25. Jänner 2009

Johannes Langhoff 

 

Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.
Wie lange, HERR! Willst du mich ganz vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Angesicht vor mir?
Wie lange soll ich Sorgen tragen in meiner Seele,
Kummer in meinem Herzen, Tag für Tag?
Wie lange noch soll mein Feind sich über mich erheben?
Sieh mich an, erhöre mich, JAHWE, mein Gott.
Mache meine Augen hell, damit ich nicht zum Tod entschlafe,
damit mein Feind nicht sage: Ich habe ihn überwältigt,
meine Gegner nicht jauchzen, dass ich wanke.
Ich aber vertraue auf deine Güte,
über deine Hilfe jauchze mein Herz.
Singen will ich dem HERRN,
denn er hat mir Gutes getan.                      
Psalm 13

 

Liebe Gemeinde!

Krankheit macht einsam. Die Erfahrung hat wohl jede und jeder schon gemacht. Dabei ist das so offen ausgesprochen eine eher überraschende Feststellung. Wenn man sich krank meldet, dann wird man umsorgt, kommen Besuche oder Anrufe sogar von Leuten, die selten zu sehen sind oder nicht oft von sich hören lassen. Muss man gar in die Klinik, wird man regelrecht überwacht, regelmäßig behandelt, pünktlich versorgt und von Ärzten besucht. Das nennen sie hochtrabend Visite. Je schlimmer es einem geht, umso intensiver die Fürsorge und umso zahlreicher die Menschen, die sich küm­mern. In der Hektik sehnt man sich fast nach Einsamkeit oder wenigstens nach der Gelegenheit, morgens ausschlafen zu dürfen.

Nein, Krankheit macht einsam. Plötzlich bin ich mit mir selbst allein. Ich bin auf mich selbst zurückgeworfen. Ich quäle mich. Nie­mand kann mir die Schmerzen abnehmen. Nicht einmal mit der schaurigsten Geschichte von anderer Leute schrecklichen Schmerzen. Ich quäle mich und fühle mich total unwohl. Ich bin sauer, weil ich nicht das machen kann, was ich sonst so gern tue und was ich alles geplant habe. Ich quäle mich und habe Angst darum, wie es weitergehen soll. Fragen, die mir niemand beantworten kann. Fragen, die ich eigentlich niemandem zumuten kann. Ich stelle sie trotzdem für mitleidigen Trost oder besagte Ablenkungsmanöver, es ginge mir doch noch gut, wenn man nur an den und die denke. Ich bekomme die falschen Antworten: "Ja wenn Sie so und so leben, müssen Sie sich nicht wundern, dass das passiert ist." Ich frage mich: woher? wozu? und: wohin soll das führen? Am Ende geht es um eine einzige Frage: Wie lange noch?

"Wie lange soll ich Sorgen tragen in meiner Seele, Kummer in meinem Herzen, Tag für Tag?"

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. So schnell kommt man ins Gerede. Sie tuscheln und tratschen. Sie setzen noch einen drauf, zizerlweise und hinten herum. Schlangengruben tun sich auf. Da wird sekkiert und intrigiert. Neudeutsch heißt das einfach Mobbing und verschafft Anwälten wie Psychotherapeuten reichlich Arbeit. Die Betroffene oder der Geschädigte werden krank und verlieren viel. Mitunter richten sie die aufgestaute Wut gegen sich selbst und suchen den Tod als Erlösung.

"Mache meine Augen hell, damit ich nicht zum Tod entschlafe,

damit mein Feind nicht sage: Ich habe ihn überwältigt, meine Gegner nicht jauchzen, dass ich wanke."

