26. Juli 2009
 

Harald Kluge

Der Prophet und der Clown
 

  

Der Ausspruch, den Habakuk, der Prophet, geschaut hat.

Wie lange, HERR, rufe ich schon um Hilfe,

    du aber hörst nicht!

Ich schreie zu dir: Gewalttat!

    Du aber hilfst nicht!

Warum lässt du mich Unrecht sehen

und schaust dem Unheil zu:

Vor mir ist Unterdrückung und Gewalttat!

Und Streit ist entstanden,

und es erhebt sich Zank.

Darum wird die Weisung kraftlos,

    und niemals mehr strahlt das Recht aus.

Denn der Übeltäter umstellt den Gerechten.

    Darum strahlt verdrehtes Recht aus!

Habakuk 1,1-4

 

Liebe Gemeinde!

Es gibt ja so viel Übles in der Welt! Wie lange müssen wir das noch mit anschauen? Die biblische Antwort kennen sie: Bis zum Tag des jüngsten Gerichts. Wir schreien aber jetzt um Hilfe! Wir schreien „Gewalttat und Verbrechen!“ Aber niemand zuckt, keine Polizeistreife rückt aus, die uns aus all dem Übel retten kann. Düster, zappenduster schätzt der alte Mann Habakuk unsere Lage ein.

„Gott hört nicht! Gott hilft nicht!“ Schon der Prophet Habakuk vor 2.600 Jahren hat diese Erfahrung machen müssen. Alles erscheint dem verwirrten Mann verkehrt. Recht und Rechtsordnungen werden verdreht, bis es den Übeltätern passt. Was und wer nicht passt, wird von den Schurken passend gemacht. Das ist seine leidige Erfahrung. Habakuk beklagt, dass man sich über die Staatsoberhäupter und Könige lustig macht, dass Würdenträger zum Gelächter werden.

Die Schuldigen klagen die Gerechten an und keiner schreit: Skandal! Die Untersuchungsausschüsse gehen nach hinten los. Die Aufklärung wäre erklärungsbedürftig. Aber schon schreit das nächste Unrecht gen Himmel und man vergisst glücklich, was ja nicht zu ändern ist. Aufklärung blieb eine Epoche in der Geschichtsschreibung. „Wo bleibt die Hilfe von oben?“, fragt Habakuk.

Nun, was wenn sie kommt? Die göttliche Intervention schlägt im Buch Habakuk zu und setzt dem Unrecht im Land und in der Gesellschaft durch Krieg ein Ende. Wenig erheiternd. Das passt natürlich Habakuk nun auch wieder nicht, denn beim Krieg ist es wie bei der Finanzkrise. Es verlieren fast alle, die meisten jedenfalls. Und irgendjemand, meistens die, die am meisten verloren haben, für die heißt es irgendwann: „Retten, was zu retten und auch was nicht mehr zu retten ist und wiederaufbauen bis zum nächsten Crash.“

Klagen, ja das kann er gut, der Habakuk. Das hat er als Prophet und Seher gelernt. Sein trauriger und wütender Klagepsalm geht in die Geschichte und in den Kanon der Bibel ein. Da macht sich einer Luft, spricht voller Wut an, was jeder sehen kann, aber niemand mehr als Problem erkennt. In fast jugendlichem Zorn kritisiert er etliche Missstände seiner damaligen Gesellschaft. Er sieht sie am Rande der Zerrüttung. Habakuk sieht sich in einem System mit Unrechtscharakter, wo jene Recht bekommen und den Applaus, die das nötige Kleingeld haben. Der Übeltäter umstellt den Gerechten und verdrehtes Recht strahlt aus! Alle fangen an, sich Rechtssprüche und Medien zu kaufen. Und keiner findet mehr was dran. Habakuk kritisiert vor rund 2.600 Jahren(!) bereits die grassierende Gefahr von Ausbeutung durch das Aufkommen der Geldwirtschaft. Wenn heute Peter Simonischek, der grandiose Schauspieler, meint, der „Jedermann“ in Salzburg verzücke ihn mit seiner Kritik an den unguten Seiten des Geldwirtschaftssystems und an der Charakterlosigkeit des Neid-Geiz-Nicht-den-Hals-Vollkriegen-Könnens von uns Menschen, wie viel entzückter könnten wir mit Staunen die Parolen des Habakuk aus einer entfernten Vergangenheit lesen? Entzückend und erschreckend aktuell klingen seine Anmerkungen zu den Rissen in seiner Gesellschaft. Habakuk spricht etwa an, dass man den einfachen Mann ständig hinters Licht führe: „Wehe dem, der schadet und täuscht den einfachen Mann, der gierig ist und nicht satt wird.“ (Hab 2,4)

