02. August 2009
 

Harald Kluge

Ein Urlaub mit Folgen
 

  

Frage 103 Heidelberger Katechismus

Was will Gott im 4. Gebot?

Gott will, dass Predigt und Unterricht erhalten werde und ich besonders am Feiertag zur Gemeinde Gottes komme, um das Wort Gottes zu lernen, die Sakramente zu gebrauchen, öffentlich zum Herrn zu beten und Geld für die Armen zu geben. Und dass ich den ewigen Sabbat schon in diesem Leben beginne, dass ich den Herrn durch seinen Geist in mir wirken lasse und alle Tage meines Lebens von meinen bösen Werken ruhe.

 

Liebe Gemeinde!

Frage 103 des Heidelberger Katechismus meint: „… dass ich den ewigen Sabbat schon in diesem Leben beginne.“ Der ewige Sabbat, ein anhaltender Sonntag bzw. ein ewig andauernder Urlaub. Für manche das Höchste der Gefühle, für andere ein Grauen. Dass auch Jesus quasi Urlaub gemacht hat, und dass sein Urlaub ungeahnte Folgen für sein Leben haben sollte, das lesen wir im Evangelium nach Matthäus 4,1-11.

Nach seiner Taufe durch Johannes den Täufer am Jordan wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden. Vierzig Tage und vierzig Nächte fastete er, danach hungerte ihn. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, dann sag diesen Steinen da, sie sollen zu Brot werden. Er entgegnete: Es steht geschrieben: Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Dann nahm ihn der Teufel mit in die heilige Stadt, und er stellte ihn auf die Zinne des Tempels. Und er sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürze dich hinab.

Denn es steht geschrieben: Seine Engel ruft er für dich herbei, und sie werden dich auf Händen tragen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stosse. Da sagte Jesus zu ihm: Wiederum steht geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen. Wieder nimmt ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Königreiche der Welt und ihre Pracht. Und er sagt zu ihm: Dies alles werde ich dir geben, wenn du dich niederwirfst und mich anbetest. Da sagt Jesus zu ihm: Fort mit dir, Satan. Denn es steht geschrieben: Zum Herrn, deinem Gott, sollst du beten und ihm allein dienen. Da lässt der Teufel von ihm ab. Und es kamen Engel und dienten ihm. Matthäus 4,1-11

 

Liebe Gemeinde!

Drei Urlaubsdestinationen

Ein 40-tägiger Trip in der Wüste, eine Städtereise nach Jerusalem und eine steile Bergwanderung haben ihn total verändert. Jesus hatte sich von Johannes dem Täufer am Fluss Jordan taufen lassen. Und er konnte danach nicht einfach so in sein früheres Leben zurück. Es zieht ihn in die Einsamkeit und Kargheit der Wüste. Da will Jesus neue Kraft schöpfen, Klarheit in seinem Kopf finden, Gottes Stimme lauschen und seine ureigenste Bestimmung suchen. Wenn es Jesus zu viel wird, da lesen wir, dann steigt er auf einen Berg, geht leise in die Wüste oder sucht sich einen lauschigen Garten oder ein ruhiges Plätzchen. Dass sein Trip durch die Wüste, die angeschlossene Städtereise mit Bergbesteigung sein Leben völlig verändert, hätten sich so Jesus und noch viel weniger wohl seine Eltern und seine Familie vorstellen können.

Jesus macht Urlaub. Ob es nun wirklich ein Urlaub war?

Das Wort stammt aus dem Althochdeutschen und wird seit dem 8. Jahrhundert gebraucht. „Urloub“ stand in der Aristokratie für die „Erlaubnis“, sich entfernen zu dürfen. Ritter zogen gewissermaßen auf Abenteuerurlaub. In Schlachten und Kämpfen suchten sie den Sieg über ihre ärgsten Widersacher. Heute macht man Urlaub, wenn man mit Genehmigung vom Arbeitsplatz fernbleibt, um anderes zu tun oder eben nichts zu tun.

