08.
November 2009
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Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns in den Himmeln gesegnet hat mit allem geistlichen Segen durch Christus. Denn durch ihn hat er uns erwählt vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und makellos seien vor ihm, in Liebe. Er hat uns schon seit langem dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden durch Jesus Christus, nach seinem gnädigen Willen, zum Lobpreis seiner herrlichen Gnade, mit der er uns beschenkt hat in seinem geliebten Sohn. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Verfehlungen. So reich ist seine Gnade, mit der er uns überschüttet hat: Alle Weisheit und alle Einsicht ließ er uns zuteil werden, indem er uns das Geheimnis seines Willens kundgetan hat, das darin besteht, in ihm sein Wohlgefallen für alle sichtbar zu machen. So wollte er die Fülle der Zeiten herbeiführen und in Christus alle zusammenfassen – alles im Himmel und alles auf Erden – in ihm. In ihm sind wir auch sein Eigentum geworden, schon seit langem dazu bestimmt nach dem Vorsatz dessen, der alles ins Werk setzt nach der Festlegung seines Willens: Dem Lob seiner Herrlichkeit sollten wir dienen, die wir schon lange unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben. In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, vernommen habt, in ihm seid ihr als Glaubende auch versiegelt worden durch den Geist der Verheißung, den heiligen Geist. Er ist ein erster Anteil unseres Erbes, er wirkt auf unsere Erlösung hin zum Lob seiner Herrlichkeit. Eph 1,3-14 (Zürcher Bibel 2007)
Viele fühlen sich berufen, wenige werden auserwählt, und nur einer oder ein Team kann letztlich gewinnen. Das ist die Grundregel jeder Casting-Show. Ob Starmania, Dancing Star, Taxi Orange oder Big Brother: Alle Welt ist im Casting-Fieber. Die Formate versprechen Herrn und Frau Jedermann, wenigstens für die sprichwörtlichen fünfzehn Minuten, die Andy Warhol hellsichtig prophezeite, flüchtigen Ruhm in den Massenmedien zu erlangen. Wenigstens einmal im Leben ein jemand und nicht ein namenloser Niemand zu sein. Manche Sendeformate wollen uns weismachen, es ginge um Talent und Leistung der Kurzzeit-Stars. Sie sollen singen und tanzen können oder eine tolle Figur haben und den Catwalk auf dem Laufsteg beherrschen. Andere Formate wiederum nehmen sich wie eine pervertierte und trivialisierte Version der biblischen Botschaft von der Rechtfertigung ohne Werke aus. Da werden dann diejenigen zu Stars gekürt, die überhaupt keine Leistungen vorzuweisen haben, mit deren Bildungsferne, Untalentiertheit und Gewöhnlichkeit sich aber die Zuschauer identifizieren können. Casting-Shows setzen die Mitwirkenden einem ultimativen Belastungstest aus. Nur wenige schaffen überhaupt die Vorauswahl. Auf dem Weg ins Fernsehen lassen sich die die Kandidatinnen und Kandidaten jede erdenkliche Art von Demütigung gefallen. Das kann vom Striptease und einem Kuss unter Frauen bis zum gemimten Orgasmus reichen. Was am Arbeitsplatz als massive Form der sexuellen Belästigung verurteilt würde, sorgt im Unterschichten-Fernsehen für Quote. Kandidaten werden bis an ihre Ekelgrenze getestet, zum Beispiel im Dschungelcamp. Dabei sind sie dem gnadenlosen Urteil einer Jury ausgesetzt, deren Lust an sadistischer Machtausübung keine Grenzen zu kennen scheint. Wer es bis in die Endrunde auf dem Bildschirm schafft, setzt sich weiteren Torturen zwischen Bangen und Hoffen, zwischen Triumph und Absturz, Lob und vernichtendem Verriss aus: Zwischen kurzfristiger Prominenz und öffentlicher Demütigung, bei der letztlich die Entwürdigung und seelische Zerstörung der Person in Kauf genommen wird. Man fühlt sich dabei in den römischen Zirkus zurückversetzt, in dem Gladiatoren gegeneinander