Er beklagt den Spekulationstrieb und die Ausbeutung der Menschen durch das Kreditwesen: „Wehe dem, der anhäuft, was ihm nicht gehört! Und der sich belastet mit Pfandgeschäften! Werden nicht plötzlich die sich erheben, die Zinsen von dir wollen, und die erwachen, die dich bedrängen? Und sie werden dich ausplündern!“                 (Hab 2,6f.)

Er prangert die schreiende Ungerechtigkeit durch Freunderlwirtschaft in der Bauwirtschaft an: „Wehe dem, der aus Bosheit Gewinn schlägt für sein Haus, um sein Nest in die Höhe zu setzen.“ (Hab 2,9)

Und auch damals haben Schurken ihre Opfer betrunken gemacht, quasi K.O.-Tropfen verpasst, um sie zu kompromittieren oder auszurauben: „Wehe dem, der seinem Nächsten zu trinken gibt, dabei seinen Zorn beimischt und ihn dann betrunken macht, damit er dessen Scham anschauen kann.“ (Hab 2,15)

Und Habakuk geißelt die Doppelsinnigkeiten, die alle Tiefsinnigkeiten ablösen. Wo nur noch Anspielungen und Späße gemacht werden statt klare Worte zu sprechen. Habakuk zeichnet das Bild einer Gesellschaft am Rand des Verfalls. Und er will sich mit dem Unrechtscharakter des Systems nicht arrangieren. „Was soll’s, dann ist es halt so! Da kann ma nichts machen!“ So spricht kein Prophet. Er ist ein Seher, ein Visionär und sieht eine große drohende Gefahr jenseits der Grenzen, eine Gefahr aufziehen auf der Weltbühne: den Reitersturm der Skythen. Gleichzeitig gibt es zu viele schleichende Gefahren innerhalb des Landes. Es fehlt den Menschen der Sinn für Solidarität, es fehlt die Vertrauensbasis untereinander – Wer würde heute noch die Wohnungstüre unverschlossen lassen, wie ich es in meiner Kindheit noch erlebt habe. Wer steigt ohne beklemmendes Gefühl nachts in ein Taxi, wo einem der Taxerl einen Gutenachttrunk anbietet?

Für Habakuk dominieren Raubvogelverhalten: „Jeder schaut auf seinen Vorteil.“ und das Profitstreben: „Alle wollen das Meiste und das Geilste.“ Habakuk übertreibt wohl aber er ist kein Pausenclown. Er will die Menschen aufrütteln, zum Staunen und Nachdenken bringen. Dabei breitet er sein ganzes Leiden am Leben und an dem Mitmenschen aus: seine Worte triefen vor Ungerechtigkeit, Neid, Hass, asoziales Verhalten allerorts. Er verliert die Contenance, wie ich sie verliere, bei Hundstrümmerln am Kinderspielplatz, bei Sperrmüll am Gang, dass man mit dem Kinderbuggy nicht mehr durchkommt und erst eine Matratze und einen Couchtisch verschieben muss, bei Drogenspritzen auf den Toiletten der Schule, bei Diplomaten ohne Unrechtbewusstsein, die Falschparken und Schnellfahren und die Verkehrsteilnehmer gefährden dürfen, wie sie wollen, bei falschem Schinken und falschem Käse auf meiner Pizzaschnitte, bei Polizisten, die für Kasachstan ermitteln, bei Politikern, die lieber von Spekulatius als von Spekulationen reden, bei der unmenschlichen Umgangsweise mit den Bootsflüchtlingen aus Afrika, die man lieber umkommen lässt, als sich mit ihnen zu beschäftigen, wie es unsere gottgewollte Pflicht als Mitmenschen wäre, bei Zwangsprostitution und Kinderhandel.

