21. Juni 2009
 

Harald Kluge

Mehrwert Mensch
 

 

Das Licht des Leibes ist das Auge. Wenn dein Auge lauter ist, wird dein ganzer Leib von Licht erfüllt sein.

Wenn dein Auge böse ist, wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie gross ist dann die Finsternis!

Niemand kann zwei Herren dienen. Denn entweder wird er diesen hassen und jenen lieben, oder er wird sich an jenen halten und diesen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen - euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr wert als sie?

Wer von euch vermag durch Sorgen seiner Lebenszeit auch nur eine Elle hinzuzufügen?

Und was sorgt ihr euch um die Kleidung? Lernt von den Lilien auf dem Feld, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht,

ich sage euch aber: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen.

Wenn Gott aber das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!

Sorgt euch also nicht und sagt nicht: Was werden wir essen? Oder: Was werden wir trinken? Oder: Was werden wir anziehen?

Denn um all das kümmern sich die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß nämlich, dass ihr das alles braucht.

Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden.

Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Last. Matthäus 6, 22-34

 

Liebe Gemeinde!

„Don`t worry – be happy!“

„Sorge dich nicht – lebe!“

„Stop worrying – and enjoy your life!“

“Sorgt euch nicht um euer Leben!”

Ich kann es schon nicht mehr hören und nun muss ich es in der Bibel in der Bergpredigt an prominenter Stelle lesen. Ein höchst ärgerlicher, ja zynischer Spruch und zutiefst missverstanden. Wirtschaftskrise, Klimawandel. Ich mache mir Sorgen. Ich mache mir sogar, seit ich Vater bin und eine Tochter habe, Sorgen für zwei bzw. für uns drei. Unser Wirtschaftssystem ist unter dem Druck der Renditen und großen Gewinnversprechungen schwer erschüttert worden. Kurzarbeit, Mehrarbeit, keine Arbeit – und die Prognosen werden noch immer nicht besser. Pensionssysteme, Krankenkassensysteme – alle diese Pfeiler und Stützen der Generationenverträge haben wackelige Füße bekommen, heißt es. Die Aussichten für ein künftig leichteres dolce vita Leben sind nicht so gut. Und ich soll mir als Christ von Jesus sagen lassen: „Sorge dich nicht!“? Das ist ein billiger Trost und ich hoffe,  der Spruch ist auch nicht so zu verstehen.

Jesus und die ersten Christusanhänger haben damit gerechnet, dass diese Erde bald vergangen sein wird. Jesus rechnet mit der angebrochenen Endzeit und die Christen nach seiner Kreuzigung und Auferstehung rechnen mit  dem Wiederkommen des Messias. Die Tage des letzten Gerichts stehen bevor. Bald ist Schluss und daher ist eh alles egal, was man isst & was an anzieht. Manche religiöse Gruppierung kann es auch heute nicht lassen, Menschen das nahe Ende dieser Welt vor Augen zu führen und schafft es mit dieser Angstmache ihren Reibach zu machen. Jesus ist noch nicht wiedergekommen und wir rechnen normalerweise nicht wirklich mehr mit dem Anbruch der Endzeit in den nächsten 10, 20 Jahren. Deshalb haben wir einen völlig anderen Blick auf die Welt und müssen uns mit ihr wohl bis zu unserem Ableben arrangieren. Manche haben dabei weniger Grund zur Sorge als andere.

Ich selbst etwa habe als Pfarrer und Lehrer einen einigermaßen sicheren Job – solange Menschen noch Kirchenbeiträge zahlen und wir als Religionslehrer mehr als 40 % unseres Gehalts für die Kirchen in den Schulen erwirtschaften. Ich habe, wie sie wohl alle, was zu essen – manchmal auch zu viel und üppig, genug zum Anziehen und eine nette Wohnung. Von meiner Warte und Position aus, anderen zu sagen, die nicht ausreichend Essen, Kleidung und Obdach haben: „Sorgt euch nicht!“ Das klingt unanständig, nach einem kläglichen Beschwichtigungsversuch. Susi Sorglos als christliches Idealbild? Das darf es doch nicht sein.