Jesus war bestimmt kein Arbeitsloser. Eher anzunehmen ist, dass er in dem Werksbetrieb seines Vaters mitgearbeitet hat. So hatte er sich einen „Urlaub“, eine Auszeit von seinem erlernten Beruf und seinem Arbeitsplatz genehmigt und war zu Johannes gepilgert. Seine Eltern, Geschwister, Onkeln, Tanten, Neffen und Nichten und man möchte es ja gar nicht denken, seine Freundin hat er daheim gelassen. Für Jesus wurde es ein Single-Urlaub mit Folgen. Jesus war wohl Ende zwanzig, als es ihn zuerst in die Wüste zu Johannes zur Taufe zog und danach in die 40 Tage dauernde Abgeschiedenheit. Völlig verändert kehrt er dann von seinem Trip durch die Wüste, die Städtereise und seine Bergwanderung zurück in sein Dorf. „Ich habe nachgedacht und einige seltsame Dinge erlebt. Das werdet ihr mir nicht glauben. Ich kann so nicht weiterleben.“

Und Jesus packt seine Sachen und zieht nach seiner Auszeit von Nazareth nach Kafarnaum. In ihm ist eine merkbare Veränderung geschehen. Plötzlich fängt er genau wie Johannes zu predigen an: „Kehrt um! Denn nahe gekommen ist das Himmelreich!“ Erst von da an sucht er sich seine Jünger und reist predigend und heilend durch Galiläa und wird immer populärer. In der Einsamkeit und Stille der Wüste, in dieser 40tägigen Kargheit, gewinnt Jesus eine Klarheit, die er an seinem Arbeitsplatz in Nazareth nie gehabt hätte. Der Urlaub und Abstand von seiner Familie und seiner Beschäftigung waren notwendig, damit er überhaupt beginnen konnte, nach Antworten – ja noch vielmehr nach den richtigen Fragen - zu suchen.

„Was soll ich mit meinem Leben anfangen?

Noch zwanzig, dreißig Jahre in der Werkstatt hakeln, eine Frau, sechs Kinder, 10 Enkelkinder, jeden Sabbat zum Gebetstreffen mit den anderen Leichtgläubigen, einmal im Jahr nach Jerusalem zu den Priestern, die aufgeblasen sind mit Arroganz und Machtgier. Das soll mein Leben gewesen sein? Nein!“ Sprach es und zog aus seiner Heimatstadt Nazareth fort.

„Jeder braucht mal ein bisschen Wüste.“

Das sagt der kleine Prinz bei St. Exupéry. In der Wüste findet jeder was und wenn man Glück hat, findet man ein Stück von sich selbst. Oder man erlebt wie das Volk Israel bei seiner 40jährigen orientierungslosen Reise in der Wüste eine Läuterung. Für Israel war die Wüstenzeit eine göttliche Erziehungsmaßnahme zur Klärung ihres Beziehungsverhältnisses zu Gott. Wüste war immer auch ein gutes Pflaster, um mit Gott in Kontakt zu kommen. Die Hitze des Tages, die Kühle der Nacht und die Stille und Weite machen die Wüste zu einem Reiseziel voller Naturerleben und ermöglichen ein intensives Eintauchen in eine völlig andere Welt. Wüstengebiete und Berge sind Rückzugsmöglichkeiten ohne Störpotential. Die einzige Ablenkung verursachen die Dinge, die wir mit uns mitschleppen – IPods, Videokameras, Laptops. Wüsten und Gebirgsaufenthalte bieten Zeit zum Nachdenken. Zeit zum Schweigen, aber auch Zeit zum Schreien und zum Nichtdenken. Jesus entdeckt nach langem Fasten und langer Stille, einen entzückenden Moment der völligen Klarheit.

