19.
Juli 2009
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Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. AMEN Aus Erde formte der Herr die Menschen, auch sie schickt er wieder zu ihr zurück. Er gab ihnen abgezählte Tage und setzte die Zeit ihres Lebens fest, und doch übertrug er ihnen die Herrschaft über alles, was auf der Erde lebt. Er schuf sie nach seinem eigenen Bild und gab ihnen teil an seiner Macht. Furcht vor den Menschen ließ er auf alle Geschöpfe fallen; sie sollten herrschen über die Tiere auf dem Land und die Vögel in der Luft Sie empfingen die fünf Fähigkeiten des Herrn zum Gebrauch. Als sechste teilte er ihnen den Verstand zu und als siebte die Vernunft, um die anderen Fähigkeiten folgerichtig zu gebrauchen. Er gab ihnen Zunge, Auge und Ohr und einen Verstand, um nachzudenken. Mit Einsicht und Wissen erfüllte er sie und leitete sie durch Beispiele an, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Er lehrte sie, ihn ernst zu nehmen, und zeigte ihnen die Größe seiner Werke. Für alle Zeiten dürfen sie stolz sein auf seine erstaunlichen Taten. Ihn, den Heiligen, sollen sie preisen und die Größe seiner Werke verkünden!
Doch nicht nur Einsicht schenkte er ihnen, sondern auch das Gesetz, den Weg zum
Leben damit sie darüber nachdenken, dass sie jetzt sterblich sind. Er schloss
mit ihnen einen ewigen Bund und verkündete ihnen seine Gebote. Sie sahen den
Glanz seiner Herrlichkeit und hörten seine gewaltige Stimme. Er warnte sie
ernstlich vor jedem Unrecht, und für ihr Leben miteinander gab er ihnen klare
Weisung.“
Liebe Gemeinde! Wenn sie an Religion denken: Welchen Klang hat ihr Glaube? Oder ist für sie Religion am besten mit einem stillen Moment gleichzusetzen? Etwa so … (Stille) Der Glaube beginnt immer mit allen Sinnen. Sinnvoller Glaube muss sich auf die Sinne beziehen. Wir haben unsere persönlichen religiösen Kennmelodien, die uns vertraut sind. Ob den Gong der Klangschale, der immer mehr verbreitet ist – und auch bei Schülern wirklich gut funktioniert. Selbst die energiegeladenen Burschen und Mädels werden plötzlich ruhig, schließen ihre Augen und versuchen dem Abschwingen des Klangs zu folgen. Ein Klang!, der für viele hilfreich ist, um zur Ruhe zu kommen und die Gedanken zu sammeln, um zu sich zu kommen. Oder liegt ihnen mehr der orthodoxe Wechselgesang, der stundenlang in der heiligen Liturgie fast schon wie ein Mantra, das sich ständig wiederholt und einen tranceartigen Zustand erzeugen kann. Wahrscheinlich passt zu den meisten Evangelischen unter ihnen aber die Orgelmusik zu „Ein feste Burg ist unser Gott“ oder die einfache Stille. Glaube und Religion muss unsere Sinne bedienen. Davon wird Glaube erst lebendig. Es gibt sinnliche Stimuli im Bereich der Religion, Eindrücke, die Erinnerungen abrufen können. Und ich muss zugeben, wir greifen als Pfarrer auch immer wieder darauf zurück. Deshalb geht es heute um das Thema: „sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, denken, glauben“. Das alles gehört zusammen und keiner dieser aufgezählten Fähigkeiten, steht über den anderen. Sie brauchen einander. Wie riecht Religion für sie? Viele Kirchen haben ihren eigenen Geruch. Katholische und Orthodoxe lassen sich etwa am Grad der Beweihräucherung erkennen. In Evangelischen Kirchen schwebt meist nur der Geruch von Putzmittel durch den Raum. Kenner unter ihnen, nutzen wohl den Moment beim Abendmahl, während sie den Kelch mit dem Wein – oder Traubensaft – entgegen nehmen und schnuppern auch kurz am Wein bevor sie davon trinken. Für mich riecht Religion vor allem nach der Zwinglikirche in der Schweglerstraße im 15. Bezirk. Den Geruch des dortigen Raums erkenne ich blind, weil ich mich so häufig dort als Kind aufgehalten hab. Die Erinnerung an Gerüche behalten wir am längsten, heißt es, deshalb ist es gut, bei Menschen am Krankenbett oder auch im Koma oder kurz vorm Sterben noch etwas zum Riechen zu reichen. Wie schmeckt Religion? Nach