oder mit wilden Tieren um ihr Leben kämpfen mussten und der Imperator mit einer kleinen Auf- oder Abwärtsbewegung seines Daumens über Leben und Tod entschied. Begleitet wird das Spektakel öffentlicher Apotheosen und Hinrichtungen von marktschreierischer Berichterstattung in den Printmedien. Hier kann, wem nichts zu peinlich ist, an den öffentlichen Schlammschlachten zwischen Kandidaten und Juroren teilhaben und voyeuristische Hintergrundinformationen über Kindheit und sexuelle Vorlieben der Möchtegern-Promimenten nachlesen. Was die Kandidatinnen und Kandidaten antreibt, ist der Traum vom anderen Leben, von Bedeutsamkeit und Ruhm. Doch da haben sie die Rechnung ohne die Fernsehproduzenten gemacht. Denen geht es in Wahrheit gar nicht darum, neue Stars zu entdecken, sondern um Kleindarsteller in einem Drama, dessen Drehbuch kein Happy End kennt. Die Kandidaten der Casting-Shows werden verbraucht wie Wegwerfartikel und wieder in die Welt der Namenlosen ausgespuckt. Die Erniedrigung von Menschen am Bildschirm ist das Spiegelbild von alltäglichen Demütigungen am Arbeitsplatz. Big Brother findet in der Realität statt, wenn Arbeitnehmer heimlich auf der Toilette überwacht oder ihre Krankenstandsdaten illegal an unbefugten Dritte weitergeben werden. Das Kontrastprogramm zu diesem medialen Spiegelbild unserer Gesellschaft, in der nur die Stärksten überleben, finden wir in der Bibel. Sie berichtet in großer Aufmachung von einem Casting ganz anderer Art. Wenn sie von Erwählung spricht, dann gerade nicht von einem solchen zynischen Auswahlverfahren, wie wir es tagtäglich im Fernsehen oder auch im Alltag erleben können, sondern von einer Wahl, die den Geist der Gnade und der Barmherzigkeit atmet, den Geist der Liebe und der Wertschätzung. In Liebe, so lesen wir im Predigttext, hat uns Gott in Jesus Christus erwählt. Zu seinen Söhnen und Töchtern hat er uns bestimmt, die eine unveräußerliche Würde haben. Dass uns Gott, wie es im Epheserbrief heißt, vor Grundlegung der Welt in Christus erwählt hat, war Calvin so wichtig, dass er darüber nicht nur viel geschrieben, sondern auch immer wieder ausführlich gepredigt hat. Seine Predigen kreisen nicht um philosophische Probleme eines deterministischen Weltbildes, sondern um die existentielle Frage, ob es so etwas wie unbedingte Gewissheit im Leben und im Sterben geben kann. Glaube im christlichen Sinne des Wortes bedeutet nichts anderes als die unbedingte Gewissheit, von Gott ganz und gar geliebt und angenommen zu sein. Das hat schon Martin Luther gesagt, und ganz so sagt es auch Calvin. So formulierte er es auch in der Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche seiner Tage. In einem 1547 erschienenen Kommentar zur Rechtfertigungslehre des Trienter Konzils schrieb er: „Die Zerstörung des Glaubens und die Aufhebung der Gewissheit ist ein und dasselbe.“ Wie Luther dachte Calvin radikal von der Rechtfertigung und Annahme des sündigen Menschen durch Gott. Die Gewissheit und Zuversicht des Glaubens gründet in keinster Weise in uns selbst, in unseren moralischen Qualitäten, unseren religiösen Leistungen, unserer Frömmigkeit oder unserer Lebensleistung. Sie gründet allein in Gott, der sich uns in Jesus Christus offenbart hat. Nur wenn wir glauben dürfen, dass uns Gott wirklich bedingungslos und in Ewigkeit liebt, können wir seiner Liebe gewiss sein und ihm im Leben wie im Sterben vertrauen. Genau das bringt der Epheserbrief, auf den sich auch Calvin beruft, durch den Gedanken der Erwählung zum Ausdruck. Was im Neuen Testament über die Erwählung der Glaubenden geschrieben wird, das wird nach Calvin „deshalb gesagt, damit alle Kinder Gottes in vollem Vertrauen auf einen solchen Hüter ihres Heils nicht zweifeln, dass sie mitten unter den Gefahren in Sicherheit