24. Mai 2009
 

Irmi Langer*
 

 

 

Denn in sehnsüchtigem Verlangen wartet die Schöpfung auf das Offenbarwerden der Söhne und Töchter Gottes. Wurde die Schöpfung doch der Nichtigkeit unterworfen, nicht weil sie es wollte, sondern weil er, der sie unterworfen hat, es wollte – nicht ohne die Hoffnung aber, dass auch die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werde zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt, bis zum heutigen Tag.

Doch nicht nur dies; nein, auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe empfangen haben, auch wir seufzen miteinander und warten auf unsere Anerkennung als Söhne und Töchter, auf die Erlösung unseres Leibes.  Röm 8,19-23

 

Liebe Gemeinde!

Es sind vor allem Bilder, die der heutige Predigttext in mir wach werden lässt. Einzelne Wortassoziationen steigen in meinem Kopf empor und fügen sich langsam zusammen. Und wie ein Film beginnt es vor meinem geistigen Auge abzulaufen. 1. Szene, Großaufnahme:  erschrockene Augen, ein erstaunter Blick. Nach den ersten Sekunden der Überraschung wandelt sich dieser Gesichtausdruck à in Freude, Glück, vielleicht sogar ein leichter Schleier von Tränen ist in den Augenwinkel zu entdecken. Und ein ganz klein wenig ist hier auch etwas von Ängstlichkeit zu erahnen. Nun weitet sich der Winkel und der Raum sowie die beteiligten Personen werden sichtbar. Man erkennt, die Überraschung, die freudige Botschaft ist gelungen – ein neues Wesen kündigt sich an, ein Kind wird geboren werden.

 

Nach Tagen der Realisierung stellt sich jedoch bald schon so etwas wie Ernüchterung ein. Was gilt es alles zu besorgen, an was muss jetzt alles gedacht werden und welch große Verantwortung hat man ab nun zu tragen? Dazu stellen sich auch rasch die ersten kleinen Wehwehchen ein: Übelkeit, Gewichtszunahme, Wasser in den Beinen, womöglich sogar die ersten Krampfader.

 

Doch dann ist es da, das Baby! Unbändige Freude und eine Faszination, die man vorher noch für nichts anderes empfunden und gekannt hat, stellt sich ein. Dieses kleine Geschöpf ist ja noch so winzig und in seiner Winzigkeit so abhängig von einem selbst. Gerade anfangs weiß man aber noch nicht so recht, was es denn von einem möchte, wonach es ruft und was es braucht – da kann einem schon einmal ein Seufzen über die Lippen kommen. Man seufzt vielleicht noch ein-, zweimal, bald darauf kann es sich aber auch schon in ein Klagen wandeln. Nämlich dann, wenn wieder mal die Nacht durchwacht oder der Schlaf unzählige Male unterbrochen wurde.

 

Doch das erste vermeintliche Lächeln, der erste Druck des kleinen Händchens um den eigenen Finger, später der erste Laut, der in den eigenen Ohr doch eindeutig nach einem Ma/Va/Pa oder Mu klingt – entschädigt der nicht für sie manches?

 

Doch der kleine Racker wächst heran, er lernt das Wort „ICH“ und „WOLLEN“ nicht nur zu sagen, sondern auch gekonnt einzusetzen. Und damit kann er einen schon einmal an den Rand  des eigenen Nervenkostüms und die Grenzen der Geduld treiben. Aber man bleibt stolz – immerhin, es lernt so schnell, das Schätzchen!

 

Irgendwann aber – meistens dann, wenn man es am wenigsten erwartet oder man es bis dahin erfolgreich auf die Seite des Möglichen gedrängt hat – passiert es dann. Sie setzt ein: die Phase der Rebellion, auch Pubertät genannt. Aber nun erduldet man. Anfangs versucht man die Revolte und vermeintlichen Spinnereien noch zu bekämpfen, z.B. mit Mitteln der Vernunft, der Überredung, gar der Erpressung. Vielleicht setzt irgendwann sogar die Erinnerung an die eigene Jugend wieder ein und man versucht das Siegel der Toleranz über all die flausen Gedanken des Jugendlichen zu stülpen. Als man dann endlich denkt, die schwierigste Phase überwunden zu haben, setzt sie aber erst richtig ein. Denn die größte Veränderung all der Zeit steht an – der kleine Schützling wird flügge. Den Kinderschuhen entwachsen wurde sein Ruf nach Unabhängigkeit immer stärker, nach und nach begann er eigene Entscheidungen zu treffen und – spätestens wenn diese auch vom eigenen Geld bezahlt werden, hat man jegliches Mitspracherecht verloren. Zu guter Letzt passiert es und das ehemalige Kücken verlässt das Nest. Und man selbst – man muss lernen loszulassen.

 

Und hier, genau an diesem Punkt des Loslassens setzt ein Wandel, etwas völlig Unerwartete ein. Was man sich zuvor vielleicht so herbeigesehnt hat, was man sich so sehnlichst gewünscht hat, das aber bisher schier unmöglich schien, wird langsam wieder möglich.

