11. Jänner 2009
 

Irmi Langer*
 

 

Dankst Du so dem Herrn, Deinem Gott, Du tolles und törichtes Volk?

Ist er nicht Dein Vater und Dein Herr?

Ist’s nicht er allein, der Dich gemacht und bereitet hat?

Gedenke der vorigen Zeiten und hab acht auf die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht.

Frage Deinen Vater, der wird Dir’s verkünden,

Deine Ältesten, die werden Dir’s kundtun.
Dtn 32,6f

 

Liebe Gemeinde!

Eigentlich hätte ich gerade eben singen müssen. Denn bei jenen Zeilen handelt es sich um ein Lied. Es ist jenes Lied, das Mose kurz vor seinem Tod der Schar der Israeliten vorträgt. Es ist quasi sein Abschiedslied. Kurz und prägnant fasst er dabei nochmals das Wichtigste für die Zukunft zusammen. Und ist die Melodie erstmal im Ohr des Hörers, kann sie immer wieder und leicht wiederholt werden. Und wiederholen sollen die Israeliten das eben Gehörte. Es sind nämlich Mahnungen.

Nun haben es solch Appelle aber so an sich, dass sie nicht gerne gehört werden.

- Dankt ihr so dem Herrn?, ruft Mose

Diese Frage trägt die Antwort bereits in sich. Was mag sie also für eine Reaktion bei den Zuhörern ausgelöst haben?

Vielleicht war sie ähnlich der eines Kindes. Von frühen Kindesbeinen an wächst es mit der pädagogischen (Binsen-) Weisheit heran: Nun sag aber mal schön Danke! Nur selten wird das Kind dieser Aufforderung freudig nachkommen. Möglicherweise bekommt man ein leises „Danke“ zu hören. Wahrscheinlicher aber zuckt das Kind bloß die Schultern, setzt sich trotzig woanders hin oder sucht gar das Weite.

Erwachsene haben diese Lektion später bereits gelernt. Manieren und gutes Benehmen nennt man solch Verhalten dann. Manch einer tut sich aber bis ins hohe Alter dennoch schwer – gerade dann, wenn der Dank nur allzu offensichtlich erwartet wird oder dieser gar eine Verpflichtung gleichkommt.

Mir fällt dazu meine Lieblingsgeschichte vom bereits verstorbenen Autor und Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawick ein. Sie findet sich in seinem bekanntesten Werk, der „Anleitung zum Unglücklichsein“:

Ein Mann beabsichtigt ein Bild aufzuhängen. Den Nagel hat, den benötigten Hammer kann er im Moment jedoch nicht finden. Also beschließt er, diesen vom Nachbar auszuleihen. Am Weg dorthin tauchen jedoch die ersten unsicheren Gedanken auf. Hat der Nachbar nicht erst neulich so unfreundlich gegrüßt. Vielleicht mag er ihm den Hammer ja gar nicht leihen? Andererseits ist das ja keine große Sache. Man selbst würde in einem solchen Fall doch gerne aushelfen. Ist ja nichts dabei. Aber vielleicht denkt der Nachbar dann, man sei auf ihn angewiesen?

Kaum dass der Nachbar schließlich die Tür geöffnet hat, schreit ihn unser Mann aus dem Nichts heraus an: „Behalten sie doch ihren blöden Hammer selber, Sie Rüpel!“

Mag sein, dass der Protagonist dieser Geschichte nicht in der Schuld des Nachbarn stehen wollte. So stürzt er sich lieber noch mehr ins eigene Unglück. Denn nun hat er nicht nur keinen Hammer, nein dazu kommt nun auch noch ein verärgerter Nachbar.

 

Doch bevor man zum Dank verpflichtet wird, bleibt man doch lieber unabhängig. Erwartungen wird nicht immer gerne entsprochen. Und ein erwarteter Dank entspringt ohnedies mehr einem Affekt des Anstands und einem Imperativ der Moral.

Dabei kann eine Dankesbekundung, die man erhält, doch zu einem wunderschönen Moment werden. Ein großer Schokoladenhersteller zeigt dies eindrücklich vor, wenn er seine namensgleichen Pralinen in der TV-Werbung mit rührseligen Bildern präsentiert. Und ein gereifter Kärntner Schlagerstar bringt noch heute zahlreiche Damenherzen mit seinen gehauchten zwei Schokoladenmarken hinter einander zum Schmelzen – Merci, Cherie!