Sorglosigkeit macht gedankenlos – und hat uns das nicht gegenwärtig in diese Wirtschaftskrise und in die Umweltkrisen und in die gesellschaftlichen Krisen gestürzt? Weil man zu wenig sorgsam mit Ressourcen und Analysen und Prognosen und Warnrufern in der Wüste umgegangen ist? Die grandiosen Geschäfte, Gewinne und Bonuszahlungen einiger weniger sind anscheinend wie in kommunizierenden Gefäßen – sie kennen diese bestimmt aus dem Chemieunterricht – für die Maluszahlungen, Jobverluste und Firmenpleiten anderer mitverantwortlich. Aber das sollen die Wirtschaftsanalysten und Fachleute bewerten. Da kann ich nur allgemein daherschwafeln, was andere vorsprechen. Als Jesus davon sprach, man könne nicht zwei Herren dienen: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!“, hat er wohl nicht eingeplant gehabt, dass dann eben heute die meisten meinen: Okay, dann diene ich mal ein wenig dem Mammon, denn da schaut geldwertmäßig mehr heraus. Und wenn ich einmal reich bin, kann ich noch immer ein bisserl Spiritualität tanken und der Transzendenz auf die Spur kommen. So war es nicht gemeint. Bei uns im normalen Alltagsleben begegne ich aber dem Umstand, dass sich das Leben bei uns in Österreich mit dem geringen Einkommen und den teuren Preisen bei manchen kaum noch ausgeht. Die Armutsgefährdung ist hier so hoch, wie schon lange nicht. Wer mit rund € 700 monatlich heute das Auskommen finden muss, davon Einkäufe, was zum Anziehen und noch die Miete finanzieren soll – das geht sich bei manchen eben nicht aus. Da gerät man mit Mieten in Rückstand und kann den Sohn nicht mit auf Schikurs schicken.

Soll man all jenen, die sich dann eben fragen, ja, fragen müssen: „Was soll ich essen und trinken? Was soll ich anziehen?“ wirklich antworten: „Sorge dich nicht – lebe!“? „Das soziale Netz wird dich auffangen!“ Halleluja. Wer’s glaubt, wird selig. Ich gerate leicht in Versuchung, die Aussagen von Jesus an dieser Stelle als eine Lebensanweisung für die Reichen und Satten anzusehen. Probieren wir diesen Blick einmal aus:

Jesus sagt: „Sorgt euch also nicht und sagt nicht: Was werden wir essen?“ Schweinsbraten, Sushi, Süßsaure Suppe? Gehen wir zum Plachutta oder ins Sacher, oder zum Rheintaler oder in die Pizzeria ums Eck oder kochen wir daheim und kaufen heute am Sonntag noch beim Supermarkt am Bahnhof ein?

Jesus meint: „Sagt nicht: Was werden wir trinken?“ Chardonnay, Veltliner oder Cabernet Sauvignon oder ein helles Krügerl oder einen FairTrade Orangensaft um € 1,69 der Liter?

Und zuletzt für alle Shoppoholics: „Sagt nicht: Was werden wir anziehen?“ Hugo Boss, Armani, Dolce Gabana, Lacoste, P&C, H&M oder C&A?”

Fragt nicht nur: „Was machen wir am Wochenende?“ Gehen wir zum Golfen, zum Brunchen an den Neusiedlersee. Machen wir eine Wanderung auf der Rax oder einen Kurztrip auf der Donau nach Bratislava?

Plagt euch nicht ständig mit der Frage: „Wohin fahren wir in den Urlaub?“ Ostsee, Mittelmeer, Karibik, Tirol?

Nun kann man den Gedanken aus der Schriftlesung aus Deuteronomium 8, 5-19 aus der Schriftlesung aufnehmen und erst einmal sagen: „Es ist nicht unsere Schuld, relativ reich zu sein.“ Wir sind hier in Österreich, in einem der reichsten und fortschrittlichsten Länder der Welt, in einer Gesellschaft mit einem dichten sozialen Netz, nicht aus eigener Kraft. Die meisten zumindest nicht. Wir sollen – das ist ein Warnhinweis, der einem im Alten Testament oft begegnet – wir sollen nicht vergessen, dass wir dankbar sein müssen, wie und wo und wann wir leben. Andere haben uns behütet, umsorgt, gestillt, eingekleidet, getragen, erzogen. Und davor wurden unsere Eltern von ihren Eltern großgezogen und so fort. Zu verdrängen und zu vergessen, dass man nie aus eigener Kraft allein dort steht, wo man lebt, das führt zum Verlust von Menschlichkeit und dem Verschwinden der Mitmenschlichkeit. „Du sollst Vater und Mutter ehren!“, dankbar für dein Leben und die vielen Gestaltungsmöglichkeiten sein, die du hast oder einmal gehabt hast.

