also in Jerusalem eine Nachwahl des so wichtigen Judaspostens durch. Dabei soll nach antikem Wahlmodus ein Los entscheiden. Gottes Wille, so die damalige und auch heute noch in Esoterikerkreisen gängige Vorstellung, der göttliche Wille zeige sich in einem Loswurf. „In den Falten des Gewandes schüttelt man das Los, aber jeder Entscheid kommt vom HERRN.“ (Sprüche 16,33) Dies gilt als Wahlanleitung aus dem Alten Testament. Zufallsentscheid oder Schicksalsentscheid oder göttlicher Wille? Irrsinn oder gleiches Recht für alle? Die 120 Brüder beten gemeinsam: „Du, Herr, der du die Herzen aller kennst, zeige uns, welchen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst zu übernehmen, das Apostelamt, von dem sich Judas abgewandt hat.“ Sie sind fest überzeugt, sie ergründen damit den Ratschluss Gottes. Ihr Gottvertrauen und ich nehme an, ihre Gewissheit, dass beide Kandidaten gute Männer in diesem Amt wären, ist jedenfalls hoch. Es waren natürlich keine offenen, freien, demokratischen Wahlen. Woher auch? „Und das Problem mit der Demokratie sieht jeder, der sich 5 Minuten mit einem Durchschnittswähler unterhält“, meinte Winston Churchill. Das Los zu werfen, mag den Nimbus des Aberglaubens haben aber es hat durchaus seinen Reiz. Denn die Vorteile sind: Alle beiden haben die gleichen Chancen zu verlieren, wenn man an Wahrscheinlichkeitsrechnung glaubt. Es muss keine Konkurrenz entstehen. Man erspart sich die Wahlwerbung und damit eine Menge an Kraft Aufwand und Geld. Wo Wahlen in der damaligen Zeit durchgeführt wurden, waren Bestechungsgelder Usus heißt es. Und wer nach einem pickerten Lutschbonbon und einem Luftballon und einem freundlichen Lächeln mit festem Händedruck und schmeichelnden Worten am Rochusmarkt gerade dann diese Partei wählt, hat sich in weitestem Sinne auch irgendwie bestechen lassen. Dann halt nicht von den besseren bestechenden Argumenten sondern von den Wahlzuckerln. Selbsterklärend ist aus heutiger Sicht ein Losentscheid mit einem Wahlentscheid keineswegs auf dieselbe Stufe zu stellen. Nur die demokratische Wahl garantiert, dass man mit Überzeugung und Inhalten und gutem Auftreten punkten muss. Ein Mitbewerber, etwa um einen Sitz im EU-Parlament, kann sich nicht freundlich lächelnd in die Hängematte legen und mit einem: „Wählt`s mi!“, darauf warten in Brüssel aufzuwachen. Demokratische Wahlen sind anstrengend – für alle Beteiligten. Für die Bewerber, die gewählt werden wollen. Die müssen erklären, warum sie die beste oder zumindest die am wenigsten schlimme Wahl sind. Und sie hetzen von einer Wahlparty zur nächsten. Sechzig, siebzig, achtzig Stunden am Stück. Anstrengend ist es aber durchaus auch für die Wähler. Denn sie müssen auf je individuelle Art und Weise – und da gibt es unzählige Formen – zu einem persönlichen Favoriten kommen. Stammwähler haben es am einfachsten. Die können ohne nachzudenken, ihr Kreuz setzen, weil sie es immer schon so getan haben und die Eltern auch und die Großeltern und und und… Wechselwähler stehen vor einer größeren Herausforderung, denn sie sind im Vorhinein schon immer erst einmal kritisch. Die letzte Wahlentscheidung wird grundsätzlich immer hinterfragt. Spontanwähler sind die interessanteste Gruppe, die auf eine Eingabe – Heiliger Geist oder Gedankenblitz – in der Wahlkabine hoffen. Plötzlich haben sie im Moment des Ankreuzens vor Augen, wer ihre wichtige Stimme bekommen soll. Alles fügt sich im Akt des Kreuzsetzens wie ein Puzzle zusammen. Protestwähler müssen sich immerhin überlegen, wie ihr Protest am Besten zur Geltung kommt. Denn als Protestwähler will man nicht in der Nichtwählergruppe aufgehen, denen es einfach völlig egal ist. Am wenigsten Arbeit, aber dann doch auch mit denkerischem Aufwand verbunden, ist eine Wahl bei den Nichtwählern. Die müssen sich jedes Mal aufs Neue selbst erklären, warum sie nicht