Das Thema ist nicht neu. Damit haben sich Menschen zu allen Zeiten rumschlagen müssen. Es ist keine Überraschung, in der Bibel die Seufzer tiefsten Seelenschmerzes wiederzufinden. Die Bibel zei­chnet kein illusionäres Bild einer heilen Welt. Sie stellt keinen lieben Gott vor, der alles und alle gut sein lässt, und den man deshalb angesichts der gegebenen Wirklichkeit nur als Trugbild verdammen könnte. Es wird uns kein Schauspiel vorgegaukelt, als wäre alles wie in einem Drehbuch vorherbestimmt, in dem wir nur unsere jeweilige, zugewiesene Rolle zu finden und mitzuspielen hätten. Die Bibel ist der Spie­gel des Lebens. Ein Spiegel allerdings mit einer besonderen Eigenschaft. Er zeigt uns mit einem gewissen Nachdruck etwas, das wir gemeinhin übersehen. Die Bibel als Spiegel des Lebens macht auf eine verdrängte Wahrnehmung aufmerksam. Die Bibel zeigt das Leben unter der Begleitung Gottes. Die Bibel weiß in allen Lebenslagen einen Begleiter, eine Begleiterin. Gott ist Gegenüber und Partnerin in jeder Lebenslage, in der Bewältigung jeglicher Situation.

Das ist nicht normal. Das ist nicht das Lebensgefühl des modernen, aufgeklärten Menschen. Das ist nicht der Stil des postmodernen leichtlebigen Menschen. Der aufgeklärte sucht keinen Gott um zurechtzukommen. Der leichtlebige hinterfragt nichts. Der eine begibt sich schicksalsergeben in die Fänge der Schulmedizin. Der andere verklagt die Ärzte, weil sie ihm die Schmerzen nicht erspart haben und den Schaden nicht gescheit beseitigen konnten. Wozu nach Gott fragen? Der hat eh seine Aufgabe verfehlt, in seiner Allmacht und Allwissenheit für das Gute zu sorgen.

Not lehrt beten, heißt es im Volksmund. Das kann nicht stimmen. Dann müssten wohl sehr viel mehr Menschen beten können. Schließlich haben wohl alle schon mehr als einmal sich in dieser und jener Notlage befunden. Die jüngsten Notlagen, die Finanzkrise und der Erdgasstreit, haben die Gebetskultur jedenfalls nicht bereichert. Endlich hat es die Macher, Abzocker und Mächtigen betroffen, die Adabei-Gesellschaft, die uns jede ihrer entbehrlichen Worthülsen überliefern muss. Gebete waren nicht dabei. Davon konnte auch die hektische Medienberichterstattung nichts berichten, die die kleinen Anleger und Kunden in Angst und Schrecken versetzen sollte. Ein betender Industriebaron wäre eine tolle Story gewesen. Stattdessen müssen wir den verwehrten Traum des Salzbarons vom verhinderten österreichischen Atomkraftwerk über uns ergehen lassen. Statt zu beten in seiner Notlage, die ihm viele Menschen samt seinem verbliebenen Reichtum allzu gerne abgenommen hätten, lässt sich ein Milliardär vom Zug zerstückeln. Na doch. Von Kirche war zu lesen. Da stürmten angeblich die Manager den Beichtstuhl im Stephansdom. Es soll Schuldgefühle gegeben haben und gute Vorsätze. Aber beten war wohl nicht dabei. Oder muss man die auferlegten Bußübungen einer Anzahl von Paternosters und Aves mitzählen?

Not lehrt nicht beten, aber ein paar Lehren daraus zu ziehen, wäre schon nicht schlecht. Krankheit wird mir als Weg gedeutet. Ein verführerischer Gedanke. Vereinzelt sieht es so aus, als könne eine Krankheit oder ein Unfall eine echte Chance sein. Der Herzinfarkt, der mich einbremst und mir die Möglichkeit gibt, meine Lebensweise umzustellen bevor es mich ganz umhaut. Der Unfall, der mich mahnt, umsichtiger zu sein. Der Verlust eines Mitmenschen, der mich zur Besinnung ruft. Die Finanzkrise nicht zu vergessen, die mich lehrt, den falschen Versprechungen von großen Gewinnen und billigsten Krediten zu misstrauen. "Heute kaufen und nächstes Jahr zahlen." Die Politik könnte wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen. Oh, ich kann nicht nur der Krankheit nützliche Seiten aufschwatzen.