sind, ja, damit sie in der Bedrängnis von unermesslichen Gefahren darauf vertrauen, dass ihr Heil außer Gefahr ist, weil es in Gottes Hand ist“. Das waren für Calvin und seine Glaubensgenossen nicht irgendwelche frommen Sprüche, sondern Halt und Trost in äußerster Bedrängnis und Verfolgung. Wie er selbst mussten viele Anhänger der Reformation aus Frankreich flüchten. Sie fanden Zuflucht in Genf, in Straßburg oder auch am Niederrhein. Die dortigen reformierten Gemeinden waren Gemeinden unter dem Kreuz. „Für jene“, so der Reformationshistoriker Heiko A. Oberman, „die keinen dauerhaften Aufenthaltsort, ja nicht einmal einen festen Platz hatten, an dem sie sich schlafen legen konnten, die weder einen gültigen Pass noch eine Aufenthaltsgenehmigung ihr Eigen nannten, wurde die Prädestination zum Ausweis ihrer Identität.“ Solchen inneren Halt fand Calvin namentlich bei Paulus, sei es im Römerbrief, im 2. Timotheusbrief oder eben im Epheserbrief. Dieser Brief will ja von Paulus im Gefängnis geschrieben sein. Er ist wohl von einem unbekannten Paulusschüler verfasst, dem die Leser des Briefes offenbar nicht bekannt sind, währen doch Paulus in Wirklichkeit die Gemeinde in Ephesus persönlich aufgebaut hat. Die Einzelheiten tun hier nichts zur Sache. Worauf es aber über uns ankommt, ist, dass der Kontext der Erwählungslehre im Epheserbrief wie für Calvin die Erfahrung von Verfolgung und Bedrängnis ist. Wie dem Epheserbrief geht es auch Calvin nicht allein um die Erwählungsgewissheit des Einzelnen, sondern um Trost und Gewissheit für die bedrängte Gemeinde. In Christus erwählt sein, das heißt im Epheserbrief, zur Gemeinde zu gehören. Darum bildet eine Meditation über die Kirche als Leib Christi die gedankliche Mitte des Briefes. Und kongenial steht auch bei Calvin die Kirche im Zentrum seiner Theologie. Nun könnte man den Erwählungsgedanke missverstehen, als spräche aus ihm ein übersteigertes Elitebewusstsein. Wir kennen genügend religiöse Gemeinschaften und Sekten, in denen der biblische Erwählungsgedanke auf diese Weise verstanden wird. Denen, die sich im sonstigen Leben unbeachtet und unbedeutend fühlen, verleiht das Erwählungsbewusstsein ein neues Selbstwertgefühl, bis dahin, dass man sich religiös und moralisch über andere erhebt und Allmachtsphantasien entwickelt, die sich aus der vermeintlichen Teilhabe an der Allmacht Gottes speisen. Wie Calvin allerdings einschärft, gehen solche Vorstellungen ganz an der Aussage des Epheserbriefes vorbei. Immer wieder betont er, dass uns gerade der Umstand unserer Erwählung daran erinnere, dass wir von uns aus überhaupt keine besonderen Qualitäten und Leistungen vorzuweisen haben, die in irgendeiner Weise ein Elitebewusstsein rechtfertigen würden. Wenn es im Predigtext heißt, wir seien dazu bestimmt, vor Gott makellos und heilig zu sein, dann ist, wie Calvin richtig feststellt, nicht von der Ursache oder dem Grund unserer Erwählung die Rede, sondern von ihrer Wirkung. Zur Wirkung der Erwählung gehört, wie Calvin hinzufügt, die Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Durch ihn geht uns auf, dass wir in Christus und nur in ihm von Gott angenommen und geliebt sind. Oder mit Calvins eigenen Worten: „Suchen wir Gottes väterliche Freundlichkeit und sein uns gnädiges Herz, so müssen wir zunächst unsere Augen auf Christus richten, auf dem allein des Vaters Wohlgefallen ruht!