Und schon kommt der lästige Teufel wieder mit den Alltagsgeschäften: „Mach doch Brot aus den Steinen!“ „Stürz dich doch runter!“ „Herrsche über alle Länder dieser Erde.“ Sollte Jesus lieber ein Wunderheiler, ein fliegender Superman oder Herrscher über alle Welt sein? Vielleicht sind diese drei Möglichkeiten in den Gedanken von Jesus herumgespukt. Jetzt findet er in der Wüste, beim Bergsteigen und bei der Städtereise nach Jerusalem für sich Klarheit. Beim Tischlern, Sägen, Hämmern wäre ihm das wohl nicht so schnell gekommen.

„Jeder braucht mal ein bisschen Urlaub.“

Macht man eigentlich Urlaub, um vor dem Alltag zu entfliehen?  Wer sich im Job aufreibt, mit wenig Lust und keiner Leidenschaft im Beruf herumwerkelt, ohne rechte Freude oder Zielsetzung, dem kann Urlaub wirklich diese einzig ersehnte Zeit zum Aus- und Abschalten im Jahr sein. Häufig bedeutet Urlaub: leben im Provisorischen, mit dem Notwendigsten auskommen müssen. Mitgenommen wird nur, was man wirklich brauchen könnte.

Im Urlaub, runterschalten.

Das kann Urlaub zu einer echten heilsamen Auszeit werden lassen, zum wahren Sabbaterleben. Gott verordnet uns Auszeiten für unser Leben im vierten Gebot. Um neu zu entdecken, wieder zu entdecken, was Genuss im Leben ist, was Verzicht sein kann und dass beides keine Gegensätze sind. Hier kann Urlaub auf die Sprünge helfen. Der Sabbat, die Sonntage sind Kurzurlaube. Meine Mitmenschen, meine Frau, meine Tochter, meine Eltern, Freunde aufmerksamer wahrnehmen, einander besuchen, auch ein wenig treiben lassen, weniger Erwartungen an andere stellen und an mich selber haben. Wir Protestanten müssen sonntags auch nicht in die Kirche gehen, wie in früheren Jahrhunderten verordnet. Nein, es ist keine Pflicht bei uns Evangelischen. Aber der Sonntagsbesuch in der Kirche ist ein Ritual, dass der Seele und dem Kopf Nahrung geben soll. Sich auch am Sonntag abzuhetzen ist keine Sünde, aber dumm. Denn in der Hektik überhören wir vieles, da überhöre ich auch Gott und überhöre mehr noch meine eigenen Bedürfnisse. Stress deckt vieles zu, dass mir dann erst in der Ruhe bewusst wird. Trauern nach schweren Verlusten, überschwängliche Freuden bei Taufen und Trauungen – das geschieht am besten, wenn man frei hat, den Kopf frei hat, auch Tage oder Wochen danach.

Urlaub ist eben nicht nur auf der faulenden Haut liegen – das auch – Urlaub ist oft enorme Anspannung, tiefes In-Sich-Gehen. Wer schon Bildungs-, Pflege-, Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlaube genommen hat, weiß wie anstrengend und aufreibend solche Urlaubsphasen sein können. Im Urlaub finden wir nicht unbedingt ein besseres aber bestimmt ein anders Leben.

Glücklich, selig dann all jene, die gemäß dem Bild vom ewigen Sabbat sagen können:

„Ich arbeite doch nicht, ich vergnüge mich unter der Woche 8 bis 14 Stunden täglich.“

Ich kümmere mich um andere, nehme mir Zeit für tägliche Handgriffe, bei mir kommen die Menschen zuerst. Das ist und bleibt doch das Wichtigste. Seien wir Herren und Frauen über unsere freie Zeit – frei um nachzudenken und auf neue Ideen zu kommen und um unsere Freiheit auch außerhalb der Freizeit wieder zu entdecken.

Und im Urlaub lässt sich ganz besonders gut auf Gottes Stimme hören.

Amen

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