05.
Juli 2009
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Für den Chormeister. Nach Jedutun. Von Asaf. Ein Psalm. Laut will ich schreien zu Gott, laut zu Gott, dass er auf mich höre. Am Tag meiner Not suche ich den Herrn, meine Hand ist ausgestreckt des Nachts und ermattet nicht, meine Seele will sich nicht trösten lassen. Ich denke an Gott und seufze, ich sinne nach, und mein Geist will verzagen. Du hältst meine Augen wach, ich bin voller Unruhe und kann nicht reden. Ich denke nach über die Tage von einst, die längst vergangenen Jahre. Ich denke an mein Saitenspiel des Nachts, in meinem Herzen sinne ich nach, und es forscht mein Geist. Wird der Herr auf ewig verstoßen und nie mehr gnädig sein? Hat seine Güte für immer ein Ende, ist sein Wort verstummt für alle Zeit? Hat Gott seine Gnade vergessen, hat er im Zorn sein Erbarmen verschlossen? Sela Und ich sprach: Das ist mein Schmerz, dass so anders geworden ist das Handeln des Höchsten. Ich will gedenken der Werke des HERRN, will gedenken deiner früheren Wunder. Ich will bedenken all dein Tun, und über deine Taten will ich nachsinnen. Gott, dein Weg ist heilig. Wer ist ein Gott, so gross wie unser Gott? Du allein bist der Gott, der Wunder tut, du hast deine Macht unter den Völkern kundgetan. Mit deinem Arm hast du dein Volk erlöst, die Söhne Jakobs und Josefs. Sela Die Wasser sahen dich, Gott, die Wasser sahen dich und erbebten, die Urfluten erzitterten. Die Wolken gossen Wasser, es donnerte das Gewölk, und deine Pfeile blitzten hin und her. Rollend erdröhnte dein Donner, Blitze erhellten den Erdkreis, es erzitterte und bebte die Erde. Durch das Meer ging dein Weg und dein Pfad durch gewaltige Wasser, doch deine Spuren waren nicht zu erkennen. Wie Schafe führtest du dein Volk durch Moses und Aarons Hand. Psalm 77
Liebe Gemeinde! Der Mensch im Psalm 77 ist erfüllt von einem stillen Chaos. Er oder sie weiß weder ein noch aus. Nachts wälzt er sich hin und her, sucht vergeblich nach erholsamem Schlaf. Tagsüber sucht er nach einem Strohhalm, an dem er sich aus seiner Trauer ziehen kann. Die trüben Gedanken lassen sich aber anscheinend nicht so leicht verscheuchen. In einem jüdischen Spruch heißt es: „Es gibt drei Wege auf denen ein Mensch seinem tiefen Kummer Ausdruck geben kann. Der Mensch auf der ersten Stufe weint. Der Mensch auf der zweiten Stufe schweigt. Der Mensch auf der dritten Stufe weiß seinen Kummer zum Lied zu wenden.“ Die Psalmen sind solche Lieder und man soll sie mit Zithern, Harfen und Zimbeln spielen. Sie können sich denken, dass die Melodie zu Psalm 77 wohl nicht besonders fröhlich gewesen sein kann. Eher traurig zu Beginn und dann theatralisch gegen Ende hin. Lieder sind eine musikalische Interpretation des Lebens. Im ersten Buch der Chroniken im Alten Testament werden Liedermacher aus den Sippen des Volkes Israel von König David bestimmt. Männer der Sippen Asaf, Heman und Jedutun werden als Sänger und Musikanten auserwählt. David und sein Volk suchen ihre Superstars. In prophetischer Begeisterung sollen sie Gott mit Liedern preisen und den Gesang auf ausgewählten Instrumenten begleiten. Das ganze Leben, alle Facetten davon waren begleitet von Musik. Bei Eheschließungen, bei Beschneidungen, Gottesdienstfeiern, Feierlichkeiten zu Jahrestagen wurde überall die passende Musik gespielt. Und auch damals gab es bestimmt den einen oder anderen Ohrwurm, den jeder mitsummen oder mitsingen konnte. Diese zauberhafte Wirkung von Musik, die Stimmung zu verstärken, sie