Habakuk setzt seine ganze Kraft ein, um gegen das aufzuschreien, was ihn damals irre werden lässt. Aus seiner Klage, seinem Jammern erwächst ihm enorme Kraft, um in der für ihn ungerechten Welt auszuharren. Er hält am Glauben an die Gerechtigkeit fest, auch wenn er merkt, dass das scheinbar an den ungerechten Verhältnissen um ihn herum nichts ändert. Auch im Jammern liegt eine Kraft. Er glaubt an das Gute unter den Menschen, an Gottes Möglichkeiten, uns die Köpfe zurechtzudrehen. Und auch Jesus hatte Zeit seines kurzen Lebens am meisten mit der Hoffnungslosigkeit und dem Kapitulieren vor der Wirklichkeit seiner Jünger zu kämpfen. Petrus und all die anderen konnten auch nicht so leicht an die Veränderung der Welt zum Guten glauben und noch weniger daran, dass sie selbst viel dazu beitragen könnten.

Und die Apostel sagten zum Herrn: Gib uns mehr Glauben! Der Herr aber sprach: Hättet ihr Glauben wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich samt den Wurzeln aus und verpflanze dich ins Meer! - und er würde euch gehorchen. Lukas 17,5f.

Stille! Pause! Kurze Unterbrechung!

Auch Habakuk muss nach langem Klagen zwischen Kapitel 2 und 3 seines Buches erst einmal Luft holen. Ein literarischer Kunstgriff – Pause!

Habakuk wurde gestern vor 82 Jahren in Wien geboren. Er hieß mit bürgerlichem Namen Arminio Rothstein, war begnadeter Puppenspieler, Puppenmacher, Drehbuchautor und die meisten aus meiner Generation sind mit ihm im Fernsehen und bei Aufführungen im Kasperltheater in Berührung gekommen. Zwerg Bumsti, Kasperl und der böse Zauberer Tintifax, Toby und Tobias, Helmi und viele mehr sind seine Kreationen. Arminio Rothstein hat sich als Clown „Habakuk“ nicht zufällig dieses Pseudonym des Propheten aus dem Alten Testament gewählt. Denn den Propheten verbindet manches mit dem Clown. „Habakuk“ heißt übersetzt „Duftpflanze“ oder auch „Gurke“ – ein interessanter antiker orientalischer Spitzname. Beide Habakuks gaben sich ständig fragend, störend, penetrant in ihrer Art und neugierig sowie lärmend. Habakuks konnten ihre Umwelt und ihre Mitmenschen schon manchmal zur Weißglut bringen.

„In seinen Augen qualmt die Glut der Verzweiflung über die Unveränderlichkeit des Niedrigen, doch er kapituliert nicht.“

Das könnte zum Clown und zum Propheten passen aber Franz Kafka hat es über den Clown Hollywoods, Charlie Chaplin, geschrieben. Habakuks und Chaplins kämpfen gegen die Ungerechtigkeiten ihrer jeweiligen Zeit und Gesellschaft  mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Lust und Leiden verschmelzen bei ihnen in einer oft traurigen, dann wieder starken und unglaublich kräftigen Gestalt. Sie kapitulieren nie! Weder vor gesellschaftlichen Zwängen, noch vor dem Publikum oder ihren Mitmenschen. Ein Prophet und ein Clown. Beide tun ein wenig naiv und unschuldig, wie Außenseiter stellen sie sich hin und faszinieren, weil sie uns manchmal aus der Seele reden. Sie halten uns mit der Tolpatschigkeit, Ehrlichkeit, Unverfrorenheit und Frechheit – bei Habakuk auch Gott gegenüber – die niemanden bei Kritik ausspart – damit halten sie uns in Atem und auf Trab. Prophet und Clown leben die Hoffnung gegen alle Hoffnungslosigkeit und beide fallen aus der Rolle. Sie müssen aus der Rolle fallen, damit sie aus der Falle rollen. Fallen auch wir hin und wieder aus der Rolle, als Prophet oder Clown, damit wir aus unseren Fallen rollen. 

Amen

zum Anfang