Also: “Schauen wir – wie Jesus anleitet – schauen wir auf die Vögel!” Die bunten High Society Vögel sind jetzt nicht gemeint. Jesus spricht von Schwalben, Drosseln, Finken, Staren und Tauben und solchen Tieren des Himmels. Flinke Finke und starke Stare. Und man merkt, dass Jesus kein studierter Biologe war, denn der Hinweis: „Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht …“

Das vermittelt den komplett falschen Eindruck. „So ein Vogel hat ja ein tolles Leben. Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlose sein. Alle Bedenken, alle Sorgen, sagt man, bleiben dort oben verborgen. Den ganzen Tag durch die Gegend segeln wie ein Mauersegler. Wie bei GoogleEarth alles von oben, live anschauen zu können. Und hie und da ein Leckerbissen für Zwischendurch zu sich nehmen.“ Nein. Vögel haben ein schweres Leben und oft ein sehr kurzes. Sie müssen um ihre Nahrung kämpfen, stehen in ständiger Konkurrenz um Weibchen oder Männchen und müssen ihre Jungen versorgen. Von wegen, ihnen fällt alles einfach so zu. Sie müssen Nester bauen und Fressfeinde und andere Feinde abwehren. Ständige Alarmbereitschaft sichern den Starken und Flinken die besten Überlebenschancen. Nur: Wir sind mehr wert als sie – wir Menschen haben es, oder sollten es erheblich leichter haben als Tiere.

Jesus hat völlig recht, wenn er darauf verweist: So ein Vogel macht sich aber weniger Sorgen als ihr Menschen. Tiere machen sich prinzipiell - wenn überhaupt ­ - weniger Sorgen als Menschen. Hunde winseln zwar, wenn ihr Herrchen oder Frauchen weg geht. Sie wissen halt nicht, ob sie wieder kommen. Aber wir Menschen grübeln und machen uns oft Sorgen, wo es andere nicht nachvollziehen können, nächtelang, tagelang, monatelang, jahrelang. Sorgen können einen im Kreis gehen lassen. Sie machen krank, krumm, wirken sich körperlich aus, verursachen Stress und verlängern das Leben um keine Sekunde. Eher im Gegenteil. Stress tötet!“, sagen Mediziner. „Sorgen bringen einen nicht weiter“, heißt es. Sorgen machen Falten und bringen nur noch mehr Sorgen. Wer sich sorgt, der zaudert und wer zaudert und zögert, hat schon verloren.

„Sorgt euch nicht um den morgigen Tag!“ Wir wissen es. Wer in einer Krise in seinem Leben steckt, dem tut es gut, wenn ihn jemand dazu bringt, immer nur auf die nächsten Minuten, Stunden zu schauen. In Krisen hilft es besonders, nicht in zu ferne Zukunft zu planen sondern im Hier und Jetzt für sich zu sorgen. Zu achten, was brauche ich heute und alles Schritt für Schritt, Stunde für Stunde anzugehen. Wenn wir dann an Übermorgen, ans nächste Monat, das nächste Jahr denken, gerate ich leicht in Panik, weil man plötzlich alles aus den Augen verliert und nur noch Unsicherheiten, Bedrohungen und Gefahren aufblitzen. Wir Menschen können uns vieles vorstellen, oft zu vieles. Was uns alles geschehen könnte, passieren könnte, misslingen könnte … das verfinstert den Blick und das Auge. Da geht aller Mut verloren. Also doch? „There is propably no God! Stop worrying! Enjoy your life!“ „Es gibt wahrscheinlich gar keinen Gott. Also hört auf euch Sorgen zu machen! Genießt das Leben!“

Solche Sprüche fuhren öffentliche Busse in England und in Spanien durch die Gegend. Bei uns sollten diese Werbebanner der Atheisten etwas holpriger klingen: „Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott. Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben! Werte sind menschlich! Auf uns kommt es an!“

Als Theologe will ich da gar nicht widersprechen. Die an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit lässt alles offen und Werte sind von Menschen aufgestellt und keineswegs zeitlos. Und der Aufruf: „Macht euch keine Sorgen! Genießt das Leben!“ ist für mich auch kein Angriff auf meinen Glauben.

Denn dürfen wir uns keine feinen Speisen gönnen?

Dürfen wir keinen edlen Tropfen trinken?

Müssen Reformierte in Sack und Asche gehen?

Wenn man will, kann man und soll man es mal eine zeitlang versuchen, als nur davon zu reden. Wenn es uns gut geht, sollen wir jedenfalls dankbar sein. Und zuviel Aufhebens zu machen um die Frage, in welches Lokal gehen wir essen, wo gibt es die schickste Mode und den edelsten Wein, das soll bloß nicht der Lebenssinn und Zweck unseres Daseins sein. Wenn sich mein Nachdenken am Freitag darin erschöpft, zu überlegen, was leiste ich mir noch als fleißiger Konsument und kulinarischer Genießer, dann sollte ich durchaus einmal schauen, was mich im Leben eigentlich erfüllt.

Also: „Sorgt euch nicht!“

Aber: „Sorgt für euch! Sorgt füreinander!“

Verlieren wir uns nicht in unseren Sorgen, wovor uns Jesus warnt. Aber sorgen wir füreinander. Statt Sorgenfalten sollten wir Lachfalten entwickeln und das geht am besten mit einem klaren, frohen und hellen Blick und starkem Anpacken aller Probleme.  

 

Amen

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