aufzufangen und zu interpretieren oder sie in eine andere Richtung zu lenken, war seit den ersten Liedermachern bekannt. Texter, Songschreiber und Musiker verwalteten diesen reichen Schatz von in Lieder gegossener Erfahrung und Einsicht ins menschliche Leben. Was wäre die Geschichte von Liebespaaren ohne Liebeslieder? Die meisten Paare haben ihr Lied, ihren Song, bei dem sie sich das erste Mal geküsst oder das erste Mal eng umschlungen getanzt haben. Um wie viel einsamer wären traurige Stunden, wenn man nicht die entsprechenden traurigen Lieder hören könnte. Wir sind mit unseren Erfahrungen nicht allein. Das ist zwar kein Trost. Aber die einfühlsame und bewegende Ausdruckskraft von Menschen, die ähnliche Erfahrungen, wie wir selber gemacht haben, kann einfach unheimlich viel Stärke geben. Bin ich voller Traurigkeit, kann es mich, während ich das Gefühl habe abzustürzen, an eine sanfte Landung und einen Weg nach oben, glauben lassen, wenn ich diese Erfahrung von Menschen teilen kann, die es auch so empfunden haben müssen. „Laut will ich schreien zu Gott, laut zu Gott, dass er auf mich höre. Am Tag meiner Not suche ich den Herrn, meine Hand ist ausgestreckt des Nachts und ermattet nicht, meine Seele will sich nicht trösten lassen. Ich denke an Gott und seufze, ich sinne nach, und mein Geist will verzagen. Du hältst meine Augen wach, ich bin voller Unruhe und kann nicht reden.“ Ich kenne dieses Gefühl, dass Gott mich anscheinend nicht hört. Viele Menschen, besonders wenn sie krank oder einsam sind, erzählen mir davon, dass sie sich von Gott verlassen fühlen. Ihre Gebete geben ihnen keinen Trost und keinen Halt. Früher hatten sie Gottvertrauen. Jetzt hat sich Gott scheinbar abgewandt und antwortet nicht. Es ist doch normal, wenn es mir schlecht geht, dass ich mich nach Zuwendung sehne, nach Hilfe, nach einem Besuch, nach einem hoffnungsvollen Gedanken. Aber nichts davon passiert. Es will sich einfach kein erholsamer Schlaf einstellen. Voller Unruhe und irritiert, verschlägt es mir die Sprache, in so einem Moment. Weder klares Denken, noch verständliches Sprechen stellen sich ein. Es herrscht eine schweigsame Unruhe. „Ich denke nach über die Tage von einst, die längst vergangenen Jahre. Ich denke an mein Saitenspiel des Nachts, in meinem Herzen sinne ich nach, und es forscht mein Geist. Wird der Herr auf ewig verstossen und nie mehr gnädig sein? Hat seine Güte für immer ein Ende, ist sein Wort verstummt für alle Zeit? Hat Gott seine Gnade vergessen, hat er im Zorn sein Erbarmen verschlossen?“ Wer denkt nicht nach und wird von allen möglichen und unmöglichen Gedanken gequält, wenn es einem schlecht geht? Wenn man voller Schmerz ist, fast wie gelähmt, dann können Rituale, Gewohnheiten jeder Art wieder helfen, einen Zugang zum Leben zu finden. Manche etwa gehen nach dem Tod eines Angehörigen, die Strecken von gemeinsamen Wanderungen ab, Tag für Tag. Manche besuchen immer dasselbe Cafe und bestellen, wie es der verstorbene Mann getan hat, einen Melange mit Butterkipferl. Andere stürzen sich in die Arbeit oder suchen anderweitige Ablenkung. In einem aktuellen Film im Kino „Stilles Chaos“ mit Nanni Moretti entwickelt ein erfolgreicher Manager bei der Trauer um seine verstorbene Ehefrau eine besondere Art von Trauerritual. Er wartet jeden Tag im Park vor der Schule seiner zehnjährigen Tochter Claudia darauf, dass die Schule wieder aus ist. Anfangs belächeln ihn alle Kollegen und Freunde aber mit der Zeit bemerken sie und der Zuschauer, dass