Und schließlich ist DANKE ja auch jenes Wort, das man am schnellsten nach „Grüß Gott“ in einer Fremdsprache erlernt:

Thank You – Merci – Grazie – Grazias – Tack – Cpaciba – teschekürr

Doch so selbstverständlich es uns vielleicht in allen erdenklichen Sprachen über die Lippen kommt, und so gerne wir es auch zu hören bekommen, in der eigenen Sprache fällt es uns doch manchmal schwer, es auszusprechen.

 

Dabei ist die Dankbarkeit nicht nur ein Gebot des guten Benehmens, sondern sie gehört zu den guten Eigenschaften eines jeden Menschen. Cicero, der kluge Kopf der römischen Antike, hat sie sogar zur größten, nämlich zur Mutter aller Tugenden erklärt. Denn nichts ist umsonst. Und nicht alles wird in gleicher Münze zurückgezahlt. Was aber bleibt und was immer entlohnt ist der Dank. Die Anerkennung ist jenes Maß, das unseren Zusammenhalt gewährleistet. Entlohnt im Beruf, in der Arbeit das Geld am Ende des Monats am Konto, so wird die Wertschätzung in der Familie, bei Freunden, schlichtweg in unserem sozialen Umfeld durch den Dank ausgedrückt.

Doch dazu braucht es die Erinnerung. Man muss wahrnehmen könne, was einem alles Gutes widerfahren ist – und nicht zuletzt heißt ein gängiges Sprichwort: Die Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens.

 

Doch wie steht es nun mit dem Volk der Israeliten? Erinnert es sich der vorangegangen Taten? Weiß es noch, was Gott mit Unterstützung des Mose an ihnen Gutes getan hat? Denken sie noch an ihren Auszug aus Ägypten, die wundersame Versorgung mit Nahrung in der Wüste und schließlich die Errettung aus dieser selbst? Nein, ihr Blick schweift gerade nicht zurück. Denn zur Zeit sind sie mit etwas ganz Anderem beschäftigt. Sie bereiten ihren Einzug in das Gelobte Land vor. Sie stehen an dessen Grenze und ihre Augen können den fruchtbaren Boden ihrer neuen Heimatstätte bereits sehen. Um innezuhalten haben sie keine Zeit, nach einem Rückblick steht ihnen nicht der Sinn, ihre Gedanken drängen nach vorne.

Doch Mose blickt zurück. Ihm kam die schnöde Aufgabe der Führung zu. Nun ist er am Ende seines Lebens angekommen. Er weiß, dass er das letzte Stück nicht mehr mit dem Volk gehen wird. Und in diese Situation hinein ruft er die Israeliten zum Dank auf.

ER schaut zurück. Und er fragt das Volk: Erinnert ihr Euch noch, was wir alles bis hier her durchgemacht haben. Wahrscheinlich hat er daraufhin in ratlose Gesichter gesehen. Denn er fährt fort: Wenn nicht, erkundigt Euch bei den Älteren unter uns! Lasst es Euch erzählen! Fragt nach, wie es war zur Zeit der Knechtschaft, der Not, der Entbehrungen.

Mose will kein Spielverderber sein. Er möchte die Vorfreude des Volkes nicht zügeln. Aber er möchte ihre Erinnerung wachrufen.

Doch das Volk der Israeliten scheint ein murrendes zu bleiben. So wie sie bereits kurz nach dem Auszug aus Ägypten gemault haben, so mürrisch dürften sie auch nun geblickt haben. Wozu gerade jetzt Gott danken? Ein Stück Weg liegt noch vor uns, einen Führungswechsel müssen wir auch noch vorbereiten. Es ist also noch jede Menge zu tun. Zum Danken bleibt wohl auch noch später Zeit – dann, wenn das Ziel erreicht, die ersten Hütten gebaut und die ersten Felder bestellt sind. Mose scheint sich da nicht so sicher zu sein, ob sie sich dann erinnern werden? Und so singt er sein Lied weiter. Entwirft ein Szenario der Zukunft, spricht von Abkehr und neuen Bedrohungen.

 

Liebe Gemeinde!

Mental unterscheiden wir uns gar nicht so sehr von dem Heiligen Volk unserer Urväter. Auch uns ist das Motschkern und Nörgeln nicht allzu fremd. Nicht ohne Grund wird dem Wiener grantig als Attribut zugeschrieben.

Und vielleicht fragt sich der ein oder andere von ihnen auch bereits etwas zwider, warum ich ausgerechnet heute soviel vom Danken rede. Es ist nicht Erntedank. Und Weihnachten ist nun auch längst vorüber. Genug haben Sie sich für gewünschte, ja sogar unerwünschte Geschenke und Glückwünsche bedankt. Mit Silvester haben Sie das alte Jahr hinter sich gelassen. Längst sind neue Pläne entworfen, frische Vorsätze gefasst. Voller Tatendrang und großer Energie sind Sie aus den Feiertagen in Ihren Alltag zurückgekehrt. Man blickt nicht zurück, man schaut nach vorne!

