23. August 2009
 

Irmi Langer*
 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Mögen Sie Rätsel? Denn für die Rätselliebhaber ist der heutige Predigttext ein wenig gemacht. Er steht im 25. Kapitel des Matthäusevangeliums, in den Versen 14-30:

 

Jesus sprach: "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.

Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu.

Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu.

Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.

Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen.

Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen.

Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!

Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen.

Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!

Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.

Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?

Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.

Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat.

Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.

Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird Heulen und Zähneklappern sein."

 

Rätselhaft, dieses Gleichnis, oder? Meine Gedanken bleiben irgendwie bei diesem 3. Knecht hängen, der nur 1 Zentner Silber zu hüten hatte. Klug, dieser Mann. Denn er vertraut das Geld nicht irgendwelchen Spekulanten an, gefährdet es nicht durch irgendeinen Handel. Er geht auf Nummer sicher und vergräbt den ganzen Schatz in der Erde. Eine bewährte Methode, egal wie krisensicher oder krisengebeutelt die Wirtschaft gerade ist. Das Geld bleibt, eins zu eins. Wirklich gut! Diesem Knecht gilt meine ganze Solidarität.

Komisch nur, dass für meinen Sympathieträger die Geschichte so schlecht endet. Faul wird er geschimpft. Und sein Lohn für diese weise Vorsicht ist der Rauswurf. Seinem weiteren Schicksal muss der Armen nun wirklich mit Angst und Zittern entgegensehen.

Rätselhaft!

Aber wie es eben bei Rätseln so ist, bin ich wahrscheinlich einem Irrweg gefolgt, habe mich auf den Holzweg begeben. Also zurück zum Start. Jesus erzählt mit seinen Gleichnissen aus der Lebenswelt und dem Alltag seiner Zuhörer. Er wirft lebendige Bilder auf, die etwas von den Menschen, aber auch von Gott erzählen. Gleichnisse sind bildhafte Vergleiche.

Ein Bildvergleich also, das muss doch zu lösen sein!

Die Rolle des Hausherrn: sie ist ja noch relativ leicht zu entschlüsseln. Der Hausherr ist der Chef, der Boss. Und ähnlich wie beim Gleichnis vom Verlorenen Sohn der Vater oder beim Gleichnis vom Verlorenen Schaf der Hirte, wird mit dem Vorsteher dieser Geschichte wohl Gott selbst gemeint sein.

Die eigentlichen Handlungsträger sind aber seine Diener. Auch nicht weiter schwer zu erraten, wer sich dahinter verbergen könnte. Damit könnte Jesus seine Jünger bzw. all jene Menschen in seiner Nachfolge, also uns Christen gemeint haben.

Bleibt noch das Geld, das eigentlich die Hauptrolle in dieser Erzählung spielt? Die vielen vielen Kilo Silber machen diese Geschichte erst so richtig verzwickt. Was hat es mit dem Geld auf sich?

Der Hausherr vertraut jedem seiner 3 Knechte eine riesige Summe an; selbst jenem, der nur 1 Zentner Silber erhält. Er übergibt seinen Angestellten damit einen unglaublichen Reichtum. Allein für einen Zentner Silber hätte man damals gut 30 Jahre arbeiten müssen. Er überreicht ihnen also seinen ganzen Besitz und verlässt wortlos, ohne weitere Anweisungen sein Domizil.

Und während der eine diesen Schatz vergräbt, gehen die beiden anderen los und schaffen es sogar, ihre Beträge zu verdoppeln.

Fast könnte man meinen, bei den beiden ersten handelte es sich schon damals um Reformierte, wenn nicht gar um strenge Calvinisten. Sie fackeln nicht lange herum. Während der einen nur im Garten sitzt und seine Buddelgrube bewacht, ziehen die beiden anderen eifrig los. Mit Erfolg!

