04. Oktober 2009
 

Harald Kluge

„Gegen die Traurigkeit

für mehr Lebensfreude.“

 

Aus dem Japanischen Reformierten Katechismus Frage 1

Die Freude ist das A und O des Evangeliums.

Was ist das für eine Freude?

Es ist die Freude darüber, dass ich den Heiligen Geist, die Kraft aus Gott empfange. Er macht mich zu Gottes Kind, durch den ich Gott, den Vater des Herren Jesus Christus, als meinen und unseren Vater anrufen darf. Gott ist meine Freude und mein Ruhm.

 

Liebe Gemeinde!

„Schwarz wie seine Tracht, war seine Lehre.

Freuden des Lebens kannte er nicht.“

In zwei deprimierenden Sätzen wird hier der Reformator Johannes Calvin beschrieben. Vor wenigen Wochen hat sich die kleinformatige meistgelesene Tageszeitung in unserem Lande dieses Franzosen Calvin angenommen. Unter dem Titel: „Schwarz wie seine Tracht, war seine Lehre. Freuden des Lebens kannte er nicht.“ Calvin – the man in black - der Mann in Schwarz. Ein kranker, gebrechlicher, aber ebenso brutaler, kompromissloser Machtmensch, der mit voller Härte gegen Andersdenkende vorgegangen sein soll. So stellen ihn viele dar und diese Darstellung hat sich auch in manchen Geschichtsbüchern erhalten.

Wenn dann auch noch über uns Reformierte gefaselt wird, wir seien total lustfeindlich, würden immer nur an die Arbeit denken und wir würden dem irren Gedanken aufsitzen, an unserem Erfolg und Reichtum zeige sich unsere Erwählung von Gott … dann ist es gerade richtig an der Zeit für einige Richtigstellungen.

Gegen die Traurigkeit und für mehr Lebensfreude – das soll eine Seite Johannes Calvins beleuchten, die wohl weniger häufig zur Sprache kommt, aber in heutiger Zeit besonders wichtig ist. Denn an Lebensfreude fehlt`s allerorten – außer vielleicht bei „Wetten dass …?“ und beim „Musikantenstadl“. Wenn ich heute hier oben von der Kanzel aus gegen die Traurigkeit und für mehr Lebensfreude predigen will, dann sollen zwei Männer, Paulus und Calvin, zu Wort kommen, die ihnen kaum einfallen, wenn ich Sie bitte, an Frohnaturen der christlichen Religion zu denken.

Für mehr Lebensfreude. Ein Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Philippi kreist um dieses Thema und er hat insgesamt einen freudig-positiven Grundton. Der Apostel Paulus schreibt an die Christengemeinde in Philippi.

Ich danke meinem Gott, sooft ich an euch denke, wenn immer ich für euch alle bitte und voll Freude für euch eintrete im Gebet: Ich danke dafür, dass ihr am Evangelium teilhabt, vom ersten Tag an bis heute, und ich bin dessen gewiss, dass er, der das gute Werk in euch angefangen hat, es bis zum Tag Christi Jesu auch vollendet haben wird.

Es ist auch nichts als recht, dass ich so von euch allen denke. Denn ihr wohnt in meinem Herzen, und an der Gnade, die ich im Gefängnis und vor Gericht bei der Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums erfahren habe, habt ihr alle teil.

Gott ist mein Zeuge: Ich sehne mich nach euch allen, so wie auch Christus Jesus herzlich nach euch verlangt.

Und ich bete dafür, dass eure Liebe reicher und reicher werde an Erkenntnis und zu umfassender Einsicht gelangt, und dass ihr so zu prüfen vermögt, worauf es ankommt; dann werdet ihr rein sein und ohne Tadel am Tag Christi, erfüllt von der Frucht der Gerechtigkeit, die Jesus Christus wirkt, zur Ehre und zum Lob Gottes. Philipper 1,3-11

Liebe Gemeinde!

Ich gebe zu, es fällt mir heute ein wenig schwerer als sonst, meine Kleidung mit dem Predigtthema in Einklang zu bringen. Evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer sind die Frauen und Männer in Schwarz. Und in einem schwarzen Talar, freudig, spritzig, lustig zu wirken … glauben sie mir, das fällt einem schwer. Manche Kinder bekommen erst einmal einen Schreck, wenn sie in der Kirche den Pfarrer sehen. Groß, breit, schwarz mit lauter Stimme. Ein kleiner Bub hat bei einer Taufe hier in der Kirche mal zu mir gesagt: „Du machst mir Angst in dem Schwarz. Das Lächeln passt nicht zum Kittel.“ Ich könnte natürlich den Trick anwenden, wie es manche Kollegen tun, einen Farbklecks in Form einer bunten Stola überzuwerfen. Aber dem steht – soweit ich weiß - noch die offizielle Kleiderordnung der evangelischen Kirche H.B. in Österreich entgegen. Ich darf einfach nicht. Außer das Presbyterium würde es genehmigen. Also rede ich als Mann in Schwarz – Mit Johnny Cash könnte man fragen: „You wonder why I am always wearing black? And you never see bright colours on my back? And why does my appearance seem to have a somber tone …“