dieser Mann und seine Tochter dadurch ihre eigene Art haben, mit dem Verlust des geliebten Menschen umzugehen. Viele von uns fangen in Krisenzeiten an zu grübeln, über das was war und das was noch so kommen mag. In Psalm 77 kommt der Autor beim Grübeln zur Frage: Wo sind denn Gottes Gnade und Güte zu spüren? Wenn Kinder an plötzlichem Kindstod sterben. Wenn die große Geißel der Menschheit – Krebs - in meiner Kollegenschaft und in deren Familien und bei Bekannten und Freunden immer mehr und immer jüngere Opfer fordert. Wo sind Gottes Gnade und Barmherzigkeit in der Welt zu finden? Wenn ich so frage, dann steht meine Antwort darauf bereits fest – nirgends: denn dann will ich sie nicht bemerken. Das Verschwinden Gottes aus dieser Welt, das Verstummen und Verblassen von Gottes Wort, wird bereits hier im Alten Testament beklagt. Es gibt anscheinend immer weniger Platz für Gott in dieser Welt. Der Zugang zu einer erfüllenden Gottesbeziehung ist jedenfalls erschwert. „Und ich sprach: Das ist mein Schmerz, dass so anders geworden ist das Handeln des Höchsten. Ich will gedenken der Werke des HERRN, will gedenken deiner früheren Wunder. Ich will bedenken all dein Tun, und über deine Taten will ich nachsinnen. Gott, dein Weg ist heilig. Wer ist ein Gott, so gross wie unser Gott? Du allein bist der Gott, der Wunder tut, du hast deine Macht unter den Völkern kundgetan.“ Es ist schmerzlich, aber Gott scheint anders zu handeln, als ich wollte und ich mir wünschen würde. Das ist eine der schmerzhaftesten Einsichten. Wenn dieses „Dein Wille geschehe!“ eben darauf hinausläuft, den Kurzschluss zu ziehen, dass demnach alles, was geschieht, sein Wille sein müsste – dann wäre es mit Gottes Gnade und Güte wirklich nicht weit her. Aber es geschieht eben nicht überall „Sein Wille“! „Gott müsste doch, wenn er …“ So gedacht, wird das „Handeln des Höchsten“, wie ich es im eigenen Leben erfahre, dem, was ich bisher geglaubt habe, immer wieder widersprechen. Das, was mir zustößt, passt nicht immer ins Gottesbild hinein. Der beste Hinweis darauf, dass ich ein falsches Bild von Gott hatte bzw. von unserer Beziehung zueinander. So wie andere in ihren Geschichten und Erzählungen und Gebeten, etwa in der Bibel schreiben, ist vieles mit höchst kritischem Unterton verfasst. Gott hört nicht. Gott handelt nicht zum offensichtlich Guten. Gott bleibt unnahbar und Gottes gütiges Handeln ist oft nicht zu entdecken. Der Betende kämpft mit seinem Glauben – hadert mit seiner Vorstellung von Gott und versucht in den alten Überlieferungen Spuren von Gott aufzufinden. Die anderen haben auch schon ihre Erfahrungen mit Gott gemacht, hatten Verstorbene zu betrauern, Krankheiten durchzustehen, den eigenen Tod und das Leiden ihrer Liebsten vor Augen. Wie sie dabei auf Gott zugegangen sind, oder sich von ihm entfernen wollten, macht auch heute tiefen Eindruck, wenn man davon in den Psalmen und in den Geschichten der Bibel liest. Es sind individuelle Aufarbeitungen von Erlebnissen. Manches spricht mich an, anderes kann ich so nicht nachvollziehen. Dem Gefühlschaos des Verfassers oder der Verfasserin von Psalm 77 kann ich jedenfalls vieles abgewinnen. Das Nachdenken, dieses Grüblerische, dieses Sichzurückziehen wollen, diese Resignation, die sich breit zu machen droht und diese Melancholie der Worte und Verse, treffen mich bei jedem Lesen tief. Das bewirken nur wenige gute Texte, Bilder und auch nur wenige Filme. Und auch dass Psalm 77 es schafft durch eine kleine Wendung ins Leichtere und Lichtere vorzustoßen, das beeindruckt immer aufs Neue. Er erkennt, dass er in seiner Klage nur um sich selbst gekreist ist. Das Leben hat seinen Vorstellungen nicht entsprochen und deshalb muss wohl das Leben falsch liegen. Und hier schlägt die Erkenntnis ein: „Du allein bist Gott, der Wunder tut.