Nicht jede Krankheit, nicht jeder Unfall, jeder Verlust oder jede Krise sind allerdings ein nützliches Lehrstück. Abgesehen von der Vergesslichkeit und Verdrängung, die sich schnell breit machen, sobald es wieder besser geht. Die Krankheit, der Unfall, der Todesfall, die Finanzkrise, der Krieg und das Verbrechen haben Opfer gekostet. Sie können nicht mehr darüber nachdenken, ob man besser aufpassen sollte. Sie haben keine Möglichkeit mehr, Verständigung zu suchen und den Hass zu stoppen. Sie haben im Vertrauen auf beste Finanzberatung und den Rat der Regierung hin für ihre Altersversorgung Vorsorge getragen und dabei verloren. Sie sind nach dem Unfall nicht mehr in der Lage zu denken und zu handeln. Die Krankheit ist unheilbar und daran lässt sich nichts ändern. Was also? Schuldzuweisungen? Verzweiflung? Niedergeschlagenheit?

Wie lange, HERR! Willst du mich ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Angesicht vor mir?

Ein Gebet. Ein Lied. David kann noch dichten. Ihm fehlen nie die Worte, wie schlimm es auch um ihn stehen mag. David war ein sehr temperamentvoller Mensch von einnehmendem Wesen und ausgeprägtem Machtinstinkt, der sich in beinahe jedem Fall bestens zu behaupten wusste. Dazu gehörte auch der Rückzug, die Aufgabe in aussichtsloser Lage. Das ist ihm nicht selten passiert. Und das war sogar ein Gutteil seines Erfolges. Er hat nicht bedingungslos, auf Biegen und Brechen, sein Ziel verfolgt, sonder mit Nachgiebigkeit und Beweglichkeit. Und mit einem Gebet zu seinem Gott JAHWE. Der Macher, der nichts ohne Gott macht, der sich nicht zu fein ist, vor seinem Gott öffentlich zu tanzen oder ganz allein für sich vor seinem Gott zu jammern.

Man kann von David lernen. Man kann mit David beten lernen. Er hat seinen Notschrei aufschreiben lassen. Nicht dass jemand da­rin eine Eitelkeit vermute. Sein Gebet ist keine zur Schau gestellte Frömmigkeit. Er hat in der Einsamkeit seiner Not allein für sich gebetet. Er hängt uns nicht einmal eine Beschreibung seiner Not an. Er heischt kein Mitleid. David hat sein Gebet aufgeschrieben als alles vorbei war, als die Not bewältigt war und es ihm wieder besser ging. Er hat gegen die Vergesslichkeit angeschrieben, gegen seine eigene und gegen die Gottvergessenheit schlechthin. David hat nicht einfach sein gutes Leben wieder aufgenommen und den schrecklichen Tiefpunkt verdrängt. Er hat sein Gebet wiederholt und ergänzt: "Singen will ich dem HERRN, denn er hat mir Gutes getan."

Ein bemerkenswerter Gesang. Anders als andere Gebete und Psalmen, die in Dankbarkeit für erfahrene Hilfe und Rettung als Jubel und großes Gotteslob gestaltet sind, wiederholt David seinen Hilfeschrei. "Wie lange? Wie lange? Wie lange noch?" 3 Mal, gleich 4 Mal wie in letzter Verzweiflung. Oder vielleicht sogar mit beleidigtem und spitzem Unterton des gekränkten Lieblings: "Ich hab da mal a Frag? Warum tust Du mir das an? Was hab ich Dir getan?" Wie auch immer. Frei weg von der Leber.

Das rechte eigene Gebet zeichnet sich nicht durch seine gewählten Formulierungen aus. Es muss nicht die fromme Haltung beweisen und keine dogmatischen Pflichtübungen absolvieren. Es braucht nur aus ehrlichem Herzen zu kommen. Gott will gebeten sein. Das verträgt sogar die Zumutung, die Gott in die Pflicht und Verantwortung nehmen will: "Ich aber vertraue auf deine Güte, über deine Hilfe jauchze mein Herz."

Jesus schärft genau das den Seinen ein und gibt der zulässigen, wenn nicht gar gewünschten Aufdringlichkeit ein anschauliches Bild. In dem Gleichnis von dem Nachbar, der zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett geholt wird, um mit ein wenig Brot auszuhelfen,  hebt Jesus hervor: Ich sage euch: "Wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch seines unverschämten Bittens wegen aufstehen und ihm geben, so viel er braucht. Und ich sage euch: "Bittet, so wird euch gegeben." (Lk.11,8f)                                                                                

Amen.

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