“ Aber dazu müssen uns eben erst die Augen geöffnet werden, damit wir in Christi Leben und Sterben Gottes Wohlgefallen für alle Menschen erkennen. Was das Evangelium verkündigt, wird durch den Heiligen Geist besiegelt, wie es im Predigttext heißt. Calvin verwendet das Bild des Siegels, um den Sinn von Taufe und Abendmahl verständlich zu machen. Wie eine Urkunde erst durch das Siegel ihre Gültigkeit erlangt, so bedarf auch das Evangelium seiner Bestätigung. Taufe und Abendmahl haben keine magische Wirkung, sondern sie sind die sichtbaren Zeichen, mit denen uns die Wahrheit des Evangeliums bekräftigt und durch die wir im Glauben bestärkt werden sollen. Calvins klare Aussagen über die Tröstlichkeit und befreiende Wirkung des biblischen Erwählungsgedankens werden bei ihm freilich durch die Überzeugung verdunkelt, es gebe mit Sicherheit Menschen, die Gott nicht erwählt, sondern auf ewig verdammt habe. Für Calvin ist dieser furchtbare Ratschluss Gottes, dieses „decretum horribile“, die unerbittliche logische Konsequenz des Erwählungsglaubens. Wenn die Glaubenden von Gott erwählt sind, dann müsse man folgern, „dass nicht nur jeder einzelne außerhalb seiner selbst erwählt ist, sondern auch die einen aus den anderen ausgesondert sind; denn“ – so lautet Calvins Begründung – „wir sehen ja, dass nicht alle Menschen Christi Glieder sind!“ Gewiss, Calvin hat selbst gewarnt: „Nichts ist gefährlicher, als den geheimen Ratschluss Gottes zu erforschen, um von daher die Kenntnis unserer Erwählung zu verschaffen. Das ist eben der Abgrund, der uns in den Untergang verschlingt.“ Und weiter: „Der Weg, hier Nachforschungen zu treffen, soll für uns also der sein, dass wir bei Gottes Berufung den Ausgang nehmen und mit ihr auch schließen!“ Aber es scheint, als seien Calvin und seine Schüler von diesem rechten Weg abgewichen. Man gewinnt den Eindruck, als ob die reformierte Erwählungslehre ihren Höhepunkt erreichte, als sie auf die Verwerfung schloss, und entgegen Calvins eigenen Mahnungen versuchte, in Gottes ewigen Ratschluss einzudringen. Und so mutierte die Erwählungslehre von einer Botschaft, die von Angst befreit und Zuversicht stiftet, zu einer Botschaft, die verängstigt und Glaubenszweifel nährt. Ein ganz nach eigenem Gutdünken erwählender und verwerfender Gott, der niemandem Rechenschaft schuldig ist, kommt uns als Inbegriff reiner Willkür und Unberechenbarkeit vor, als das genaue Gegenteil von Liebe und Barmherzigkeit: gewissermaßen als kosmische Heidi Klum oder überirdischer Dieter Bohlen, die eine kosmische Casting-Show veranstalten, gegen die alle Casting-Shows dieser Welt wie ein mickriges Laientheater wirken, weil es hier nun wirklich um Himmel und Hölle, um ewige Seligkeit und ewige Verdammnis geht. Calvin und der reformierten Tradition nach ihm ist offenbar entgangen, dass der Epheserbrief nur vom Gottes Erwählen, nicht aber auch von seinem Verdammen spricht. So gewiss das Neue Testament um das Gericht weiß, so wenig wird dieses im Epheserbrief zum Gegenstand der Meditation. Im unserem Predigttext steht nichts von der Verdammung von Menschen durch Gott. Vielmehr lesen wir dort, dass Gott in Christus einzig sein Wohlgefallen für alle sichtbar gemacht hat und dass er in Christus alle Menschen, ja das ganze All – Himmel und Erde – zusammenfassen und zusammenbringen will. Ob man daraus auf eine Allversöhnung schließen darf? Gewiss nicht im Sinne eine ebenso metaphysischen Spekulation, wie es die Lehre von der ewigen Verdammnis eines Teils der Menschheit ist. Aber Karl Barth hat doch richtig gesehen, dass nach dem biblischen Zeugnis alle Menschen in Christus verworfen und zugleich zum ewigen Leben bestimmt sind, und hat die Erwählungslehre Calvins in diesem Punkt kritisiert. Es bleibt allerdings Gottes Geheimnis, auf welche Weise er seinen Heilswillen für seine ganze Schöpfung verwirklichen wird. Wir sind nicht zum Spekulieren, sondern zum Glauben aufgerufen, nicht zum distanzierten Räsonnieren, sondern zum Hören. Nicht anderen, sondern uns sollen wir das Wort Gottes gesagt sein lassen und danach unser Leben ausrichten. Das meint: Wir sind erwählt – nicht gecastet.
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