“ Schluss mit dem Egotrip und schon kann er über den Rand seines bisherigen begrenzten Horizonts blicken. So findet er erneuten Zugang zu seiner Gottesbeziehung und bejubelt Gott in einem überschwänglichen Hymnus. „Die Wasser sahen dich, Gott, die Wasser sahen dich und erbebten, die Urfluten erzitterten. Die Wolken gossen Wasser, es donnerte das Gewölk, und deine Pfeile blitzten hin und her. Rollend erdröhnte dein Donner, Blitze erhellten den Erdkreis, es erzitterte und bebte die Erde.“ So sieht der Auftritt eines wahrhaftigen Gottes auf der Weltbühne aus. Alles bebt und fleht und es donnert und blitzt und hagelt und zittert. Gott wird zu oft im Großen und Gewaltigen gesucht. Erdbeben, Sturmfluten, schaurige Gewitter waren früher die Begleiter einer Gotteserscheinung. Aber besonders beziehungsstiftend ist dieses göttliche Toben in natürlichen Gewalten natürlich nicht. So komme ich Gott nicht nahe. Eher in den kleinen, ruhigen, aber umso persönlicheren und intimen Momenten, kann ich Gottes Nähe spüren. In den alltäglichen Kleinigkeiten, dem Gebet vor jeder Mahlzeit, den besinnlichen Momenten untertags, bei Begegnungen mit manchen Menschen … da wird für mich Gottes Wirken eher fassbar als im Toben von Kriegen oder von Stürmen. „Durch das Meer gingen dein Weg und dein Pfad durch gewaltige Wasser, doch deine Spuren waren nicht zu erkennen. Wie Schafe führtest du dein Volk durch Moses und Aarons Hand.“ Gottes Spuren sind kaum erkennbar. Und wenn manche von Gottes Willen – deus vult – von Gottes Handeln, Gottes Wirken quatschen, ist es oft wohl Quatsch und nur Ausdruck der eigenen Vermessenheit. Gott stampft nicht mehr auf, so wie Godzilla in New York. Gottes Fußspuren mögen eher im Kleinen und Unscheinbaren, in Jesus, dem einfachen Mann aus Nazareth, in seiner liebevollen Art des Umgangs miteinander und in seiner kompromisslosen Botschaft zu sehen sein. Gottes Fußspuren entdecke ich dort, wo ich getragen wurde, wenn mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Dort, wo ich trotz widrigster Umstände noch einen Funken Hoffnung hatte und diesen weitergeben habe können. Wo sich Menschen erfrischt trotz großer schwerer Krankheit fühlen durften und auch in größtem Schmerz ihren Lebensmut nicht verloren haben. Wie überwindet der Beter des 77. Psalms seine tieftraurige Stimmung und seine Klage? Er gibt seiner Trauer und seinem Schmerz einen Ausdruck, gießt es in ein Lied, in Worte und Sätze, die auch heute tausende Jahre später nachvollziehbar sind. Er zeigt, so habe ich es damals überwunden, diese Verzweiflung, sich von Gott völlig verlassen und auf sich allein gestellt zu fühlen. Von Gott hat er keine Antwort erhalten. Aber dieses „keine Antwort“ war voller stummem Mitgefühl. Aus dem stillen, leidenden Chaos wurden ein inneres Chaos und eine Trauer, die sich selbst einen Ausdruck geben konnte. So können wir es heute nachlesen und nachempfinden. Anhaltende Stille und anhaltendes Schweigen sind kaum auszuhalten. Sie können vorübergehend wohltuend sein, wieder zu neuen Klarheiten führen, aber das Leben sehnt sich nach Sprache. So dass eines Tages uns die Stille keine Angst mehr macht, und man sich selbst wieder neu spüren darf.
Amen |