 

Das Verhältnis stabilisiert sich, man findet wieder gemeinsame Worte und teilt gerne die Gedanken miteinander. Man kommt wieder zu Wort und sogar gegenseitiges Zuhören wird wieder möglich. Doch was ist passiert?

 

Zwei Herzen schlugen in EINER Brust. Das eine wollte doch nur das Beste, das andere hat aber selbst definiert, wie dies „Beste“ auszusehen hat. Und gegen Ende ist dann doch etwas ganz anderes dabei rausgekommen. Denn nur selten trägt das vermeintlich „Beste“ das Gewand, das man sich erhofft hat.

 

Vielleicht wurde aus diesem kleine zerbrechlichen Wesen nicht der erfolgreiche Jurist, sondern ein Bankangestellter,

vielleicht wurde es keine gut situierte Ehefrau, sondern eine Doktorin der Philosophie,

vielleicht wurde es kein gesettelter Mensch inmitten einer Großfamilie, sondern ein Vagabund - immer auf Achse, vielleicht wurde es kein geselliger Landmensch, sondern ein vermeintlich gestresster Städter.

Urteilen sie selbst, hat dieses Filmchen ein Happy End – trotz all dem Klagen, Bitten, Flehen und Bangen durch die Jahre hindurch – ist es ein Happy End?

 

Liebe Gemeinde!

Es ist gar nicht nötig beim Beispiel der eigenen Kinder zu bleiben. Denn auch bei so genannten „Stiefkindern“, unserem Beruf, unserer Freizeit unseren Vorfreuden, unseren Lebensträumen und Wunschzielen tritt nur selten genau das ein, was wir es uns vorgestellt haben.

 

Der heutige Predigttext wurde genau in so eine Situation hineingeschrieben, wo Hoffnungen nicht wie erwünscht erfüllt wurden. Bereits die Jünger hatten nie und nimmer erwartet, dass ihr Anführer bereits nach so kurzer gemeinsamer Zeit hingerichtet wird – ein Justizskandal!

 

Nach der Kreuzigung hat niemand auf ein Wiedersehen gehofft – das Spiel war scheinbar aus, game over!

Und als Christus so spektakulär Richtung Himmel entschwindet – so what, was nun, mit uns, seine ehemaligen Gefährten?

 

Es setzt kein erhoffter Sieges- und Triumphzug der neuen Sinnesgemeinschaft ein, die auferlegte Last der unzähligen Gebote, mehr noch Verbote und Regeln wird nicht sofort von ihnen genommen und auch das Joch der römischen Besatzungsmacht nimmt vorerst kein Ende.

 

Nein, ganz und gar nichts geht für die frühen Anhänger dieses Christus so wie erhofft in Erfüllung. Vielmehr gleicht es vorerst mehr einer secret mission, einer geheimen Mission. Man trifft sich im stillen Kämmerchen, an abgelegenen Orten oder in schalldichten Höhlen und Gängen. Die Entwicklung schreitet nicht wie ersehnt voran, gewaltige Rückschläge und entsetzliche Katastrophen heißt es stattdessen vorerst hinzunehmen.

 

Jemand, der fast das größte Lied von unerwarteten Entwicklungen und maßlosen Enttäuschungen singen kann, ist der Apostel Paulus. Etliche Male wurde er verhaftet und eingesperrt, mehrmals wahrscheinlich auch ausgepeitscht und gefoltert und aus einer Stadt gar mit Schimpf und Schmach davon gejagt. Denn nicht alle seine Schäfchen wollten in ihm wirklich ihren Hirten sehen und nicht in allen von ihm gegründeten Gemeinden hat auch wirklich die Entwicklung eingesetzt, die er sich für sie  gewünscht hat.

 

Über seinen neuen Schützling, die Gemeinde in Rom, kann er noch nicht viel sagen. Er hat sie noch nicht kennen gelernt. Darum wendet er sich  - bevor er sie persönlich besuchen kommt – in einem Brief an sie. Mit einem nahezu systematischen Entwurf des neuen Glaubens sichert er sich ab. Er verteidigt sich gegen falsche Vorwürfe, stellt sich ungefragt der Kritik, versucht natürlich auch sich selbst in ein gutes, also seriöses Bild zu rücken und lässt die Römer schließlich ebenso wissen, was er sich von ihnen erwartet.

 

Doch nicht nur Paulus hatte es bis hier schwer. Auch die römischen Christen mussten bereits einiges einstecken. Bereits im Jahre 38 wurde die jüdische Religion – große Unterschiede machte man zu so früher Zeit noch nicht – verboten. Deren Anhänger hatten sich geweigert, dem römischen Kaiserkult nachzukommen. Bilderverehrung war bereits ihnen ein Gräuel!

 

11 Jahre später, im Jahr 49, wurde unter Kaiser Claudius ein Edikt erlassen, das alle, die sich zu einem „Chrestus“ bekannten, aus der Stadt auswies. Paulus selbst hat kurz darauf in Korinth ein paar dieser Vertriebenen getroffen. Und das schlimmste stand der römischen Gemeinde überhaupt noch bevor – der legendenumwobene Brand unter Kaiser Nero und die brutalen Folgen für die von ihm ernannten Sündenbocke, eben die Christen Roms, welche diese in den römischen Amphitheatern erleiden/auf sich nehmen mussten.