 

Es sei denn, jemanden quält noch ein schlechtes Gewissen oder eine Sorge plagt. Dann kann eine Charmeoffensive sicher nicht schaden. Man möchte schließlich niemanden verärgern. Denn nur allzu rasch kann sich eine gewonnene Sympathie in Unmut umschlagen. Fehlende Anerkennung kränkt. Sie verstimmt und macht bitter. Sie lässt einen nicht gleichgültig und wird ihm schlimmsten Fall mit gleicher Münze zurückgezahlt: Man entzieht der Person nämlich ebenfalls die Wertschätzung. Fortan braucht sie von einem nichts mehr erwarten und erhoffen.

 

Solch eine Reaktion kündigt Mose seiner Schar im weiteren Verlauf auch an. Die Israeliten werden ihre Errettung bald vergessen. Sie werden neue Prioritäten setzen, neue Ziele umzusetzen versuchen. Wenn sie allerdings wieder in Bedrängnis geraten, wenn ein Unheil über sie kommen wird, dann werden sie ihres Gottes wieder gedenken. Ihre Erinnerung wird wachgerufen werden. Sie werden in ihrer Not rufen und ihn bitten. Und beim ersten Anzeichen der Besserung – da wird der Platz zum Danken sein. So wird die Geschichte des Volkes Israel im Alten Testament seinen Lauf nehmen: Abkehr – Strafe und Not – Reue – Läuterung und Dank. Nicht nur einmal wird sich dieser Kreislauf wiederholen.

„Dem Himmel sei Dank“ dachten sich im Übrigen nicht nur die Israeliten. Bei fast allen frühen Völkern war es Brauch, die himmlischen Mächte durch Opferfeste wohlgesinnt zu machen.

Doch Mose kritisiert diese Haltung des Volkes. Nicht in Zeiten der Not und Bedrängnis soll man sich seines Gottes besinnen, nicht nur nach dem Erhalt wohlgefälliger Gaben seinem Gott danken.

Darum fordert er das Volk im Hier und Jetzt auf, seine Anerkennung zu zeigen. Allein der Blick in die Vergangenheit reicht schon aus, einen zufriedenen Standpunkt einnehmen zu können. Es braucht dazu nicht besonders großer Anlässe.

Denn so heißt es später auch im 1. Thessalonicherbrief – seid dankbar in allen Dingen.

Und ich ergänze: Mögen sie weit zurückliegen oder gerade erst unmittelbar passiert sein. Mögen sie auch noch so klein sein.

Für uns, die gerade den Scheideweg zwischen altem und neuem Jahr hinter sich gebracht haben, kann das bedeuten:

ein gesunder Schlaf, der uns morgens erfrischt erwachen lässt,

ein gutes Buch oder ein Film, der uns rührt,

eine unerwartete Geste oder das Lächeln eines Fremden auf der Straße,

der Sonnenschein, der nach Tagen des Nebels und der Nässe wiederkommt,

ein besonders wohlschmeckendes Essen oder das erste entspannte Niedersetzen nach einem anstrengenden Tag,

Freunde, die auch über Distanzen hinweg treu bleiben,

Menschen, die trotz stressiger Tage und schlechter Laune aufmerksam uns gegenüber bleiben,

das Dach über unserem Kopf und die Sicherheit, in der wir uns bewegen können.

Dem allen kann unser Dank entspringen.

Nicht aus einem augenscheinlichen Schuldgefühl heraus,

nicht wegen eines Gebots des Anstands,

nicht weil es gerade erwartet wird

und nicht weil es etwas besonders Schönes ist.

Kein bloßes Lippenbekenntnis, wie jenes des kleinen Kindes, soll es sein.

Sondern unser Dank soll der Wahrnehmung und dem Gedächtnis des Herzens entspringen, einem Herzen, das den kleinen Dingen unseres Lebens nicht gleichgültig gegenübersteht, sondern ein waches und aufmerksames Herz, das uns letztlich selbst freudig und zufrieden macht. Eine solche Haltung wird ihre Wirkung nie verfehlen, weder bei sich selbst, noch unter den Menschen noch vor Gott. Denn so schließt Mose sein Lied:

Es ist nicht ein leeres Wort an Euch, sondern es ist Euer Leben und durch dieses Wort werdet ihr lange leben.“ (Dtn 32,47)

 

AMEN

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*Mag.theol., Gemeindemitglied

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