Schwarzbrot beim Abendmahl, oder eher nach Hostie und Oblate – also nach kaum etwas – nach Ostereiern, nach Fischstäbchen mit Honigwaben, wie sie bei uns zu Ostern in der Gemeinde aufgewartet werden? Und wie fühlt sich Religion für sie an? Nass und hoffentlich nicht zu kalt wie bei der Taufe? Oder fühlt es sich für sie eher nach Stillsitzen in unbequemen Positionen an? Sie merken schon, ich stoße schnell an die Grenzen unserer Sinnlichkeit in Sachen Religion – wir haben in den reformierten Kirchen kaum was zum Anschauen - immerhin haben wir uns gegenseitig – wir haben keinen Eigengeruch, keine Kennmelodie, keinen Eigengeschmack, der uns sofort kenntlich werden lässt. Wenn sie heute im Gottesdienst sitzen und stehen, dann sind sie meist nur zum Hören und Lesen und Singen und Denken verdammt. Was zum Tasten, zum Schmecken gibt es nur ab und zu – bei Kindergottesdiensten und Abendmahlsfeiern und bei einer Taufe, wie heute. Ist unser Glaube auf unsere Sinne angewiesen? Ja. Denn ein blinder Glaube, ein Glaube, der taub, geruchlos und ohne Geschmack ist, bleibt ein fader, ein toter, Glaube, der bestimmt nicht lebendig machen kann. Sinnlichkeit bestimmt das Leben. Danach suchen wir und sehnen wir uns. Was müssen wir sehen, um zu glauben? Das Turiner Grabtuch oder ein paar Splitter vom Kreuz? Müssen wir Wunderheilungen, Marienerscheinungen und außernatürliche Effekte mit den eigenen Augen gesehen haben, um glauben zu können? Mit reicht es schon aus, Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft und eine offene und tolerante Gemeinschaft zu sehen, damit ich glauben kann. Was muss ich hören können, um zu glauben? Wenn ich nur Schreckensmeldungen von Katastrophen, das Geschrei und Stöhnen all der Kranken, Unterdrückten und Geschlagenen in der Welt höre, verlier ich schnell den Glauben an das Gute und an einen Gott in der Welt. Wenn ich aber das hilfsbereite und ehrlich gemeinte: „Kann ich ihnen helfen?“ höre, oder das Aufseufzen nach überstandener Trauer und den ersten hoffnungsvollen Satz vernehmen kann, mag ich an einen Gott glauben, der es gut mit uns meint. Was muss ich anfassen und berühren, um glauben zu können? So wie der ungläubige Thomas in die Wunde des auferstandenen Jesus greifen wollte, muss ich es nicht haben. Mich rührt der Glaube anderer an, die in großer Not und voller Hoffnungslosigkeit noch beten konnten und Worte zur Klage fanden. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wer so sehnsüchtig zu Gott beten kann, in schweren Schmerzen, der drückt viel von heilvollem Glauben aus. Sich bei Gott geborgen fühlen, das rührt mich an. Was muss ich schmecken und riechen, um glauben zu können … Da bin ich eher bescheiden und sage: Es darf mir bei meiner Religion nicht schlecht werden. Der Sinn fürs Religiöse und unser Glaube werden durch unsere Sinne geweckt. Und eine eindrucksvolle Passage bietet der Predigttext aus dem Buch Jesus Sirach 17,1-14. Es ist ein sogenanntes apokryphes Buch, also kein Bestandteil des alttestamentlichen Kanons. Jesus Sirach ist eine Sammlung von Gedanken und Schriften, die um das Jahr 180 v. Chr. zusammengestellt worden sind und die etwa bei den Reformatoren und im Judentum neben den kanonischen Texten eine durchaus hohe Wertschätzung genießen. Dort wird beschrieben, dass Gott uns geformt habe und seine fünf Fähigkeiten zum Gebrauch mitgegeben hat. Heute würden wir sagen, Gott hat uns mit den fünf Sinnen ausgestattet. Eine Grundausstattung, die wir in der einen oder anderen Form früher ganz bestimmt zum Überleben gebraucht haben. Gott gab uns das Hören, das Sehen, das Riechen, das Schmecken, den Tastsinn und dazu als sechste Grundfähigkeit den Verstand und als siebte die Vernunft, um alle anderen gut zu gebrauchen. Das ist die Basisausstattung, die bei manchen unterschiedlich ausfallen kann. Wichtig ist zu erkennen, dass diese Fähigkeiten nicht unseren Wert als Menschen ausmachen – also wenn etwa der Sehsinn oder der