Warum tragen wir immer Schwarz? Warum tragen wir nie leuchtende Farben und warum hat unsere Erscheinung immer einen düsteren Ton? Ist es für uns Pfarrer die Last der Verantwortung? Sind wir verhinderte Grufties? Oder sehen wir womöglich vieles in der Welt schwarz und düster? Immerhin glauben wir an die Endzeit. Und das Klima wird auch nicht besser genauso wenig wie die Nachrichten von Morgen. Gewalt, Tod, Katastrophen, Gemeinheit und Bosheit … da könnte ich den Glauben an das Gute im Menschen schon verlieren. Wenn ich ihn je gehabt hätte. Seit Kain wissen wir, welches Gewaltpotential in jedem Manne steckt. Machen wir uns nichts vor. Aber wir tragen nicht schwarz, weil wir schwarz für unsere Zukunft sehen würden. Schon Johannes Calvin musste sich gegen Leute wehren, die ihm vorwarfen, er trage immerzu schwarz – frühmorgens, mittags und abends. Wahrscheinlich war sogar sein Nachthemd schwarz.

Für Calvin gilt, ob jemand tagein, tagaus nur Schwarz, oder nur in roter Kleidung durch die Gegend zieht, vielleicht mit Pradaschuhen … das geht bitte schön niemanden was an. Gedanken sind frei. Kleidungsstile sind frei. Calvin haben manche vorgeworfen ein finsterer Typ zu sein. Er habe immerhin in der Stadt Genf alles verboten, was Spaß und Freude macht, hat man verbreitet. Das Tanzen, das Spielen und Theateraufführungen waren untersagt und Gaststätten wurden geschlossen.

Erstens muss man hier entgegnen, dass schon vor Calvins Reformationsbestrebungen in Genf es solche Regelungen gegeben hat. Zweitens hatte Calvin keine gemeinderätliche Stellung, aus der heraus er solche Regelungen allein hätte verordnen können. Und drittens hatten manche Verbote auch aus heutiger Sicht durchaus Sinn. Manche Männer haben ihr hart verdientes Geld beim Saufen oder beim Glücksspiel verloren und haben sich und ihre Familien durch blödsinniges Wetten um Hab und Gut gebracht. Dass bei Tanzveranstaltungen manche Frauen um ihre Ehre und noch viel mehr haben bangen müssen, war wohl mit Grund für die Untersagung mancher Events.

Calvin war kein Reformator der traurigen Gestalt. Dagegen hat er sich gewehrt, in seinen Schriften und seinen Predigten. All das, was uns Gott, der Schöpfer hier auf Erden bietet, die ganze Palette an schönen Dingen und Lebewesen – wie wir es in Psalm 104 zu Beginn gehört haben – all das hat nicht nur einfach einen Zweck oder einen Nutzen für uns. Wir leben ja wohl in einer Zeit, wo immer nach dem Nutzen, dem Zweck, dem innewohnenden Produktivitätspotential, der Vermarktungschance gefragt wird. Alles nur vom Nutzen für uns zu betrachten, das ist aber eine unmenschliche Philosophie – Utilitarismus in seiner schrecklichen Form. Seine fünf Sinne zu verleugnen, die Lust am Duft der Blumen, am Duft feiner Öle und Parfums sich zu berauschen, die Farbenpracht der Blätter und Blüten und die Schönheit der Natur und Menschen … all das Bezaubernde zu verleugnen, wäre so als würde man zu einem „Klotz“ mutieren, hat Calvin mal geschrieben. Früchte der Felder und alle Nahrungsmittel etwa seien – so Calvin – nicht bloß für unsere Notdurft erschaffen. Nichts ist einfach nur da, um zweckdienlich oder einträglich zu sein. Alles hat über die Stillung der Notwendigkeit hinausreichende Zwecke. Essen soll ernähren, aber auch gut schmecken, gut riechen, gut ausschauen. Das Auge isst mit und die Nase isst mit. Selbst über die Kleidung hat Calvin gemeint, sie solle anmutiges Aussehen verleihen. Und man müsse Gott loben und preisen für solche wunderbaren Schätze, wie Gold, Edelsteine, Silber, Marmor und Elfenbein. Wenn man Calvin so liest, könnte man fast zum Schluss kommen, hier schreibt ein Genussmensch.

