04. Jänner 2009

Johannes Langhoff

  

Er sagte zu ihnen: Aber jetzt - wer einen Geldbeutel hat, nehme ihn mit, wer einen Sack hat, desgleichen. Und wer nichts hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert.

Denn ich sage euch: Dieses Schriftwort muss an mir erfüllt werden: Und zu den Missetätern wurde er gerechnet. Aber auch das, was mir widerfährt, hat ein Ende.

Sie sagten: Herr, hier sind zwei Schwerter!

Er aber sagte zu ihnen: Lass gut sein!

Und er ging hinaus und begab sich auf den Ölberg, wie es seine Gewohnheit war, und die Jünger folgten ihm. Als er dort angelangt war, sagte er zu ihnen: Betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt! Lk.22,36-40

 

Liebe Gemeinde!

Jesus entwickelt Galgenhumor. Wer hätte das gedacht? Angesichts des bevorstehenden bitteren Endes macht er noch Witzchen. "Habt ihr noch ein Geld? Dann kauft euch schnell ein paar Schwerter!" Auf gut wienerisch: "Verkauft's mei Gwand. I fahr in Himmel."

Na, so kennen wir ihn nicht. Jesus in weinseliger Heurigenlaune. So wollen wir ihn nicht haben. So wollen und können ihn wohl auch seine Jünger nicht verstehen. So verstehen ihn viele bis heute nicht. Sie kaufen die Waffen. Sie rüsten für die Verteidigung des Christentums oder wenigstens ihrer Auffassung von der einzig wahren und richtigen Moral und Kultur des christlichen Abendlandes. Sie verteidigen wohl gerüstet das Heilige Land wie einst die von ferne dahergekommenen Kreuzritter, wenn die Bewohner Israels und der Staat Israel anfangen sollten ihre Siedlungsansprüche auf heiligem Grund zurückzustellen.

"Wer nichts hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert." Das ist der Freibrief für all die Taugenichtse, die mit ihrem Leben und ihren verqueren Ansichten gescheitert sind und deshalb den großen Auftritt brauchen. Von ihnen muss die Welt noch hören. Sie werden Helden mit ihrer selbstlosen Opferbereitschaft, an der selbst Gott nicht vorbeikommen kann. Das Unverständnis der Welt kann sie nicht schrecken. Der Meister selbst hat es von sich und damit ja wohl auch von seinen Nachfolgern prophezeit: "Denn ich sage euch: Dieses Schriftwort muss an mir erfüllt werden: Und zu den Missetätern wurde er gerechnet."

Gerechtigkeitsfanatikern und anderen Kleingeistern ist mit Humor nicht beizukommen. Im Gegenteil. Das provoziert sie erst richtig. Ironie wird als böser Zynismus genommen. So kann Jesus nicht gesprochen haben. Den hat man gefälligst beim Wort zu nehmen. Alles andere ist Blasphemie. Wer so denkt und spricht ist ein Gotteslästerer und landet auf der Abschussliste – hüben und drüben. Die gutbürgerlichen und wohl eingerichteten Gläubigen, die ihren Glauben kommod konsumieren können ohne ernsthaft auf etwas verzichten zu müssen, die sind  der Erzfeind der Märtyrer. Theologen und Intellektuelle, die mit den heiligen Worten jonglieren, stehen im Fadenkreuz der Inquisitoren. Da hört sich der Spaß auf. Da muss selbst Jesus mit seiner Weisung warten: "Betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt!" Erst das fromme Werk, die mutige blutige Tat, dann das Gebet. Nur ein Gebet gilt: "Gib mir Kraft, dass ich nicht zögere!"

Betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt! - Zwei Tage nach dem 11.September 2001, als die Welt den Atem anhielt nachdem Flugzeuge in Wolkenkratzer geflogen waren, haben wir hier für die Reformierte Stadtkirche einen Gebetsgottesdienst vorbereitet. Abgesehen davon, dass dieser das für den Tag angesetzte Weinfest störte, gab es mitleidsvolle Kritik: "Wie kann man da noch beten?!" Ich hätte mir gewünscht, dass nicht nur in diesen ersten Tagen nach dem Schock gebetet worden wäre, sondern auch in den folgenden Monaten. Insbesondere habe ich einigen gewünscht, dass sie kräftig gegen die Versuchung anbeten. Lieber die Hände falten als sie zum Kampfe rühren, welchen Kampf auch immer, mit welchem Recht und welcher Rechtfertigung auch immer. Nach 1 Jahr mit vielen mediengerechten Besuchen in Kirchen, Moscheen und Synagogen und dem gleichzeitigen Aufmarsch der Truppen, war es dann soweit. Der Einsatzbefehl wurde geben für einen Krieg, den man in Antiterrorkampf umbenannte und der nur den alten, ersten Krieg, den der Vater in den Sand gesetzt hatte, zu Ende führen sollte. Die Rache hat mehr Tote Amerikaner gekostet (die Abertausende anderen weltweit nicht mitgezählt) und kostet sie noch täglich als Menschen – zumeist Amerikaner und Amerikanerinnen - in den Wolkenkratzern ums Leben gekommen sind. "Erlöse uns von dem Bösen und führe uns nicht in Versuchung!", lehrt Jesus beten.

Ein Waffenstillstand im Heiligen Land ist von kurzer Lebensdauer. Wahlkämpfe und Machtkämpfe um die Hilfsgüter und Aufbaugelder zur Versorgung der je eigenen Klientel brauchen Opferbilder. Sie liefern sich mit Sicherheit die Anlässe. Sie sorgen für Vergeltung, die unausweichlich nach neuer Vergeltung schreit, die den unheiligen Krieg am Köcheln hält. Sie können der Versuchung nicht widerstehen, sich selbst Gerechtigkeit und Genugtuung zu verschaffen. Es ist schon längst kein Geheimnis mehr, dass der israelische Geheimdienst einst die Hamas aufgebaut hat als Stachel im Fleisch der Fatah. Die Geister, die sie riefen, erfüllen ungebrochen den einmal gesetzten Zweck. Jesus hätte noch heute keine Chance in diesem Land. An ihm würden sie heute wie damals die Prophezeiung erfüllen: "Und zu den Missetätern wurde er gerechnet."

Ich muss mich nicht in die Politik verlieren, um von Jesu eigentümlichen sarkastischen Wort getroffen zu werden. Wenn es knapp wird, ist Schluss mit der Gemütlichkeit. Dann beweisen sich die Geschickten, die Skrupellosen und Stärkeren. Dann werden aus den Freigiebigen Geizhälse und aus den Geselligen rücksichtslose Egoisten. Die Nachricht, dass Zucker knapp werden könnte, löst Hamsterkäufe aus, die den Zucker garantiert knapp werden lassen. Die privaten Vorratskammern quellen über. Wenn denn die Milch auch noch knapp werden könnte und eifrig gehamstert wird, dann verstopft sie nicht bloß die häuslichen Kühlschränke, sondern verdirbt dort. Dann ist sie um der Habsucht willen vernichtet worden.

"Aber jetzt - wer einen Geldbeutel hat, nehme ihn mit, wer einen Sack hat, desgleichen. Und wer nichts hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert." Auf los geht's los. Seid gerüstet!  Das letzte Hemd für eine Waffe. Für zwei Schwerter hat ihr Geld gereicht. Ahnungslose, die ihm auf Schritt und Tritt gefolgt sind und ihn immer noch nicht verstanden haben. "Betet! Lasst euch nicht hinreißen zu den von Kindheit an eingeübten Reflexen."

Im September 2001 klang das wie ein Vorwurf: "Wie kann man da noch beten?!" Ich habe mich aber damals gleich gefragt: "Können wir überhaupt noch beten?" Nun ja, hier in der Kirche sollten wir es wohl können. Denn selbst wenn den Vorbetern nicht die rechte Weise einfallen will und sie in den vielen Büchern nichts Passendes gefunden haben, dann gibt es die uralte Tradition. Die Gebete der Kirche gewachsen und überliefert seit Jahrtausenden haben für jeden Anlass und jeden Bezug eine Formel. Die Kirchen der auf Tage und Anlässe durchorganisierten Liturgien sind um keine Worte verlegen. In Latein oder Altslawisch hinterlassen sie einen tiefen Eindruck und geben dem Geschehen einen besonderen Nachdruck. Und wenn es schon in der Muttersprache gesprochen wird, so wenigstens mit Anklang an seine lateinische Tradition "Vater unser" wie "pater noster". - Wenn wir schon in den Gebeten der Kirche nicht unsere Sprache sprechen, wie wollen wir lernen, unsere eigenen Gebete zu finden und zu sprechen? - Es gibt auch die ökumenische Illusion, als hätte es irgendeinen verstärkenden Gebetseffekt, gewissermaßen eine beschwörende Wirkung, wenn wir alle im Gleichschritt plapperten. Genauso wie es eine spirituelle Meisterleistung ist, die Kirchenglocken zu läuten, während in der Kirche das "Vater unser" gesprochen wird. Niemand bleibt deshalb in unseren Gassen stehen und spricht das Gebet mit. Und der liebe Gott wird wohl keinen Wecker brauchen, um unsere Gebete zu hören, egal wie gekonnt oder gewollt wir sie vortragen.