wählen wollen und was sie mit der gewonnenen Zeit anstellen. Der Wahlsieger in Jerusalem und dreizehnte Jünger Jesu hieß übrigens nicht Barsabbas, sein Name war wohl auch zu eng verwandt mit Barrabas – nein es hat durch Losentscheid Matthias gewonnen, dessen Name auch „Geschenk Gottes“ heißt. Ein leichter, ruhiger, beschaulicher Posten dürfte dieses Amt für Matthias mit Sicherheit nicht gewesen sein, denn die Christusanhänger machen, nicht zuletzt durch die Anstrengungen eines gewissen Saulus, Phasen brutalster Verfolgung durch. Aber vom Wahlsieger Matthias hören und lesen wir im Neuen Testament kein Wort mehr. Es gibt Legenden, die aber wenig Wahrheitsgehalt haben dürften. Das Christentum jedenfalls wird zu einer Religion, wo eifrig gewählt wird. Jede und jeder einzelne, oder die Eltern oder die Hausherren müssen sich entscheiden und die Taufe wählen. Niemand wird als Christ geboren – das geschieht nach eigener Entscheidung. Bischöfe, Päpste und die evangelischen Pfarrer und Pfarrerinnen werden gewählt. Ja in der reformierten Kirche werden fast alle Ämter durch Wahlen besetzt. Gemeindevertreter, Presbyterin, Pfarrer oder Schatzmeisterin, Landessuperintendent, Oberkirchenrätin, Rechnungsprüfer und so fort werden alle in ihre Ämter gewählt. Meine Ämter und Dienste habe ich alle durch Wahl erhalten: Pfarrer, Vertreter im Pfarrerverein/ Gewerkschaft, Kirchenblattchefredakteur, Synodenbeauftragter im Jugendrat H.B. Eine Wahl gibt durchaus eine Legitimierung. Nicht dass man ab sofort, jeden Unsinn verbreiten könnte oder sich auf die faule Haut legen kann. Haben Sie übrigens gewusst, dass der weit verbreitete Spruch: „Oft habe es den Anschein man habe die Wahl zwischen Pest, Typhus und Cholera.“, aus der Bibel stammt? Ein Prophet namens Gad geht zum König David und muss ihm von Gott ausrichten: Er könne zwischen 3 Übeln wählen. „Wähle dir eines davon aus, damit es Gott dir antue. Sieben Jahre Hunger im Land oder drei Monate Flucht und Verfolgung oder drei Tage Pest unter der Bevölkerung. Du musst dich entscheiden.“ Und David jammerst: „Ich stehe heute vor einer schrecklichen Wahl! Aber wenn es denn sein muss, dann lieber in die Hand des HERRN fallen, denn er ist voll Erbarmen. In die Hand von Menschen will ich nicht fallen!“ 2 Sam 24, 14. David wählt das vermeintlich kleinere Übel, Nummer drei, drei Tage Pest und es kommen 70.000 Menschen dabei um. „Das Feld der Kandidaten war nie so erbärmlich wie jetzt bei der EU-Wahl!“, lautet ein aktueller Kommentar aus dem öffentlichen Leben. „Alle seien nur auf den eigenen Vorteil aus und es mache eh keinen Unterschied, wen man wählt.“ So ein Gefühl völlig ausgeliefert zu sein, lähmt. Man ist der Entscheidung, die andere für einen treffen, ausgeliefert. Ein durchaus religiöses Grundgefühl Gott gegenüber - unangenehm, beängstigend. Im politischen Bereich wirkt sich eine solche Ansicht des Ausgeliefertseins jedenfalls äußerst negativ aus. Ich möchte bei Wahlen nicht daran denken, man sei einer numinosen Macht unterworfen. Ich möchte nicht im Ausschlussverfahren denken. Welche der Parteien und Kandidaten wäre das kleinste Übel? Besser gefällt mir die Vorstellung, die Kandidaten bei Wahlen sind wie Ärzte gegen die echten Krankheiten. Armut, Arbeitslosigkeit, Depression, der unzufriedenstellende Umgang mit Asylsuchenden, Zuwanderern, Islamophobie, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Wirtschaftskrise. Dass Wahlen durchaus etwas Feines und Wichtiges sind, merken manche erst, wenn sie einmal keine Wahl mehr haben. Besser eine Wahl als gar keine Wahl. Und auch Gott liebt Wahlen. Gott hat uns erwählt, jede und jeden Einzelnen für genau dort, wo sie tätig sind. Und als Gewählte Gottes müssen wir – wie Matthias, der Nachfolger des Judas oder wie die politischen Mandatare – unsere Verantwortung und Pflichten übernehmen. Amen |