„Wenn einer bei wohlschmeckendem Wein bereits Bedenken hat, so wird er bald nicht einmal gemeinen Krätzer mit gutem Frieden seines Gewissens trinken können, und am Ende wird er nicht einmal mehr wagen, Wasser anzurühren. Kurz, er wird schließlich dahin kommen, dass er es für Sünde hält, über einen quer im Wege liegenden Grashalm zu gehen.“

(Inst. III, 19, 7)

Sich aller Freuden im Leben zu enthalten, nur nach dem Notwendigen zu fragen, auch das kann meine Seele krank machen. Und das wird dem Schöpfungsgeschehen nicht gerecht. Gott will gelobt sein, für all das Schöne und Wundervolle, das er uns schenkt. Wenn wir an all das um uns herum denken – unsere Familien, die Menschen, die uns nahe stehen, die Bäume vorm Fenster im Hof, die Seen und Flüsse, Meere und Tiere – für all das müssen wir Gott dankbar sein. Und an all dem sollen wir uns erfreuen! Und wir müssen es erhalten!

So kann in großer Traurigkeit durchaus gerade das Gefühl von Dankbarkeit für das Gewesene helfen, über die Trauer hinwegzukommen. Denken wir an verstorbene Freunde, dann hilft es, sich im größten Moment von Traurigkeit, wenn die Tränen hochsteigen, an all das gemeinsam Erlebte zu erinnern. Freudiger Dank an alles, was hat sein dürfen. Auch wenn es uns ganz hart im Leben trifft, auch wenn wir „gesündigt haben“, schreibt Calvin, sollen wir uns nicht in zu großer Traurigkeit verlieren.

„Es ist nirgendwo untersagt, zu lachen oder sich zu sättigen oder neue Besitztümer mit dem alten, ererbten zu verbinden oder zum Klang der Musik sich zu erfreuen oder Wein zu trinken.“                                       (Inst. III 19, 9)

Die andere Gefahr ist natürlich, sich als Gourmet im Genuss zu verlieren. Wo alles im Leben dem Genuss untergeordnet wird, droht die Gefahr, sich zu verlieren.

„Was wir zum Leben haben, soll uns aufrechterhalten und stärken, nicht aber erdrücken und lähmen.“

„Gott ernährt uns, damit wir leben und nicht schlemmen.“

(Inst. III, 19, 9)

Paulus drückt es im Philipperbreif in 4,11f. so aus:

„Ich sage all das nicht, weil mir etwas fehlt; ich habe nämlich gelernt, in allen Lagen unabhängig zu sein. Ich kann bescheiden leben, ich kann aber auch im Überfluss leben; in alles und jedes bin ich eingeweiht: satt zu werden und Hunger zu leiden, Überfluss zu haben und Mangel zu leiden.“

Maßvoll, bescheiden, überlegt konsumieren – das mag ein Rezept in der heutigen Zeit sein, dass wir durchaus von Calvin und Paulus übernehmen könnten. Heute spricht man etwa von „Downgrading“. Nicht mehr das teuerste und meist komplizierte und modernste und vom Verbrauch Strom/Benzin intensivste Produkt wird mehr gewünscht. Sondern sparsame Autos, unkomplizierte und simple Handys, Computerbetriebssysteme, Fernbedienungen liegen im Trend. Gegen unmäßige Gier, maßlose Vergeudung, übertriebene Eitelkeiten … da soll das Übernehmen von Verantwortung helfen. Verantwortung übernehmen und Lust dabei empfinden – eine interessante Allianz. Protestieren und Handeln für Nachhaltigkeit und eine zukunftsfähige Wirtschaft. Mit Dankbarkeit sollen wir uns den Freuden im Leben hingeben.

„Wer sich in dieser Weise freuen kann, wird auch bereit sein, Traurigkeit zu ertragen, sooft es denn Gottes Wille ist.“

Calvin und Paulus – beide, denke ich, könnten im Unterrichtsfach GLÜCK an unseren Schulen, das neu eingeführt werden soll, durchaus manches beitragen. Mit Paulus könne man darauf verweisen: Es braucht Liebe zum Leben und zu den Menschen und zu sich selbst und zu Gott. Es braucht Erkenntnis und Einsicht und es ist wichtig immer neu zu prüfen, worauf es im Leben ankommt. Und gegen die Trauer, und für den Trost in schwerer Stunde, als Weg zu neuer Lebensfreude kann der Gedanken helfen, den Calvin in manchen seiner unzähligen Trostbriefe ausdrückt:

„Mitten in allen Nöten wollen wir uns an das Wort St. Pauli erinnern: Freuet euch in dem Herrn. Liebe Brüder, allewege, und abermals sage ich: Freut euch!, dann werden wir einen unüberwindlichen Mut haben in all unseren Trübsalen.“

Amen

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