Jesus hat es uns mit dem Beten ziemlich einfach gemacht. Selbst in dieser von beißendem Spott bestimmten Szene mit seinen Schülern ist die Übung sehr einfach und verständlich gehalten. Es braucht nicht vieler Worte und keiner besonderen Atmosphäre. Ein einfacher Seufzer: "Gott bewahre!" "Führ mich nicht in Versuchung!" "Lass mich nicht auf dumme Ideen kommen!" "Reiz mich nicht!" "Halt mich zurück, sonst dreh ich durch!" Das ist es. Mehr nicht. Mehr braucht es nicht. Aber auch nicht weniger. Denn die gängige Methode ist die, zu handeln, sich selbst zu helfen, für andere in die Bresche zu springen. Beten ist nur in sofern schwer, als dass man es überhaupt tut.

Sie haben die Schwerter gekauft, weil es selbstverständlich ist, dass ein Mann sich verteidigen muss oder für die Gerechtigkeit kämpft. Es wird von allen, die die Regierung ausüben, erwartet, dass sie die Interessen und Ansprüche der ihnen untergebenen Bürgerinnen und Bürger verteidigen. Dafür haben sie das Machtmonopol. Dazu haben sie die Regierungsgewalt, dass sie die Gewalt einsetzen. Es sei denn, die so untergebenen Menschen hätten eines Tages genug von der Gewalt.

Er aber sagte zu ihnen: Lass gut sein! Jesu Antwort lautet: "Es ist genug!" Jesu Weg ist die Absage an die Gewalt. Keine leichte Antwort. Und schon gar nicht beliebig. Wer der Gewalt absagt, der muss verzichten. Eine sehr schwierige Übung. Was ich nicht nehme, nimmt sich eine andere. Wenn ich mich nicht wehre, nutzt ein anderer den Vorteil. Wenn ich die knappen Lebensmittel nicht bei mir horte, verderben sie in den Vorratskammern der anderen.

Wir haben keine Lebensmittelknappheit. Wir könnten ein paar Tage etwas weniger sehr gut vertragen. Bei uns leben die Ärmsten der Armen auf einem Niveau, das Menschen aus nahen und fernen Ländern anlockt, zu uns zu kommen und hier einfach nur die Hand aufzuhalten. Ich brauche zur Verteidigung meines Lebens und das meiner Lieben keine Panzer und Düsenflieger. Für mich und die meinen muss keine Soldatin und kein Soldat sein Leben riskieren, nicht an der burgenländischen Grenze und nicht in der fernen Wüste. Die vorgeblichen Sicherheits- und Verteidigungsanstrengungen sind die tatsächliche Gefahr. Andere fühlen sich bedroht und übervorteilt. So werden Urlauber, Fernreisende und Handelstransporte angegriffen, entführt und geplündert. Die Kosten für die übertourten Verteidigungswaffen schaden vielen und bereichern wenige.

Der Verzicht, den wir unter unseren Verhältnissen leisten müs­sten, um die fatalen Folgen aus Habsucht und Wohlstandssicherung einzudämmen, ist noch nicht einmal ein Opfer. Es genügt Dankbarkeit und ein klein wenig Genügsamkeit. Mehr braucht's nicht. Wir brauchen nicht immer mehr.

Es wird von uns keine Mutprobe erwartet, kein Heldentum und kein Martyrium, so sehr das vielleicht einige in ihrem gelangweilten und übersättigten Einerlei bedauern mögen. "Er sagte zu ihnen: Betet, dass ihr nicht in Versuchung kommt!" Das ist schwer genug. Die Verführer und Markttreiber lauern überall und sind begierig darauf, unsere Wünsche und Sehnsüchte zu wecken. Frei nach Jesus kann ich dazu nur noch sagen: "Aber auch das hat ein Ende."

Amen.

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