Solch ein Fleiß und Arbeitseifer wurden den Menschen in der Tradition Calvins ja gerne nachgesagt. War schon der Genfer Reformator selbst ein ausgesprochenes Arbeitstier, so trieben es seine Schäfchen mit ihrer Geschäftstüchtigkeit an die Spitze. Und wie die beiden Knechte im Gleichnis erhofften auch sie sich von solch einer Betriebsamkeit eben einen ganz besonderen Lohn. Angespornt hat sie Calvins Lehre von der doppelten Prädestination. Demnach soll ja jeder Mensch bereits vor seiner Geburt zum ewigen Heil oder zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt sein. Über eine Heilsgewissheit kann aber niemand verfügen. Trotzdem versuchten die Menschen sich ein Hintertürchen zum Heil zu öffnen, indem sie folgenden Schluss zogen: Ernteten sie bereits im irdischen Leben emsig Früchte für ausgezeichnete Arbeit und führten einen vorzüglichen Lebenswandel, wie sollten diese Leistungen dann nicht auch im Jenseits belohnt werden?

Lässt sich also der Beginn der modernen Leistungsgesellschaft in den Erben Calvins finden? Ist denn das Streben nach Gewinn und Vermögen typisch calvinistisch? Länder wie Holland oder England, wo der Calvinismus oder gar der freudlose Puritanismus besonders ausgeprägt waren, scheinen das mit ihrer Geschichte zu belegen. Sie gelten als die Geburtsstätten des modernen Kapitalismus. Diese Beobachtung nahm auch der Soziologe Max Weber zum Anlass, zwischen Calvinismus und Kapitalismus eine Art „Wahlverwandtschaft“ – wie er es ausdrückte – auszurufen. Mit seinem 1904 erstmals erschienenen Essay „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ ging diese These sogar in die Welt der Wissenschaftlichkeit ein. Und spätestens seit diesem Zeitpunkt werden wir den Ruf besonders ehrgeizig und strebsam zu sein schlichtweg nicht mehr los.

Es kann schmeicheln, als Erfolgsmensch angesehen zu werden. Aber ein Kapitalist? Das klingt schon eher wie ein Schimpfwort! Selbstsüchtige Geldgier, maßloser Reichtum und die unersättliche Verlangen nach immer mehr – genau so wie es Dagobert Duck uns in der Micky Maus vorlebt - das verbindet man damit. Und eine Ethik, die schon mal über Leichen geht oder - wie es später der Sozialismus und Kommunismus zu Recht kritisiert hat - das Wohl der Arbeiter hinten anstellt. Wenn Weber Calvin also als Wegbereiter des Kapitalismus bezeichnet, muss dieser Art von Geldwirtschaft mit Calvins eigenen Worten aufs heftigste  widersprochen werden.

“Hüten wir uns, dass nicht der Reichtum uns beschwere und hinderlich werde auf dem Weg ins Himmelreich.“ Denn in diesem Himmelreich sind letztlich alle gleich. Das letzte Hemd hat keine Taschen oder wie es der Diener Valentin in Raimunds Verschwender singt: „Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles gleich.“ Und vielleicht wissen Sie ja, dass das historische Vorbild für Raimunds Verschwender sehr wahrscheinlich sogar ein Reformierter war, Graf Moritz von Fries. Er war bekannt für rauschende Feste in seinem Palais und seine Liebe zur Kunst. Das Bankunternehmen seiner Familie stürzte er allerdings in den Konkurs. Er selbst starb völlig verarmt. So kann Geld also nicht nur ein Segen, sondern auch ein Fluch sein.

Was ist es also, dass uns Jesus mit dieser Geldvermehrung mitteilen will? Vielleicht kann es hilfreich sein, den Kontext dieser Erzählung näher zu betrachten. Jesus erzählt dieses Gleichnis relativ am Ende seines Wirkens. Bereits im nächsten Kapitel wird von seiner Verhaftung und Verurteilung berichtet. Und er erzählt dieses Gleichnis seinen Jüngern. Sie haben sich bis jetzt in der sicheren Gefolgschaft ihres Herrn gewusst. Doch schon bald werden sie auf sich alleine gestellt sein. Bald kommt die Zeit, in der sie das Erbe Jesu antreten müssen, die Zeit ihrer Bewährung. Nach Jesu Tod wird ihr Kapital, ihr Vermögen zur Weiterführung seines Unternehmens gefragt sein.