Hörsinn fehlen, dann ist das kein Mangel nach altjüdischer Ansicht. Die Fähigkeiten zeichnen uns nicht aus – darauf darf man sich nichts einbilden, sondern soll dankbar sein, wenn man gut sieht oder gut hört. Die mitgegebenen Fähigkeiten machen unsere Verantwortlichkeit aus, die wir zu tragen haben. Wir sind dazu bestimmt, unsere Fähigkeiten: die bekannten fünf Sinne und das Denken und die Vernunft möglichst weise zu gebrauchen. Wie es heißt, hat uns Gott die Herrschaft und Aufsicht über alles, was auf Erden lebt, übertragen. Wie wir damit teilweise eher schlecht als recht umgehen, hat ihn immerhin noch nicht dazu gebracht, diesen Auftrag zurück zu nehmen. Also gibt es wohl immer noch Hoffnung für unseren grünblauen Planeten. Auch wenn hunderte Tierarten und Pflanzenarten jedes Jahr aussterben und wenn wir den Planeten an manchen Stellen unbewohnbar machen. Wir tragen die Verantwortung, je nach unseren Möglichkeiten – nicht mehr aber auch nicht weniger als im Rahmen unserer Möglichkeiten. Tiere, Vögel, Pflanzen und unsere Mitmenschen sollen wir sorgsam und fürsorglich, mit Rücksicht und Umsicht behandeln. Gespenstisch, dass der Aufruf, der nach mehr als tausenden von Jahren so drängend aktuell klingt. Im Neuen Testament sagt Jesus: „Selig sind eure Ohren weil sie hören“ – wenn ihr sie nicht zuklappt. Und Selig sind eure Augen, wenn sie Not sehen und ihr nicht das Köpferl in den Sand steckt. Wir haben von Gott unsere Sinne erhalten plus Verstand und Vernunft, um sie zu gebrauchen. Und wir müssen sie, wie bei Kleinkindern wecken, entwickeln, trainieren, fördern und fordern. Und wir sollen sie nicht überfordern, wie es allzu oft geschieht. Die Reizüberflutung und die Lärmverschmutzung sind ja schon ein gravierendes medizinisches Problem geworden. Reizüberflutung erzeugt Stress und Stress macht krank. Überall gibt es was zu sehen, locken Bilder und Plakate und Schaufenster und Fernsehprogramme. Überall, wo man laufen kann, läuft Musik, in den Gassen und Straßen und Lokalen und am I-Pod. Überall sollen künstliche Wohlgerüche und Aromen wehen, die auf Knopfdruck oder per Sensor oder Zeitschaltuhr ihre aromatischen Öle versprühen und bei mir zumindest meist Kopfschmerz bewirken. Überall stehen verlockende Naschereien für den Gaumen, Snacks und Süßigkeiten herum – und suggerieren Bedürfnisbefriedigung. Dabei werden uns heute oft Mogelpackungen untergeschoben zur Geschmacksverderbung: Orangensaft ohne Anteil von Orangen, geschredderter und gepresster Analogkäse ohne Käseanteil, Schokokekse ohne Schokoladenanteil, Olivenölpesto ohne Olivenöl, Schummelschinken ohne Schinkeninhalt. Gott hat uns aber die Sinne gegeben, nicht damit wir in den Bilderfluten untergehen – allen Reizen nachlaufen – nicht damit wir uns mit Musik zudröhnen und von der Umwelt abstöpseln – nicht damit wir uns den Geschmack mit zu süßem, zu saurem, zu bitterem, zu salzigem, zu umamimem, dem fünften entdeckten Geschmackssinn für alles Glutamatige, verderben. Gegen den sinnlichen Overkill, gegen die Reizflut helfen Sinn Nummer sechs und sieben: „Wer beim Denken seinen Verstand gebraucht, ist glücklich.“, heißt es bei Jesus Sirach 14,20 so klug. So meint auch Paulus: „Prüft alles! Das Gute behaltet!“ Vom Rest machen wir uns also frei, er soll uns und unsere Sinne nicht belasten. Und als Warnung für alle Gedankenlosen: „Unverbesserliche Narren sterben aus Mangel an Verstand.“ (Sprüche 10,21) Jetzt ist es natürlich schwierig, das Gute und Wichtige herauszufiltern. Sprüche 2,3 rät: „Rufe Verstand und Einsicht zur Hilfe!“ Und: „Weisheit und Verstand sind ein sicheres Fundament, auf dem du dein Haus errichten kannst.“ (Sprüche 24,3) Damit können wir schließlich alles im Leben gut einordnen. Denn Gott hat uns als Menschen ganz gut hinbekommen. Gebrauchen wir unseren Verstand und folgen wir der Vernunft, werden wir achtsam und leben wir bewusst – das ist die beste Religion. Denn Religion muss vernünftig sein. Amen |