 

Doch wie geht nun die Geschichte von Paulus und der römischen Gemeinde aus? Es gibt keine Fortsetzung nach diesem Brief. Es ist der letzte Brief, der vom Apostel Paulus überliefert ist. Nur wenige Jahre später wird er erneut gefangen genommen. Zwar erreicht Paulus noch die Stadt Rom. Doch kein Missionsbesuch findet dort statt, sondern sehr wahrscheinlich die Vollstreckung seines Todesurteils.

 

Ein unerwartetes Ende? Kein Happy End!

 

Es stimmt, Paulus hat vom Gedeihen der römischen Gemeinde nichts mehr erfahren. Das schlimmste, was passieren kann, ist sogar eingetreten – das Heranwachsen des Schützlings wurde nicht mehr erlebt. Doch jeder weiß, nicht nur dem Apostel Paulus wird heute eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der Kirche zugeschrieben. Nein, sein einstiges Sorgenkind, die Gemeinde Roms, hat sich nur allzu prächtig entwickelt. Sie wurde groß, wenn nicht gar riesig und gilt  heute als das Macht- und Wirkungszentrum der größten christlichen Glaubensgemeinschaft.

 

Wer weiß, wie Paulus diese Entwicklung kommentiert hätte. Wer weiß, wie Paulus heute über die römische Gemeinde und die Kirche im Gesamten denken würde und wer weiß, was er dazu sagen würde, wie seine Theologie im Laufe der Jahrhunderte rezipiert wurde. Die frühen Christen, ehemalige Heiden, waren jedenfalls seine Kinder und ihr Heranwachsen war seine Aufgabe, sie zu stärken war sein Ziel.

 

Doch zurück zu unseren eigenen Kindern. Wer von ihnen hat das Heranwachsen und Gedeihen seiner Sprösslinge bereits miterlebt? Wissen sie noch, was sie sich damals, vor etlichen Jahren, für ihre Kleinen gewünscht haben? Ist jenes Bild, dass sie in den ersten Jahren vor Augen hatten, heute so eingetroffen.

 

Und wir, die wir das Älterwerden unserer Kinder, Enkelkinder, Nichten, Neffen und Patenkinder noch abzuwarten haben, können wir heute bereits vorhersagen, was in 10, 20, vielleicht sogar 30 Jahren mit ihnen sein wird?

Nein! Manche werden sagen: Leider, nein, das können wir nicht!

 

Aber würden wir den manchmal ersehnten Blick in die Zukunft werfen können, hätten wir doch endlich eine Zeitmaschine, um nach vorne sehen zu können – würde sich etwas ändern? Mehr noch, könnten wir etwas ändern?

 

Paulus konnte nicht sehen, wahrscheinlich auch nicht ahnen, welch schlimme Zeiten, welch Segen aber auch noch auf die römische Gemeinde zu kommen würden. Zum Zeitpunkt seines Briefes war er  aber voller Hoffnung in seine Schützlinge. Er hat an sie geglaubt und mit dem Glauben an ihren Aufstieg und ihr Gedeihen, ihr Standhalten auch in schwierigen Zeiten hat er ihnen ein kostbares Geschenk gemacht – auch wenn er sie letztlich nicht vor Rückschlägen und Enttäuschungen beschützen konnte.

 

Und dieses Geschenk  ist es letztlich auch, dass wir unseren Kindern und Kindeskindern, aber auch unseren eigenen Wünschen und Träumen mit auf den Weg geben können. Das Ziel selbst ist nicht sichtbar, das Ende des Weges nicht vorhersagbar ist und der Weg selbst wahrscheinlich nicht immer ein gemeinsamer. Für ihre „Anerkennung als Söhne und Töchter“, die sie letztlich zur „herrlichen Freiheit der Kinder“ wie es im heutigen Predigttext heißt führen wird, können wir sie aber ausstatten. Nicht mit Geld und nicht mit dem besten Ausbildungsplatz. Sondern mit all unserer Aufmerksamkeit, mit all unserer Liebe, mit dem festen Glauben an sie und letztendlich dem Wichtigsten – der großen Hoffnung an ihr Vorwärtskommen.

 

Das sind keine neuen, keine modernen „Erziehungsmaßnahmen“, sondern ein wohlbewährtes Rezept. Nicht nur von Paulus bereits angewandt, sondern letztlich auch von Gott über Jahrhunderte hindurch in der Bibel berichtet. Denn auch von ihm, den wir unser alle Vater nennen, wird uns zugesagt, dass er nicht aufgehört hat und aufhört, uns zu lieben, an uns zu glauben und auf uns zu hoffen.

 

Und so endet der heutige Predigttext mit (Paulus) Worten an die römische Gemeinde:

„Im Zeichen der Hoffnung werden wir gerettet. Eine Hoffnung aber, die man sieht, ist keine Hoffnung. Wer hofft schon auf das, was er sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld.“ (Röm 8,24f)

 

AMEN

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*Mag.theol., Gemeindemitglied, ab Herbst 2009 Vikarin in Linz

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