Und ohne jetzt das österreichische Bankgeheimnis lüften zu wollen, frage ich Sie: Wo liegt denn ihr Kapital! Liegt es irgendwo begraben oder stellen Sie es offen zur Schau? Nein, keine Angst, ich meine nicht ihr Geld. Ich frage nach ihren Stärken, ihren Talenten. Womit  sind Sie besonders gesegnet?

Das muss jetzt gar nichts Außergewöhnliches wie die Attraktionen bei „Wetten Das“ sein. Gefragt sind vielmehr all jene Eigenschaften und Begabungen, die Sie zu ihrem Nutzen, vor allem aber zum Nutzen anderer einsetzen können. Sind Sie z.B. handwerklich geschickt, rhetorisch begabt oder in Sprachen versiert. Besitzen Sie Humor oder haben Sie vielleicht die immer seltener werdende Gabe, ihrem Gegenüber gut zuhören zu können?

Womit können Sie sich im Alltag einbringen? Oder mehr noch: Welches Können hat sie für ihren erlernten Beruf besonders ausgezeichnet?

Beruf  - das schließt das Wörtchen Ruf mit ein. Als ganz besonderen Ruf, die Berufung, hat man  lange Zeit nur das kontemplative Leben ganz im Dienste Gottes gesehen. In Armut, Keuschheit und Gehorsam dachte man die Gnade Gottes besonders erwirken zu können. Die Reformatoren haben dieses sehr exklusive Verständnis von Berufung und Gnade stark kritisiert. Nicht alleine hinter verschlossenen Mauern und in der Abwendung von der Welt sei der Ruf Gottes zu vernehmen und zu finden. Denn ein jeder Mensch wurde von Gott berufen und nach den  Worten des Paulus solle ein jeder in der Berufung bleiben, zu der er berufen ist. Oder in Form eines Sprichwortes gesagt: Schuster bleib bei Deinen Leisten. Denn jeder Mensch wurde von Gott mit besonderen Gaben beschenkt. Sie bilden quasi die innere Berufung, das Fundament zu einem nach außen hin wirksamen Beruf. Der Beruf – das ist im idealsten Fall der Ort der Selbstverwirklichung. Als Mindestmaß dient er jedoch der Existenzsicherung. Und ein Beruf hört auch nicht mit der Pensionierung auf. Das erworbene Wissen und Können wirkt ja fort, nur eben in neuen Tätigkeitsfeldern, die gerade erst zum Beginn einer Pension erst gesucht und neu definiert werden müssen. Calvin bezeichnete den Beruf darüber hinaus aber auch als

 „Wachtposten, den uns der Herr zugewiesen hat, damit wir nicht unser Leben lang herumgetrieben werden“.

Und Herumtreiben – das ist wohl das Los, das den 3. Knecht im heutigen Gleichnis trifft. Er hat die Gabe, die ihm sein Herr überlassen hat, nicht gewusst für sich einzusetzen. In falscher Demut und der Furcht vor dem Scheitern ist er im Nichtstun erstarrt. Er wollte nicht riskieren, etwas zu verlieren - und hat so doch alles verloren.

Die beiden anderen haben ihr Geschenk erkannt. Gestärkt von dem Vertrauen, dass ihr Herr in sie setzte, haben sie mit ihrem Vermögen gearbeitet, es vermehrt und schließlich reichlich Lohn für ihre Mühen erhalten.

Wer nichts weitergibt, wird nichts behalten können. Wer das ihm Geschenkte nicht einsetzt für Gott und die Menschen, wird am Ende mit leeren Händen dastehen. Denn Gott hat einem jeden von uns einen unglaublichen Schatz in die Hände gelegt. An uns liegt es, dieses Anfangskapital – unsere Fähigkeiten und Talente – zu nutzen und weiterzugeben zum Wohle vieler und in einer Weise, die nicht uns, sondern ihn alleine ehrt.

AMEN

__________________________________________________
*Mag.theol., Gemeindemitglied, ab Herbst 2009 Vikarin in Linz

zum Anfang